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Leselupe.de > Kurzgeschichten
One Night Stand
Eingestellt am 23. 07. 2004 21:06


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Anna Osowski
Routinierter Autor
Registriert: Jun 2004

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Svenja liebt die Freitage. Schon beim Aufstehen l√§chelt sie froh in sich hinein und l√§sst gen√ľsslich im Verlaufe des Tages die Spannung wachsen. Sie wei√ü vorher nie, wie es sein wird. Ihr Ritual: Wenn sie gegen halb sieben nach Hause kommt, nimmt sie ein langes, hei√ües Wannenbad. H√∂rt dazu Wagner, manchmal auch Brahms. Laut. W√§hrend andere Frauen in ihrem Alter sich gerade auf den Weg zu einer Tupperparty oder ins Fitness-Studio machen, steht sie lange vor ihrem Kleiderschrank, nimmt mindestens drei verschiedene Dessous in die Hand, bevor sie sich f√ľr eines entscheidet, gleitet immer wieder mit ihrer sorgf√§ltig manik√ľrten Hand √ľber die Stoffe, um das passende Outfit zu w√§hlen, verbringt lange Viertelstunden vorm Spiegel, um jeden Make-Up-Strich perfekt zu inszenieren. Mit einem sehr guten Gef√ľhl verl√§sst sie jeden Freitag abend um 21.30 Uhr das Haus.

An diesem Freitag f√§llt ihr die Entscheidung leicht. Gleich als sie die Bar betritt, zieht er ihren Blick magnetisch an. Er hat breite Schultern, die sich in einen erlesenen Zwirn schmiegen, und seine Gesten verraten Sinnlichkeit. Seine H√§nde sind fein, wie die eines Pianisten, seine Schl√§fen leicht ergraut. Mit seinen klaren blauen Augen richtet er auch schon bald seinen unwiderstehlichen Blick auf sie. Ein leichter Schauder, sie bietet ihm ihr kirschrotes L√§cheln an. Eine charmante Plauderei zur Einstimmung, ein paar leichte Ber√ľhrungen hier und da, sachte und jede gekonnt platziert, schlie√ülich ein tiefer Augenblick... Svenja wartet einen winzigen Moment, genie√üt das Flackern in der Luft, genie√üt seine innere Bewegung und den Ausblick auf das, was gleich kommen wird. Dann beugt sie sich langsam zu seinem Ohr und fl√ľstert die magischen Worte, wobei sie sein Ohrl√§ppchen mit einem leisen kirschroten Fleck markiert. Er hat keine Chance mehr. Ihr Gesicht ein leuchtender Stern, als sie mit gemessenen Schritten gemeinsam die Bar verlassen.

Seine Wohnung empf√§ngt sie mit genau der Gro√üz√ľgigkeit und Behaglichkeit, die sie erwartet hat. Einen Wein schl√§gt sie nicht aus, galant stellt er alles bereit. Ein Chateaux Coulon, 96er Jahrgang. Zwei Gl√§ser, so kristallklar wie ein unschuldiger Gedanke. Die Musik: Jazz. Das hatte sie schon lang nicht mehr. Die meisten versuchen sie mit Beethoven zu beeindrucken oder mit Fado zu verf√ľhren. Sie l√§chelt √ľber die Ahnungslosigkeit der Auserw√§hlten. Er zieht sein Jacket aus und die Pr√§senz seines K√∂rpers, die Sicherheit in den kleinsten Bewegungen verschl√§gt ihr den Atem.

