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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Obsession Marrakesch
Eingestellt am 30. 12. 2000 09:48


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Karl Reichert
BlĂŒmchendichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 37
Kommentare: 8
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Den Daumen an der linken SchlĂ€fe, die HandflĂ€che im rechten Winkel zum Dach geformt, versucht sie den letzten Sonnenstrahlen, der schon schwĂ€cher werdenden Herbstsonne, ein Schnippchen zu schlagen. In ihren smaragden Augen reflektiert sich ein Schauspiel, dass sich so an jedem Wochenende abspielt. Es ist immer dasselbe StĂŒck und immer dieselbe Choreographie, aber jedes Mal in anderer Besetzung und mit anderem Ausgang.
Mareen steht vor Tim's Restaurant am Zebrastreifen und wartet, bis die zĂ€hfliesende Autokolonne abreißt, um auf dem gegenĂŒberliegenden Winterfeldtmarkt einzukaufen. Die gewohnte Sicht wird ihr aber durch das neuerbaute Cafe-Restaurant-Winterfeldt verstellt. Das alte, flache KlohĂ€uschen mit integriertem Kiosk, das den Blick immer anstandslos freigab, hat seine Schuldigkeit getan. Gleichwohl kommt gerade diese Kombination, die einfache Symbiose aus geistiger und körperlicher Befriedigung, mit philosophischem Anspruch daher. Das kĂŒmmert niemanden, ist passe, scheint nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen.
Der Verkehr ist zum Stillstand gekommen - nichts geht mehr! Mit flinken Schritten umkurvt sie Autos, FahrrĂ€der und MĂŒlltonnen. Geschafft. Hier der blasse tĂŒrkische ObsthĂ€ndler mit dem melancholischen Blick, dort der feiste Berliner FischhĂ€ndler, der im harten Stakkato seine Niedrigpreise in die Runde bellt. Auch Rentner, Hausfrauen und ein Rudel Punks mit rĂ€udigen Tölen versuchen dem Tag Gutes abzuringen. Doch der Stand mit Accessoires und Nippes aller Art hat es ihr besonders angetan. Hanna, die stark esoterisch angehauchte Standfrau, winkt Mareen schon zu. Kaum hat sie den Stand erreicht, greift Hanna unter die Theke und legt ein großes BĂŒndel buntfarbener TĂŒcher hin. "Hier, die musst du dir ungedingt ansehen, sind ganz frisch reingekommen", plappert sie gleich los. Mareen stellt den schweren Einkaufskorb ab und macht sich sofort ĂŒber die HalstĂŒcher her. "Wirklich tolle Farben", erwidert sie, nimmt die TĂŒcher und hĂ€lt sie gegen das Licht, um Maserung und DurchlĂ€ssigkeit zu prĂŒfen. Geschmacksicher, wie immer, hat sie sich schnell entschieden, wickelt das Erdfarbene locker um den Hals, zahlt und geht zielstrebig zum Habibi hinĂŒber.
Der Falaffel-Imbiss ist trotz GedrĂ€nge und Massenabfertigung ein Hort orientalischer Gelassenheit. Wenig spĂ€ter erscheint Mareen mit prallgefĂŒllter Falaffel. Es wird Zeit sich einen der begehrten PlĂ€tze auf dem Trottoir zu sichern, denn zum Ende des Marktes wird der Laufsteg der Eitelkeiten eröffnet. Sie hat es sich auf einem Stapel Gehwegplatten bequem gemacht, lĂ€sst die Beine baumeln und sieht den HĂ€ndlern zu, wie sie Marktwagen verschließen und in enge Parknischen bugsieren.
Eine Blondine steuert direkt auf Mareen zu. Carmen arbeitet mit Mareen zusammen in einem Call-Center am Alexanderplatz. Sie mĂŒsste eigentlich im Urlaub sein.
