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Leselupe.de > Kurzprosa
Ohne Worte
Eingestellt am 04. 04. 2004 17:24


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Ann-Kathrin Deininger
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Registriert: Sep 2000

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Ohne Worte

Und nun liegst du vor mir so still, blass und bleich, ganz ohne Worte und schweigsam, erf├╝llt von Stille und tiefer Ruhe mit jedem Atemzug. Aus den B├Ąumen rinnt langsam der feine Regen in Tropfen. Eine gl├Ąnzende Perle tropft hinab, ber├╝hrt deine blo├če Haut und rinnt langsam hinab, sucht ihren Weg prickelnd und kalt ├╝ber deinen nackten K├Ârper.
K├╝ssend w├╝rde ich ihm gern folgen ├╝ber deinen herrlichen Leib, doch ich wage es nicht, wage nicht, dich zu wecken, die Stille zu brechen, die Ruhe zu st├Âren, der K├Ąlte wegen. Ich bin lieber wie du schweigsam und verbleibe ohne Worte, denn ich liebe die Stille, ich liebe die Ruhe oh, wie sehr liebe ich dich. So sehr liebe ich dich, kann meinen Blick kaum von dir wenden und sto├če endlich hinein, sp├╝re wie der Erdboden sich spaltet und beginne zu graben.
Wie liegst du da, so still und so sch├Ân, so wundervoll sch├Ân ohne den Makel der Worte und eine Str├Ąhne deines Haars weht im Wind. Es schimmert gl├Ąnzend im Mondschein und wirkt so lebendig und nicht stumpf wie im Sonnenlicht. Ich strecke die Hand aus und m├Âchte es streicheln, wie ich es tat, als du neben mir lagst. Nur sanft w├╝rde ich es ber├╝hren, du wirst es nicht einmal merken, meine Fingerspitzen werden sich davonstehlen so schnell, nur hinterlassend den fl├╝chtigen Schein einer Ber├╝hrung.
Ich strecke sie aus und der Wind weht und sie ber├╝hren dein Haar und es ist kalt, so kalt. Ich schrecke zur├╝ck und betrachte dich, schweigsam und ohne Worte. Meine Finger kribbeln vor Leben und ich w├╝rde es dich so gerne sp├╝ren lassen. Aber ich wage es nicht. Ich trete die Schaufel in den Boden und grabe. Es f├Ąllt mir schwer, das Erdreich ist fest und meine Schultern schmerzen. Doch ich gebe nicht auf und grabe weiter, durchbreche die Wurzeln und verscheuche die W├╝rmer.
Wie sehr liebe ich dich, versinke im Anblick deines kleinen, schwachen, gekr├╝mmten Leibes und biete dir meine St├Ąrke, diese St├Ąrke, die meine Muskeln antreibt und meinen Geist beherrscht. Ich blicke in dein Gesicht, in deine Augen, diese blauen, wunderbaren Augen voller ungetr├╝btem Glanz, ein Hauch von Gr├╝n ist auch darin und es ist dieses Gr├╝n das ich liebe, das ich wie keine Farbe mit dir verbinde, es ist deine Farbe und ich liebe sie daf├╝r.
Ich sehe tief in deine Augen und erblicke die Scheu und die Angst und die Sehnsucht. Ich habe immer gesehen, wie du dich f├╝rchtetest vor den Menschen, der Welt und den Fehlern, wie du geflohen bist vor den Menschen, wenn die Worte dich verlie├čen, still und ohne Worte bist du geflohen; wie du die Fehler gemacht hast ohne es ├Ąndern zu k├Ânnen, wie du die Welt vergessen hast ├╝ber deiner eigenen Welt, in der du keine Angst haben musstest, weil nur dir diese Welt geh├Ârt – und mir.
Ich habe dir meine St├Ąrke geliehen und du konntest mir nur die Furcht geben. Doch ich werde dich nicht verlieren, du wirst stets bei mir sein, ich liebe dich und ich brauche dich, wir sind eins miteinander, zusammengef├╝gt ohne Kn├Âpfe und Naht, wir bleiben vereint in der Unendlichkeit. Du stimmst schweigsam zu, ohne jedes Wort, aber ich wei├č es, du liebst mich und ich verstehe dich ohne dich zu h├Âren.
Salzig w├Ąscht der Regen meinen Schwei├č von mir und er ist dicht jetzt, ein Schauer voll N├Ąsse und K├Ąlte. Der Boden wird schwerer, feucht klebt das Erdreich an meiner Schaufel und sie wiegt so schwer, so unendlich schwer, aber ich trage sie, ich habe die St├Ąrke, ich hebe sie, ich grabe.
Ich grabe und k├Ąmpfe gegen die Schmerzen, doch mein ganzer K├Ârper ist Schmerz. Einen Moment will ich ruhen, mein Blick gleitet ├╝ber dich und diesmal wage ich es, beuge mich leicht zu dir hinab, studiere deine Lippen, die schmalen, blassen, roten Lippen und ich k├╝sse sie sanft. Sie sind kalt und ich weiche zur├╝ck vor dir und grabe, doch nicht f├╝r lange, denn ich f├╝rchte dich nicht.
Ich f├╝rchte dich nicht, ich trachte nach deinem Leben, denn es geb├╝hrt mir, deine einzige Waffe ist deine Schw├Ąche und die Angst in deinen Augen. Ich schlage sie mit meiner St├Ąrke und hebe dich auf, deinen schlanken, makellosen Leib. Der Mond schimmert auf deiner Haut und das Wasser l├Ąuft an dir hinab und ich trage dich und lege dich nieder und ich bette dich in das Erdreich.


