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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ohne Schuhe
Eingestellt am 16. 04. 2011 12:24


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Verboholiker
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2011

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Ohne Schuhe

Meine Schuhe, die vielleicht noch einiges ausgehalten h├Ątten, mir aber zu l├Ąstig geworden waren, fristeten weit hinter mir ihr Dasein. Zwischen korrekt geb├╝gelten Hemden, meiner wei├čen Hose, an deren B├╝gelfalte ich mich h├Ątte schneiden k├Ânnen, den in Reih und Glied h├Ąngenden, teilweise zu engen Krawatten, die meine Frau mir offensichtlich aus Verlegenheit zu diversen Anl├Ąssen geschenkt hatte, standen sie. Blubb.

Die wuchtigen, mit Eisen beschlagenen T├╝ren des Schrankes, der im Laufe der Zeit eine unsch├Âne, fast h├Ąssliche grau-braun-gr├╝n-gelbliche, fast ins dunkelwei├č stechende Farbe angenommen hatte, aber als antikes Erbst├╝ck meiner Frau nicht aus dem Inventar meines B├╝ros h├Ątte entfernt werden k├Ânnen, hatte ich fest vernagelt - kurz vor meinem Aufbruch, der hastiger nicht h├Ątte sein k├Ânnen.

Mein B├╝ro war mit einem kleinen Schreibtisch ausgestattet, dessen Schubladen nicht abschlie├čbar waren, und dessen Tischplatte nicht die angefallenen Korrespondenzen der letzten Zeit zu fassen vermocht hatte.

Viele Bl├Ątter waren wie fallendes Laub auf den mit grauen Streifen gemusterten Teppich gesegelt, w├Ąhrend ich versuchte, der wirren Papierflut ordnender Herr zu werden.
Das kleine, schmutzige Fenster lag zu hoch ├╝ber meinem Schreibtisch, als dass ich bei der Arbeit h├Ątte auf die Landschaft blicken k├Ânnen, und Licht fiel kaum hinein, wenn die Sonne die Seite des Hauses anstrahlte, die ihr zugewandt lag. So musste ich oft bei mangelndem Licht meine Gesch├Ąfte erledigen, was mich in den letzten Jahren einiges an Sehst├Ąrke hat einb├╝├čen lassen. Meiner Arbeit kam ich jedoch stets gewissenhaft nach, jedoch beschr├Ąnkte sie sich, nachdem meine Frau dies angeordnet hatte, auf mein kleines, viel zu schmales B├╝ro, denn die anderen R├Ąume des oberen Stockwerkes des Hauses waren, wenn man das Bad und den Ankleideraum hinzunimmt, von meiner Frau besetzt.