"Hey, Carmen, das ist ja ne Überraschung", ruft sie ihr schon von weitem zu, schlĂ€gt dabei mit der flachen Hand auf die Betonplatte neben sich und rĂŒckt ein wenig zur Seite. "Wie kommt's ", fĂŒgt Mareen an. "Ach, weißt du, Peter hat ziemlichen Ärger gemacht", antwortet sie und setzt sich.
Die Orangenen der Berliner Reinigungsbetriebe spritzen den Platz, ein Skater dreht einsam seine Runden, Carmen liest im Kulturteil und Mareen schleckt Eis.
"Da.." ,platzt Carmen heraus und hÀlt Mareen ganz unvermittelt die aufgeschlagene Zeitung unter die Nase, "...der Morgenstern liest heute Abend bei Kiepert aus seinem neuesten Krimi. Haste nicht Lust? " - Diese SpontaneitÀt, denkt Mareen neidisch, und sagt zu.

Bei Kiepert ist es rammelvoll. Doch gekalkte, kahle WĂ€nde, schmuckloses Interieur und Stragula sind nicht die Insignien der Kunst, schon gar nicht, wenn man sich auf Adlerschwingen in den poetischen Olymp erheben will.
WÀhrend Carmen unterwegs ist, um einem schwarzgelockten Schönling die Sinne zu vernebeln, sitzt Mareen brav da und schaut in die Runde.
Damals hatte sie sich mit ihren Eltern ĂŒberworfen, und als sie von Amsterdam nach Berlin zog, war die Provokation perfekt. Ihre Argumentation richtete sich, wie sie damals formulierte: "Gegen antiquierte Ressentiments". Ausschlaggebend aber war, dass sie EigenstĂ€ndigkeit demonstrierten wollte. Heute haben sich die Wellen gelegt und das VerhĂ€ltnis hat sich normalisiert.
Zu der Zeit hat Helmut Krausser seine "Melodien" hier zum Besten gegeben. Er war Tukan-PreistrĂ€ger, und die Lordsiegelbewahrer der anspruchvollen Literatur gaben sich ein Stelldichein. Vom normalen Stirnrunzler bis zur ĂŒberkandidelten Boheme war alles vertreten, was diese Stadt zu bieten hatte. Ganz anders heute. Den Pony tiefer gelegt, erwarten viele, dass nicht Milch und Honig, sondern Blut fließt.
Glockenschlag Acht betritt ein Mann im eleganten Zweireiher das Podium. Ohne Umschweife kommt er zur Sache: "Ich möchte ihnen heute Abend gerne Immanuel Morgenstern vorstellen". Der Vorhang teilt sich und ein Winzling betritt die BĂŒhne, verbeugt sich artig und ĂŒbernimmt mit sanfter Stimme: "Meine Damen und Herren, ich freue mich wirklich sehr, gerade hier meinen neuen Roman prĂ€sentieren zu dĂŒrfen."
Die Stimme trifft Mareen wie ein Keulenschlag. VerdrĂ€ngte GefĂŒhle brechen wieder auf und Erinnerungen ĂŒberschlagen sich. Wörter werden zum Martyrium.
Sie möchte weg, schafft es aber nicht.
Beifall.
Carmen stĂŒrmt sofort nach vorne und Mareen drĂ€ngelt sich automatisch mit durch. Neben der improvisierten BĂŒhne sind Stapelweise BĂŒcher aufgebaut. Alle nehmen sich ein Exemplar und stellen sich in die Reihe der Wartenden. Als Mareen dran ist, legt sie das Buch hin. Der Meisters fragt: "Was soll ich ihnen reinschreiben?" - Sie antwortet: "FĂŒr Mareen van Haaren." Immanuel Morgenstern blickt auf: "Frau..., Frau van Haaren, ...warten Sie bitte, ...ich muss sie unbedingt sprechen."
Nach der Signierstunde kommt Morgenstern an, zieht Mareen an die Seite und flĂŒstert: "Sie mĂŒssen am nĂ€chsten Samstag zu mir kommen. Ist Ihnen 20 Uhr recht? Hier meine Visitenkarte.

