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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ohne Abschied
Eingestellt am 24. 09. 2005 15:44


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KurzeXL
Festzeitungsschreiber
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Zum Jahresgedenken

Eine schreckliche Nachricht im Radio oder in der Zeitung, irgendwo aufgeschnappt und ebenso rasch wieder vergessen. T├Ąglich h├Âren wir sie und gelegentlich ber├╝hren sie uns f├╝r einen Augenblick. Manchmal aber sind wir pl├Âtzlich unmittelbar davon betroffen...
F├╝nf Uhr morgens:

Ich qu├Ąle mich, wie jeden Morgen um diese fr├╝he Stunde, m├╝de aus dem Bett. Das Radio l├Ąuft und w├Ąhrend ich mich gerade k├Ąmme, h├Âre ich beil├Ąufig die Nachrichten: "... ist in der Nacht ein Fu├čg├Ąnger durch einen Unfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen. Der Fahrer des Wagens konnte bisher nicht ermittelt werden. Berlin: Das Kabinett tritt heute nach der Sommerpause zu seiner ersten..."
Ich kaue an meinem Br├Âtchen, h├Âre noch das Wetter und bin in Gedanken bereits auf Arbeit.


In der Fr├╝hst├╝ckspause lese ich in der Kantine die Titelbl├Ątter der dort am Zeitungsst├Ąnder h├Ąngenden Tageszeitungen: "Schwerer Verkehrsunfall mit Todesfolge - Fahrer beging Fahrerflucht..." Auf dem gro├čen Foto sehe ich ganz deutlich den typischen Baustil der H├Ąuser in meinem Wohnviertel. Jetzt begreife ich auch den L├Ąrm, der diese Nacht durch die Sirenen der Einsatzfahrzeuge meinen Schlaf st├Ârte. F├╝r einen Augenblick stelle ich mir diese Szene vor, dann bezahle ich meinen Kaffee und gehe wieder an meinen Schreibtisch.


Als ich gerade ├╝ber einem schwierigen St├╝ck Arbeit sitze, kommt meine Kollegin aufgeregt ins B├╝ro: "Habt ihr schon geh├Ârt - der Tote heute morgen da bei dir an der Stra├čenecke...". Genervt schaue ich kurz auf. Ich hasse solche Tratschereien. Sie wei├č das, aber es scheint sie wenig zu st├Âren: "... das war der Enkel unseres Hausmeisters.", f├╝hrt sie ihre Rede fort.


Mit einem Ruck fahre ich auf. "Sven!" Der Schreck f├Ąhrt mir durch alle Glieder. Meine G├╝te, der war knapp 18 Jahre alt! Unsere Familien hatten lange gemeinsam in einem Haus gewohnt und mein Sohn war mit ihm noch immer befreundet gewesen.
In Gedanken sehe ich mich, wie ich damals Svens Schuhe zubinde oder seine Nase putze und wie er mit meinen Jungs im Hof Fu├čball spielt...

Der Tod hat pl├Âtzlich einen Namen und ich eine Verbindung zu ihm. Svens Tante war eine Kollegin von mir gewesen. Seit sie in eine andere Stadt gezogen war, hatten wir noch immer eine lockere Verbindung gehalten. Ob ich sie anrufen sollte? Mich schauderte. Nein, das kann ich nicht!
Meine Arbeit auf dem Schreibtisch war in weite Ferne ger├╝ckt. Ich sa├č da und bastelte die einzelnen Mosaiksteinchen meines Wissens um den Jungen zusammen. Es tat mir unendlich weh. Was ich noch immer nicht wusste: Es sollte noch schlimmer kommen!


Am fr├╝hen Nachmittag rief mich mein Gro├čer an. Er ist inzwischen 21 und hat eine eigene Wohnung. "Mama, hast du schon geh├Ârt? Sven hatte einen Unfall..." Mehr konnte er aber auch nicht sagen. Er war v├Âllig verst├Ârt! "Ich komme, so schnell ich kann.", sagte ich nur.


Ich machte an diesem Tage fr├╝her Schluss, an arbeiten war so ohnehin nicht mehr zu denken. Als ich in seiner Wohnung ankam, weinte er hemmungslos. Er war nicht zur Arbeit gefahren sondern wollte an den Ort des Unfalls. Aber derJunge hatte es einfach nicht allein geschafft. Jetzt fing er langsam an mir zu berichten, was am Abend zuvor geschehen war:


Sven und er waren vorm Kino verabredet. Er hatte sich reichlich versp├Ątet und der Film hatte bereits begonnen. Sven war sauer, er hatte sich seit langem auf diesen Abend gefreut. "Aber ich konnte doch nichts daf├╝r, ich war nur so lange noch im Dienst. Ich habe ihn noch angerufen. Meine Abl├Âsung war wieder mal nicht erschienen und ich musste noch warten...", erkl├Ąrte mir mein Sohn. "Ich wollte es ihm sagen, aber Sven hatte gar nicht zugeh├Ârt. Er war einfach nur sauer! Wir liefen dann durch die Innenstadt, um wenigstens noch irgendwo etwas zu essen. Wir haben uns die ganze Zeit nur gestritten, es war so schade um den Abend. Irgendwann ist Sven dann pl├Âtzlich los. Er sagte nur: "Du bist mir ein feiner Freund.", und hat mich dann einfach stehen lassen."
Jetzt konnte er nicht mehr weiter sprechen, die Tr├Ąnen liefen ihm ├╝bers Gesicht und er schluchzte laut.


