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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Offene Beine
Eingestellt am 02. 03. 2002 13:55


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bassimax
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Offene Beine


Sie war sehr misstrauisch. So bereitete sie ihre t├Ągliche Medikamenteneinnahme grunds├Ątzlich selber vor. Sie stand in der K├╝che, nahm Schachtel f├╝r Schachtel und lie├č aus den Blisterfolien Pille f├╝r Pille mit einem "Ping" auf eine Untertasse fallen. Eine Ansammlung der verschiedensten Farben und Formen. Dann schluckte sie eine nach der anderen. Nach jedem Schluck machte sie gen├╝sslich "Aaahhhhhhh!". Blickte mich dabei triumphierend an, fast schadenfroh. Also wollte sie sagen 'Ich werde noch lange leben'. Niemals h├Ątte sie gestattet das ich ihre Medikamente vorbereite und sie ihr ans Bett bringe, wo sie den ganzen Tag fernsehschauend oder lesend verbrachte.
Sie schien an tausend kleineren und gr├Â├čeren Gebrechen zu leiden. Jede Woche verbrachte sie einige Stunden im Wartezimmer ihres Hausarztes. Der war ihr Idol. Eine gottgleiche Heldengestalt, die sich darum bem├╝hte ihren K├Ârper am Laufen zu halten. Daf├╝r Sorge trug, das dieser alte und b├Âsartige Organismus weiter pulsierte. Und tats├Ąchlich: Er hie├č Dr. Engel!
Woran sie eigentlich litt war mir nie recht klar geworden. Nicht einmal ob sie ├╝berhaupt krank war. Ich glaube sie hatte sich einfach diesen Status gegeben. Und verbrachte deshalb ihre Tage im Bett.
Sie war 82 Jahre alt. Sie bestand darauf das ich sie mit "Gro├čmutter" ansprach. "Oma" war ihr zu distanzlos.
Meine Aufgabe war es sie zu versorgen. Einzukaufen, kleinere
Reparaturen vorzunehmen, mich um die W├Ąsche zu k├╝mmern.
Einmal in der Woche brachte ich ihre Wohnung in Ordnung.
Kochen durfte ich nicht, wie gesagt: sie traute mir nicht.

Leider, leider, leider geh├Ârte es auch zu meinen Aufgaben mich um ihr einziges wirkliches Gebrechen zu k├╝mmern: Sie hatte ein offenes Bein. Und das galt es t├Ąglich neu zu verbinden. Ihr linker Unterschenkel. Wie war das ekelhaft! Der Anblick allein. Grosse
Fl├Ąchen rohen, stinkenden Fleisches. Der Ablauf war stets gleich.
Erst rollte ich den alten Verband von oben nach unten spiralf├Ârmig
ab. Dann reinigte ich die Wunde. Dazu tauchte ich einen Wasch- lappen in eine Blechsch├╝ssel die mit einer speziellen L├Âsung gef├╝llt war. Als n├Ąchste trug ich mit einem kleinen Holzspachtel eine braune Salbe dick auf und deckte alles mit einem St├╝ck Verbandsgaze ab. Zum Schluss umwickelte ich das Bein mit frischem Verbandsmull. Bei all dem kniete ich auf dem Boden, w├Ąhrend sie auf der Bettkante sa├č und mich genau beobachtete. Machtbewusst und skeptisch. Wenn ich ihr bei diesem Ritual weh tat, schrie sie kurz b├Âsartig auf und unterstellte mir Absicht: "Max! Lass das!"
War ich damit fertig, legte sie sich wieder hin, bettete ihren grauen Kopf auf dem Kissen und atmete schwer. So als habe sie sich angestrengt. "Du kannst jetzt gehen. Vergiss den M├╝ll nicht!"