Mareen ist aufgeregt als sie ins Auto einsteigt, um nach Dahlem zu fahren. Sie weiß nicht, was sie erwartet, wusste aber immer, dass die Sache irgendwann einmal auf den Tisch kommen wĂŒrde.
Da ist es. Im Dol 16 - pikfeine Gegend. Sie steht vor einer schmucken Jugendstilvilla mit Garten. Das Klingelschild ist ganz unprÀtentiös in schlichtem Messing gehalten.
Sie klingelt. - Immanuel Morgenstern kommt heraus, begrĂŒĂŸt sie herzlich und bittet sie rein.
Alles riecht frisch gestrichen, alles ist neu. Schon das Foyer ist ein Fest fĂŒr das Auge. Der gekachelte Boden mit farbigen Mosaiken, die Gardarobe aus verchromtem Stahl, die zwei Bauhaus-Wipper und die vier SĂ€ulen machen was her. Er nimmt den Mantel in Empfang, hĂ€ngt ihn auf und geht vor ihr her. Eine geschwungene Treppe fĂŒhrt in obere GemĂ€cher und verschlossene TĂŒren deuten Geheimnisse an.
Die Bib-liothek ist ausgestattet mit einem protzigen Kirschholz-Schreibtisch, garniert mit einer 500-MHz-Computeranlage und einem Laserdrucker der Extraklasse, StĂ¶ĂŸe handbeschriebener BlĂ€tter und diversen Schreibutensilien. Das soll dem Besucher wohl einen Hauch exklusiver KreativitĂ€t vermitteln? Das Zentrum bildet ein offener Kamin, flankiert von zwei opulenten Ledersesseln, klassischer Stehlame und ein Mar-mortisch. Sie tritt nĂ€her und sieht, dass alles perfekt vorbereitet ist. Auf einem Beistell-tisch steht eine Silberplatte mit italienischen Antipasti, daneben eine 2 Liter Ka-raffe Rotwein, konterkariert durch einen Krug Mineralwasser mit zwei GlĂ€sern.
"Bevor ich die ganze Wahrheit erzÀhle, möchte ich aber ein paar Dinge klarstellen, durchbricht Morgenstern die Stille, nimmt die Karaffe, schenkt Wein ein und zieht das Beistelltischchen heran.
"Sie sehen, mir geht es gut, doch das war nicht immer so."
"Wissen sie, ich bin Berliner Jude und im Scheuenviertel geboren, aber schon als Neugeborener war ich ein Ausgestoßener, da ich verkrĂŒppelt zur Welt ge-kommen bin. Mein Vater, Fliesbandarbeiter bei der AEG im Wedding, verlor seine Arbeit und musste sich mit SchwarzmarktgeschĂ€ften durchschlagen. Meine Eltern ĂŒberlebten die Nazizeit, starben aber frĂŒh. Ich bin bei Verwandten untergekommen, dann in ein Waisenhaus abgeschoben worden. VolljĂ€hrig musste ich alleine klar kommen. Das Einzige, was mich damals ĂŒber Wasser hielt, war die Liebe zum Schachspiel, dass ich in den letzten Kriegstagen von meinem Vater gelernt habe. Einige Jahre spĂ€ter wurde mein Talent erkannt und heute bin ich Großmeister. Zu der Zeit bekam ich den Spitznamen Kant, weil ich Immanuel heiße, verkrĂŒppelt und unter 1,60 bin."
Mareen van Haaren ist die Situation peinlich.
Zum GlĂŒck setzt Morgenstern erneut an: "So, und nun zu meinem Anliegen, weshalb ich sie eingeladen habe."

Vor einem Jahr kommt Immanuel Morgenstern alias Kant von einem Schachturnier nach Hause und immer folgt das gleiche Ritual.