Nun kommt der Tanz. Diesen Teil liebt sie am meisten. Lauter unsichtbare F√§den, in die sie ihn einspinnt. Dinge, die sie ihn f√ľhlen l√§sst, indem sie Andeutungen oder Blicke benutzt. W√§hrend sie z√§rtlich √ľber ihr Bein streicht, schaut sie zu Boden in einem Winkel, der un√ľbertrefflich ist. Sein Blut wird zunehmend unruhiger, erhitzter. Dann k√ľhlt sie ihn wieder ab; er ist feinsinnig, heute reichen ein paar distanzierte Blicke. Wie sie diesen Tanz liebt und darin aufgeht und es dauert nur noch ein paar dieser Runden und dann ist es soweit und schon geht ihr stumm juchzend das Herz auf und schon schlie√üt sie in Vorfreude die Augen.

Heute geht alles so glatt. Sie braucht keinen Kniff, muss keinen Wein versch√ľtten oder um ein Glas Wasser bitten. Er geht im genau richtigen Moment ins Bad. Ein vielsagendes und auf am√ľsante Art siegessicheres Schmunzeln auf seinem k√∂stlichen Mund. Es ist ein unvergleichliches Gl√ľcksgef√ľhl, als sie mit ge√ľbten Bewegungen das D√∂schen aufschnappen l√§sst und das Pulver in seinem Wein aufl√∂st. Schon l√§ngst hat sie sich zur√ľck in die behaglichen, kupferroten Samtkissen geworfen, als die Badezimmert√ľr klappert und er mit einem noch zuversichtlicheren Ausdruck zur√ľck kehrt.

Was f√ľr eine Genugtuung sie heute empfindet. Obwohl doch der Sieg fast selbstt√§tig herbeigeschlendert ist, alles ging so glatt. Sie schenkt ihm noch ein letztes L√§cheln, eines mit besonders viel W√§rme und hebt ihr Glas. Auf die einzigartigen N√§chte. Und nimmt einen aufmunternden Schluck. Statt sein Glas zu nehmen, beugt er sich langsam genussvoll zu ihr, legt einen z√§rtlichen Geruch seines Eau de Toilette √ľber sie, streicht ihr sanft mit der linken Hand eine Locke aus der Stirn. Na bitte, denkt sie sich, eine kleine H√ľrde haben wir da doch gefunden... Ich werde ihn zun√§chst mit einem langen, feuchten Kuss aus der Fassung bringen, mich kurz frisch machen wollen, was f√ľr einen weichen Blick er hat, fast ist es schade um ihn, so einen kultivierten Mann traf ich selten, ich sollte nicht hadern, und diese wundersch√∂nen H√§nde...

Der lange feuchte Kuss w√ľhlt ihr tief die Eingeweide auf. Sie f√ľhlt sich in ungekannter Weise begehrt und f√§hrt leidenschaftlich mit ihren hell-lackierten Fingern durch sein Haar. Die Zwiesp√§ltigkeit dieser Leidenschaft treibt ihre Freude in irrwitizge H√∂hen und bereitet ihr so etwas wie ein hysterisches inneres Kichern. Wie in einem Taumel l√∂st sie sachte den Mund von seinem, hei√üer Atem vermischt sich, sein L√§cheln streichelt sie bet√∂rend. Sie rutscht leicht nach hinten, um sich aus der Umarmung zu stehlen, da sieht sie das Metall blitzen in seiner rechten Hand, es wird ein Messer sein, was da unaufhaltbar auf sie zurast und unfassbar muss sie erkennen, dass es heute anders enden wird. Anders als sonst am Freitagabend ...

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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Hallo Anna Osowska,

dein Text hat mir sehr gut gefallen; atmosphärisch dicht und sicher in der Wortwahl.

einzige Anmerkung bzw. Stolperstelle:
Die Szene des Nachhausekommens in seine Wohnung. Das Weinglas passt mir nicht: wozu die Beschreibung dient ist mir schon klar, aber ich finde sie ungl√ľcklich, da die Klarheit eines Weinglases nichts √ľber seine G√ľte bzw. seinen Preis verr√§t. Ich w√ľrde mir an deiner Stelle etwas Anderes suchen um den Leser auf die falsche F√§hrte zu locken.

Viele Gr√ľ√üe

Rainer
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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