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Leselupe.de > Science Fiction
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Eingestellt am 14. 03. 2005 10:35


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Mazirian
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Der Regenwald war genau so, wie Friedkin ihn sich vorgestellt hatte. Eine menschenfeindliche Hölle, in der das Leben im Kampf um die wenigen Nährstoffe Amok lief und jeden menschlichen Eindringling zum Objekt seines seit Jahrmillionen ungestillten Hungers machte. Dazu war es heiß und dunstig wie eine Bauernwaschküche. Von den Blättern und Zweigspitzen tropfte beständig lauwarmes Wasser und durchnässte einen noch zuverlässiger, als der eigene Schweiß es vermochte. Der schlammige Boden schien aus tausend schlabbrigen Mäulern zu bestehen, begierig, die Stiefel bei jedem Schritt in sich einzusaugen. Blutegel, Zecken und Stechmücken nutzten die Dreidimensionalität der Welt, um ständig von allen Seiten anzugreifen, zuzubeißen und einzudringen. Bob Friedkins wohlgepflegter Wortschatz war in den letzten Tagen auf ein Fragment von einigen Dutzend Flüchen zusammen geschrumpft. Trotzdem war er ausgesprochen zufrieden. Sie hatten Erfolg gehabt und sie waren heil wieder auf dem Heimweg. Nur noch ein paar Stunden und sie würden den kleinen Flugplatz von Santa Aelita erreichen.
In der Mitte der Dreierkolonne schritt seine Beute, Acarani, der Medizinmann der Moica-Indianer. Ihn hatte Friedkin haben wollen - fĂĽr die Gerichtsverhandlung in Manaos. Friedkin wĂĽrde auch daran beteiligt sein, denn er war selbst Rechtsanwalt. Und ein hervorragender dazu. Der gerissenste Fuchs der Patentrechtsabteilung von Gencom Ltd. in Santa Barbara, Kalifornien.
Fast genĂĽsslich beobachtete er, wie unbefangen der Medizinmann vor ihm her schritt. Der Kleine hatte ja keine Ahnung, was wirklich auf ihn zu kam. Trotzdem empfand Friedkin die Laune des Indianers als ein wenig zu gut. Er behielt ihn scharf im Auge und war auch sonst auf der Hut. Vielleicht fiel es den Stammesgenossen ja doch noch ein, ihren Medizinmann zu befreien. Immerhin waren sie nur zwei WeiĂźe, er und Cuchillo, der als FĂĽhrer voraus ging.
Friedkins Auftrag war einfach.
Vor einigen Jahren war ein Explorations-Team der Gencom ins Gebiet der Moica-Indianer vorgedrungen, weil man von einem berühmten Medizinmann gehört hatte, der ein äußerst wirksames Mittel gegen Sodbrennen herstellte - eben diesem Acarani. Der Indianer kannte die Weißen nur als sanftmütige Missionare und erzählte den Gencom-Leuten alles über die Rezeptur. Er war überhaupt ein sehr freundlicher Bursche, der seine Medizin bereitwillig an die Nachbarstämme und an durchziehende Mineiros verschenkte. Die Wissenschaftler schrieben fleißig mit, sammelten Samen und Stecklinge und schafften alles in ihre Labors. Nachdem es gelungen war, den Wirkstoff zu isolieren und ein standardisiertes Medikament daraus zu entwickleln, meldete man in den USA ein Patent darauf an.
Bei der Nutzung traten jedoch überraschende Schwierigkeiten auf. Die Pflanze, die den Hauptbestandteil der Mixtur bildete, ließ sich durch Klone zwar leicht vermehren und gedieh auf den Versuchsfeldern in Florida prächtig. Aber der Wirkstoffgehalt dieser Klone war um Größenordnungen niedriger, als der der wildwachsenden Pflanzen. Viel zu gering, als dass sich die Verarbeitung zu einem wirksamen Medikament gelohnt hätte. Offenbar benötigte die Pflanze die speziellen Boden- und Klimabedingungen ihres heimatlichen Standorts im Amazonasbecken. Damit schien das Projekt gestorben, denn die Pflanze kam nur im Gebiet der Moica-Indianer vor und war dort viel zu selten, um rentabel geerntet zu werden.
Das war der Moment gewesen, in dem Friedkin beschlossen hatte, die Sache von einer erfolgversprechenderen Seite anzugehen. Er war zu Moreley, dem Vorstandsvorsitzenden gegangen und hatte gesagt:
