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Leselupe.de > Humor und Satire
Offene Worte
Eingestellt am 14. 11. 2009 16:23


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Raniero
Textablader
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Offene Worte

Mit allem möglichen hätte Lukas Dresenfuß gerechnet, aber nicht damit.
Als er die neue Fernsehzeitschrift aufschlug, um sich über das Programm der kommenden Woche zu informieren, sprang ihm die Aufforderung einer Werbeanzeige förmlich ins Auge:
‚Sprechen wir offen über Ihre Blase’ stand dort in dicken Lettern, und eine Zeile tiefer etwas kleiner:
‚Offene Worte über ein verschämtes Thema.’

Lukas hatte keineswegs die Absicht, über seine Blase sprechen, weder offen noch hinter vorgehaltener Hand, und noch weniger wollte er von seiner Fernsehzeitung zu einer Aussprache darüber aufgefordert werden; dennoch siegte die Neugierde und so las er nach einigem Zögern weiter:

‚Erleben Sie eine gesunde Blase! Sagen Sie ja zu unserem Produkt, sagen Sie ja zu Blasen-Kraft, der revolutionärsten Neuheit seit der Erfindung des Rades.’

„Donnerwetter“, staunte Lukas, „das klingt ja unglaublich, was wird das wohl für ein Mittel sein.“
Weiter unten in der Anzeige entdeckte Lukas eine Rubrik mit der Ăśberschrift:

Das sagen begeisterte Kunden

Hier äußerten sich Personen, überwiegendmännlichen Geschlechts, die das revolutionäre Mittel bereits ausprobiert hatten, in derart enthusiastischen Tönen, dass man das Gefühl hatte, sie hätten an einer Erdumkreisung teilgenommen.
All diese Kunden waren mit ihrem Konterfei abgebildet, und eine dieser Aussagen hatte es Lukas besonders angetan:
Ein Glatzkopf im vorgerückten Alter behauptete, dass er nach Einnahme dieses Mittels deutlich länger das Wasser halten könne als zuvor, manchmal bis zu zwei Wochen.
‚Mit Blasenkraft würde ich bis zum Mond fliegen, und zurück, ohne die Hose zu lösen’, lautete das euphorische Fazit des Mannes.

Bis zum Mond fliegen, ohne die Hose zu lösen, hatte Lukas nun absolut nicht vor. Er war schon froh, wenn es nachts bis zur Toilette schaffte, und das bis zu einem Dutzend Mal, denn er hatte es tatsächlich an der Blase. Doch ein Mann aus einer derart kernigen Generation wie er sprach mit niemandem darüber, nicht einmal mit seiner Frau.
Stattdessen schlich er nachts auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer, in der Hoffnung wie der irrigen Annahme, dass sie nichts merkte; zum Arzt zu gehen, wegen dieser Lappalie, das hatte doch ein Bursche wie er nun wirklich nicht nötig, solange eine andere wichtige Funktion da unten noch in Kraft war.
In dieser Situation kam ihm diese unerwartete Hilfe sehr gelegen, obwohl er nicht gewillt war, offen ĂĽber seine Blase zu sprechen, wie es die Werbung forderte.
Das musste er ja auch gar nicht mehr, er brauchte dieses Mittel nur zu bestellen, sogar zu einem Sonderpreis, denn die erste Monatspackung gab’s gratis, zum Kennenlernen, wenn man gleich die Restjahrespackung mit in Auftrag gab.

Voller Hoffnung füllte Lukas Dresenfuß das Bestellformular aus; er ließ sich das Zeug allerdings nicht nach Hause schicken, um Gottes Willen nein; für diesen Zweck mietete er gleich ein größeres Schließfach bei der nächstgelegenen Postfiliale an, man konnte ja nicht wissen, wie viel Platz so eine Jahrespackung in Anspruch nahm.


Bis die erwartete Lieferung eintraf, musste Lukas noch einige Dutzend Mal raus, nachts, und er konnte es kaum erwarten, endlich von dieser Plage erlöst zu werden.
Schließlich aber war es soweit, und glückstrahlend versah er sich mit einem Handvorrat an Pillen aus dem geräumigen Jahresvorrat.
Wie auf FlĂĽgeln eilte er nach Hause.
‚Heute Nacht werde ich endlich durchschlafen’ sagte er sich, ‚und morgen auch, und übermorgen; was für ein Gefühl, nie mehr nachts zum Klo!’

Lukas Dresenfuß musste in dieser Nacht nicht ein einziges Mal aus dem Bett, das erste Mal seit langer Zeit; auch in der nächsten wie in weiteren Nächten nicht.
‚Mein Gott, was für ein schönes Gefühl’ sagte er sich, ‚ich fühle mich wie neugeboren.’

