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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ole, Ute, meine Ex und ich (Hörbuch)
Eingestellt am 21. 03. 2014 20:37


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Art.Z.
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Ole, Ute, meine Ex und ich

Zu Lebzeiten war ich ein gütiger Mensch. Ich half jedem, wo ich konnte, ohne das angebrachte Honorar zu verlangen. Gott richtet uns alle im gleichen Maße, und wer war ich schon, das Maß zu bestimmen? Doch nun bin ich tot und das Maß ist endgültig voll. Was kommt nach dem Tod? Die Rache!
Ich gehe um und notiere mir alle Sünder, die meiner Rache bedürfen. Ich bin der Engel mit den roten Hörnern, ich bin der Schuldeneintreiber mit dem Dreizack. Rache ist süß, denke ich mir und fange bei Ole, dem alten Diabetiker, an. Sein Vergehen: er gab mir nie die Drei Engel für Charlie DVD zurück. Nie mehr durfte ich die zuckersüße Drew Barrymore betrachten, nie mehr Cameron Diaz' honigfarbenes Haar sehen, und von Luci Lue, meinem süß-sauren Entchen, will ich erst gar nicht anfangen.
Das soll Ole mir büßen!
Nun wird er bluten müssen. Doch was sehen meine entzündeten Augen denn da? Ja, wenn das mal nicht die Ute mit der gelben Rute ist. Welch' Qualen musste ich erdulden, im Sportunterricht damals. - Feldwebelgleich schritt sie von Seite zur Seite und besah ihr Werk ausgiebig. Ich lag am Boden beim Versuch, einen Liegestütz zu schaffen, doch stürzte immer wieder nieder, von der erbarmungslosen Schwerkraft zum Grunde gerungen. Welch eine Schmach! Jetzt ist die Ute alt, doch ich sehe immer noch das bösartige Funkeln in ihren vom grünen Star benetzten Augen. Sie wird büßen, bitter, bitter büßen. Sie ist die Nummer zwei meiner Liste. Wer noch? Wer noch? Rache ist ein schöner Job. Aber prompt fällt mir die dritte Kandidatin ein: meine überaus geschätzte Ex. (Das letzte Mal hab ich sie auf 120 Kilo geschätzt.) Sie, die mir das Leben stets schwermachte, sie, die nie die Zweigleisigkeit meiner Triebe akzeptieren konnte. Ein Mann braucht ein Hobby! Und immer dieselbe Suppe schmeckt irgendwann nicht mehr. So läuft die Lokomotive nun mal! Meine kleine rote Berta – du Zugpferd meiner Träume, – nie hat sie dich akzeptiert, nie durften wir unsere Bahnhöfe der Leidenschaft in Ruhe anfahren. Und dabei hatte ich den Niedertracht-West Bahnhof eins zu eins in meinem Hobbykeller nachgebildet. Doch auch ihn zerstörte meine Ex voller Hinterlist.
Rache!
Schon sehe ich meine drei Opfer vor mir. Ich träume nicht, sie stehen da: Ole, Ute und meine Ex, Veronika – diese Modeleisenbahn-Terroristin – brennen soll sie alle! BRENNEN!
Sie stehen da und wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, in Reih und Glied.
„Wo sind wir hier?“, fragt Ole, den Blick in die Höhe gereckt. Er kratzt sich am Hinterkopf.
„Und wer sind Sie überhaupt?“, forscht Ute nach. „Sind Sie der neue Zivi, Schätzchen?“
„Um Gottes Willen!“, faucht sie meine Ex an. „Ich wisch doch nicht die Scheiße hinter Ihnen auf! Ich bin Künstlerin, wenn Sie es wissen wollen. Eine der Besten! Kurz vor dem Durchbruch, es fehlt nur noch ein Tüpfelchen.“
Dann trete ich hinter der Ecke hervor und stelle mich vor meine Opfer. Breitbeinig, stark, monumental, in meiner vollen Pracht. „Na, ihr Schweine!“, rufe ich laut, „Willkommen beim jüngsten Gericht, ihr gottlosen Sünder! Fürchtet mich, denn ich verkünde euer letztes Urteil!“
Keine Reaktion.
„Das ist hier ja wie in einem Film“, stellt meine Ex fest. „Fremde Leute werden an einen Ort gebracht und müssen dann Aufgaben erledigen.“
„Früher gab es so einen Unfug nicht“, antwortet Ute. „Früher war alles besser. Die alten Heimatfilme, das war noch Kunst.“
Ich werde langsam nervös. Was ist hier los?
„Wir müssen uns überlegen, welchen Grund es geben könnte, dass wir hier sind“, stellt Ole fest. „Gibt es etwas, das uns verbindet?“