Wir umarmten uns und weinten beide. Ich wei├č nicht, wer mir in diesem Augenblick wohl am meisten leid tat. "Mama,", sagte mein Sohn irgendwann: "ich habe mich gar nicht von ihm verabschiedet, wir hatten noch so viel zu bereden." Ein scharfer Schmerz durchbohrte mich erneut. "Das wird sich niemals nachholen lassen und es wird ewig in seinen Kopf weiter leben..." so meine Gedanken in diesem Augenblick. Ich musste irgend etwas tun, aber ich wusste auch nicht, was das sein sollte.


Wir redeten lange ├╝ber Sven, dachten zur├╝ck an sch├Âne, lange vergangene Tage mit ihm und lachten sogar manchmal leise. Es war schon fast dunkel, als ich sagte: "Komm, wir werden uns jetzt beide von ihm verabschieden!"
Wir setzten uns ins Auto und fuhren zum Unfallort. Dort lagen bereits eine ganze Menge Blumen, jemand hatte eine Kerze aufgestellt und ein Plakat aufgehangen. "Wir kriegen den M├Ârder!", war darauf zu lesen. Zum Gl├╝ck war niemand da, ich h├Ątte jetzt mit keinem anderen reden wollen. Wir setzen uns auf den Bordstein und schauten auf die Fahrbahn. Unaufh├Ârlich fuhren Autos dort lang, wo noch heute Nacht Sven gelegen haben musste...
Mich fr├Âstelte: Langsam begann mein Sohn zu sprechen. Er sprach mit Sven, er erkl├Ąrte sich, er entschuldigte sich, immer wieder gesch├╝ttelt von seinem lauten Schluchzen. Ich hielt seine Hand ganz fest und er dr├╝ckte die meine, dass es schmerzte. Je l├Ąnger er sprach, um so ruhiger wurde er. Es war sein Abschied von einem Freund, von dem er sich nicht mehr hatte wirklich verabschieden k├Ânnen.....


Tage sp├Ąter erfuhren wir St├╝ck f├╝r St├╝ck den Unfall-Hergang. Sven war nicht schuld an dem Unfall, der Fahrer des PKW war bei rot gefahren. Es war ein junger Mann gewesen, wenig ├Ąlter als Sven selbst es gewesen war. Noch am gleichen Tage hatte er sich der Polizei gestellt.
H├Ątte er jedoch angehalten und Hilfe geleistet, k├Ânnte Sven vielleicht noch leben - so hat das Gutachten sp├Ąter ergeben.


Aber Sven ist tot!


Eine schreckliche Nachricht im Radio, in der Zeitung, irgendwo aufgeschnappt und ebenso rasch wieder vergessen. T├Ąglich h├Âren wir sie und gelegentlich ber├╝hren sie uns f├╝r einen Augenblick. Manchmal aber sind wir pl├Âtzlich unmittelbar davon betroffen.

Ja, ich habe so etwas erlebt - sehr ├Ąhnlich jedenfalls. Das alles ist jetzt fast drei Jahre her.
Um die betroffenen Personen zu sch├╝tzen, habe ich mir erlaubt, die Details und Zusammenh├Ąnge ein wenig zu ver├Ąndern.

Wenn ich heute an dieser Stelle vorbei gehe, an der nichts mehr an diese schrecklichen Ereignisse erinnert, halte ich manchmal einen Augenblick inne und rede stumm ein paar Worte mit Sven. Beinahe so, wie mein Sohn das an jenem Tage tat. Auch ich hatte mich nicht verabschieden k├Ânnen und es gab doch noch so viel zu sagen....




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Euch viel Spa├č beim Lesen und mir konstruktive Kritik w├╝nscht
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Druckmaus
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Registriert: Aug 2005

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Hallo Kurze,

deine Geschichte hat mich innhaltlich ber├╝hrt und die Idee finde ich gut.
Aber ich h├Ątte mir den Aufbau der Story anders gew├╝nscht.
Deine Geschichte geh├Ârt meiner Ansicht nach eher in die Rubrik Tagebuch.
F├╝r eine Kurzgeschichte, fehlt die Spanung, die mich als Leser motiviert sie auch bis zum Ende zu lesen.


Viele Gr├╝├če Druckmaus





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Ig/Druckmaus

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flammarion
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wenn

du ab Aber Sven ist tot! das weitere wegl├Ą├čt, gewinnt das werk meiner meinung nach.
lg
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Old Icke

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KurzeXL
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2005

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Mag sein, danke f├╝r den Hinweis, Old Icke.

Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Hat noch jemand einen Hinweis, eine Kritik, eine Anmerkung? Ich w├╝rde mich freuen.

LG die Kurze
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