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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Oh Schreck, ein Untier! - Püttmann...
Eingestellt am 12. 04. 2011 16:31


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Oh Schreck, ein Untier!

Nach ner Stärkung mit Erbsensuppe und en paar Bierkes, hieß et nun wieder: „Treiber, sammeln!“
Viel, viel langsamer als beim ersten Treiben erhoben sich Jäger und Treiber.
Die Jagdhunde waren ausgeruht und jaulten schon beim ersten Trötenklang wie bekloppt auf und zerrten anne Leinen. Dat war Jagdpassion pur!
Die nächste Strapaze hieß „Waldtreiben“. Son besonders schweret, aber auch dat interessanteste Treiben sollte dat werden. Wie wahr! Dichte Brombeerhecken und urwaldähnliche Gesträuchs erwarteten uns arme Treiber.
Dann ging dat auch noch son steilen Berg hoch! Junge, Junge, dat sollte wat mit mir geben! Ich hatte doch kein Traubenzucker mehr im Rucksack. Obertreiber Adolf verklickerte uns schon inne Mittagspause, dat jetz große Disziplin von uns erwartet würde.
Zugegeben, wir Treiber hatten vom Alkohol schon leicht einen intus. Dat war aber bestimmt ganz gezielt vonne Jagdleitung so gewollt. Wir sollten die Angst vor den stacheligen Hindernissen verlieren. Ich kombinierte messerscharf: „Jägersleute sind ausgebuffte Schlitzohren! Wie bei Sturmsoldaten vorm Frontalangriff, verpassen se dir erst ma ne Dröhnung.“
Et plästerte nich mehr, et kam sogar ab und zu der Lorenz raus, und durch den Wald zogen geisterhaft weiße Dunstschwaden.
Hörnerklang, Hundegebell. Et ging wieder rund!
Nach knapp fünfzig Metern stand ich bereits vor fiese, undurchdringliche Brombeerhecken. Vor mir Dickungen und Hecken, so weit dat Auge reichte!
Verzweifelt dachte ich:
„Da kommt doch kein Schwein durch, dat iss doch unmenschlich.“ Ich warf ma kurz en Auge auf meine Treiberkollegen rechts und links von mir. Wat meinen Se wohl, die Kerle machten en großen Bogen um die Hecken! Nee, wat für feige Drückeberger! So geht dat ja nun nich!
„Willi“, dachte ich, „so wat tusse ma schön nich. Dat kannze dem Kuhlenkamp nich antun, dat wär ja Verrat anne gesamten Jagdgesellschaft.“
Ich drosch mit dem Knüppel extra mächtig auf die Hecke und versuchte, mir mit allen Kräften en Weg zu bahnen. Ne scharfe Machete hätt ich jetz gerne gegen den Treiberstock getauscht.
Meine Hände bluteten bereits von den verdammten Dornen. Ein ganz hinterhältiger Brombeerzweig schlug mir voll in dat Gesicht. Dat Blut lief langsam vonne Stirne runter und inne Augen rein. Toll!
Für mich stand trotz meiner Leiden fest:
„Willi, egal wat noch allet passieren tut, da musse durch, dat iss ne Prüfung für dich! Hier erfährsse körperliche Grenzbereiche. Dat iss heute deine persönliche Härteprüfung.“
Plötzlich flogen sieben Fasane laut krächzend aus dem Gesträuch, wat ich gerade bekloppen tat. Ich hab mich vielleicht erschrocken! Stolz sachte ich mir:
„Siehsse, Willi, wieder war dat einzig und allein deine Treiberleistung.“ Ich kloppte mir heimlich aufe Schultern. Dann gab et ein furchtbaret Dauerfeuer auf die Fasanen. Die flogen genau anne Schützenständen vorbei.
Schweißgebadet und blutend hatte ich endlich die erste verdammte Brombeerhecke geschafft.
Mit meiner Ratsche und dem Knüppel scheuchte ich beim Weitergehen noch zwei Hasen aus ihren Bodennestern und stand nach achtzig Metern schon wieder vor som ekelhaften Brombeergedöns.