Zuerst legt er sich in die Wanne, um in Ruhe zu entspannen, dann, nach Durchsicht der Post, lĂ€uft Kant sofort ins Arbeitszimmer, wo er sein Laptop in die dock-station ein-rasten lĂ€sst. Der Computer ist fĂŒr ihn als Schachprofi unerlĂ€sslich, weil er ĂŒber große Datenbanken, wie ChessBase, Zugriff auf schon ausanalysierte Spiele seiner Gegner hat und ĂŒber Internet zusĂ€tzlich die Möglichkeit besitzt, von allen aktuellen Turnieren Partien runterzuladen.
DarĂŒber hinaus hat Kant ein makaberes Hobby, er archiviert Morde. Deshalb hat er auch einen Zeitungsdienst beauftragt, der ihm die FĂ€lle per Mail zukommen lĂ€sst.
FĂŒnf Mails sind im Briefkasten. Zwei wegen Turnierterminen, die interessieren ihn jetzt nicht. Die anderen Drei lĂ€sst er sich ausdrucken:

Betreff: Mord am Flughafensee
Datum: Fri, 08 Sep 2000
Von: DieSchere@t-online.de
An: Kant@t-online.de
Zwillinge graben beim Bau einer Sandburg die Leiche eines Mannes aus. Die stark verweste, nackte Leiche ist in einen milchigen Plastiksack gehĂŒllt, umwickelt mit einer marokkanischen Decke. Über die IdentitĂ€t konnte die Polizei keine Angaben ma-chen.
Auf dem Bild sieht man die ausgebreitete Decke, darauf die Leiche im Plastiksack.

Betreff: Beerdigung 23.9. in Mannheim
Datum: Tue, 14 Sep 2000
Von: DieSchere@t-online.de
An: Kant@t-online.de
Bild von Michael und Eva-Maria-Mangold mit Sohn

Betreff: Mareen van Haaren
Datum: Mon, 18 Sep 2000
Von: DieSchere@t-online.de
An: Kant@t-online.de
Frau Mareen van Haaren mit Schock ins Klinikum Steglitz eingeliefert

Kant will schlafen, kommt aber nicht zur Ruhe, steht auf, zieht den Bademantel ĂŒber und greift sich die Mails. Mareen, ist das nicht? Er geht zum Computer und lĂ€sst sich die Schachmitglieder auflisten. Nichts. Jetzt kann nur noch Dr. Schmelzer helfen. Er ist der Klubvorsitzende und kennt jeden, wenn es sein muss, sogar mit Adresse und Telefonnummer. Schnell hat er die BestĂ€tigung, die er benötigt: Mareen van Haaren, Dankelmannstraße 27, Berlin-Charlottenburg, Tel. 322 5555.
Der Fall hat ihn angesteckt. Doch bevor er zur Beerdigung nach Mannheim fÀhrt, will er Mareen van Haaren im Krankenhaus be-suchen.

Kant drĂŒckt die TĂŒr langsam auf. - Da liegt sie, schneeweiß und zugedeckt auf dem Bett. "Frau van Haaren, ich bin's, Morgenstern", flĂŒstert er. "Ich hab's in der Zeitung gelesen",... bricht aber ab, weil sie nicht reagiert und setzt sich auf den Stuhl. Nach einer ganzen Weile dreht sie sich auf die Seite, greift in das NachtkĂ€stchen, holt ein abgerissenes Bild heraus und reicht es ihm. Sie erzĂ€hlt, wie Michael Mangold, kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten, dieses Bild vorbeibrachte. "Ich will Dir was schenken, wenn es dir gefĂ€llt", meinte er. Mareen gefiel es sofort. Störend war nur, dass noch jemand ande-rer drauf war. Michael ging zum SekretĂ€r, nahm die Schere und schnitt das Bild auseinander. "Das ist das einzige Andenken", nimmt es Kant aus der Hand und legt es zurĂŒck. Dann fĂ€hrt sie fort: "Können Sie meinen Eltern nicht beim Umzug meiner Wohnung ein wenig unter die Arme greifen?"