"Diese barfüßigen Wilden stellen das Zeug doch immer noch her - ohne Lizenzgebühren zu bezahlen. Unser Patent hat aber weltweite Gültigkeit, verdammt. Warum gehen wir nicht einfach hin und verklagen sie auf Schadensersatz? Da sie sonst nichts besitzen, müssen sie uns die Nutzungsrechte für ihr Land überschreiben. Dann können wir das Gemüse dort anbauen, wo es am besten gedeiht."
Moreley hatte wohlwollend genickt und Friedkin hatte sich eine einstweilige Verfügung und ein Ticket nach Brasilien besorgt. Er hätte nicht persönlich gehen müssen, aber er hatte seine eigene Auffassung vom Wesen eines Anwalts. Er sah sich keineswegs als blasses, langweiliges Schreibtischgewächs. Für ihn hieß Anwalt sein, auf die Jagd zu gehen, nach Siegen, Anerkennung und Nimbus. Nach Beute, die sich wehrte und kämpfte, die eine exotische Trophäe lieferte oder eine aufregende Geschichte, die man auf Partys erzählen konnte.
Außerdem hatte er einen Bekannten bei der brasillianischen Indianerbehörde, der ihm einige Türen öffnen konnte, wenn es daran ging, sich das Land der Moicas unter den Nagel zu reißen.
Mit Federico Cuchillo, einem Jaguarjäger, als Führer, war er in das Dorf der Moica-Indianer vorgestoßen. Acarani hatte nicht schlecht gestaunt, als Friedkin ihm die Verfügung vor den Latz knallte. Hatte, unter Ausnutzung all seiner schmalen Spanisch-Kenntnisse gejammert und getobt; gedroht und gebrüllt, dass das amerikanische Recht ihn so viel schere, wie ein Tapirfurz, und dass er durchaus auch Drogen kenne, mit denen man einem Weißen im Handumdrehen das Licht ausblasen könne. Aber schließlich hatte Cuchillo den Medizinmann für einen Moment beiseite genommen und ein paar geflüsterte Worte mit ihm gewechselt. Danach war Acarani ruhiger gewesen und hatte eingewilligt, mit nach Manaos zu gehen, um die Sache vor einem Gericht zu klären.
Cuchillo schien überhaupt ein sympathischer und brauchbarer Bursche zu sein. Hatte Schneid und kannte sich mit den Indios aus. Außerdem zeigte er nicht die verächtliche Reserviertheit, auf die Friedkin sonst oft stieß, wenn er erzählte, er sei Rechtsanwalt - Patentrechtsanwalt für einen amerikanischen Gen-Konzern zudem. Im Gegenteil, dem Jäger schien das sogar zu imponieren. Er war neugierig, stellte Fragen über alles, was ein Anwalt so machte und begriff ausgesprochen schnell. Friedkin spielte mit dem Gedanken, ihm einen Job anzubieten, wenn Gencom hier eine Niederlassung einrichtete...
Im Moment aber tobte ein mörderischer Hunger in seinen Eingeweiden. Sie waren früh am Morgen aufgebrochen und jetzt war es beinahe Nachmittag. Außer dem Frühstück hatten sie den ganzen Tag noch nichts gegessen. Und Cuchillo hatte noch ein halbes Pekariferkel über dem Rucksack liegen, das er am Tag zuvor erlegt hatte.
"Hey! Cuchillo!", rief Friedkin dem Jäger zu, der die Gruppe anführte. "Cuchillo! Wollen wir nicht noch eine kurze Rast einlegen und dem Schweinchen den Rest geben? Mir hängt der Magen zwischen den Knien."
Cuchillo blieb stehen und drehte sich halb herum.
"Warum? Wir sind doch sowieso bald in Santa Aelita."
"Eben, es schadet doch nichts, wenn wir noch mal kurz Rast machen. Mir tun alle Knochen weh, ich hab Socken aus Zecken an und meine Stiefel sind voller Blutegel."
Cuchillo hob die Arme an und lieĂź sie wieder fallen.
"Na, von mir aus". Er schaute durch die LĂĽcken zwischen den Baumkronen zum Himmel. "Regnen wird's wohl nicht mehr heute."
Sie fanden eine geschützte und halbwegs trockene Stelle zwischen den Brettwurzeln eines Baums, wo Friedkin sich ächzend zu Boden sinken ließ und begann, seine Waden von den Blutegeln und Zecken zu befreien. Cuchillo baute derweil den Benzingrill auf und befestigte das halbe Pekari an einem hölzernen Spieß, so dass es frei über der Glut hing. Der Indianer setzte sich weit weg von Friedkin, schaute zwischen seinen Knien auf den Boden und schüttelte leise eine kleine Kürbisrassel. Friedkin warf ihm scheele Blicke zu. Das Gerassel ging ihm gehörig auf die Nerven.