All diese Aufgaben hatte bis vor sechs Jahren meine Mutter ausgef├╝hrt. Wir wohnten damals im selben Mietshaus wie meine Oma. Sie lebte im dritten Stock, wir im Parterre. Seit sie gestorben ist habe ich die Pflege meiner Oma ├╝bernommen. Allerdings nicht ganz freiwillig. Ich sei Schuld an ihrem Tode. Das sagte meine Oma mehr als einmal. Ganz ohne Trauer. Mehr als herrische Begr├╝ndung f├╝r den Dienst den ich abzuleisten habe. Schlie├člich sei es meine Schuld das ihre Tochter sich nicht mehr um sie k├╝mmern k├Ânne. Ich sei es gewesen der sie ins Grab gebracht h├Ątte. Dadurch das ich ihr immer nur Sorgen bereitet h├Ątte. Durch die Jahre in denen ich dem Alkohol verfallen war, durch mein berufliches Versagen, die zahlreichen Rausschmisse. Nicht einmal einen Berufsabschluss h├Ątte ich geschafft. Und dann mein Gef├Ąngnisaufenthalt! All das habe sie krank gemacht. Und nur deshalb sei sie gestorben.
Es mag sein das ihre feste ├ťberzeugung das ich die Schuld am fr├╝hen Tode meiner Mutter trage, tats├Ąchlich eine gewisse Suggestivkraft auf mich aus├╝bte. Es stimmt das sie sich viele Sorgen um mich gemacht hat. Es stimmt auch das ich beruflich bescheitert war. Mit 32 Jahren arbeitete ich halbtags als Lagerarbeiter in einer Spedition. Obwohl ich Abitur hatte. Was ich dort verdiente h├Ątte nie zum Leben gereicht. Aber von meiner Oma bekam ich jeden Monat 500,-- Mark. Und damit kam ich gerade so zurecht. Meine Miete war gering. Ich wohnte in einer winzigen 1-Zimmer Wohnung, ganz in der N├Ąhe meiner Oma.
Aber auch diese 500,-- Mark waren nicht Grund genug f├╝r meinen Dienst an ihr. Vielmehr war es eine Hoffnung. Die Hoffnung auf ihr Erbe. Sie hatte Geld. Sie war mit einem wohlhabenden Mann verheiratet gewesen, der bereits vor 20 Jahren starb. Und sie war knauserig. Ich wusste sie war verm├Âgend. Und ich war der einzige Verwandte den sie noch hatte.
Nat├╝rlich w├Ąre sie grausam genug gewesen ihr Geld jemand anderem zu hinterlassen. Ihrem Arzt oder dem Tierschutzverein. Aber das glaubte ich nicht. Denn eines Tages, es ist schon einige Jahre her, machte sie eine ├╝berraschende Bemerkung. Ich stand in der K├╝che und hatte ihr Geschirr einger├Ąumt. Ich war gerade dabei in meinem Portemonnaie nach Geld f├╝r den Zigarettenautomaten zu suchen. Es sah nicht gut aus.
"Sp├Ąter wird es dir besser gehen!" h├Ârte ich sie auf einmal sagen.
Sie stand im T├╝rrahmen und hatte mich beobachtet. Beachtlich
war WIE sie das sagte. Ohne die ├╝bliche Feindseligkeit, ohne den
gewohnten zynischen Unterton. Aber nat├╝rlich auch nicht freundlich. Das h├Ątte ich ihr auch niemals abgenommen. Ihre Stimme war ernst, mit einem winzigen Anflug von Trauer. Das war wie eine kleine Offenbarung. Hatte sie noch ein anderes Gesicht?
Jedenfalls war die Ernsthaftigkeit mit der sie das sagte, Grund genug f├╝r mich gewesen von diesem Moment an fest davon ├╝berzeugt zu sein, ihr Erbe einst zu erhalten. Sicher ging sie bereits vor ihrer ├äu├čerung davon aus das ich auf ihr Erbe warte. Ihr d├╝rfte vollkommen klar gewesen sein, das sich kein Mensch der Welt diese Behandlung ohne einen handfesten Grund bieten lassen w├╝rde. Sie wusste das ich auf ihren Tod warte, ihn kaum erwarten konnte. Deshalb wart sie sehr vorsichtig. Sie bef├╝rchtete ich k├Ânnte sie auf eine hinterlistige Art um die Ecke bringen. Etwa eine ihrer Kapseln ├Âffnen und eine andere Substanz hineingeben. Oder ihr
Essen vergiften. Ich kaufte zwar oft f├╝r sie ein. Aber die Lebensmittel liess sie sich von einem M├Ądchen aus der Nachbarschaft besorgen. Sie kochte auch selber. Und ihr Vorratsschrank in der K├╝che war mit einem Schloss gesichert, genau wie ihr K├╝hlschrank. Sie hatte extra den Hausmeister kommen lassen um eine Vorrichtung am K├╝hlschrank anbringen zu lassen, welche das einh├Ąngen eines Vorh├Ąngeschlosses erm├Âglichte. Und die Schl├╝ssel trug sie an einer Schnur um den Hals.