„Willi", dachte ich, „da kommze auch durch, dat hasse doch gerade noch bewiesen, dat et fluppen tut. Also, ran an den Feind.“
Aus allen Rohren knallte et im Wald. Dat Echo verstärkte die Ballerei ganz gewaltig. So wat hatte ich noch nie erlebt. Dat war ja hier wie im Krieg!
„Hoffentlich krisse jetz nich noch einen verbraten und liegs abends mit aufe Jagdstrecke.“ Ja, ich hatte wirklich Schiss.
Ich haute wie verrückt mit dem Knüppel auf die Brombeerzweige und sah, so acht Meter rechts von mir, nen dunklen Fleck. Wat sollte dat schon sein?
Ich haute noch ma richtig feste auf den Busch – da bewegte sich der schwatte Fleck. Ich fragte mich ernsthaft:
„Wat iss dat denn da? Wat könnte dat sein, wat sich hier inne dichten Hecke noch bewegen kann?“ Der Fleck wurde zum dicken Klumpen und wurde immer größer. „Verdorri, nee!
Willi, dat darf doch nich wahr sein, watte da sehen tus, du hass zuviel Bier inne Pause gesüppelt! Da glotzt doch nich etwa ne echte Wildsau in deine Augen rein? Um Himmels Willen, dat iss ja wirklich nen richtiget, nen lebendiget Wildschwein – und wat fürn Trümmer!“
Wie versteinert blieb ich stehen. Auge in Auge standen wir uns gegenüber. Willi Püttmann und dat schwatte Ungeheuer!
Ein rettender Baum stand vierzig Meter weit weg. Zu weit, keine Chance! Und jetz, wat iss jetz? Ich ging mit dem Treiberknüppel in Abwehrposition und betete zu allen Jagdheiligen: „Helft mir, wenn ihr mich hören tut, sonst isset aus mit dem Willi!“ Ich ahnte et, mein letztet Stündlein war gekommen.
„Mein liebet Bertaken, du hass leider ma wieder Recht gehabt. Die Jagd endet für deinen Willi tödlich! Grüß mir die Kinder, vergib mir alle Untaten, und vergiss dein liebet Williken nich so schnell. Amen!“
Dat Untier machte sich wohl auch so seine Gedanken, vielleicht witterte dat Vieh sogar meine Todesangst und mein Blut. Et peilte mich genau an, grunzte zweimal und versuchte plötzlich einen ganz gemeinen Angriff, blieb aber gottlob zwei Meter vor mir inne Hecke stecken.
Mannomann, ich konnte die Bestie schon riechen, die stank nach Maggi, schnaubte gefährlich und wetzte ihre riesigen, weißen Stoßzähne. Oder war dat etwa mein Gebiss, wat da vor lauter Angst klapperte? Nein, dat war wirklich dat Geräusch von dem Untier, dat hörte sich an, als wenn et son Messer wetzen tät.
Jetz war endgültig Feierabend mit meiner Beherrschung.
„Hiiilfeee! Wildsau greift an! Zur Hiiilfee!“, schrie ich, so laut ich nur konnte. Meine Schreie waren selbst dem riesigen Ungeheuer zu viel. Et drehte plötzlich nach rechts ab, brach krachend durch die Brombeerhecke und verschwand in Richtung Waldrand. Ich zitterte wie Espenlaub, kalter Angstschweiß stand auf meiner Birne!
„Bautz“, da riss ein Büchsenschuss mich wieder in dat Treiben rein. Iss dat Monster da drüben umgenietet worden? Hoffentlich! Meinen Knüppel hielt ich vorsichtshalber noch schlagbereit. Sollte dat Vieh hier noch ma auftauchen, war dat meine einzige Waffe. Schnell suchte ich mir noch en passenden Baum, auf den ich zur Not hochklettern konnte. Ein angeschossenet Tier iss ja noch viel blutrünstiger! Ich blieb wachsam und sprungbereit.