Aber bald fielen die ersten Fettropfen in die Flammen und zwischen den Wurzeln des Baumes verbreitete sich ein speicheltreibender Bratengeruch. Friedkin begann in seinem Rucksack zu kramen. Irgendwo musste er noch ein paar TĂĽtchen Senf von der letzten Trekking-Tour haben.
Da das Pekari ĂĽber dem Grill auch ohne Aufsicht gar wurde, ging Cuchillo hinĂĽber zu Friedkin und setzte sich neben ihn.
"Es ist ganz gut, dass wir noch einmal kurz zusammen sitzen, Friedkin“, sagte er. „Ich wollte Ihnen nämlich noch etwas sagen.“
"Ja, was denn?" Friedkin sah kaum auf, während er mit seinem Feuerzeug die letzten Zecken abflämmte.
"Ich bin auch Rechtsanwalt."
"Ach ja", Friedkin war überrascht; zeigte es auch, indem er die Brauen hochzog, wusste aber im ersten Moment nicht, was er mit dieser Eröffnung anfangen sollte. "Was denn für einer?"
"Ich bin Patentanwalt, wie Sie, Bob. Ich darf Sie doch Bob nennen, nicht wahr?"
Jetzt wurde Friedkins Blick schmal und lauernd.
"FĂĽr wen arbeiten Sie?"
"FĂĽr eine Firma namens Sharakulgobanu... und Partner. Eine kleine Anwaltskanzlei mit sieben Mitgliedern. Wir arbeiten viel fĂĽr die Regierung und fĂĽr die groĂźen Genfirmen von Vindemiatrix."
"Das klingt nicht sehr kalifornisch", knurrte Friedkin angriffslustig. "Industriespione mag ich überhaupt nicht.“
Seine Hand tastete nach dem RevolvergĂĽrtel, den er neben sich gelegt hatte. "Wer hat euch beauftragt? Die Koreaner?"
Cuchillo schĂĽttelte den Kopf.
"Unser Büro liegt auf einem kleinen Planeten in der Nähe der Plejaden. Khangrane heißt er, und ist die Zentralwelt einer - leg besser die Waffe weg, Friedkin - einer galaxisumspannenden Wirtschaftsorganisation. Ich heiße auch nicht Federico Cuchillo, sondern Rancant Kawego."
Friedkin ignorierte die Warnung und versuchte, den Revolver zu heben, aber Cuchillo hatte plötzlich etwas kleines, metallisch Schimmerndes in der Hand, dessen Gefährlichkeit Friedkin nicht einordnen konnte. Er war vielleicht Jäger, aber kein Held. Deshalb gab er nach und legte die Waffe wieder weg. Dann räusperte er sich und begann, albern zu kichern.
"Soso, du willst mir also erzählen, du wärst ein außerirdischer Rechtsanwalt. Von einem kleinen Planeten, hehe..."
Cuchillo nickte.
"Naaaa schön. Tun wir mal so, als ob wir es glauben. Dann bist du mir immer noch die Antwort schuldig, was du hier zu tun hast."
Mittlerweile war das Pekari gar. Cuchillo stand auf und säbelte sich bedächtig eine dicke Scheibe von der Keule ab. Dabei benutzte er den kleinen metallischen Gegenstand, mit dem man einen hauchdünnen, aber ziemlich böse fauchenden Energiestrahl erzeugen konnte.
"Weißt du – Pffff -, dafür muss ich – Pffff - ziemlich weit ausholen – Pffff -, Friedkin", begann er, wobei er gleichzeitig immer wieder das heiße Fleisch anpustete. Nachdem er hineingebissen hatte und auf einem großen Brocken herum kaute fuhr er fort:
"Ich weiĂź, du bist nur Rechtsanwalt, aber vielleicht kennst du dich ja doch ein bisschen in der Evolutionsgeschichte aus."
"Witze über blöde Rechtsanwälte brauchst du mir jedenfalls keine zu erzählen", knurrte Friedkin. Cuchillo ging nicht darauf ein und fuhr fort:
„Das Dumme bei den interessanten Planeten ist, dass sie irgendwann intelligentes Leben entwickeln. Aus primitiven Primaten werden Bauern und Handwerker und damit juristische Personen. Leute, die Rechte haben und sie auch einfordern. Sie wollen Geld, Privilegien und Beteiligungen, wenn man mit ihnen Geschäfte macht. Lauter hässliche Sachen, die die Rendite niedrig halten, weißt du?“
Wenn er noch einmal ‚weißt du’ sagt, leg ich ihn doch noch um, dachte Friedkin und sagte:
„Und weiter?“
Cuchillo wischte sich mit dem Handrücken über die fettglänzenden Lippen.
„Die Galaktische Wirtschaftsgemeinschaft ist deswegen dazu übergegangen, die Evolution so zu steuern, dass diese Hemmnisse wegfallen.“
