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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Oma sinniert
Eingestellt am 27. 02. 2017 15:49


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annagreta
???
Registriert: Jun 2014

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Oma ist zu Besuch. Das ist nichts Ungew├Âhnliches. Seitdem Opa nicht mehr bei ihr ist, f├Ąhrt sie mehrmals im Jahr mit dem Zug, um ein paar Tage die Kinder zu besuchen. Einen F├╝hrerschein hat sie nicht, der Wunsch stand nicht im Vordergrund. Damals, wie sie mit Opa eine Familie gr├╝ndete und die Kinder sich nach und nach anmeldeten, wurde das Geld dringender f├╝r die Familie gebraucht. Sp├Ąter h├Ątte sie gekonnt, aber irgendwie war ┬źder Zug abgefahren┬╗. Opa war immer der Meinung, es sei nicht n├Âtig, schlie├člich w├╝rde er sie ├╝berall hinfahren. Das hatte sich nun ge├Ąndert. Sie bedauerte keine Fahrerlaubnis zu haben und aus heutiger Sicht h├Ątte sie damals konsequenter sein sollen. H├Ątte, Wenn und Aber sind Vorbehalte, die Oma gerne benutzte, wenn die vergangenen Geschehnisse so oder so nicht mehr zu ├Ąndern waren. Heute im stattlichen Alter w├Ąre sie ohnehin nicht mehr gefahren. Dem hektischen Stra├čenverkehr war sie zu Fu├č kaum gewachsen.
Eine prima Alternative war die Investition in ein erweitertes Seniorenticket. Es erm├Âglichte eine flexible Mobilit├Ąt, gewisserma├čen ein stressfreies Weiterkommen von A nach B. Es hatte noch einen Vorteil. Sie kam ├Âfter mit Reisenden ins Gespr├Ąch, was zumindest f├╝r Oma gesellig war und gef├╝hlt die Fahrzeit verk├╝rzte.
Oma f├╝hlt sich bei den Kindern Gro├č und Klein liebevoll aufgehoben. Sie h├Ârt und sieht mal wieder was anderes, vor allen Dingen wie die Kinder heranwachsen. Dann erlebt sie hautnah, wie sich die Zeiten entwickeln so vieles anders geworden ist. Mit der modernen Schnelllebigkeit kann sie nicht mehr mithalten. Manchesmal hat sie nur ein stilles Kopfsch├╝tteln.
Abends sitzt die Familie zusammen, berichtet zun├Ąchst ├╝ber Tagesgeschehen anschlie├čend wird der Ablauf f├╝r den n├Ąchsten Tag besprochen. Bei der heutigen Betriebsamkeit war es Oma wichtig daran zu erinnern, auch mal inne zu halten und die fr├╝heren Familienzeiten nicht so ganz aus dem Auge zu verlieren. Dann waren Jung und Alt wieder gemeinsam im Gespr├Ąch. Aus der Schublade wurden die alten schwarz wei├č Fotos gekramt und alle h├Ârten hin, wenn Oma erz├Ąhlte. Das Leben bestand allerdings nicht nur aus der guten alten Zeit, es gab bekannterma├čen genug schlechte. Fr├╝her war vieles nat├╝rlicher, pomadiger ging es zu, jedoch so manche Station im Leben konnte durchaus mit dem heutigen Dasein verglichen werden. Zum Beispiel, wie sie noch jung und sch├Ân aussah, wie Oma und Opa ein tolles Liebespaar waren.
Diesmal ist Oma angereist, um das Weihnachtsfest in der Familie zu verbringen. Es ist der vierte Advent. Die Tage bis zum weihnachtlichen H├Âhepunk sind gez├Ąhlt. Unverkennbar herrscht eine vorweihnachtliche Hektik im Haus. Kurz vor dem Fest beh├Ąlt die Mutter wie immer den ├ťberblick, ist total auf Weihnachten programmiert. Vater wirkt etwas ├╝berfordert, fl├╝chtet ins B├╝ro. Die Kinder nerven sind voller Neugier. Die Haustiere sp├╝ren, dass eine Unruhe in der Luft liegt. Malou das graue Kakaduweibchen kreischt, die Federhaube st├Ąubt sich, richtet sich auf und ab. Bobby, der Familienhund verkriecht sich in die ├Ąu├čerste Ecke.