Doch so groĂź die Freude auch war, ĂĽber diese unendliche Erleichterung, eine kleine Begleiterscheinung, die er anfangs kaum wahrgenommen hatte, machte ihm doch nach und nach zu schaffen.
Seitdem er dieses Wundermittel namens Blasenkraft nahm, steigerte sich die Kraft seiner Blase offensichtlich von Tag zu Tag, was sich dahingehend äußerte, dass er gar kein Wasser mehr lassen musste.
In den ersten Tagen hatte er diesen Zustand ignoriert, weitgehend, weil ihm der begeisterte Kunde aus der Werbung einfiel, der da behauptete, bis zum Mond fliegen zu können, und retour, ohne Probleme. Doch als er nach vier Monaten immer noch keinen Drang verspürte, begann er sich doch ernsthaft Sorgen zu machen.
‚Ob ich doch da mal anrufe, beim Hersteller, und mal nachhake, wie so etwas möglich ist.’
Das tat er dann auch, aber nicht von zuhause aus, sondern von seinem BĂĽro, in der Mittagspause.
Als er dort vorsprach und schilderte, dass er mit dem Mittel zwar grundsätzlich zufrieden sei, doch nicht damit gerechnet habe, nun gar kein Wasser mehr lassen zu müssen, zeigte man sich auf Seite des Herstellers weder beunruhigt noch erstaunt.
„Kein Grund zur Panik, lieber Mann. Das verdanken Sie der einzigartigen Saugwirkung unseres Mittels Blasenkraft. Sie sind übrigens beileibe nicht der erste, der uns anruft. Es sind schon einige Dutzend begeisterte Kunden und täglich werden es mehr, mit immer höheren Laufzeiten, sprich Zeiten, in denen diese nicht mehr, na, Sie wissen schon. Wenn das nicht der Durchbruch ist.“
“Der Durchbruch? Was meinen Sie damit?“
„Nun ja, der definitive Durchbruch! Sie werden nie mehr Wasser lassen müssen, in Ihrem Leben! Ist das nicht eine überwältigende Zukunftsaussicht?“
Das fand Lukas auch, doch ein paar Tage wurde er unsanft eines Besseren belehrt.


Als seine Frau eines Tages die nächste Ausgabe der Fernsehzeitung zur Hand nahm, stieß sie plötzlich einen spitzen Schrei aus.
„Was ist denn Schatz, um Gottes Willen?“ zeigte sich ihr Mann besorgt.
Wortlos reichte sie ihm die Zeitung mit der neuen Werbeanzeige.
Voll Entsetzen erblickte Lukas sein eigenes Foto, wie er gerade Nachschub aus dem Postfach abholte, und las den nebenstehenden Text:

Unser glĂĽcklichster Kunde und neuer Spitzenreiter: Lukas DresenfuĂź!
Dank Blasen Kraft muss Lukas nunmehr seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr Wasser lassen.
Er zieht daher ernsthaft eine Amputation seines ‚Wasserhähnchens’ in Erwägung, jetzt, da er dieses nicht mehr benötigt.

Lukas stöhnte auf; da hatten diese Blasenkraftleute wohl in der Hitze des Gefechts eine kleine, aber nicht unwesentliche Funktion dieses Wasserhähnchens vergessen.
Verschämt blickte er seiner Frau in die Augen, Aufklärung war dringend geboten.
Lukas legte ein umfassendes Geständnis ab.
Er ließ nichts aus, auch die eigentliche Ursache, dieses frühere häufige nächtliche Wasserlassen, welches ihn überhaupt in die Arme dieser unverschämten Blasenkrafttypen getrieben hatte.
Nach umfassender Beichte nahm sie ihn in den Arm, seine bessere Hälfte.
„Mein Dummerchen, meinst du, ich hätte nichts gemerkt, von deinen nächtlichen Ausflügen, zum Klo? Morgen gehst du aber zum Urologen, nicht wahr? Und bestell sofort dieses dämliche Zeug ab!“
Lukas nickte verschämt; irgendwie zeigte er sich plötzlich richtig erleichtert, über diese offenen Worte.
Der Besuch beim Urologen zeigte zweifache Wirkung; nach kurzer Zeit erhielt seine Blase wieder ihre Funktion wie zu der Zeit, als er nachts überhaupt noch nicht raus musste, und von dem Ersparten für die nicht mehr benötigten Blasen-Kraft – Lieferungen machte er mit seiner Frau einen schönen Urlaub.

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