Der Friedhof KÀfertal liegt im Nordosten von Mannheim an der Alten Poststrasse und macht den Eindruck ausbaufÀhig zu sein.
Kant hat sich in der Menge der Schaulustigen ein gutes PlĂ€tzchen gesichert, von wo aus er alles gut ĂŒberblicken kann. Rechts vom Grab steht Eva-Maria Mangold, deren Foto er aus der Zeitung kennt, daneben der Sohn und die Eltern, ein wenig versetzt ein blonder Riese und einer, von der Statur Ă€hnlicher, aber schlabberiger Typ. Links davon haben sich die ĂŒbrigen Verwandten und der Pfarrer aufgestellt.
Die Trauergemeinde wird angefĂŒhrt von den Honoratioren der Stadt, zu erkennen an den KrĂ€nzen mit dem Wappen der Stadt, dahinter die Profis der Fried-hofgĂ€nger, wie Kriegerwitwen und Pietisten jeglicher Couleur. Aus den hinten Reihen ist das ĂŒbliche Getuschel der Neugierigen und Besserwisser zu hören.
Am nÀchsten Morgen fÀhrt Kant zum Haus von Eva-Marias Eltern und wartet ab was passiert Er hat den Fotoapparat und das Handy im Handschuhfach, das Diktafon in der Sakkotasche und ein Sandwich und eine Flasche Mineralwasser auf dem Sitz. Gegen 17 Uhr gibt er entnervt auf.
Trotzdem hat er ein kleines Erfolgserlebnis. Zum erstenmal gereicht im seine GrĂ¶ĂŸe zum Vorteil. Wenn er das Sitzkissen entfernt, kann er in RĂŒ-ckenlage bequem durch das untere Lenkraddreieck sehen und keiner sieht ihn.
Der zweite Versuch tags darauf.
Wie in seinem Beruf kommt es hier nicht auf GenialitĂ€t, sondern auf Ausdauer und Biss an. Da marschiert der Schlabberige vom Friedhof auf das Haus zu, klingelt und ver-schwindet. Kant sitzt senkrecht in seiner Kiste. Der Mann kommt zurĂŒck. Das ist seine Chance. Sie starten gleichzeitig. Nach wenigen StraßenĂŒberquerungen hĂ€lt er an und wartet. Kant nimmt das Diktafon: Straßenbahnhaltestelle, Schwetzinger Str. Der Mann wendet und fĂ€hrt die Schwetzinger zurĂŒck, parkt, steigt aus und geht auf die andere Seite. Kant beobachtet, wie er seine SchlĂŒssel rausholt und auch schon drin ist. Er sieht an der HĂ€userfront hoch, Licht geht an, und er notiert: Schwetzinger Str. 108, 2 Stock links, den Namen recherchieren.
Am nĂ€chsten Tag fĂ€hrt er in die Schwetzinger Str. 108. Die TĂŒr ist offen und er steigt in den 2 Stock. Max Baumeister. Er klingelt - nichts. Der arbeitet sicher. Also, wieder warten. Gegen Sechs kommt er. Kant klingelt. "Wer da?" - "Haller, Eva-Maria meinte, dass sie so um Sechs von der Arbeit kommen." - Der Summer geht. Max Baumeister sieht misstrauisch aus. Kant lĂ€chelt: "Ich bin ein Freund von Eva-Maria"..."Eva-Maria meint doch sicher meinen Bruder, ich bin der Max, Marrakesch, ah, Harald, wohnt in der Schwetzinger Str. oder ist im Adonis. Kant reagiert schnell. "Ja, ja, danke", dreht sich um und ist weg.
Wieder im Auto greift er sich das Diktafon: Max Baumeister und Harald Baumeister. Ha-rald Baumeister wohnt in der Schwetzinger Str.. Er nimmt sein Handy, ruft die Auskunft an und erfÀhrt, dass dieses Adonis kein Grieche, sondern ein Fit-ness-studio am Marktplatz ist und das es ein marokkanisches Lokal mit Namen "Marrakesch" in Rheinau gibt.