All das kam mir vor wie ein krankes Spiel. Sie wusste ich konnte ihr nicht entkommen. Denn ich wollte ihr Geld. Und war in ihren Augen bedingungslos dazu verpflichtet, f├╝r den Tod ihrer Tochter bei ihr Bu├če zu tun.
Auch meine Mutter hatte sehr unter ihr gelitten. Oft genug warm sie weinend herunter in unsere Wohnung gekommen, setzte sich an den K├╝chentisch und wiederholte minutenlang "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr..."

Normalerweise war ich so gegen drei Uhr nachmittags bei ihr. So auch am Montag. Kaum h├Ârte sie meinen Schl├╝ssel in der T├╝r da br├╝llte sie auch schon.
"Max! Maaahhhhaaaax!"
Allein der Geruch wenn man die T├╝r ├Âffnete. Dieser Altenmief. Sie lebet in einer Drei-Zimmer Wohnung. Bewohnen tat sie nur eines, eine Art Wohn-Schlafzimmer. Dort hingen auch ihre heiligen Bilder: Fotos und Gem├Ąlde vom ehemaligen Familiensitz in Ostpreu├čen. Eine gro├če Villa, fast schon ein Schloss. Daneben ein ├ľlgem├Ąlde ihres Vaters. Eine herrschaftliche Pose, gestutzter Vollbart, eine Zigarre in der Hand. Fabrikant. Alles
sehr beeindruckend. H├Âhere Tochter. Einzelkind. Gesellschaften, Jagdreviere, Macht, Geld. Neben den Bildern hing ein barockes
Kruzifix aus dem 18. Jahrhundert.
Und jetzt sass sie dort in ihrem Bett. Ein pastellfarbiges Nacht-
hemd mit Blumenmotiven. Blumenmotive! Was hatte dieser Drache mit Blumen zu tun? Ausgerechnet Blumen!
Sie schaute Fernsehen. Werbung. Ein aufsteigender Jumbojet vor einem orange-roten Himmel, frontal von unten gefilmt.
"Heute ist das Klo dran! Aber mach's richtig!" Sie sah mich nicht
einmal an. Ich putzte das Klo. Wechselte eine Gl├╝hbirne aus. Ging
in ihr Zimmer zur├╝ck, fragte was noch zu erledigen sei. Kurzer Seitenauf mich. Blick zur├╝ck in den Fernseher. Aber etwas war ihr an mir aufgefallen. Ruckartig blickte sie mich wieder an.
"Wie l├Ąufst du ├╝berhaupt 'rum!? Rasiere dich mal wieder! Und wie lange willst du noch diese Hose tragen!? Sollen die Leute glauben das ich mich mit einem Penner abgebe? Diese Haare!"
Es war bemerkenswert mit welcher Selbstverst├Ąndlichkeit sie diesen keinen Widerspruch duldenden Kommandoton anschlug. Aber ich wagte ihn, den Widerspruch:
"Wie ich herumlaufe ist meine Sache."
"Hahaha. Heute ist M├Ąxchen aber mutig. Dann geh' doch wenn du so mutig bist." Pause. "Nicht? Willst du doch nicht gehen?" Ihre
Stimme gl├╝hte vor s├╝├člichen Zynismus.
Ich versorgte ihr Bein.