In ihrem N├Ąhzimmer, das links von meinem Zimmer gelegen war, stickte sie tags├╝ber mit Vorliebe kleine Karos auf quadratische Tischdecken, h├Ąkelte trotz sommerlicher Hitze winterliche Oberbekleidung, w├Ąhrend das Radio ihre Aktionen rhythmisch zu begleiten schien. Diese Arbeit mache frei, sie lenke von sonstigen Miseren ab. Eine alte, von einem schweren Fu├čpedal angetriebene N├Ąhmaschine, dessen mechanische Betriebsger├Ąusche oft das ganze Haus erf├╝llte, stand in der linken hinteren Ecke des Zimmers. Mit diesem Unget├╝m n├Ąhte sie Namensschilder auf die Handt├╝cher des Hauses, die jedoch nur eine geringe Halbwertszeit besa├čen, weil sie nach einigen Waschg├Ąngen unsch├Ân und unleserlich wurden.
Das Schlafzimmer lag rechts von meinem B├╝ro. Das franz├Âsische Bett mit seinen roten Bez├╝gen war auf der Seite meiner Frau, die stets links von mir zu schlafen pflegte, deutlich durchgelegen, wobei meine Seite noch flach und auch hart wie eine Tischplatte ein ruhiges Schlafen unm├Âglich machte. Die Oberdecke, nicht mehr als ein d├╝nnes, wei├čes Tuch, verbarg aber wie unber├╝hrt und von korrekter Hand geb├╝gelt das Bettzeug, das ich in einer Pariser Boutique g├╝nstig erstanden hatte. Den Rest des Raumes, ja die gesamte Wand jenseits des Bettes, nahm ein gigantischer, mit goldfarbenen Verzierungen beschlagener Kleiderschrank f├╝r sich ein. Er beherbergte Legionen von R├Âcken, Blusen und kratzigen, selbst gen├Ąhten, Oberhemden, die einem fast hastig entgegen gest├╝rmt w├Ąren, h├Ątte man den Schrank ohne Vorsicht leichtfertig ge├Âffnet.
Aber so wie meine Frau niemals mein B├╝ro betreten, ja meinen auf dem Trapez des Schreibtisches flatternden Korrespondenzen irgendeine Wichtigkeit zugeschrieben h├Ątte, mied ich mit wacher Vorsicht das Unget├╝m von Schrank, dessen Inhalt ich ebenso kein Interesse habe zukommen lassen wollen.
Nachdem ich meinen Schrank mit langen N├Ągeln f├╝r immer geschlossen und meine Schuhe in demselben vergraben hatte, verlie├č ich mit schnellen Schritten mein B├╝ro, marschierte ├╝ber den Flur, flog die verwinkelte Treppe hinab in die Vorhalle, die mir wie der letzte Posten eines langen Gewaltmarsches vorkam, dessen Abschluss mit sanfter Erleichterung fast zum Greifen, aber noch nicht f├╝hlbar nahe war. Er h├Ątte nicht hastiger sein k├Ânnen, mein Aufbruch. Aber es gibt Momente, die man nutzen muss. Ein Moment des Mutes, des Drangs, die T├╝r hinter mir zu schlie├čen, ohne Schuhe einfach los zulaufen, ohne kalte Tr├Ąnen, ohne falsche Abschiedsromancen, lie├č meinen nackten Fu├č vorsichtig, aber mit starker Entschlie├čung auf die vor der T├╝r des Hauses liegende, von weiblichen H├Ąnden mit einer niedlichen Einladung bestickten Fu├čmatte betreten.

