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Leselupe.de > Kurzprosa
Oma, erklär mir wie das Leben funktioniert
Eingestellt am 01. 09. 2007 17:06


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Mali
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2007

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Oma, erklär mir, wie das Leben funktioniert



Toni war ein achtjähriger Junge mit braunen Augen und kurzen, hellen braunen Haaren. Je nach Lust und Laune sagte er entweder, sie seien dunkelblond oder hellbraun.
Seine Freizeit verbrachte er am liebsten mit Fußball Spielen oder damit mit seiner Oma Schokoladen-Eis essend im Park spazieren zu gehen. So auch an diesem Tag.

„Du Oma?“
„Ja?“
„Der Jonathan war heute nicht in der Schule. Weißt du warum?“
„Ne weiß ich nicht. War er krank?“
„Seine Mama und sein Papa sind letzte Woche mit dem Auto gefahren. Die waren beim Patenonkel vom Jonathan, in Klein-Umstadt gewesen. Und als die dann wieder nach Hause gefahren sind, war da ein Mann in einem anderen Auto, der hatte zu viel Alkohol getrunken. Und deswegen ist der so ganz komisch gefahren. Und die Mama und der Papa vom Jonathan haben den gesehen und wollten so ausweichen, aber auf einmal hat’s `BUMS` gemacht. Und weißt du was dann passiert ist, Oma?“
„Nein. Was ist denn dann passiert?“
„Das Auto von dem Mann, der soviel Alkohol getrunken hat, das ist da voll in das Auto von den Eltern vom Jonathan rein gefahren. Und der Mann hat dann den Krankenwagen gerufen und ist dann aber weg gefahren, weil er Angst hatte dass er bestraft wird. Und dann kam der Krankenwagen und wollte die verarzten, aber da waren die Mama und der Papa vom Jonathan schon tot. Und jetzt ist der auf der Beerdigung. Und der Mann, der das gemacht hat, der hat sich gar nicht verletzt. Der hatte noch nicht mal einen blauen Fleck oder so.“
„Oh Grundgütiger, das ist ja furchtbar. Das arme Kind! Und wo lebt der Jonathan jetzt?“
„Der ist jetzt bei seiner Tante, die er gar nicht mag und die auch immer voll gemein ist. Oma?“
„Ja mein Schatz?“
„Warum passiert das so? Das ist doch nicht fair. Der Mann hat zu viel Alkohol getrunken und einen Unfall gemacht und der hat jetzt gar keine Probleme. Die Eltern vom Jonathan haben gar kein Alkohol getrunken und auch gar nie irgendwas Böses gemacht. Und der Jonathan ist auch immer voll gut in der Schule und auch nett zu allen und der hat auch niemanden was böses gemacht und trotzdem sind seine Eltern jetzt tot. Ich versteh das nicht.“
„Weißt du mein Kind, das Leben ist nicht immer gerecht. Das ist einfach so.“
„Aber warum Oma? Ich versteh das Leben nicht. Kannst du mir es nicht erklären?“
„Ich soll dir das Leben erklären?“
„Ja. Du weißt doch immer alles. Wie funktioniert das Leben, Oma?“
„Hmm das ist ganz schön kompliziert…Obwohl irgendwie auch ganz einfach (kurze Stille).
Ah jetzt weiß ich wie ich dir das erklären könnte. Siehst du den Weg da vorne? Der, der durch den ganzen Park geht?“
„Ja.“
„So musst du dir das Leben vorstellen, nur noch viel, viel länger. Und der Weg vom Leben ist auch nicht nur aus Steinen und Erde. Er ändert sich ständig. Manchmal ist es ein Sandweg, dann wieder einer aus Matsch und danach vielleicht ein schöner Grasweg. Auch das Wetter und die Form des Weges ändern sich.
Mach mal die Augen zu Toni. Hast du die Augen zu?“
„Ja, hab ich.“