Seine Mitstreiter überlegen angestrengt. Ute schlägt rhythmisch mit der Rute gegen ihre faltige Handfläche. Trockenes Leder trifft, nun ja, auf trockenes Leder.
„Jetzt hören Sie doch mal auf, ich brauche Ruhe zum Denken. Ich muss mich in eine inspirative Trance versetzen, um optimal überlegen zu können.“
„Iss lieber paar Schnittchen, das hat dir doch immer am besten geholfen“, denke ich laut, doch keiner hört mich. Ich setzte mich auf den Boden und schaue den Dreien beim Denken zu. Allmählich finde ich Gefallen an ihrem Unbehagen.
Ole fängt an: „Also, ich kenn euch beide nicht und sonst hab ich auch nicht viel mit Weibsvolk zu tun. Ich trink mal gerne einen über den Durst bei Mani in der Kneipe und zock auch mal eine Runde in der Spilo. Am Wochenende bin ich im Eisenbahnclub,
und …“ – „Einsenbahnclub?“, unterbricht ihn meine Ex, „Kennst du dann vielleicht einen … ?“ (Ich würde gerne anonym bleiben, da der weitere Verlauf der Geschichte mich nicht gerade im besten Lichte erscheinen lässt.)
„Ja, sicher kenn ich den! Das ist doch der komische Kautz, der nachtragend jede Erbse zweimal zählt. Der ist mir immer in den Ohren rumgehangen mit seinen DVD's. Angeblich soll ich bei ihm eine DVD ausgeliehen und nicht mehr zurückgebracht haben.“
„Ja, das ist er, so kenn ich ihn“, sagt meine Ex, „nie hat er mich ausgeführt, immer hat er rumgeknausert und das Geld gezählt. Ich kam mir vor wie eine Trauerweide.“ – „Dicke Eiche würde eher passen!“, schreie ich sie an, doch natürlich ohne Gehör zu bekommen.
„Also ist … der Grund, weshalb wir hier sind? Was ist mit Ihnen, kennen Sie …?“, fragt Ole Ute.
„Ja, ich hatte mal einen etwas dicklichen Schüler namens … , er hat sich immer unheimlich schwer in Sport getan. Natürlich habe ich versucht, das Beste aus ihm herauszuholen. Aber das war hoffnungslos.“ – „Getrieben wie Vieh zur Schlachtbank hast du mich, du Hexe!“, brülle ich sie an.
„Gut, also kennen wir jetzt den Grund, weshalb wir hier sind. Es ist … . Und nun? Was ist unsere Aufgabe?“
„Vielleicht sollen wir zu ihm gehen und ihn selbst fragen?“, wirft Ole in die Runde.
„Nein, das wäre doch viel zu einfach. In den Filmen müssen die Helden immer schwierige Aufgaben erfüllen und am Ende bleibt meistens nur einer am Leben“, konstatiert meine Ex. „Aber es gibt auch moralische Filme, da müssen die Protagonisten irgendeine Schuld begleichen, oder ihre Sünden wiedergutmachen.“
„Wir sollen also … etwas schuldig sein?“, fragt Ole überrascht. – „Drei Engel für Charlie, du Hornochse“, entspringt es mir. Ob laut oder leise, weiß ich selbst nicht mehr.
„Könnte gut sein. Ich kann mir vorstellen, dass ich ihm seine Kindheit nicht leicht gemacht habe“, sagt Ute und läßt ihre Rute traurig hängen. „ Aber er war selbst auch nicht grad leicht“, fügt sie mit einem ironischen Lächeln hinzu. Über den Witz lacht aber kaum jemand, außer Ole und meiner Ex.
„Vielleicht hab ich ihn auch zu streng rangenommen“, mutmaßt meine Ex. „Es war schon gemein, wie ich die zwei Ketchup- und Mayonäseflaschen auf seinen Bahnhof im Keller ausgekippt habe. Es tut mir jetzt auch irgendwie leid.“
„Ich hab dem Bastard zwar nichts zu vergeben, aber wenn ihr zwei schon so reuevoll Buße tun wollt, mache ich mit“, sagt Ole. „Lasst uns zu ihm gehen und uns entschuldigen.“
So machen sich die drei zu meiner Wohnung auf. Ich folge ihnen unauffällig. Den Reflex, zu rufen, dass es ihnen nichts bringen würde, zu mir zu gehen, unterdrücke ich im Wissen, dass sie eh nichts hören könnten.
Überraschend schnell gelangt der Dreier-Trupp zu meinem Haus. Ole tritt an die Klingel und drückt sie dreimal.

Es klingelt an der Tür und ich erwache. Wer könnte das bloß sein, denke ich mir, den Schlaf aus den Augen wischend.

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