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Leselupe.de > Humor und Satire
On the sunny side
Eingestellt am 04. 02. 2007 13:26


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Raniero
Textablader
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On the sunny side

„Nur nicht als Mieter sterben“,
plärrte nach der Melodie des Welthits ‚Nur nicht aus Liebe weinen’ das Autoradio den Werbeslogan einer Bausparkasse, der sich wie folgt, fortsetzte:
renn nicht in dein Verderben, komm zu uns zur ander’n Seite, mit Bauspar’n für gescheite Leute.“
Heide und Gunnar Knobel blickten sich an und mussten laut lachen, denn der Werbeslogan passte genau zu der Situation, in der sie sich aktuell befanden. Als Mieter würden und wollten sie auch nicht mehr sterben, denn soeben kamen sie von einem Notartermin, bei dem sie einen Kaufvertrag zum Ankauf ihrer eigenen bisherigen Mietwohnung unterzeichnet hatten. Dieser Kauf war allerdings erst durch eine vorherige Erbschaft ermöglicht worden, nun aber waren sie entsprechend der Werbebotschaft erfolgreich auf der anderen Seite, der Seite der gescheiten Leute angekommen. Die Bausparkasse der Eheleute Gunnar und Heide Knobel teilte, wie viele ihrer Konkurrenzunternehmen, die Menschheit schwarzweiß und schablonenhaft in zwei Kategorien ein; in diejenigen mit und die anderen ohne. Diejenigen mit, das waren die Menschen mit Lebensfreude, die auf ihrer Seite, der richtigen, der begehrten sonnigen Seite in gescheiter Weise ihr Leben genießen, mit dem unglaublichen Gefühl, dieses als Nichtmieter abzuschließen, gleichsam schon als Vorgriff auf das folgende Paradies. Auf der anderen Seite jedoch gab es die übrigen, mithin das Gegenteil von gescheiten Leuten, die in ihrer düsteren Mietwohnung vor sich hindämmern und perspektivlos ihr Leben als Mieter beenden.
„Gottlob sind wir dem Schicksal heute entronnen“, spielte Heide auf die Radiowerbung an. “Was meinst du, Schatz?“
„Na, ja, dem traurigen Los, als Mieter zu sterben“, lachte sie.
„Ach so, das meinst du. Aber mit dem Sterben haben wir ja wohl noch ein wenig Zeit, nicht wahr?“ „Zeit ja, jedoch das Bewusstsein, anders die Welt zu verlassen, das ist schön, das kann mir keiner mehr nehmen.“
„Da hast du Recht, Schatz“, lachte der Mann, „und da wir nun ja auf der anderen Seite stehen, sollten wir auch Nägel mit Köpfen machen.“
„Was meinst du, Gunnar, ich versteh’ nicht?“
„Na, aus dem einen Verein austreten und endlich dem richtigen beitreten.“
„Das wäre mein sehnlichster Wunsch, Gunnar Schatzilein.“
„Das machen wir nachher, wenn wir zuhause sind, und dann begießen wir es mit einer Pulle Sekt!“
„Ja, Georg, ja“, strahlte Heide dermaßen , als hätte ihr der Ehemann eine hundertprozentige Erhöhung des Kontingents der ehelichen Pflichten in Aussicht gestellt.
Am gleichen Abend setzten sie wie geplant, ihr Vorhaben in die Tat um.
Feierlich nahm Gunnar ein spezielles Formular zur Hand, eine Beitrittserklärung zum Haus- und Grundbesitzerverein, zückte einen goldenen Füllfederhalter, den er nur zu besonderen Anlässen zu benutzen pflegte. Sodann machte er sich gemeinsam mit seiner Frau daran, wobei sie sich viel Zeit ließen, das Formular, welches ihnen den Eintritt ins Vorparadies ermöglichen sollte, Punkt für Punkt auszufüllen. Nachdem sie zum Abschluss in äußerst würdevoller Form ihre Unterschriften unter den Antrag gesetzt hatten, entkorkte der Ehemann die Sektflasche. „Geschafft! Am Ziel!“ strahlten sie unisono nach dem ersten Glas, „Jetzt befinden wir uns auf einer Ebene mit texanischen Großgrundbesitzern, ach was, mit südamerikanischen Plantagenbesitzern.“
„Und nun erfolgt der erste Höhepunkt des Abends, Schatz“, verkündete Gunnar und entnahm einem Aktenordner ein fast vergilbtes Blatt Papier; die Urkunde über ihre Mitgliedschaft im Mieterschutzbund.
„Damit ist jetzt Schluss, das brauchen wir nicht mehr“ sagte er, nahm mit entschlossener Miene ein Feuerzeug und hielt es an das Papier. Sorgfältig ließ er die Asche des Dokuments ihres bisherigen Status in ein kleines Gefäß fallen, eine Miniurne, die seine bessere Hälfte am Tag zuvor erstanden hatte.
„Die kriegt jetzt einen Ehrenplatz“, strahlte Gunnar und stellte die Urne auf den Fernseher. Beide strahlten um die Wette.
„Auf zum nächsten Höhepunkt“, rief Gunnar voller Freude.
„Schon wieder? Schatz, übernimm dich nicht!“
„Bestimmt nicht, Heide, das Schlimmste haben wir ja schon geschafft.“
„Ach so, das meinst du.“
Mit vereinten Kräften begaben sie sich daran, ihr neues äußerliches Statussymbol vom Flur auf den Balkon zu transportieren; einen mannshohen Gartenzwerg. Da sie keinen Garten hatten, in ihrer ehemaligen Miet- und jetzigen Eigentums- wohnung in der zweiten Etage und das Sechsfamilienhaus nur über einen Garagenhof verfügte, musste er schon ein wenig größer ausfallen, der Zwerg, um von draußen gesehen zu werden. Als Gunnar nach unten blickte, rief er aus: „Ach, Schatz, ich habe vergessen, den Wagen reinzustellen. Ich muss noch mal runter.“ „Ich geh mit, Männe.“
Wie groß aber war die Enttäuschung für die beiden Eheleute, als sie vom Garagenhof aus den überdimensionalen Gartenzwerg auf ihrem Balkon in Augenschein nahmen und dabei feststellen mussten, dass dieser nicht allein war. Weitere fünf dieser Ungetüme, nahmen sie mit Verbitterung wahr, standen auf den anderen Balkonen, einer schöner als der andere.
„Das darf nicht wahr sein“, stöhnten beide auf.
Erst jetzt fiel ihnen ein, dass es ja an diesem Tag ja noch mehr Termine gegeben hatte, bei dem gleichen Notar, bei dem sie vor drei Stunden erst unterschrieben hatten; in weiser Voraussicht waren diese Termine so zeitversetzt anberaumt worden, dass sie sich nicht gegenseitig die Klinke in die Hand drückten, die sechs (ehemaligen) Mieter des Gebäudes.