Ich bette mich in das Erdreich und sehe den Mond ├╝ber mir, so fahl und blass, ich rieche die nasse, w├╝rzige Erde und blicke hinauf und du stehst da und blickst hinab auf mich, still, blass und bleich und ganz ohne Worte. Dein zierlicher Arm hebt die Schaufel und Erde f├Ąllt herab und sie ist feucht und kalt und ich f├╝rchte sie. Doch du stehst dort oben und schaufelst Erde hinab, du warst niemals so sch├Ân wie in diesem Moment, voll deiner stillen St├Ąrke und ohne Worte begr├Ąbst du mich – und ich liebe dich.

__________________
Ein Raum ohne B├╝cher ist wie ein K├Ârper ohne Seele.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Ann-Kathrin Deininger,


eine sensible symbolische Geschichte, die ich unter Kurzprosa sehr gut platziert finde, denn das Atmosph├Ąrisch-Bildhafte tritt gegen├╝ber der Handlung deutlich in den Vordergrund.

Wenn sich die Bilder der Begrabenden und der Begrabenen am Ende pl├Âtzlich drehen, ist das wie ein schockhaftes Erleben und das ist sicher der H├Âhepunkt und die Kunst deiner kurzen Prosa.

Nun lass mich sagen, dass ich hier und da ein wenig unter der Wortwahl litt. Im ersten Abschnitt ist alles klar, zwar ein gehobener Stil, aber doch f├╝r mich ganz ├╝berzeugend.
Die erste Wortkombination, die mich den Kopf leicht wiegen lie├č, war ÔÇ×dein herrlicher LeibÔÇť. Es ist f├╝r mich nicht die Sprache der Gegenwart ÔÇô obgleich deine Prosa ganz in der Moderne angesiedelt ist ÔÇô, sondern ein Sprachrelikt aus der Lyrik oder aus der Romantik. Kann man Wendungen und W├Ârter dieser Art heute anders als ironisch oder zitierend gebrauchen? Ich frage nur. Vielleicht ist es ja wieder m├Âglich. Vielleicht kann ich ja nur aus meiner ÔÇ×modernistischenÔÇť Haut nicht heraus. Handke und Botho Strau├č leisten sich ja seit Jahren eine geradezu weihevolle Sprache. Vielleicht werde ich also dem Text in diesem einem Punkt, der Wortwahl, mit meinem Blick nicht gerecht. Aber es geht hier schlie├člich um pers├Ânliche Eindr├╝cke und nicht um allgemeing├╝ltige Werturteile.

Das, was du schilderst, die gesamte Szene ist sehr stimmig durchgehalten, wie ich meine. Trotz der Frage nach der Wortwahl (Stilebene) eine f├╝r mich gelungene, genau komponierte Prosa, die sogar am Ende in eine ganz neue Dimension vorst├Â├čt. Das ist das Wesentliche.

Beste Gr├╝├če
Monfou

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