I

Ich erinnere mich an den Abend, an dem ich aufgebrochen war, als sei die Szene vor meinem geistigen Auge eingraviert, als sei sie nicht aus meinem Kopf zu bringen. Ich war dort und ich bin jetzt dort, w├Ąhrend ich meine Gedanken in das ferne, aber doch so nahe Einst schicke.
Wenn ich die Augen schlie├če, gehe ich ├╝ber die Stra├če, sehe die gepflegten Vorg├Ąrten der Nachbarschaft, die wei├čen Fassaden, die mit schweren Gardinen verhangenen Fenster, hinter die man nicht mit dem angestrengtesten Auge h├Ątte blicken k├Ânnen, die von ankommenden Nachrichten leeren Briefk├Ąsten, deren Fahnen alle aufrecht standen wie um Aufmerksamkeit bem├╝hte Antennen in einem Gewitter.
Hier und da lugt ein Gesicht zwischen Vorhang und Fensterrahmen hervor, um sich hastig wieder in den dahinter liegenden Raum zu fl├╝chten, wenn mein Blick den ihren streift.
Der Spielplatz ist verlassen, die Schaukel pendelt ohne Kind im Wind, w├Ąhrend das Zwielicht alles in unwirkliche Farben taucht. Die Schule ist vor├╝ber, alle Kinder sind erwachsen geworden und haben die Stadt verlassen, um jenseits ihr Gl├╝ck zu versuchen.
Ich gehe die Stra├če entlang, bis ich die Ortsgrenze erreiche. Vor mir unbestelltes Feld mit trockenem Acker und, wenn ich meinen Blick auf das Feld jenseits des an meinen Weg angrenzenden Feldes richte, sehe ich Gebirge von verdorbenen R├╝ben, ├╝ber die sich eine Schar von aus meinem Blickwinkel her schwarz aussehenden V├Âgeln hermacht. Es k├Ânnten Kr├Ąhen oder Raben sein, denke ich. Sicher ist es mir aber nicht.
Der Feldweg wird d├╝nner und d├╝nner, bis er seine Form und F├╝hrung g├Ąnzlich verliert, bis er nur noch wie ein wahllos in die Landschaft gelegter Faden wirkt, der vom Wind hier und da unwillk├╝rlich verlegt wird, sodass ein Folgen g├Ąnzlich zur Unm├Âglichkeit w├╝rde, s├Ąhe ich nicht den aufsteigenden Mond, der mich wie ein Leuchtturm in seine Richtung, auf die der Weg grob zusteuert, zieht.
Ich schaue zur├╝ck, habe bereits eine gewisse Distanz erreicht. Die Stadt liegt ruhig und tot in der Landschaft, vereinzelte Lichter flackern im Flimmern der trockenen Hitze, die zu dieser sp├Ąten Stunde noch herrscht, eine Glocke wei├čen Rauches liegt ├╝ber den Bergen, die sich hinter der Stadt m├Ąchtig aufbauen. Es sind schwache, distale Feuer einer kleinen, abgeschlossenen Welt, einer langsam vergehenden Enklave, die ihre g├╝tige Schutzfunktion einst, aber vor schrecklich kurzer Zeit eingeb├╝├čt hatte. Mit diesem Gedanken im Kopfe, der mir fast zu zerspringen droht, drehe ich den Kopf auf zw├Âlf Uhr, pflanze meinen rechten Fu├č in ein spitzes Bett von Steinen, verlagere mein Gewicht auf diesen, begrabe sie unter meiner Sohle, f├╝hle das Stechen, schwinge den linken Fu├č an meinem rechten Kn├Âchel vorbei, um auch ihn auf den schneidenden Spitzen zu platzieren, dabei balanciere ich konzentriert mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und setze meinen Marsch fort.