Nat├╝rlich h├Ątte ich einfach gehen k├Ânnen. Ganztags arbeiten. Diesen schwarzen Vogel vollst├Ąndig aus meinem Leben verbannen k├Ânnen. Aber dann w├Ąren all die Jahre vergebens gewesen. Die Jahre des Hoffens auf ihren Tod. Alle die Jahre h├Ątte ich mich f├╝r ein Almosen dem├╝tigen, beleidigen und verachten lassen. F├╝r nichts! F├╝r gar nichts! Geblieben w├Ąre eine gigantische Niederlage.
ÔÇÜWer wei├č?ÔÇÖ dachte ich, ÔÇÜVielleicht stirbt sie ja in wenigen Tagen? Oder in 10 Sekunden?ÔÇÖ Jeder Tag den ich in dieser selbstgew├Ąhlten H├Âlle verbrachte war ein Schritt in Richtung auf mein Ziel. Denn die Zeit war mein Verb├╝ndeter, mein Licht und mein bester Freund! Da sie alt war teilten sich die Zellen ihres verwelkten K├Ârpers immer langsamer. Und irgendwann ├╝berhaupt nicht mehr. Dann war meine Stunde gekommen: Zahltag. Dann w├╝rde ich auferstehen wie Phoenix aus der Asche! Dann w├╝rde ich der sein, der ich bin. Und nie wieder in meinem ganzen Leben h├Ątte ich irgendjemandem einen Verband angelegt.

Neulich allerdings bin ich mitten in der Nacht schockartig aufgewacht. Bin in meinem Bett regelrecht hochgeschossen. "Zweiundneunzig! Was ist wenn sie zweiundneunzig wird! Oder Hundert, hundertzwanzig!" Ich schrie diese Angst in die Dunkelheit meines Zimmers. Hellwach war ich. Mein Atem ging schnell. Ich stand auf. Machte Licht. Ging N├Ągel kauend umher. "Oh Gott! Oh Gott! Bitte, bitte nicht!" fl├╝sterte ich.
Den Gedanken das sie steinalt werden k├Ânnte hatte ich bis jetzt einfach nicht zugelassen, die T├╝r zu dieser Vorstellung fest verschlossen gehalten. Aber scheinbar war es mir trotzdem nicht gelungen mich hinters Licht zu f├╝hren.
Um der aufkommenden Verzweiflung nicht ganz ausgeliefert zu sein mobilisierte ich gedankliche
Gegenkr├Ąfte. Sprach in v├Ąterliche Ruhe zu mir. Da ich meinen eigenen Vater nicht kannte, phantasierte ich mir in einen wohlwollenden Ben Cartwright Typen zusammen den ich zu mir sprechen lie├č:
"Nur die Ruhe mein Junge. Denke daran: Die letzten werden die
ersten sein. Wer so fest an ein Ziel glaubt wie du, der kann nur
gewinnen. Vertraue in dein Gl├╝ck. Wie kannst du nur denken das
eine so verbitterte Frau steinalt wird? Halte durch! Vielleicht ist sie
ja jetzt schon tot? Wer wei├č?"

Dem war leider nicht so.
"Jetzt ist es viertel nach drei! Du willst wohl das ich dein Gehalt k├╝rze! Das werden wir doch mal sehen wer hier am l├Ąngeren Hebel
sitzt!"
ÔÇÜVielleicht ist das ja ein genetischer Defekt? Vielleicht ist sie
gar nicht in der Lage anders zu sprechen als laut und unfreundlich.
Vielleicht wirkt sie deshalb unfreundlich, ist es aber gar nicht?ÔÇÖ dachte ich.
"Ist ja gut Gro├čmutter. Jetzt bin ich ja da."
"Ich verbitte mir diese Art. Als wenn das ein Geschenk w├Ąre. Darauf l├Ąsst sich verzichten! Und jetzt die W├Ąsche geb├╝gelt! Aber Dalli!"
Ich ging ins andere Zimmer. Ich holte tief Luft. Atemtechnik zur Beruhigung. Gaaaannz ruhig. Sachte, immer sachte. Du darfst sie
nicht anfassen, du darfst deine H├Ąnde nicht um ihren faltigen Hals legen. Auch die gusseiserne Pfanne bleibt an ihrem Platz.
Ich stellte das B├╝gelbrett auf, steckte das B├╝geleisen ein. Tief atmen. Besonders den Nacken sch├Ân entspannen. So ist gut. Schon besser.
So, jetzt das destillierte Wasser auf das Brett stellen.
Leider knallte in diesem Augenblick das B├╝gelbrett zusammen, der Mechanismus war nicht richtig eingehakt. Ein Riesenl├Ąrm.
W├╝tende Schritte die sich n├Ąherten.
"Was ist denn hier los? Nicht mal das kannst du?!" Sie war vollkommen au├čer sich. Ihre Augen waren schwarz vor Hass. Sie gritf ein Holzk├Ąstchen das neben der T├╝r auf einem Tischchen
stand. Holzfurnier. Die Shioullette einer ostpreu├čischen Stadt auf
dem Deckel. Das K├Ąstchen traf mich an der Stirn. Mir wurde bl├╝merant. Ich griffe zur schmerzenden Stelle und f├╝hlte gleich das ich blutete.