An der Kasse des Studios fragt er, ob er nachsehen könne, er su-che je-manden. Kant wird ko-misch beĂ€ugt, aber rein-gelassen. Es riecht nach Deodorant und Schweiß. Er ist noch nicht richtig drin, sieht er schon, wie ein HĂŒne von einem Mann im Zentrum vor Gaffern hantiert. Das ist also Harald Baumeister, der blonde Riese, der ihm auch schon beim BegrĂ€bnis aufgefallen war.
Gleich anschließend fĂ€hrt er nach Rheinau.
Es ist noch nicht viel los, als Kant das Marrakesch betritt. Hinterm Tresen steht einer und trocknet GlĂ€ser ab. "Entschuldigen Sie bitte, ich bin mit Harald verabredet. War der schon da?" "Selam, Haralds Freunde sind auch meine Freunde.? Kommst du geschĂ€ftlich?" Der GlĂ€serputzer dreht sich um und ruft: "Mohammed, ein Freund von Harald." Als Antwort kracht ein Schwall arabischer Kehl- und Zischtiraden durch das Lokal. Kant grĂŒĂŸt wortlos und verlĂ€sst schleunigst die Kneipe.
Im Hotelzimmer wird er den Eindruck nicht los, dass er in ein Wespennest gestochen hat. Welche Verbindungen gibt es zwischen Harald und den Marokkanern und was fĂŒr GeschĂ€fte sind das? Er spĂŒrte Genugtuung. Kant hat Blut geleckt und will sich damit besudeln.

Es ist schwĂŒl und es gießt in Strömen. Regenzeit. Die Taxen sind schnell gefunden und schon geht es StadteinwĂ€rts. Kant hat dem Taxifahrer in englisch was von "very good hotel" erzĂ€hlt, ist sich aber nicht sicher, ob er ihn verstanden hat. Es sieht aber so aus, denn das Auto hĂ€lt vor einem Prachtbau im maurischen Stil.
Das Einchecken ist problemlos. Kant hat ein Zimmer mit Blick auf die AuslĂ€ufer des Atlas-Gebirges gekriegt und nach einem Pfefferminztee auf der Hotel-Terrasse fĂŒhlt er sich besser. Doch er ist nicht zum VergnĂŒgen hier, beobachtet die Szenerie und schnippst nach Einem, der aussieht, als ob er was zu sagen hĂ€tte. Diesem macht er klar, dass er ei-nen deutschsprechenden FĂŒhrer braucht. Es dauert. Dann kommt ein Junge in Pa-genuniform. Er spricht nicht nur fließend deutsch, sonder ist sogar in Deutschland geboren. Da wird es also keine Probleme geben. Über den Preis sind sie sich schnell einig. Sein Auftrag: Hotels nach Harald Baumeister abzusu-chen. Kant stellt sich auf einen ruhigen Nachmittag ein. Am spĂ€ten Abend kommt Haleb aufs Zimmer und winkt ab. Verdammt, denkt Kant, die Zeit wird knapp.
Am nĂ€chsten Tag wieder Regen, wieder auf der Terrasse und wieder Tee. Haleb kommt diesmal frĂŒher und mit einem Grinsen auf dem Ge-sicht. Harald Bau-meister ist jedes Jahr im Hotel Le Marrakesch. Man kennt ihn dort gut. Kant gibt Ha-leb das versprochene Trinkgeld und macht sich gleich auf den Weg.
Der dicke Portier des Le Marrakesch begrĂŒĂŸt ihn herzlich und fragt gleich, ob er ein guter Freund von Monsieur Harald sei. Diesmal lĂ€sst Kant zuviel Zeit verstreichen. Die Augen des Portiers verengen sich - Misstrauen funkelt ihm entgegen. Mit einer ausladenden Bewegung setzt er zum Sturzflug an: "Mein Herr, es tut mir leid, aber ĂŒber unsere GĂ€ste, insbesondere ĂŒber unsere StammgĂ€ste, können wir leider keine AuskĂŒnfte erteilen."