II

Zeit spielte in meinem Vorhaben keine Rolle. Auch hatte ich kein Ziel bestimmt. Es wurde hell, es wurde dunkel, der Mond grinste mich mit prallen Backen in der Nacht an, die Sonne brannte manchmal, manchmal waren ihre Strahlen kalt und blass. Oft dachte ich an meine Frau, fragte mich mit einem Schmunzeln, welche Meinung sie nun von mir haben mag, nachdem ich das ach so kuschelige Nest derart beschmutzt hatte. Sie wird wahrscheinlich ihre Rosenzucht mit der Gartenschere, die farblich perfekt zu ihren dreckigen Schuhen passt, im geometrisch stimmigen Vorgarten bearbeiten, dachte ich. Schneiden, zum Beispiel in den Arm, wird sie sich nicht, nicht meinetwegen. Trotzdem sah ich einen Tropfen Blut, der am holzigen Stiel einer gez├╝chteten, mit Dornen versehenen Rose sich herab hangelte, um letztlich einen freien Fall in die Leere zu wagen. Scheinbar endlos fiel er, um letztlich in einer Pf├╝tze aus Dreck zu landen. Blut und Dreck, ich musste an eine Sepsis und an einen qualvollen Tod denken. Ein zerebrales V├Âllegef├╝hl trat nach einiger Zeit des Nachdenkens ein, also lie├č ich es bleiben.
In den Ruhephasen, also meistens mittags, wenn die Sonne besonders ungn├Ądig auf die Erde herab sah, schlief ich in wildem Gestr├╝pp abseits des Weges. Abends erwachte ich mit Erde und Getier in der Kleidung, meine F├╝├če waren angeschwollen wie Luftballons, und sie schmerzten heftig. Der Schmerz war brennend, in die Oberschenkel hochziehend. Ich dachte an eine Thrombose, sch├╝ttelte aber hastig den Kopf, zeigte mit dem Finger der Rechten auf meine Stirn, um mir selbst die Flausen aus dem Hirn zu treiben, und lief weiter. Die Zeit bremste mit jedem Schritt, den ich mit Schmerzen ging, ab, bis sie scheinbar still stand, bis der Schmerz sich selbst ├╝berholt hatte und fast ein Wohlgef├╝hl durch eine groteske ├ťberlagerung der Schmerzwellen und eine gewisse Taubheit und Unempfindlichkeit meines Gesamten K├Ârpers mit sich brachte.
Es war sp├Ąt geworden, und ich ging schon einige Zeit ohne Schuhe ├╝ber einen schmalen Weg, bis meine F├╝├če wieder heftiger zu schmerzen begannen. Ich dachte an meine Schuhe.
F├╝r einen Moment w├╝nschte ich sie herbei, dass sie sich, mit k├╝hlender Erde behaftet, meiner wunden Sohlen widmeten, um den brennenden Schmerz, den die unz├Ąhligen Steine, deren Masse kein Ende zu nehmen schienen, zu lindern. Ich tr├Ąumte, dass sie, obwohl sie an allen Stellen gezwickt hatten, meine nackten F├╝├če sch├╝tzten, damit sie sich nicht v├Âllig aufl├Âsten und zum Gehen ungeeignet w├╝rden. Auf blutigen Stummeln l├Ąsst es sich nicht gut gehen. Meine Vernunft, die zwar von der t├Ąglichen Sonne etwas ausgebrannt, aber noch verl├Ąsslich pr├Ązise funktionierte, vertrieb den Gedanken der drohenden Verst├╝mmelung meines K├Ârpers in die Tiefe, bis nicht viel mehr als eine fl├╝chtige Kontur desselben mich begleitete.
Ich erreichte einen ruhigen Fluss, an dem ich einige Zeit entlang ging. Im Mondlicht verrieten schimmernde Reflektionen seine Anwesenheit, die ich zuvor in Ermangelung einer h├Ârbaren Brandung nicht feststellen konnte.
Diese Welt war unbewohnt, aber ein kleiner, mit Kieseln bestreuter Weg schl├Ąngelte sich wie ein Zwillingsbruder des Flusses mit demselben zusammen durch die Gegend. Das Gehen wurde zusehends unertr├Ąglich. Also setzte mich auf eine Bank nahe des Flusses, abseits des gekennzeichneten Weges, um ├╝ber mein weiteres Vorgehen nachzudenken. M├╝de war ich geworden, und jeder Schritt steckte mir in Bein und Fu├č. Der Mond zeigte sich in voller Gestalt, ich geriet in einen schwarzwei├čen Traum.

III

Wenn meine Frau, verh├╝llt von falschen Tr├Ąnen ihr Gesicht, schwarz wallend ihr Kleid, w├Ąhrend sie die Schippe ergreift, gek├╝nstelt bed├Ąchtig inneh├Ąlt, um dann eine ordentliche Ladung Dreck aus dem am rechten Rand des Grabes befindlichen Reservoirs an Erde zu nehmen, um sie mir auf meine zwei Meter unter ihren F├╝├čen befindliche lachendes Angesicht zu schmei├čen, gegrinst h├Ątte, w├Ąre ich wahrscheinlich aus meinem Loch gestiegen und h├Ątte sie vor Gro├čmutter, Gro├čvater, Oheim, Tante und allen weiteren verlogenen Teilnehmern meiner Beerdigung mit brauner Erde beschmiert und gesch├Ąndet. Wenn ich wirklich gestorben w├Ąre, nat├╝rlich. Nachdem ich durch das sandig-trockene Ger├Ąusch von auf massives Holz treffender Erde kurzzeitig erwacht, einige Augenblicke v├Âllig desorientiert war, ├╝berkam mich ein gro├čes Gef├╝hl. Eine Macht, die st├Ąrker als mein logisches Denken, sogar st├Ąrker als meine Biologie war, ├╝berrannte mich. Meine zitternden Lider wurden f├Ârmlich zugenagelt, nachdem von unendlichen Gewichten heruntergerissen.