Am nächsten Tag bereits ging der Kampf los, auf allen Ebenen, jeder gegen jeden.
Handelte es sich bis zum Vortage um eine ruhige, friedfertige Hausgemeinschaft von sechs gleichberechtigten Mietparteien, unter denen es darüber hinaus zum Teil auch schon zu Freundschaften gekommen war, so brach diese Gemeinschaft nun mehr oder weniger komplett auseinander, und es taten sich Fronten auf, mit denen keiner gerechnet hätte.
Hatte man zu Beginn beim gemeinsamen Einzug in das seinerzeit neue Gebäude schnell zu einer Gemeinschaft auf solider Basis zueinandergefunden, die, mit Zustimmung des ehemaligen Vermieters im Ausbau einer Kellerbar ihren krönenden Höhepunkt erreichte und an diesem Ort ausgiebig gefeiert wurde, so wagte von nun niemand aus dem Hause mehr, diesen Raum ohne Begleitung seines Rechtsbeistandes zu betreten. Hauptkriegsschauplatz jedoch wurde der ebenfalls im Keller befindliche Wasch- und Trockenraum. Wurde dieser Bereich bisher gemeinschaftlich und friedfertig von allen Damen des Hauses nach einem bestimmten, von Allen akzeptierten Turnus genutzt, wobei auch bisweilen ein flottes Liedchen zu hören war, geträllert oder gepfiffen, so entwickelte sich nun dieser Wasch- und Trockenraum zu einer Art Nahkampfarena; keines der weiblichen Wesen suchte ihn mehr auf, ohne sich der Begleitung des eigenen starken Geschlechtes sicher zu sein.
Auf diese Weise wurde im wahrsten Sinn des Wortes schmutzige Wäsche gewaschen, wobei nicht einmal Handgreiflichkeiten ausblieben.
Auch der Garagenhof, samstäglicher Tummelplatz der Herren der Schöpfung, teilweise bis in die Nacht hinein, blieb von nun an menschenleer; stattdessen holten die Männer still und verstohlen ihre Fahrzeuge aus den Garagen und entschwanden in die Ferne, in weit entlegene Selbstwaschanlagen, um dort des Deutschen liebsten Hobbby’s zu frönen.
Heide und Gunnar Knobel begannen, sich nach ihrem alten Status als Mieter zurückzusehnen. Wehmütig dachten sie an vergangene Zeiten, als in dem Haus, in dem jetzt quasi jeder gegen jeden kämpfte, die ersten Kontakte untereinander geknüpft und Sorgen und Freuden miteinander ausgetauscht wurden, es den ersten Schrei des ersten Neugeborenen des Hauses zu hören gab, kurzum, die Welt noch in Ordnung war; eine Zeit des gemeinsamen Aufbruchs, denn alle waren sie damals noch jung und hatten mehr als das halbe Leben vor sich.
Plötzlich aber, nach über fünfzehn Jahren, veränderte sich das Klima auf einen Schlag grundlegend.
Der ehemalige Vermieter hatte alle sechs Wohnungen in Wohneigentum umgewandelt und seinen Mietern zum Kauf angeboten, und alle, ausnahmslos, hatten zugegriffen, doch mit dem letzten Federstrich unter den letzten Kaufvertrag war die ehemalige Harmonie leider zum Teufel.