„Nur weiter“, knurrte Friedkin. Cuchillo redete zwar wie ein harmloser Irrer, aber er hatte ihn weiterhin im Verdacht, für die Konkurrenz zu arbeiten. „Was macht ihr also?“
„Nun, ist dir an der Kulturgeschichte des Menschen noch nie etwas aufgefallen? Ich meine, da haben wir Jahrmillionen, in denen fast nichts passiert. Haarige, krummbeinige Affen mit dicken Augenwülsten und kleinen Hirnen treiben sich in der Savanne herum und stehlen, was die Löwen übrig lassen. Und dann plötzlich, innerhalb von zehntausend Jahren kommt es wie eine Explosion: Sprache, Städte, Literatur, Musik, Wissenschaft und Industrie. Bemerkenswert – nicht?“
„Wir sind halt nicht auf den Kopf gefallen“, versetzte Friedkin nicht ohne Stolz.
„Wir auch nicht. Das haben wir nämlich gemacht.“
„Ihr? Und warum habt ihr das getan?“, fragte Friedkin zögernd. Ihm schwante bereits, dass die Antwort ihm nicht besonders gefallen würde, wenn er sie ernst nahm.
„Yep. Wir haben eure Vorfahren genetisch manipuliert und damit eure Entwicklung um etwa das Hundertfache beschleunigt. So konntet ihr wesentlich schneller eine technische Zivilisation entwickeln und die Ressourcen eure Planeten ausbeuten – oder besser gesagt: veredeln.“
„Ich seh den Sinn noch nicht so ganz“, sagte Friedkin vorsichtig.
„Sehr einfach, die Gensequenzen, mit denen wir euch verbessert haben, stammen aus unseren Entwicklungslabors. Wir haben euch - juristisch gesehen, - also erfunden. Natürlich haben wir auch ein Patent auf euch angemeldet. Nach khangranischem Recht und galaxisweit gültig. Da ist nicht dran zu rütteln. Naja, wie du dir denken kannst, soll so ein Patent sich auch rentieren, und deshalb bin ich hier. Es wird Zeit, die Werte abzuschöpfen, die das Patent erzeugt hat.“
„Hä?“, grunzte Friedkin. „Was für Werte?“
„Nun, ihr habt in den letzten paar Tausend Jahren eine Menge Metalle aus dem Boden geholt, Maschinen gebaut, Kunstwerke geschaffen und so weiter. Das gehört natürlich alles den Patentinhabern. Wir sind gerade dabei, es abzuholen.“
„Aber das sind alles eigenständige Schöpfungen, die haben mit eurem Patent doch gar nichts zu tun. Wir haben selber Patente darauf“, Friedkin ging ernsthafter auf das dumme Geschwätz des Führers ein, als er eigentlich wollte. Cuchillo redete, als habe er sich irgendein Fieber eingefangen. Sein verbindliches Lächeln wirkte allerdings nicht sehr fiebrig.
„Weißt du, Bob, hast du schon mal was von patentrechtlicher Vererbung gehört?“
„Nein“, seufzte Friedkin. „Aber ich bin sehr gespannt.“
Cuchillo holte tief Luft.
„Nun, das ist so: Der geldwerte Nutzen eines Patents, das durch das ordnungsgemäße Funktionieren eines älteren Patents erzeugt wurde, fällt automatisch dem Inhaber des älteren Patents zu. Kurz gesagt – es gehört trotzdem alles uns.“
„Pffft“, Friedkin schüttelte den Kopf. „Fein, wenn ihr schon ein Patentrecht habt, dann werden wir natürlich gegen eure Ansprüche klagen.“
„Oh, oh“, Cuchillo hob bedenklich die Brauen. „So einfach ist das nicht. Wie gesagt, ihr habt den rechtlichen Status einer Erfindung, seid somit also keine juristischen Personen. Das heißt, ihr könnt gar nicht klagen.“
Friedkin stemmte entrĂĽstet die Arme in die Seiten.
„Was zum Teufel ist denn das für eine Rechtsauffassung?“
„Unsere“, sagte Cuchillo trocken. „Ihr solltet im Übrigen froh darüber sein. Denn dadurch können auch wir euch nicht auf Schadensersatz verklagen, für all die Sachen, die ihr in euren Kriegen vernichtet oder sonstwie kaputt gemacht habt.“
Friedkin knallte unvermittelt die Hände auf die Knie. Er hatte jetzt genug gehört und sich sein Urteil gebildet. Entweder hatte Cuchillo einen veritablen Dschungelkoller oder er war einer von diesen antikapitalistischen Wirrköpfen und wollte ihn einfach nur provozieren. Dass Cuchillo sich sein Fleisch mit einem Laser abschnitt, hatte nichts zu bedeuten. Die Dinger bekam man mittlerweile als Schlüsselanhänger.