Am Abend.
Ich sass am K├╝chentisch. Ich weinte "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr... ."
Was war ich nur f├╝r ein Mensch? Wieso habe ich mich mit Haut und Haaren an den Teufel verkauft? Ich habe keinen Stolz. Keine
W├╝rde. Alles ist verloren. Eigentlich hatte die Alte mit jedem Wort
recht. Es stimmt was sie sagt. Ich lasse mich wie Dreck behandeln.
Also bin ich Dreck. F├╝r ein fernes Ziel. Ein Ziel, das letzten Endes doch nicht gewiss ist. Ich muss es beenden, ich muss es beenden.
Was f├╝r ein krankes Spiel ist das? Warten? Immer nur warten? W├Ąhrend mein Leben im Elend vergeht? W├Ąhrend andere Familien
gr├╝nden, H├Ąuser bauen und sogar lieben? Dieser Satan, dieses alte
Aas! Wer sagt eigentlich das ich unbedingt ihre schei├č Kohle
brauche?
Ich besann mich, wurde etwas ruhiger. Stand auf und besah mir das Foto meiner Mutter, das neben meinem Bett hing. Es war ein Schwarzwei├čfoto. Mit traurigen Augen l├Ąchelte sie mich an. Das war ihr typischer Gesichtsausdruck gewesen. Traurig sein und dazu l├Ącheln.
ÔÇ×Das h├Ątte sie nie gewollt, das ich so ein Leben f├╝hre!ÔÇť fl├╝sterte
ich. Obwohl ich dieses Bild jeden Tag sah, ber├╝hrte mich die Tragik, das stille Leiden, das meine Mutter ausstrahlte. Ich sch├Ąmte mich vor ihr. Und ich hatte das Empfinden, das ich ihr etwas
schulde.
ÔÇ×Du sollst dir keine Sorgen mehr um mich machen. Ich will das
du stolz auf mich bist.ÔÇť

In diesem Moment traf ich die Entscheidung auf das Erbe zu verzichten.

Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr mir und ein Gef├╝hl tiefen
Friedens ergriff besitz von mir.
Oh ja, ich werde mich auf ins Leben machen. Werde mir und meiner Mutter Ehre machen.

Als ich am n├Ąchsten morgen aufwachte sp├╝rte ich sofort das etwas
mit mir geschehen war. Ich f├╝hlte mich anders an. Kraftvoll und ruhig. Ich f├╝hlte meinen ganzen K├Ârper, nicht wie ├╝blich nur den Kopf mit einem diffusen Anhang, dem ich nur Aufmerksamkeit widmete wenn er schmerzte. Ich stand auf. Meine Brust war weit, mein Atem hatte Raum um zu zirkulieren. Als sei ein Stahlband aufgesprengt worden. ÔÇ×Wie ein richtiger MannÔÇť fiel mir ein.

Auch die gewohnte Verkrampfung in meinem Oberbauch, die sich immer angef├╝hlt hatte wie eine gro├če schwarze Spinne die dort festgekrallt sitzt, war ├╝ber nacht verschwunden. Genau wie die steinerne Kugel die ich bisher auf meinem nach vorn geknickten Nacken trug. Selbst meine Stimme hatte einen anderen Klang. Sie war sonorer und kr├Ąftig. Als seien die bis dahin versch├╝tteten Hohlr├Ąume in Brust und Bauch als Gesamtklang- k├Ârper beteiligt. Auch stand ich viel aufrechter und das m├╝helos.
Mein Bewusstsein war weiter nach vorn ger├╝ckt, in die Stirn. Die qualvolle Unsitte nur mit einem Auge in die Welt zu blicken und mit dem anderen auf eine bedrohliche Stelle in mir, war einer klaren Ruhe gewichen.
Ein Blick in den Spiegel ergab Sympathie auf den ersten Blick. So ist es also wenn man sein eigener Mensch ist.
Es war als seien alle Kr├Ąfte, die mich an der Aus├╝bung meines
w├╝rdelosen, geldgierigen Dienstes gehindert h├Ątten, ├╝ber nacht erwacht.