Oma sitzt da, sagt nichts sinniert und sch├╝ttelt mit dem Kopf.
Die fette Weihnachtsgans ist geschlachtet, eine Weihnachtstanne wurde gef├Ąllt, kalorienreiche S├╝├čigkeiten stapeln sich, zu viele Weihnachtsw├╝nsche stehen auf dem Wunschzettel. Sie sprengen mit Sicherheit das Budget. SOS-Ruf nach oben: ┬źWeihnachtsstimmung fehlt, sollte l├Ąngst angekommen sein, wird zwingend bis zum Heiligabend ben├Âtigt┬╗.
Oma sinniert, sch├╝ttelt mit dem Kopf.
Oma tut sich schwer mit der Vorfreude aufs Fest.
Sie hat es versucht, letzte Weihnacht.
Schmuddelwetter, Stadtrummel, der Geruch von Rostbratwurst, Punsch und Parf├╝m, mittendrin hektische Menschen, Handys auf Empfang mit Blickkontakt oder nah am Ohr, prall gef├╝llte Weihnachtstaschen, Drehorgelmusik, ├╝bliches Weihnachtsgedudel im Warenhaus, Gedr├Ąnge drinnen wie drau├čen. An jeder Ecke arme Schlucker mit ge├Âffneter Hand.
Das alles passt nicht in ihre Weihnachtswelt.
Oma sinniert, sch├╝ttelt mit dem Kopf, heute ist alles anders.
Ihr alter Christbaumschmuck liegt verwaist im Keller, jedoch keinesfalls vergessen. In der kleinen Wohnstube fehlt jetzt der Platz, sowie die altersbedingte Lust einen Tannenbaum aufzustellen. F├╝r wen auch sagt sie sich.
All die Weihnachtsdeko wurde jahrzehntelang gesammelt, liegt heute im verstaubten Karton. Drinnen sind silberfarbene Kugeln, Lametta, welches jedes Jahr erneut glatt gestrichen oder sogar geb├╝gelt und anschlie├čend ├╝ber die Zweige gelegt wurde, die alte Tannenbaumspitze hat ├╝berdauert, stammt aus eigenen Kinderjahren, gebastelte Strohsterne von den bereits erwachsenen Kindern, der ein oder der andere bunte Anh├Ąnger, die ├╝brig gebliebenen Wachskerzen vom letzten Fest.
Das alte R├Ąucherm├Ąnnchen wie auch die Nussknackerfigur aus dem Erzgebirge, vier rote Kerzen auf dem gr├╝nen Kranz, das ist f├╝r Oma heute wichtig, mehr ist nicht n├Âtig au├čer Erinnerungen.
Erinnerungen an wei├če Weihnacht mit klirrender K├Ąlte, das and├Ąchtige Gebet in der Mette, gesungene Weihnachtslieder unterm Weihnachtsbaum, Bescheidenheit, Friede, Freude, Eierkuchen.
Oma sinniert, sch├╝ttelt mit dem Kopf, fr├╝her war alles anders.
Sollte sie es noch einmal versuchen sich morgen in den Bus setzen, um in die Stadt zu fahren und anschlie├čend ├╝ber den Weihnachtsmarkt gehen? Sich am typischen Duft erfreuen, die vorweihnachtliche bunte Vielfalt wirken lassen, f├╝r alle Kl├Ąnge das Ohr ├Âffnen? Sie w├╝rde hier, und da einfach mitdr├Ąngeln, sich vom Geruch der frisch gebrannten Mandeln zum Kauf hinrei├čen lassen. Zus├Ątzlich w├╝rde sie eine T├╝te Kr├Ąuterbonbons mit nach Hause nehmen. Des Weiteren k├Ânnte sie so manchen Obolus in weit ge├Âffnete H├Ąnde legen. Zum kr├Ânenden Abschluss w├╝rde sie sich einen, m├Âglicherweise sogar zwei Gl├╝hweine g├Ânnen, um danach mit Glanz in den Augen, Vorfreude im Herzen, wohlgesinnt das kommende Christfest ├╝ber sich ergehen zu lassen.
Oma sinniert, nickt mit dem Kopf, morgen wird alles anders.







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