ZurĂŒck im Hotel will er seine Ruhe haben und lĂ€sst sich Essen und eine Kanne Tee aufs Zimmer bringen. Bis zum Abflug will Kant niemanden sehen.

Wieder in Berlin fĂŒhlt sich Kant mies. Alles ist geplatzt, wie eine Seifenblase. Seine ganzen BemĂŒhungen waren umsonst. Wie konnte er sich nur so tĂ€uschen lassen? Auf vage Vermutungen hin, einfach wegfliegen? Tölpelhaft!
Da fĂ€llt Kant siedend-heiß ein, dass er versprochen hat, Mareens Eltern beim Umzug zu helfen.
Kant wartet schon eine Weile. Sie kommen und gehen rein. Die RĂ€ume sind hell, die Einrichtung ist modern. Es ist keine dieser ĂŒberfrachteten Wohnungen, alles hat Luft. Kant will es hinter sich bringen. Fragt: Wann, was transportiert und verpackt werden soll und macht die dazu nötigen Anrufe.
Doch der SekretĂ€r im Wohnzimmer hat es ihm angetan. So einen wollte er immer haben. Dieses glĂ€nzende Schelllackholz, diese Einlegearbeiten und FĂ€cher bringen strahlenden Glanz in seine Augen. Er muss mit der Hand ĂŒber die glatte OberflĂ€che streicheln - fantastisch.
Das Man-Ray-Bild ĂŒber dem SekretĂ€r hat sich gelöst und kracht auf die Platte, Glas splittert, Staubwölkchen tĂ€nzeln durch die Luft. So eine Scheiße, denkt Kant, lĂ€uft in die KĂŒche und findet Kehricht samt Kehrschaufel.
So, das wĂ€r's dann wohl, bĂŒckt sich noch nach einem Zettel, der sein Empfinden von Ordnung stört, fĂŒhlt, .. .
Was er sieht, haut ihn fast um. Es ist die andere HĂ€lfte des Bildes, dass ihm Mareen van Haaren im Krankenhaus gezeigt hat. Harald Baumeister. Das ist doch die Decke auf der auch Michael Mangold lag.
Doch Kant ist mit der Geschichte noch nicht fertig. Allzu gern wĂŒrde er alles ĂŒber die Motive und HintergrĂŒnde dieser Tat wissen. Das war immer sein Anliegen, wenn er sich mit Mord beschĂ€ftigt hat.
Kant greift zum Hörer, sucht in seinen Notizen nach der Telefonnummer und ruft an. "Harald Baumeister" - Kant rĂ€uspert sich: " Hier Haller, sie kennen mich nicht, aber ich habe im Mordfall Michael Mangold privat recherchiert und weiß, dass sie ihn gut kannten. Ich habe ein Foto in der Hand, wo sie auf einer marokkanischen Decke liegen, die ein großes Loch in der rechten, oberen Ecke hat." "Ja, und?", kommt es fast tonlos. - "Ich will Ihnen ein GeschĂ€ft vorschlagen. Sie erzĂ€hlen mir alles und ich gebe Ihnen das Foto. Ich bin morgen Nachmittag bei Ihnen, die Adresse habe ich."

Mit dem Summen der HaustĂŒr noch im Ohr steigt Kant die Stufen in die vierte Etage hoch. Wenn es verrĂŒckt ist, dass er ĂŒberhaupt kommt, ist es dann nicht dumm, in die Höhle des Löwen zu gehen? schießt es Kant durch den Kopf. Die Stufen machen ihm zu schaffen und er schwitzt und hat zittrige Knie. Nicht gerade ein GefĂŒhl von StĂ€rke. Die TĂŒr oben ist zu. Er greift zum Klingelknopf. Die TĂŒr wird aufgerissen und Harald Baumeister steht da. Er ist in diesem Augenblick die personifizierte Gewalt in Menschengestalt. Kant der Gnom und Harald Baumeister der griechische Gott. Was fĂŒr ein Widerspruch der Natur? Er könnte nicht grĂ¶ĂŸer sein.