Und all das nur weil ich mein Gl├╝ck nicht mehr in die H├Ąnde eines anderen gab, der es rausr├╝cken sollte und f├╝r den ich mich selber missbraucht und gebrochen hatte.

Ich musste an die Alte denken. An offene Beine Verbands- material, und B├╝gelbretter. Und lachte, denn all das war jetzt Vergangenheit. Das Wort "Pflegedienst" fiel mir ein. Mein Lachen wurde lauter. Die wird sich freuen! Sie wird sich tats├Ąchlich zwingen m├╝ssen normal zu sein.
Ich beschloss sie mir noch einmal ansehen. Einmal noch.
Ich werde einen Abschiedsbesuch machen...

* * *

Dieses war ist es gegen zwei Uhr als ich ihre T├╝r ├Âffnete.
"Max? Was willst du jetzt schon hier? Komm' sp├Ąter wieder!"
Ich schloss die T├╝r und sagte nichts.
"Max? Das bist doch du?! Du sollst sp├Ąter wiederkommen! Antworte gef├Ąlligst, du dummer Junge!"
Ich lie├č mir Zeit. In aller Ruhe ging ich den
Flur entlang und betrat ihr Zimmer. Und sah sie an.
"Ich habe doch gesagt das du..."
Sofort sp├╝rte sie das sich etwas ge├Ąndert hat. Meine Ausstrahlung, mein Gesichtsausdruck. Ich lehnte mich gegen die Kommode die
sich neben ihrem Fernseher befand. Ich stand ihr direkt gegen├╝ber. Meine Arme verschr├Ąnkte ich locker vor der Brust. Ich wollte sie mir in alle Ruhe betrachten. Ohne Angst, Druck und Zweifel. Ganz entspannt und objektiv. Sie schwieg entgeistert. Ihre Augen flackerten nerv├Âs hin und her.
Sie erschien mir kleiner als zuvor. Und irgendwie skurill.
Ein kleiner, hilfloser, grauer Mensch. Und diese Frau hatte tats├Ąchlich Macht ├╝ber mich gehabt. Das erschien mir jetzt unglaublich.
"Was ist denn mir dir?"
"Nichts. Was soll schon sein? Ich wollte dich nur einmal in Ruhe ansehen."
"Mich ansehen?"
"Tue du jetzt mal lieber mein Bein..."
ÔÇ×Warum bist du eigentlich so b├Âsartig?ÔÇť
Schweigen.
" B├Âsartig? Ich? Was f├Ąllt dir ein, so mit...!ÔÇť
Ich stellte mich vor das Gem├Ąlde ihres Vater, deutete darauf.
"War er auch so? Hat er dich b├Âse gemacht?"
Ihre Wut griff wieder.
"Zeige nicht mit deinem dreckigen Finger auf meinen Vater. Er war einer der gr├Â├čten M├Ąnner die es jemals gab!"
Ihr Atem ging schneller. Ihr Gesicht begann sich zu r├Âten.
"Du brauchst nicht mehr kommen. Ich rufe den Pflegedienst und.."
versuchte sie lapidar zu erkl├Ąren.
"Ich wei├č."
"Was soll das hei├čen, 'du wei├čt'?"
"Ich wei├č das du den Pflegedienst anrufen wirst damit man sich um dich k├╝mmert."
"Was... Wie meinst du das?" Ihre Stimme war abrupt leise geworden. Eine leise gestellte Frage. Vielleicht wollte sie die Antwort nicht h├Âren.
"Ich werde nicht mehr kommen!"
"Du kommst nicht mehr?ÔÇť Mein Gott, so ├Ąngstlich konnte sie klingen!
Schweigen.
ÔÇ×Aber du wirst doch Alleinerbe sein!ÔÇť
"Ich will dein Erbe nicht. Es interessiert mich nicht mehr!ÔÇť Gelassen blickte ich in ihre Augen.
"Nein, das kannst du nicht machen Max!" sagte sie mit tonloser Stimme.
Ich war erstaunt, das sie meine Worte derart ersch├╝ttern konnten.
Das ihr meine K├╝ndigung nicht passen w├╝rde war klar. Aber sie benahm sich als w├╝rde das eine Katastrophe f├╝r sie bedeuten. Es schien mir, dass ich eine gr├Â├čere Bedeutung f├╝r sie hatte als ich ahnte. Ich, der Versager, der M├Ârder ihrer Tochter.
Aber vielleicht war das sogar logisch. Schlie├člich war ich ihre einzige und letzte M├Âglichkeit Macht auszu├╝ben und sich ├╝berlegen zu f├╝hlen. Ich war das Medium ├╝ber das sie ihren verbitterten, b├Âsartigen Charakter ausleben konnte. All das erfasste ich jetzt erst. Nach all den Jahren.
ÔÇ×Max! H├Ârst du? Das kannst du nicht machen!ÔÇť fuhr sie fort.