„Und du kommst extra von weit her aus dem Weltraum und ziehst mit mir tagelang durch den Dschungel, um ausgerechnet mir davon zu erzählen, wie? Nimm ein paar Chinintabletten und lass uns in zwei Stunden noch mal drüber reden – OK?“ Friedkin begann hektisch, sich die Stiefel zu schnüren.
"Weißt du, Bob“, sagte Cuchillo sanft.“ Wir Khangraner sind keine herzlosen Bestien. Wir können uns schon vorstellen, was ihr fühlt, wenn wir nach zehntausend Jahren kommen und unsere Rechte geltend machen. Deshalb dachten wir, wir gucken uns erstmal an, wie ihr selbst solche Fälle handhabt und machen es dann genauso. Damit ihr euch nicht allzu ungerecht behandelt fühlt. Außerdem bin ich nicht der einzige, der…"
„Ihr seid wirklich prima Kerle“, spottete Friedkin und sprang auf. Er warf sich den Rucksack über die Schulter, trat den Benzingrill um und stapfte los, in Richtung des schmalen Dschungelpfades. „Auf geht’s!“, brüllte er. „Machen wir, dass wir nach Hause kommen. Du brauchst dringend einen Arzt!“
Cuchillo und der Medizinmann schauten sich vielsagend an, zuckten synchron die Achseln und folgten Friedkin.
Zwei Stunden später erreichten sie den Flugplatz von Santa Aelita.
Aber es war nicht mehr der, den sie vor sechs Tagen verlassen hatten. Inzwischen war er auf das Hundertfache seiner Größe angewachsen, so dass man den Dschungel auf der anderen Seite nur noch als schmalen dunklen Rand erkannte. Und doch wurde fast der gesamte Platz von nur drei riesigen, silbrig schimmernden Zylindern eingenommen. Friedkin brauchte keinen zweiten Blick, um zu erkennen, dass es sich um Raumschiffe handelte. Raumschiffe, wie sie niemand auf der Erde bauen konnte. Zwischen ihnen bewegten sich tausende stämmiger, blaupelziger Kreaturen, die bis auf die Farbe an kleine, aber durchtrainierte Gorillas erinnerten. Das mussten die Schauerleute der Khangraner sein, die dabei waren, die Raumschiffe mit irgend etwas zu beladen. Was es war erkannte Friedkin, als er einen Blick in Richtung Santa Aelita warf. Von dort strömten die Pelzwesen in endlosen Kolonnen auf die Schiffe zu. Schwer bepackt mit allem, was es in einer kleinen Urwaldstadt zu packen gab.
Einige steuerten voll beladene, schwebende Plattformen durch die schleusentorgroĂźen Ladeluken der fremden Raumschiffe und schwebten mit leeren Plattformen wieder heraus.
Friedkin lieĂź sich betroffen auf den Boden sinken.
Die Schiffe waren wirklich groĂź. Mindestens einen Kilometer lang. Und die Khangraner mussten Tausende davon haben, wenn sie mit dreien davon ein Kaff wie Santa Aelita anflogen. Er schluckte, als ihm klar wurde, dass sie wirklich alles mitnehmen wĂĽrden.
„Sieht aus, als ob sie gleich fertig wären“, sagte Cuchillo munter, als er und Acarani zu Friedkin aufgeschlossen hatten. „Hier, das wollte ich dir noch geben. Es ist eine Kopie der einstweiligen Verfügung. Ich finde, als Anwalt solltest du eine bekommen“, er reichte Friedkin einen grellroten Umschlag mit vielen Stempeln und Aufklebern.
„Wir… wir bauen alles wieder auf“, keuchte Friedkin drohend und riss das Kuvert mitten durch. „Und dann…“
„Das will ich doch schwer hoffen“, Cuchillo klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Nur weiter so. Wir kommen nämlich jetzt öfter. Oh, den hier hätte ich fast vergessen, der gefällt mir.“ Er nahm Friedkin den Rucksack von den Schultern und schaute neugierig hinein.
„Hey – Senftütchen!“, freute er sich. „Die kann ich unterwegs gut gebrauchen.“ Dann wandte er sich um und trabte leichtfüßig über das Landefeld, auf die silbernen Schiffe zu. Bald darauf hoben sie mit leisem Singen ab und steuerten in einer flachen Aufwärtskurve dem Horizont entgegen.
Friedkin schaute ihnen mit düsterer Miene nach, während neben ihm Acarani seine Kürbisrassel schwang und dazu einen ausgelassenen Singsang intonierte. Als die Schiffe hinter den Wolken nicht mehr zu sehen waren, reichte er Friedkin mit einem breiten Grinsen die Rassel.
"Magst du eine Rassel, Friedkin? Ich hab zu Hause noch mehr davon."