Der Kleinkrieg im Haus aber setzte sich fort und erreichte einen ersten Höhepunkt. Ein besonders grimmig gewordener Neueigentümer, dem man so etwas früher niemals zugetraut hätte, ging auf dem Garagenhof mit dem Fotoapparat auf eine besonders fiese Tour auf die Jagd; er fotografierte die Kinder des Hauses – er selbst hatte keine – beim Spielen, vorzugsweise beim Ballspiel, um eventuelle Verstöße gegen die Hausordnung dokumentarisch belegen zu können. Hierauf hagelte es derartig wütende Proteste und Drohungen, dass der Betroffene mehr als betroffen in höchster Eile seinen Fotoapparat in Sicherheit brachte und sich selbst in seiner Wohnung verbarrikadierte.
Gunnar und Heide dachten nun ernsthaft über einen Wohnungswechsel nach und beabsichtigten, eventuell zwei Zeitungsannoncen aufzugeben; eine zum Verkauf ihrer derzeitigen Wohnung, eine Zweite als Gesuch für eine neue Mietwohnung, in weiter Entfernung von dieser Gegend. Den letzten Anstoß für eine solche Entscheidung erhielten beide endgültig, als sie eines Morgens beim Frühstück auf den Balkon blickten und mit Entsetzen feststellten, dass ihrem geliebten Gartenzwerg etwas fehlte; böse Zeitgenossen hatten diesem die Pudelmütze regelrecht vom Kopf geschossen.
„Nun ist Schluss!“ rief Gunnar, weiß vor Wut.
Am selben Tag gaben sie zwei Zeitungsanzeigen auf und wurden relativ schnell fündig, in beiden Fällen.
Trunken vor Glück unterschrieben sie den Mietvertrag, füllten einen Antrag für die erneute Aufnahme im Mieterschutzbund aus und zerrissen die Urkunde ihrer Mitgliedschaft im Haus- und Grundbesitzverein. Sodann entkorkte Gunnar eine Flasche edlen Champagners, während seine bessere Hälfte eine Schallplatte auflegte. Sie erhoben ihre Gläser und blickten sich tief in die Augen. Nun würden sie zwar als Mieter sterben, dafür aber hatten sie künftig auf Erden nicht mehr die Hölle wie zuvor, sondern fühlten sich in der Tat auf der richtigen Seite des Lebens. Während sie die Gläser in einem Zug herunterspülten, erklang im Hintergrund ein alter Schlager mit dem Refrain: ‚On the sunny side of the street...’
Bald schon werden sie einziehen, in ihr neues Domizil, in eine Neubauwohnung, wiederum ein Sechsfamilienwohnhaus, doch kĂĽrzlich hatten beide merkwĂĽrdiger- weise den gleichen Alptraum:
Als sie auf die Klingelknöpfe an der neuen Haustür schauten, standen dort die gleichen Namen wie früher…

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