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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Oktoberwind
Eingestellt am 22. 10. 2002 00:40


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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Oktoberwind


„Adrian hat gestern in der Schule einen Klassenkameraden verpr├╝gelt.“, erz├Ąhlte mir Elke und ein ausf├╝hrlicher Bericht ├╝ber die Entstehung des blauen Fleckes an Adrians Ellenbogen folgte. Ich jedoch h├Ârte kaum hin, meine Aufmerksamkeit galt der Vorbereitung meiner Hochzeit. Noch drei Wochen und ich w├╝rde vor dem Standesamt stehen und mit Salih gemeinsam ein neues Leben anfangen.
„Hast du dein Brautkleid noch?“, fragte ich Elke unvermittelt, wusste sie doch noch gar nichts von der Hochzeit, geschweige denn von Salih.
„Ja, warum?“
„Ich werde am 19. November heiraten.“ So, nun war es raus. Mein Herz pochte wie wild, ich war nerv├Âs und zitterte innerlich.
„Wen?“
„Meinen Freund.“
„Seit wann kennt ihr euch?“
„Ist das wichtig?“
„Nicht unbedingt. Warum hast du mir nichts von ihm erz├Ąhlt?“
„Ich wei├č es nicht. Wahrscheinlich weil ich es selbst noch nicht begreifen kann.“
„Wie hei├čt er?“
„Salih, aber alle sagen Seggy oder Mohamed zu ihm.“
„Er ist T├╝rke?“
‚Oh nein, nun kommt sie mir mit dem Schei├č, wenn ich ihr sage, dass er ein Marokk ist, wird sie bestimmt ├╝ber mich herfallen und versuchen, mir die Hochzeit auszureden.’
„Nein, er ist Marokkaner und lebt schon sehr lange in Europa.“, warum habe ich jetzt gelogen, verflucht ich wollte Elke nicht anl├╝gen und hab es doch getan.
„Wann lerne ich ihn kennen und was sagt Marlene dazu?“
„Morgen wirst du ihn kennen lernen, ok?! Und meine Mutter wei├č nicht, dass ich einen Freund habe und sie wei├č nicht, dass ich heiraten werde. Sie w├╝rde mir den Kopf abschlagen und mir es ausreden wollen, so wie damals, als ich mit Karl-Heinz verlobt war.“
„Aber das war doch was anderes, damals warst du noch zu jung ...,“ ich fiel ihr ins Wort und wurde dabei laut: „... zu jung? Ich war zu jung? Ich war erstens schon ├╝ber achtzehn und zweiten in diesen schei├č Kerl verliebt und drittens war ich schwanger von ihm. Was also war der Grund?“, ich war w├╝tend.
„Schrei mich nicht an. Ich kann nichts daf├╝r.“, versuchte Elke in einem beruhigenden Ton mir zu erkl├Ąren.
„Nein. Du nicht. Ich etwa?“, fragte ich ironisch.
„Frag Marlene.“
„Glaubst du wirklich, dass ich das nicht getan habe? Ich habe sie gefragt, ob sie mich wirklich vor die T├╝r gesetzt h├Ątte, wenn ich das Kind bekommen h├Ątte. Damals hatte ich nicht die Kraft zum Kampf, ich wei├č nicht warum ich mich habe so unterdr├╝cken lassen. Ich habe mein eigenes Kind get├Âtet.“ Tr├Ąnen brannten in meinen Augen. Ich war wieder an dem Punkt meines Lebens angekommen wo ich nicht wusste, ob ich das Richtige tat.
Elke reichte mir ein Taschentuch, steckte eine Zigarette an und reichte sie mir her├╝ber.
„Hast du schon mal mit ihr dar├╝ber gesprochen?“, wollte sie wissen.
„Einmal ... sie hat abgeblockt. Es sei alles nicht so schlimm gewesen. Ich leide heute noch darunter, ich habe mein Kind get├Âtet. Elke, du als Mutter von vier Kindern, sag mir was ich falsch gemacht habe.“
„Ich wei├č es nicht. Ich kann dir das nicht sagen. Ich kann dir nur zuh├Âren.“
„Als ich damals beim Frauenarzt war, da war ich zuerst allein in der Praxis, es war der Arzt meiner Mutter. Der Termin war schon recht fr├╝h, wenn ich mich recht daran erinnere. Als er mich dann untersuchte, f├╝hlte ich mich wie ein St├╝ck Fleisch. Ich wei├č auch nicht, mir war nicht wohl. Dann musste ich mich wieder anziehen und im Wartezimmer Platz nehmen. Es dauerte lange, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich malte mir aus, wie mein Bauch immer dicker wurde, wie ich das Kind in mir sp├╝rte und wie ich mein Kind sp├Ąter in meinem Arm halten werde. Das Ergebnis des Schwangerschaftstestes kannte ich nicht, und doch habe ich es insgeheim gewusst. Dann sah ich meine Mutter durch die Praxist├╝r kommen. Sie l├Ąchelte nicht, ihr Gesicht war wie versteinert. Zielstrebig kam sie auf mich zu und sagte mir: ‚Wenn du schwanger sein solltest und du keine Abtreibung machen l├Ąsst, kannst du heute noch deine Koffer packen.’ Elke, ich hatte angst. Ich wusste nicht wohin.“
In der Zwischenzeit hatte ich die Zigarette bis zum Filter geraucht und dr├╝cke sie im ├╝berquellenden Aschenbecher aus. Elke schenke Kaffee in meine Tasse nach. Im Kinderzimmer konnten ich die Kinder h├Âren, sie spielten wahrscheinlich mit ihren Autos und Adrian, der ├älteste, versuchte in dem Chaos eine Struktur zu erkennen oder wenigstens seine Geschwister zu einem vern├╝nftigen Spiel zu bringen.
„Warum bist du nicht ins Frauenhaus gegangen?“
„Frauenhaus, betreutes Wohnen, Familienf├╝rsorge, Mutter und Kind-Heim, von all dem, Elke, hatte ich keine Ahnung. Ich war mit meinen achtzehn Jahren blind, naiv und ein Kind, das beginnt erwachsen zu werden. Ich habe bis dahin mit Leidenschaft Eishockey gespielt, habe mich gern mit Freunden getroffen, habe Partys gefeiert und habe mich am├╝siert. Aber sexuell gesehen hatte ich null Erfahrungen gehabt. Ich wei├č, ich bin ein Sp├Ątz├╝nder. Mit achtzehn noch Jungfrau, das glaubt mir doch eh keiner.“
„Doch, ich glaube dir das. Du hattest einfach andere Priorit├Ąten in deinem Leben. Dir war der Spa├č in der Gruppe mehr Wert, du wolltest einfach Leben.“
„Ja schon, aber ├╝berleg mal, hatte ich einen Freund? Nein, hatte ich nicht. Hatte ich jemand, mit dem ich knutschen konnte? Nein, hatte ich auch nicht. Hatte ich jemals das Gef├╝hl gehabt dass mich jemand liebt? Nein, das Gef├╝hl habe ich heute noch nicht.“
„Und warum willst du nun heiraten?“, fragte mich Elke.
„Weil ich wahrscheinlich nicht allein sterben will. Ach, ist doch egal. Er will mich heiraten und das reicht mir schon.“, sagte ich bestimmend. „Hast du noch dein Brautkleid?“, f├╝gte ich hinzu.
„Ja, wenn du willst, kannst du es anprobieren.“ Dann standen wir auf und gingen ins Schlafzimmer.