„Gut. Und jetzt stell dir einen ganz langen Weg vor. So lang wies nur geht. Als du geboren wurdest, da standest du ganz am Anfang von diesem Weg. Da war dein Weg ganz gerade. Am Wegesrand waren neu gepflanzte Blumenfelder. Weißt du wer den Weg so hergerichtet hat für dich? So gerade und schön? Deine Eltern. Weil sie dich unendlich lieben. Und wenn man jemanden liebt, möchte man dass der Weg von demjenigen besonders angenehm zu laufen ist. Aber manchmal kann man das nicht beeinflussen. Aber deine Eltern können das momentan noch. Wenn du älter wirst, wird das schwieriger werden für sie…
Auf jeden Fall konntest du damals als ganz kleines Kind noch nicht gleich auf dem Weg laufen oder rennen wie die Erwachsenen.“
„Warum nicht, Oma?“
„Nun Toni, du weißt doch, kleine Kinder können noch nicht so gut laufen. Die stolpern noch manchmal oder fallen hin. Aber das ist nicht so schlimm, wenn sie jemanden haben, der ihnen die Hand gibt und aufpasst, dass sie nicht hinfallen oder falls es doch mal passieren sollte, immer ein Pflaster dabei hat.“
„Hatte ich auch so jemanden?“
„Ja hattest du. Deine Eltern waren immer bei dir und haben dir beide Hände gegeben. Und der Opa und ich, wir waren auch oft da. Außerdem hast du ja auch noch die Tante Erna, den Onkel Phillip und die ganzen Freunde von dir und deinen Eltern. Du hattest also immer ganz viele Leute, die auf dich aufgepasst haben.“
„Hat jedes Kind das?“
„Jedes Kind hat eine Mama und einen Papa. Manche haben auch noch Oma und Opa, so wie du, oder andere Verwandte und Freunde. Aber es gibt manche Eltern, die passen nicht so gut auf ihre Kinder auf. Die haben ihre Kinder zwar auch lieb, aber vielleicht ist der Weg von den Eltern selbst gerade so schwer, dass sie es nicht schaffen gleichzeitig noch auf den Weg von ihrem Kind zu gucken. Und vielleicht haben sie den Weg von ihrem Kind dann nicht so schön hergerichtet, wie deinen. Da kann es dann sein, dass der Weg voller Äste ist über die das Kind stolpern und sich verletzen könnte.
Aber erinnerst du dich noch, wie ich dir am Anfang erzählt habe, dass sich bei jedem der Weg ständig verändert? Der Weg von dem Kind kann, genauso wie deiner, sich später wieder ändern. Vor allem wenn ein Kind irgendwann mal erwachsen wird, und die Eltern nicht mehr soviel Einfluss haben auf das Kind, muss es versuchen, alleine oder nur noch mit ganz wenig Hilfe den Weg zu laufen. Obwohl meistens ist es nicht ganz alleine. In seinem Leben trifft man nämlich ganz viele Menschen. Die meisten sind sehr nett und wollen einem helfen bei dem Weg.“
„Du Oma?“
„Ja mein Spatz?“
„Ist das wie beim Fahrrad? Weil erst fährt man mit Stützrädern, und wenn man dann schon ganz toll fahren kann, so wie ich, dann nehmen einem die Eltern, die Stützräder ab.
„Ja das hast du ja schon alles prima verstanden. Das Leben ist ein bisschen so wie Fahrrad fahren. Mit dem Fahrrad fährst du ja auch nicht immer auf der gleichen Strecke. Die Mama hat mir z.B. erzählt, dass du letztes Wochenende das erste Mal auf einem Waldweg gefahren bist. Auf dem Weg des Lebens fährt man auch manchmal Fahrrad. Manchmal auch Auto. Das sind meistens die Zeiten, die besonders viel Spaß machen. Wenn du z.B. in den Freizeitpark gehst, dann macht das doch auch viel Spaß. Aber meistens geht die Zeit da besonders schnell vorbei. Eine Stunde im Freizeitpark kommt dir doch bestimmt auch viel kürzer vor als eine Stunde Mathe, oder?“
„Ja, Mathe ist so richtig doof und langweilig. “