"Doch das kann ich. Und ich tue es sogar!" Ich blieb ruhig.
Sie lie├č ihren Kopf resigniert auf das Kissen sinken. Blickte zur Zimmerdecke und seufzte. Dann wandte sie ihr Gesicht zu den Bildern. Ihre Brust hob und senkte sich wieder st├Ąrker. Der Anblick der Bilder schien sie aufzuladen, ein Quell unpassenden Stolzes zu sein.
Abrupt sah sie mich an. Ihre Augen waren schwarz vor Wut, der Unterkiefer war vorgeschoben. Und jetzt sprang sie mit ungeahnter Geschwindigkeit aus dem Bett, lief auf mich zu, stand vor mir. Hasserf├╝llt streckte sie ihren Arm aus, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte langsam, damit ich es auch wirklich
verstehe:
"Du bist schuld am Tode meiner Tochter. Du MUSST sie
er-set-zen!" Ihre Fingerspitze zitterte vor meiner Nase.
"Nein, das finde ich nicht!"
Meine Ruhe trieb sie zur Weisglut.
"Doch! Du bleibst! Du MUSST!" Hysterie. Sie packte mich am Kragen.
"Du MUSST!" schrie sie, als k├Ânne sie mich mit Worten
bezwingen, zu Boden werfen. Ich riss ihre geballten F├Ąuste von
meinem Hemd. Tonloses wiederholen des gescheiterten Zauber-
spruches.
"Du musst, du musst, du musst..." w├Ąhrend sie langsam,
resignierend hinabsank. Auf den Knien angekommen begann sie leise zu weinen, immer lauter werdend. Jetzt schlug sie mit den F├Ąusten auf den Boden und schrie weinend:
"Ich-ha-be-Geld! Du-wirst-es-er-ben!"
Sie konnte mich nicht ber├╝hren. Sie war entwaffnet. All das war traurig und irgendwie spektakul├Ąr, aber mehr nicht.
Sie lie├č ihren Kopf auf den Boden sinken. Ein H├Ąufchen Elend. Ihr immer kindlicher werdendes Weinen lie├č ihren alten Leib rhythmisch erbeben. Es schien als sei ein Damm gebrochen, ein Damm der Verzweiflung ├╝ber die eigene Machtlosigkeit.
H├Ątte ich normalerweise einen alten Menschen in so einer kl├Ąglichen Situation gesehen, so w├Ąre ihm meine Hilfe sicher gewesen. Aber nicht in diesem Fall. Sie hatte kein Recht auf mich.
Niemals h├Ątte ich geglaubt sie jemals so zu sehen. Niemals. Vielleicht diente ihre schwarze Seite dazu, das jetzt sichtbare
zu verbergen. Keine Schw├Ąche zu zeigen. Sich unantastbar, unver-
letzbar zu geben. Das war ihr Fehler. H├Ątte man sie irgendwo in der Mitte dieser kranken Gef├╝hlswelt angetroffen, wer wei├č, vielleicht w├Ąre sie sogar sympathisch gewesen.
Ihre H├Ąnde tasteten sich vor, umklammerten meine Schuhe! Oh Gott! Jetzt war es langsam genug!
"Bitte, bitte Max! Es tut mir leid! Es tut mir leid! Es wird alles anders! Max, bitte!"
Sie blickte hoch. Ein nassgeweintes, altes Gesicht. Rote Augen. Schluchzen.
"Nein! Mein Entschluss steht fest. Der Pflegedienst ist
genauso gut f├╝r dich wie f├╝r alle anderen."
Sie verstummte. Langsam seufzend senkte sie ihr Gesicht auf meine Schuhe. Sie hatte es wohl aufgegeben. Ersch├Âpft kapituliert. Auch ich war m├╝de. Schloss die Augen.
Mein Gott! Musste das so ablaufen? Diese Dramatik. In wenigen Minuten hatte ich mehr ├╝ber diese Frau erfahren als zuvor in meinem ganzen Leben. Sie hatte sich aufgetan, wie ein bis dahin verschlossenes Buch, ohne es zu wollen.
Ich ├Âffnete die Augen wieder, begriff welch grauenhaftes Bild wir beide gerade abgaben. Sie kniete immer noch vor mir, mit dem Gesicht auf dem Boden, die H├Ąnde auf meinen Schuhen. 'Hoffentlich kommt jetzt keiner von den grauen Panthern rein' dachte ich. um mich vor der Tragik dieses Anblicks zu sch├╝tzen.
"Es tut mir leid Oma, ich mich jetzt gehen!"
Stille. Ich zog einen Fu├č unter ihrer Hand weg. Im selben Moment
kippte sie zur Seite. Ihre Augen waren ge├Âffnet. Sie war tot.