IV

Blind st├╝rzte ich mit hastigen F├╝├čen einen finsteren, schief angelegten Gang herunter, ohne mich an dem zersplitterten Handlauf, der nur locker in die br├╝chige Mauer genagelt worden war, halten zu k├Ânnen, nur die Echos meiner nackten Sohlen durchschnitten stumpf die Grabesstille, nur der dreckig-nasse Moder meines Kellers schoss mir in die Nase, vergrub meine Sinne unter einer kalten, triefenden Last. Und die Dunkelheit wurde von fliegendem zu hastigem Schritt sch├Ąrfer und grausamer. Meine Frau, mit blutiger Schere und schmutzigen Schuhen, flammte mir durch den Geist wie ein Blitz, der sich mit unz├Ąhligen Ver├Ąstelungen nach mir griff. Aber die Dunkelheit des Gew├Âlbes lie├č meinen Gedanken wie einen prall gef├╝llten Ballon platzen; Ich sp├╝rte f├╝r eine Sekunde seinen letzten Hauch auf meiner schwei├čnassen Stirn. Fast w├Ąre ich gefallen, aber ich konnte mich an den W├Ąnden des Ganges mit zitternden H├Ąnden, nachdem ich mit denselben einige Meter fallend an ihnen entlang gerieben war, auffangen und st├╝tzen. Mein Fall wurde langsamer, jedoch nicht g├Ąnzlich gebremst. Ein Schlag in der Stille, der meine Sinne wieder erhellte, kam mir vor Kopf und Brust. Eine massive Wand schien vor mir in der Finsternis zu sein. Ich kam just zum Stehen. Meine Ged├Ąrme rebellierten, eine latente ├ťbelkeit errang die ├ťberhand, und ich erbrach Blut und Wasser in die Finsternis, h├Ârte jedoch kein Pl├Ątschern, kein Auftreffen meines Erbrochenen auf den Steinboden. Ich dachte an das Ende, an den letzten Hauch der Sterbenden, der in der Klinik Tagesordnung gewesen war, an den Zerfall aller Materie, atmete heftig, fasste mit meiner Linken in die Finsternis, ergriff einen glitschigen T├╝rknauf, drehte links, zog meine Hand zur├╝ck, h├Ârte ein leises Ticken, h├Ârte, wie sich nacheinander der Mechanismus von vier Schl├Âssern n├╝chtern klickend in Bewegung setzte, griff mit dem Vorsatz, diesen noch einmal zu drehen erneut nach dem T├╝rknauf, sp├╝rte ein seichtes Vibrieren in meiner Hand, und die T├╝r sprang mit einem schwachen ├ächzen einen schmalen Spalt auf. Das Licht des neuen Sternes brannte gnadenlos in mein Gesicht, meine Haut dampfte vor Hitze. Meine Frau sitzt auf einem Gartenstuhl der Veranda unseres Hauses, sie hebt die linke Hand und winkt mir wie eine Schaufensterpuppe, die an F├Ąden h├Ąngt, zu, w├Ąhrend ich versteckt in der Dornenhecke des Nachbargrundst├╝ckes knie, sie aus meinem Schatten beobachte. Und ich ├Âffne die Augen, mein Gesicht schmerzt, die Sonne scheint Stunden gebrannt zu haben.