„Siehst du. Das sind die Wege, die man zu Fuß läuft. Die dauern halt am längsten. Den Großteil vom Lebensweg läuft man zu Fuß. Aber wenn der Weg ganz gerade und einfach zu laufen ist, ist das ja auch gar nicht so schlimm. Aber manchmal ist der Weg voller Kurven und Verzweigungen und überall liegen Baumstämme und Steine, die die nicht so netten Menschen dahin gelegt haben gelegt. Solche Menschen wollen vielleicht, dass du stolperst oder aber sie werfen die Äste dahin ohne darüber nach zu denken, dass sie anderen Menschen damit wehtun können. So wie der Mann, der Jonathans Eltern umgefahren hat. Und wenn man dann überall diese Hindernisse auf dem Weg hat, dann kann auch ein eigentlich schöner Weg ganz schön schwer werden. Aber das wichtigste ist, wie du selbst damit umgehst. Du kannst z.B. vor dem Ast sitzen bleiben, weil du zu kaputt bist oder weil du dich nicht traust, drüber zu klettern oder aber du kannst versuchen, doch irgendwie durch zu kommen. Und wenn du dann da durch bist, kann es sein, dass auf einmal ein ganz schöner Weg kommt. Wie der Weg aussieht, können die anderen nicht bestimmen. Der Weg sieht nämlich immer so aus, wie es dir gerade geht – tief drinnen in deinem Herzen. Die Anderen können höchstens den Weg ein wenig beeinflussen. Aber es liegt an dir, was du draus machst.“
„Aber Oma, was ist, wenn die Äste und Stämme so hoch gestapelt sind, dass man da einfach nicht durch kommt?“
„ Du hast Recht mein Schatz, manchmal gibt es Situationen, da kann man gar nicht mehr alleine den Weg bewältigen. Stell dir vor du hast dir bei einem Weg das Bein gebrochen oder dich sonst wie verletzt, und dann sollst du plötzlich einen steilen Berg hoch steigen. Das geht natürlich nicht mit einem gebrochenen Bein. Da brauchst du erst mal einen Arzt, der sich um deine Verletzungen kümmert. Außerdem ist es wichtig, dass du gute Freunde hast, die dir helfen auch mit Krücken schnell über den Berg zu kommen. So kannst du zum Beispiel ein Freund für den Jonathan sein, damit er bald wieder auf einen sonnigen Feldweg voller Blumen und Schmetterlinge kommt. “
„Aber Oma, wenn man sich auf diesem Lebensweg auch weh tun oder sogar sterben kann, warum geht man den Weg dann überhaupt? Was ist so toll daran?“
„Was so toll an dem Weg ist? Da gibt’s vieles. Das sind die zum Einen, die ganzen Schokoeisbällchen mit Sahne, das ist die Pizza mit ganz viel Pilzen und ganz viel Paprika, das ist die schöne Musik, die dich fantasieren und träumen lässt, das ist der Sonnenuntergang, der so faszinierend ist, dass man es nicht beschreiben kann, das ist die Fußballstickeralbumsammlung, bei der einem nur noch ein einziger Aufkleber fehlt, aber am aller aller meisten sind es die Menschen, die man auf dem Weg trifft. Die Mamas und Papas und Onkel und Tante und Omas und Opas und vor allem die ganzen lieben Freunde. Die Menschen, die darauf achten, wie dein Weg verläuft. Sogar dann wenn ihr eigener Weg vielleicht schon zu Ende ist. Die Menschen, die sich Sorgen machen, sobald dein Weg schwerer wird. Die Menschen, die dir die Hand geben, wenn du alleine nicht aus dem Moor raus kommst. Die Menschen, die dich anlächeln und sich mit dir freuen, wenn du gerade einen besonders harten Weg hinter dich gebracht hast.
Die Menschen, denen es wichtig ist, dass du verstehst, dass das Leben schön ist.“

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Gut bebrüllt, Löwe
Schöner Beitrag, der mir gefallen hat.
Ein paar Rechtschreib-und Kommafehler, die mitunter stören, ein paar Sätze, die gekürzt werden sollten und ein tragischer Umstand, den ich ein bisschen für zu grass halte, um einfach plaudernd zwischen Oma und Enkel besprochen zu werden. Aber das ist Geschmackssache und ich nur ein Leser von vielen.
Eine geistreiche Lektüre, gekonnt inszeniert.

Liebe Grüße, Orangekagebo

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