Embryohaltung. Ein pastellfarbenes Nachthemd mit Blumenmotiven. Verwirrte graue Haare, nasse Augen. Ich war nur kurz erschrocken. Denn ich wusste das es gut so war. Sie h├Ątte es niemals ertragen fremden Menschen ausgeliefert zu sein, Menschen die sie nicht brauchten.
Ich beugte mich hinab und schloss ihre Augen. Ihr Gesicht sah anders aus. Gel├Âst. Fast H├╝bsch. Eine h├╝bsche alte Dame.
Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Ich f├╝hlte den Frieden den sie jetzt gefunden hatte. Den sie endlich gefunden hatte.

Leb' wohl Oma! Vielleicht werde ich manchmal an dein h├╝bsches Gesicht denken.

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ingridmaus
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Hi bassi,

Dir gelingt es wirklich gut, Dich in immer andere Charaktere hinzufuehlen und ihr innerstes mit passenden und eindringlichen Worten rueberzubringen - Kompliment!
Das einzige, was ich nicht soo gut fand, war der letzte Ausbruch der alten Dame - der ist mir irgendwie zu dramatisch, etwas mehr stummes Leid in ihren Augen, ihrer Koerpersprache etc. faende ich passender. Aber das ist wohl Geschmackssache.
Gruesse
Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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Gagamello
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Registriert: Feb 2002

Werke: 4
Kommentare: 36
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hi bassi

ich finde die story wirklich gut.. die dramatik im letzten abschnitt scheint auf den ersten blick ein wenig zu viel des guten.. aber alte leute neigen wirklich ab und an zu diesem ├╝berschwang.. es machte freude die geschichte zu lesen.. bravo
lg
gagamello
__________________
Des Menschen Verh├Ąngniss ist,
dass er vergisst

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majissa
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Kommentare: 399
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offene beine

hallo bassimax,

au├čer einigen fl├╝chtigkeits- und kommafehlern gibt es auch an dieser geschichte nichts auszusetzen.
es geschieht ├Ąu├čerst selten, da├č ich mir w├╝nsche, die zeit m├Âge ein wenig stehenbleiben, damit der der genu├č beim lesen noch etwas hinausgez├Âgert wird.
g├Ąbe es kritik anzumerken, w├╝rde ich mehr schreiben, aber das, was ich bisher gelesen habe, war einfach zu perfekt.
mir schien der zusammenbruch der gro├čmutter am ende v├Âllig nachvollziehbar, da sich alte menschen scheinbar oft wie kleine kinder verhalten und im augenblick der kapitulation leicht die kontrolle verlieren.

liebe gr├╝├če
majissa

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bassimax
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offene beine

es stimmt schon das ich dazu neige das ene einer geschichte
dramatisch zu gestalten. hier kam es mir eben darauf an
die andere seite der grossmutter darzustellen, wie auch
die wahren, f├╝r den protagonisten bisher nicht erkennbaren,
machtverh├Ąltnisse darzustellen. denn "macht" ist das haupt-
thema dieser geschichte. die macht der schuld, der gier,
und der b├Âsartigkeit.

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