V

Ich schaue mich um. Im grellen Licht erschien mir der Weg nicht mehr gewiss. ├ťberhaupt, nachdem ich aus meinem Schlaf erwacht war, kam mir die Umgebung unter der Sonne fremd vor. Die eichengleichen B├Ąume der letzten Nacht waren zu Birken, die Weiden zu Tannen und die Fliegenpilze, deren getupfte Schirme mir in der Nacht am Wegesrand leuchtend begegnet waren, Champignons geworden. Verlaufen hatte ich mich in der letzten Nacht, das konnte ich feststellen. Auch der Weg, an dessen Seite meine Bank stand, war nicht mehr der, den ich in der Nacht zuvor beschritten hatte. Ich kniete mich nieder, nahm eine Hand voller Kiesel des Weges, lie├č sie wieder auf diesen rieseln. Nichts geschah. Ich grub meine Hand wieder in den kieseligen Boden, entnahm demselben eine ordentliche Hand voller Steinchen. Sie waren eher rund und abgeschliffen, wie von der Natur in eine ovale Form gefr├Ąst, lie├č sie erneut St├╝ck f├╝r St├╝ck auf den Weg fallen. Ein kleiner Haufen wilden Kiesels entstand so vor meinen F├╝├čen. Einige Zeit grub und kieselte ich weiter, bis meine Fingerspitzen zu schmerzen begannen. Pl├Âtzlich sah ich es. Auf einem der runden Steine klebte eine rote Substanz, ein Fingerabdruck, dessen rostbraune Farbe ich, indem ich schaute und leckte, als Blut identifizierte.
W├Ąhrend ich kniete, dachte ich an Blut und Erde, an Kiesel und Wege. Und ich tr├Ąumte von meiner Kindheit, als ich im Sommer in der lebenden und fl├╝sternden Blumenwiese hinter meinem Elternhaus lag, mit einem nach m├Ąrchenhafter Natur schmeckenden Grashalm im Mund, w├Ąhrend die abendliche Sonne ein warmes Licht erzeugte, und die Insekten belauschte, die um mich herum, ja vielleicht nur f├╝r mich, ihre Schlaflieder sangen. Ein Schmetterling mit pr├Ąchtigen Fl├╝geln landete auf meinem Bauch; ich erhob vor Freude ein kindliches Kichern, das den durch meinen wackelnden Bauch zum Wegfliegen gebrachten Schmetterling erneut seine tiefblauen Auge auf meine treffen lie├č. Ich sah meine Gro├čmutter, die mit ihren faltigen H├Ąnden behutsam nach meiner zarten, wei├čen Hand griff, um sie fest zu halten, und mir eine kleine Geschichte zu erz├Ąhlen. Und ich war ganz Kind. Ich tr├Ąumte von warmen Decken, von den gepolsterten W├Ąnden meines Kinderwagens, von Pl├╝schtieren, die mir wie stumme, aber liebevolle Genossen schienen, von undefinierbaren Objekten, die mir mit verniedlichenden Gesten und unverst├Ąndlichen Ger├Ąuschen in meinem Kinderwagen mit riesenhaften H├Ąnden vor mein zahnlos lachendes Gesicht gehalten wurden. Und ich war ganz S├Ąugling. Ich tr├Ąumte von dumpfer Musik, von Bewegung, von warmen Stimmen, von liebender Mutterw├Ąrme, von rotem Licht, das mich wie ein Meer aus Rosen umstr├Âmte. Ich blickte auf die ultimative Fusion, sah den Anfang und das Ende.
Ich richtete mich auf, indem ich meine F├Ąuste in den kieseligen Boden rammte, w├Ąhrend mir ein Gef├╝hl unendlicher Sicht auf alle Dinge kam. Ich stand, meine Pupillen vibrierten, und erhob meinen Blick in den Himmel, und ich wurde ├╝berw├Ąltigt.