„Nee, wenn ich dat meiner Berta erzähle. Dat glaubt die mir nich. Ich glaub dat ja selbst noch nich!“
Als ich mich endlich von dem Wildschweinschock son klein bissken erholt hatte, war die Treiberwehr längst weiter gezogen. Ich hörte sie auch nich mehr. Nur vereinzelt fielen noch Schüsse, dann war Totenstille im Wald. Nur der Wind rauschte, und die verdammten Nebelschwaden durchzogen den Wald.
Da stand ich armet Schwein nun mitten im dichtesten Urwald, wilde Tiere konnten mich jederzeit zerfetzen, und kein Mensch war weit und breit zu sehn. Die Knie schlotterten mir immer noch vor Aufregung.
„Willi, wat machsse jetz? Du muss überleben, du hass Familie. Die Heiligen haben dir eben geholfen, die helfen dir jetz auch. Du muss hier raus, verdammt noch ma!“
Ich hab den Kompass aussem Rucksack gekramt und gepeilt. Wie funktionierte denn dat Scheißding? Verdammt und zugenäht, der olle Fohlenberg hatte mir ja dat Gerät überhaupt nich erklärt!“
Also wühlte ich die Trillerpfeife hervor und blies da mehrfach aus Leibeskräften rein.
Siehe da, ein Wunder! Ein Schütze deutete mein Trillersignal richtig, antwortete laut mit „Hoooop“ und leitete mich, indem er wiederholt rief, Stück für Stück zu sich.
War dat denn die Möglichkeit! Wat meinen Se, wen ich da erspähte? Ich erkannte von weiem, den großen, alten Jägersmann, den Kerl mit die Knickerbockers und dem grünen Propeller. Mit seiner weiten, grünen Regenkotze und dem riesigen, breitrandigen Jagdhut stand er da am Waldrand wie ne rettende Lichtgestalt.
„Mensch, Willi“, dachte ich, „dat iss ja der Baron öchstpersönlich. Mein Retter!“
Ich trat näher und peilte auf sein reich verziertet Jagdgewehr. Dat hatte sogar goldene Abzüge. Er sprach mich an wie son ollen Haudegen vom Alten Fritz:
„Sag er mal, Treiber, hat er nicht Sau und Fasanen aus den Brombeeren gekloppt?“ Ich dachte: „In welchem Jahrhundert lebt denn dieser Waldkauz“:
„Jau “, sachte ich, „heiligste Durchlaucht, dat hat er.“
„Ihr Name?“
„Er heißt Püttmann, Wilhelm Püttmann, Klempnermeister, er kommt aus Herne.“
„So, so, Püttmann heißt er, guter, westfälischer Name aus dem Ruhrpott. Bin Hubertus von Ritterskamp. Ausspreche höchste Anerkennung, vorbildlicher Treibereinsatz.“
Auf einmal sprach er mich nich mehr inne dritten Personalie an. Ein Fuchs war dat.
„Beobachtete Sie mit dem Glas; vortrefflich getrieben, lieber Püttmann! Erkenne kolossalen Einsatz an Ihren Verwundungen. Sie schweißen ja immer noch an Haupt und Läufen. Bin Ihnen zu großem Waidmannsdank verpflichtet. Schaun Se mal, Daumensprung links, vierzig, dort an der dicken Buche! Durch Ihren heldenhaften Einsatz konnte ich dort diesen Urian erlegen. Bringt aufgebrochen gut 140 Kilo auf die Waage. Kuhlenkamp wird sich freuen. Hier, nehmen Se ma nen kräftigen Schluck von diesem Tröpfchen, und sagen „Hanniball“ zu mir, mein Freund, ich darf doch „Wilhelm“ sagen?“
„Bitte, gerne, aber iss dat nich zu viel Ehre fürn einfachen Treiber, ehrwürdigste, durchlauchtigste Heiligkeit von Ritterskamp?“
„Schnickschnack! Papalapapp“, antwortete er unwirsch mit ner abfälligen Handbewegung, „entweder ‚Hubertus’ oder ‚Hanniball’, mein lieber Wilhelm. Heute Abend sitzt du beim Schüsseltreiben neben mir, verstanden? Wir saufen den Keiler gemeinsam tot!“
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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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