Rene├Ę Hawk ┬ęNovember 2001

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Arkona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2002

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Hallo Renee,

klingt fast genau wie die Geschichte einer Kollegin, deren 18-j├Ąhrige Tochter vor Jahren schwanger wurde. Sie besorgte ihrer Tochter sofort einen Abtreibungstermin bei ihrer Frauen├Ąrztin, weil der Mann ( Opa in spe )von der Schwangerschaft nichts erfahren sollte. F├╝r mich war das Verhalten dieser Kollegin schockierend. Nochzumal ich zu dieser Zeit insgeheim gehofft hatte, selbst bald Oma zu werden. Leider hat sich dieser Wunsch bis heute nicht erf├╝llt.
herzl. Gr├╝├če
__________________
Arkona

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Arkona,

es liegen nun viele Jahre (16) dazwischen und ich kann immer noch nicht verzeihen, wahrscheinlich werde ich es auch niemals k├Ânnen, denn f├╝r mich ist mein sehnlichster Wunsch (trotz allen der Medizin zur Verf├╝gung stehenden Mitteln) nach eigenen Kindern nicht erf├╝llbar.
Doch wie sagt man so etwas seiner eigenen Mutter ohne es als Vorwurf klingen zu lassen?

Danke

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Tekky
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

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Rene├ę,

ich habe meine eigenen Ansichten zu dem Thema, aber Dein Text zusammen mit Deinem Beitrag oben machen mich betroffen.

Lieber Gru├č

__________________
Wenn es Sinn hat, etwas zu machen, dann hat es auch Sinn, es schlecht zu machen.(Gilbert Keith Chesterton)

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Guten Morgen Tekky,

viel dank f├╝r deinen lieben Beitrag.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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