VI

Im Anfang wurde die Finsternis von einem kleinen Stern erf├╝llt. Er war zun├Ąchst nur ein Nadelstich in der gro├čen, schwarzen Decke, welche die Welt zu umh├╝llen schien. Wie ein kleiner, unbedeutender Punkt in der Unendlichkeit des Nichts. Aber das Leben schien aus ihm zu sprudeln, denn er pulsierte ÔÇô zun├Ąchst sachte, dann immer heftiger - und er wurde gr├Â├čer, wurde gewaltig, er erf├╝llte alles, ob Totes oder Lebendes, die Umh├╝llung zerplatzte, und er lie├č seine Strahlen auf die dunkle Welt fallen. Im Himmel zeichnete sich ein Dreieck ab, und es war voller Sterne jeder erdenklicher Form und Farbe, und es war voller Nebel, die wie Spiralen oder Ellipsen geformt waren.
Voller Funken, spr├╝hend vor hellem Licht, und mit unendlicher Energie geformt, schossen die Strahlen des Sternes in alle Weiten. Und dort, wo sie nieder kamen, Pflanzten sie neue Lichter, aus denen wiederum das Leben quollt.
Ich schoss los, flog durch Gebirge, durch W├Ąlder und ├╝ber Ozeane des Lichtes, in denen ich h├Ątte vergehen wollen, wenn ich nicht durch eine gro├če Kraft weiter getrieben worden w├Ąre. Eine Schlucht mit blauem Gestein an deren R├Ąndern tat sich auf, ich ├╝berflog sie mit rennendem Herzen, sah gigantische B├Ąume im Tal, deren Kronen den Himmel streichelten, erblickte jungfr├Ąuliche Leere unter, neben und ├╝ber mir. Zu gerne h├Ątte ich angehalten, um diese neuen Welten zu sehen, aber es zog mich weiter. Der Augenblick entflammte mich mit seiner ├╝ppigen Sch├Ânheit. Ich schlug mit dem LidÔÇô es wurde wieder dunkel.

VII

Ich erschien in einem wei├čen Raum, der wie mein Wohnzimmer ausgestattet war, hinter mir eine sich in diesem Moment schlie├čende T├╝r, B├╝cherregale an den W├Ąnden, ein Sofa mit rundem Beistelltisch, keine Fenster.
Ein grauer Mann mit verkniffenen Augen sa├č an einem Tisch, den ich in der Mitte des Zimmers positioniert hatte. Ein Teller, Gabel und Messer, ein edler Kelch, und ein zur H├Ąlfte verspeister Kuchen auf dem Tisch. Nachdem er meine Anwesenheit bemerkt hatte, schaute er mit tr├╝ben Augen auf und blickte auf meine H├Ąnde. Ich hielt eine verwitterte Schiefertafel in den H├Ąnden. Er legte ruhig die Gabel neben den Teller, um seine Hand zu erheben und auf die Tafel in meinen H├Ąnden zu deuten.
Ich senkte meinen Blick auf die in meinen H├Ąnden befindliche Tafel, schaute, konnte aber nicht sehen. Buchstaben, die mir v├Âllig fremd erschienen, bildeten Worte, die ich nicht verstehen konnte, S├Ątze, die f├╝rchterlich lang anmuteten, ergaben einen f├╝r mich unleserlichen Text.
Der graue Mann schmunzelte, seine Augen blitzen einen Augenblick vor kindlicher Freude. Er bewegte die Hand, mit der er zuvor auf mich gezeigt hatte, langsam einige Zentimeter nach rechts.
Ich drehte meinen Kopf in die angezeigte Richtung.
Ein mannshoher Spiegel an der Wand sah mich fragend an, ich z├Âgerte einen Augenblick, versuchte das gro├če Ganze zu verstehen, und ging hin├╝ber.
Verwirrt haftete mein Blick nun wieder auf dem Mann am Tisch. Er sprach kein Wort, aber lie├č eine zaghafte Geste der Zustimmung, der Best├Ątigung erkennen, und das machte mir einen seltsamen Mut.



