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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Oma Lenchen
Eingestellt am 07. 05. 2001 19:56


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Es war immer ein Freudenfest, wenn wir Oma Lenchen besuchen durften. Dort wartete ein perlenverziertes KÀstchen auf uns, in dem wundersame Kindergeschenke versteckt waren. Nein, keine klebrigen Bonbons und auch keine Schokolade. UnzÀhlige Sagen und MÀrchen waren es, die tief unten dort schlummerten.
Wir setzten uns an den KĂŒchentisch und sahen zu, wie Oma das KĂ€stchen öffnete und daraus ein BĂŒndel WollfĂ€den hervor kramte. Jeder Faden hatte eine andere Farbe, und in jeder Farbe steckte ein anderes MĂ€rchen. Keiner wusste vorher, welche Geschichte sich in dem blauen Faden versteckte, oder in dem roten oder in dem goldfarbenen. Die MĂ€rchen waren ja nicht auf Papier geschrieben, sondern geheimnisvoll in die WollfĂ€den eingewebt. Und nur Oma Lenchen konnte die Zeichen deuten und die unsichtbaren Worte lesen.
Ungeduldig rĂŒckten wir die StĂŒhle zurecht. Dann durfte einer mit geschlossenen Augen den ersten Faden ziehen. Die MĂ€rchenstunde fing mit einem weißen Wollfaden an. Oma trank ein SchlĂŒckchen Pfefferminztee, tupfte mit dem Taschentuch den Mund ab und sagte: „Weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz. Ob Schneewittchen auf uns wartet.“
Sie beugte sich ĂŒber den Faden, schnupperte mit ihrer feinen Nase daran und flĂŒsterte: „Schneewittchen schlĂ€ft noch, aber Frau Holle meldet sich. Sie bittet euch, aufmerksam zu lauschen.“
Mit leiser Stimme erzĂ€hlte Oma das MĂ€rchen, und als sie fertig damit war, zupften wir einen roten Faden aus dem WollknĂ€uel. Meine Schwester jubelte, weil Rot doch ihre Lieblingsfarbe war. Sie schaute Oma mit großen Augen an und fragte: „Besucht uns heute Schneeweißchen und Rosenrot?“
Oma Lenchen nahm den Faden behutsam in die Hand, rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und schĂŒttelte bedauernd den Kopf: „Leider nein. Es sind feine KuchenkrĂŒmel in der Wolle, und es duftet nach Wein, nach RotkĂ€ppchen und ein wenig nach bösem Wolf.“
Mit diesem MÀrchen war meine Schwester auch einverstanden, denn es war einfach alles schön, was Oma erzÀhlte.
Als wir in der Schule lesen und schreiben gelernt hatten, ĂŒberraschte uns Oma Lenchen mit einem anderen Spiel. Sie holte MalblĂ€tter aus dem KĂ€stchen, legte Buntstifte dazu und ließ uns MĂ€rchenfiguren zeichnen. Dann stellte sie eine Rechenaufgabe, und wer sie am schnellsten gelöst hatte, durfte beginnen. Seine Figuren erzĂ€hlten nun, was sich in ihrem Leben zugetragen hatte.
Irgendwo in der Geschichte sagte Oma ‚Simbalo, Simbalo‘. Nun war das nĂ€chste Kind an der Reihe und fĂŒgte Erlebnisse seiner Helden hinzu. Heraus kam ein buntgewĂŒrfeltes MĂ€rchen, bei dem die Bösewichte gehörig bestraft und die Guten reichlich belohnt wurden.
Nach dem Spiel nahm Oma Lenchen uns liebevoll in den Arm und nannte uns ‚Kleine Fantasie-TrĂ€umer‘. Und wir waren sehr stolz auf dieses Lob.
An eines der erdachten MĂ€rchen erinnere ich mich und erzĂ€hle es gerne fĂŒr alle, die noch an geheimnisvolle Zauberwelten glauben.
HĂ€nsel und Gretel verirrten sich im Wald. – Simbalo, Simbalo - Da gesellte sich der böse Wolf zu ihnen und fragte mit unschuldiger Miene, wo denn hier das Haus der sieben Geißlein sei. – Simbalo, Simbalo - Dort triffst du keinen mehr an, lieber Wolf, denn vorhin kam das tapfere Schneiderlein dort heraus. Es setzte sich auf die Bank, holte Nadel und Faden aus der Tasche und stickte vier Worte auf seinen breiten GĂŒrtel. Ich lief neugierig nĂ€her und sah, dass auf dem GĂŒrtel geschrieben stand: ‚Sieben auf einen Streich‘. – Die sieben Geißlein sind also tot, darum kannst du dir den Weg ersparen und wieder nachhause gehen.
So eilten wir durch das MĂ€rchenreich, verweilten am Dornröschenschloss, schickten Hase und Igel zu den Bremer Stadtmusikanten und sorgten dafĂŒr, dass der böse Wolf den ‚KnĂŒppel aus dem Sack‘ zu spĂŒren bekam. Wir liebten dieses Spiel ĂŒber alles und lernten dabei in wenigen Stunden mehr, als wĂ€hrend der ganzen Woche im Unterricht.
Oma Lenchen ist nun schon lange tot. Sie hat den Mut nie verloren und die Fantasie ihrer Kindheit ins hohe Alter retten können. In meiner Erinnerung bleibt sie die beste Oma der Welt und ist die erste Frau, die ich richtig gern hatte. Gewiss sitzt sie nun oben im Himmel, kramt bunte WollfÀden aus dem KÀstchen und erzÀhlt den kleinen Engeln von Elfen, Gnomen und Menschenkindern, die begeistert ihr Erdenleben geteilt haben.

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Der kleine Grauhai
Hobbydichter
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Ich

mag deine Geschichten sehr. Du verstehst dich bestimmt auch gut mit Elfen, Raben und Grauhaien. .
__________________
Kommt doch mal in mein Korallenriff

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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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Schön geschriebene Geschichte Willi
Gratuliere !

Norbert

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Norbert Hilgers

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Willi Corsten
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Hallo Kyra

Danke fĂŒr das Kompliment.
Habe Deinen Hinweis befolgt und kann so das Kompliment zurĂŒck geben.
Liebe GrĂŒĂŸe
Willi

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Der kleine Grauhai
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Kleine MissverstĂ€ndnisse - geradegerĂŒckt

Ich bin der kleine Grauhai und war hier mal Kolja, Kyra ist "nur" meine Nachbarin.
__________________
Kommt doch mal in mein Korallenriff

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Hallo kleiner Grauhai

Danke fĂŒr die Richtigstellung. Hab dieser Tage schon den Namen Kolja in der Mitgliederliste gesucht, weil ich neue Sachen von 'ihm' vermisst habe.
Lieb grĂŒĂŸt Dich
Willi

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