Drinnen ist alles marokkanisch eingerichtet. Es gibt Kelime, Sitzkissen und allerhand Kitsch, kurzum, es spiegelt das Klischee vom orientalischen Wohnen wieder. Er hat Tee vorbereitet. Wenn er jetzt noch die Dialeinwand auspackt, könnten sie vielleicht noch Freunde werden.
"Was wollen sie wissen?" zischt Harald Baumeister aus seiner Tasse heraus. "Alles", kontert Kant. Baumeister stellt die Tasse ab und spricht wie vorbereitet: "Also, es stimmt, Michael und ich waren Freunde. Wir sind schon zusammen ins Gymnasium gegangen. Aber Michael ist in der Ost-Stadt, bei den Neureichen und ich bin im alten Arbeiterkiez, in der Schwetzinger Altstadt geboren.
Dann haben wir zusammen, das einzige Mal ĂŒbrigens, was VerrĂŒcktes gemacht. Wir sind mit meinem Bruder Max nach Marokko gefahren. Kiffen und so. Und Mi-chael war abhĂ€ngig von mir, weil er kein französisch sprach. Leider das einzige Mal.
Dann kam die Eva-Maria in unsere Klasse. Ich habe mich sofort in sie verliebt, doch sie hat sich nur fĂŒr Michael interessiert. Sie hat ihn spĂ€ter ja auch geheiratet.
Der Auslöser aber war die Geschichte an der "Blauen Adria", einem Baggersee in der NÀhe von Mannheim.
Da hat Eva-Maria auch das Bild von uns gemacht. Ich weiß es noch wie heute. Michael legt die Zigarette unachtsam ab, wir rĂŒcken zusammen, damit sie uns auch gut aufs Bild kriegt und plötzlich brennt meine Decke. Es kommt zum Streit zwischen mir und Michael. Eva-Maria schlichtet, indem sie mich bei der Hand nimmt und Richtung Wasser zieht. Als wir rauskommen ist Michael eingeschlafen. Wir trocknen uns ab und legen und eng nebeneinander. Sie auf den RĂŒcken und ich auf den Bauch. Eva-Ma-ria schließt die Augen und schlĂ€ft ebenfalls ein. Ich sehe sie an, ich weiß nicht wie lange, und dann ĂŒberkommt es mich. Ich versuche sie zu kĂŒs-sen. Eva-Maria fĂ€hrt hoch und schreit, auch Michael springt sofort auf und schaut mir in die Augen. Diesen Blick habe ich nie vergessen, ein Erniedrigung, wie sie schlimmer nicht sein kann. Ich hĂ€tte ihn ......" In diesem Moment greift Harald Baumeister hinter sich und richtet eine Pistole mit SchalldĂ€mpfer auf Kant...und schießt.
Es ist 5 Uhr frĂŒh, diffuses Licht bricht sich im großen Fenster der Bibliothek. Mareen van Haaren und Immanuel Morgenstern sitzen in ihren Sesseln und starren in den kalten Kamin.
"Die Tage danach waren furchtbar. Immer der gleiche Alptraum: Der Schuss, dieses verzweifelte Gesicht von Harald Baumeister, immer wieder, immer wieder.
Um die NĂ€chte zu ĂŒberstehen, fing ich an zu schreiben.
Wieder AlptrÀume, wieder nassgeschwitzte Laken.
Ich bin zum Erfolg verdammt, das ist die Wahrheit!
...und wenn sie Geld brauchen, kein Problem, Frau van Haaren."
Mareen van Haaren steht mit einem Ruck auf: "Rufen sie mir bitte ein Taxi, es ist spÀt geworden."

































































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