VIII

Ich hielt die Tafel tief in den Spiegel, der mir mit seinem glasigen Blick dieselbe f├Ârmlich aus der Hand rei├čen wollte, und schaute gespannt in das Spiegelbild. Aber dort, w├Ąhrend ich konzentriert auf die gespiegelten Buchstaben starrte, erf├╝llte mich ein gro├čer Schauer.
Die Worte, die ich las, konnte ich fast begreifen, aber nicht verbalisieren. Sie schienen greifbar, aber unendlich fern zu sein. Sie waren Gef├╝hle, gleichsam Lust und Drang, Freud und Leid. Alle Sterne, alle Galaxien wohnten ihnen inne. Und mein Mund konnte keinen Laut hervorbringen, wenn ich an die Tafel dachte. Ich las, ich verstand, ich-
Die Unsicherheit, die in mir auf kam, blieb dem Mann am Tisch nicht unbemerkt. Er fing an zu kichern, z├╝gelte sich selbst f├╝r Sekunden, indem er eine Hand diskret vor den Mund hielt, steigerte sich jedoch letztlich in ein h├Âflich angenehmes, aber mich peinlich ber├╝hrendes Lachen. Der Finger, der auf den Spiegel gezeigt hatte, wurde Teil einer kr├Ąftigen Faust, die mit einem dumpfen Schlag auf den vibrierenden Tisch krachte. Der Kelch auf dem Tisch wankte kurz, kippelte auf seiner kreisrunden Basis, drehte sich fast elegant mit einer Pirouette, fiel um, und der rote Wein tr├Ąnkte die wei├če Tischdecke wie Blut, das auf Schnee trifft. Schnell breitete sich der rote Fleck aus, bis er eine unsch├Âne Gr├Â├če auf dem sonst reinen Tisch an nahm. Der Mann ├Âffnete die Augen jetzt g├Ąnzlich, seine Z├╝ge entglitten zusehends, er fauchte ger├Ąuschlos in meine Richtung, w├Ąhrend er mit einer vollen Hand in den Blutfleck auf der Tischdecke schlug, und sein aschgraues Gesicht mit roten Punkten ├╝bers├Ąt wurde. Er erhob die andere Hand, formte eine m├Ąchtige Faust, lie├č sie auf den halben Kuchen auf den Tisch nieder fahren, sodass dessen Bestandteile quer ├╝ber den Tisch und in sein Gesicht verteilt wurden. Ich stand wie festgenagelt, die Tafel in meiner Hand wurde pl├Âtzlich schwerer und schwerer, sodass ich sie nicht mehr zu halten vermochte. W├Ąhrend sie mir aus den Fingern glitt und fiel, drehte sie sich einmal um die eigene Achse, brauchte eine kleine Ewigkeit, bis sie dieses Man├Âver vollendet hatte, und zerbarst mit ihrer vollen Breite und einem lauten Splittern auf dem wei├čen Marmor in viele kleine St├╝cke, die wie Sternschnuppen auf dem Grund zu flitzen und zu verschwinden schienen. Ja, sie l├Âste sich v├Âllig auf, nur die Worte, die ich im Spiegel gelesen hatte, waren noch vor meinem geistigen Auge pr├Ąsent.
Auch sie waren eingraviert. Und meine Frau steht hinter ihnen, mit blutiger Schere bewaffnet, grinsend ihr Gesicht. Aber ein Nicken meinerseits lie├č das Blut trocknen, lie├č die Schere verrosten, sogar in ihren Krallen zu Staub zerfallen. Ihre Z├╝ge ver├Ąnderten sich insofern, dass ich pure Furcht in ihnen lesen konnte.
Der graue Mann erhob sich etwas m├╝hselig von seinem Stuhl, seine Gelenke knackten wie die Glieder einer alten Marionette, er ging mit langsam schlurfenden Schrittes zur T├╝r, aus der ich einst gekommen war, ergriff den T├╝rknauf, den ich einst gedreht hatte, wendete fast h├Ârbar ├Ąchzend seinen Kopf, blickte mich ein letztes Mal ├╝ber die Schulter mit nun hellwachen Augen an, und hielt f├╝r einen kurzen Augenblick inne.


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