© 2005 Achim Hildebrand


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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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MarleneGeselle
???
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Der Senf und die Anwälte

Hallo Mazirian,

schön, dass du wieder im Forum bist.

Interessante Geschichte, irrwitziger Schluss. Die juristischen Ausführungen sind für Laien vielleicht ein bisschen schwer verständlich, lassen sich aber kaum umgehen.

Wohl dem, der wenn er unter Anwälte gerät, die obendrein noch Aliens sind, wenigstens ein Senftütchen bei sich hat. Notfalls tut's auch eine Rassel.

Mach jetzt Schluss
denn ich hab
Lust auf Currywurst

Marlene

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Mazirian
???
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Hallo Marlene,

und schön dass du auch noch da bist . Vielen Dank für deinen Kommentar. Joh, ein paar Brocken "Patentrecht" mussten schon sein. Allerdings hab ich mittlerweile ein bisschen Bedenken, ob man eine Idee wie die "vererbbaren Patente" überhaupt veröffentlichen sollte. Wegen der schlafenden Hunde... . In letzter Zeit scheint sich das Patentrecht ja zur wahren Geißel für die Menschheit zu entwickeln.
Bei den Senftütchen hatte ich die Befürchtung, dass es vielleicht eine Spur zu dick wäre, aber andererseits wollte ich gerne noch ein Symbol für die Demütigung mit drin haben, die wir der Dritten Welt jeden Tag angedeihen lassen.

liebe GrĂĽĂźe (und guten Hunger)

Achim
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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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MDSpinoza
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Hmmm, vererbbare Patente, fĂĽhre uns nicht in Versuchung....
Nebenbei, in Brasilien spricht sich's portugiesisch.
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Lieber ein verfĂĽhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂĽhrer...

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Mazirian
???
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Ursprünglich veröffentlicht von MDSpinoza
Nebenbei, in Brasilien spricht sich's portugiesisch.

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lapismont
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Hallo Achim,

ich hab zwar auf: Es gibt nix zu meckern geklickt, aber ein fehlendes Leerzeichen kam mir unter und zwar hier:
nichtganz

Ansonsten: Ironischer Text, hab ihn gern gelesen!

cu
lap
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Kunst passiert.

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