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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Onkel Heinz
Eingestellt am 17. 03. 2009 23:20


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Sta.tor
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Onkel Heinz

Onkel Heinz hat am 29. Februar Geburtstag. Er erwähnt das gerne und kokettiert mit seiner scheinbar nie schwindenden Jugend.
Onkel Heinz ist der ‚große’ Bruder meines Vaters, aber richtig kennengelernt hatte ich ihn bis zu meinem dreißigsten Geburtstag nie so richtig.
Schuld daran war die Mauer.
Onkel Heinz wohnte in Lichtenrade, also Westberlin und ich in Berlin-Mitte, was im Osten liegt. Er besuchte uns eigentlich nie und gesehen hatte ich ihn das letzte Mal bei einem Kurzauftritt zu meiner Jugendweihe. Gesprochen hatten wir nichts miteinander. Wie Fremde.

Mein Vater durfte zu Onkels 50. Geburtstag das Staatsterritorium der DDR in Richtung Westberlin verlassen. Da die Ehe meiner Eltern schon geraume Zeit in Tr√ľmmern lag, spekulierte ich mit einer l√§ngeren Abwesenheit. Er kam aber wieder und brachte mir einen Anzug der Firma Levi‚Äôs mit. Ein damals, in breiten Kreisen der j√ľngeren DDR-Bev√∂lkerung √§u√üerst gesch√§tztes Bekleidungsst√ľck, das mein Ansehen in Freundeskreisen kometenhaft in die H√∂he schnellen lie√ü. Das dazugeh√∂rige, √§u√üerst auff√§llige T-Shirt mit der Nationalflagge der USA erwies sich (trotz neidischer Blicke) hingegen als nicht sehr alltagstauglich, erschwerte es doch den Zugang zu Jugendveranstaltungen erheblich.
Die Berichte meines Vaters von den Annehmlichkeiten des allt√§glichen Lebens jenseits des antifaschistischen Schutzwalls beeindruckten mich sehr und es stellte sich die Frage, ob es denn eines Tages vielleicht m√∂glich sein k√∂nnte, dass der gute Onkel mich auch mal zu einem seiner runden Jubil√§en einl√§dt. So als Gegenbesuch zu meiner Jugendweihe sozusagen. Wir w√ľrden uns weiterhin nicht kennen, w√§ren aber quitt. Ich lie√ü mir Zeit mit einer konkreten Anfrage.
1989 sollte Onkel Heinz 65 Jahre alt werden, oder mit seinen Worten 16 einviertel.
Im Mai 1988 war die Zeit reif, ihm mein Anliegen per Brief zu schildern, denn ich rechnete mit einer l√§ngeren Bearbeitungszeit durch die Beh√∂rden. Onkel Heinz war sofort einverstanden und schickte mir auch z√ľgig die erforderlichen Unterlagen, wie Einladung, Meldebescheid, Mietvertrag, Geburtsurkunde usw. usf.. Mit meinem eigenen Stapel an Papieren reichte ich den Besuchsantrag ein.
Kurz vor Weihnachten bekam ich eine Einladung zur Meldestelle der Volkspolizei, Abteilung Pass- und Reiseangelegenheiten, Unterabteilung Reisen ins nichtsozialistische Ausland.
Nach stundenlangem Warten erkl√§rte mir der zust√§ndige Volkspolizist, dass mein Antrag auf Gew√§hrung einer Reise nach Westberlin abgelehnt wurde. Begr√ľndung: das angegebene Geburtstagsdatum k√§me im Jahr 1989 nicht vor. Von weiterf√ľhrenden Diskussionen wurde mir eindringlichst abgeraten.
Ich besa√ü den Mut, eine Eingabe an das Ministerium des Inneren zu senden, in der ich mich √ľber die d√ľmmliche Begr√ľndung der Ablehnung beschwerte.

Monatelang geschah nichts und Onkels Geburtstag zog an mir vorbei.

Der Herbst 1989 ver√§nderte vieles in der DDR. Im Oktober steckte pl√∂tzlich wieder eine Einladung der Meldestelle im Briefkasten. Diesmal waren die Leute dort mehr als freundlich. Ich traute Augen und Ohren nicht. Mitf√ľhlend wurde mir vermittelt, wie ungl√ľcklich man heute mit der damaligen Absagebegr√ľndung w√§re und wie schwer meine Eingabe ihnen eigentlich auf der Seele lasten w√ľrde. Wenn ich immer noch den Wunsch versp√ľren w√ľrde zu reisen, bek√§me ich nat√ľrlich in K√ľrze die Reiseunterlagen.
Na gut, ich versp√ľrte den Wunsch und √§u√üerte ihn.
Alles schien sich zum Guten zu wenden.
Wenn die Wende nicht dazwischengefunkt hätte.
Am 9. November fiel die Mauer, dass hei√üt, sie fing an zu zerbr√∂seln. Jetzt konnte jeder in den Westen. Antr√§ge waren nicht mehr n√∂tig. Mein Bewilligungsschreiben war nichts mehr wert. Ich f√ľhlte mich hintergangen.


Mit dem Überschreiten der Grenze ließ ich mir Zeit. Der Hektik der ersten Tage wollte ich mich nicht unterwerfen. Am 12. November, meinem 30. Geburtstag, durchbrach ich mit Frau und Kind den Betonwall an der Bernauer Strasse, der Schnittstelle zwischen Prenzlauer Berg im Osten und Wedding, westlich davon. Großgerät war in Stellung gebracht worden, um Mauersegmente aus dem Weg zu räumen.
Auf Westseite waren gerade Leute damit besch√§ftigt, das Hinweisschild ‚ÄěAchtung, sie verlassen jetzt West-Berlin‚Äú zu demontieren. Begr√ľ√üt wurden wir von freundlichen jungen Menschen die uns Probep√§ckchen ‚ÄěMarlboro‚Äú entgegenhielten. Etwa hundert Meter weiter trafen wir auf einen gro√üen Menschenauflauf vor einem Containerfahrzeug. Aus der ge√∂ffneten Lader√ľckwand wurden gut gef√ľllte T√ľten in die sich pr√ľgelnde und schreiende Menge heruntergereicht und wir wurden Zeuge, wie sich der Partner der neben uns laufenden Frau in das brodelnde Gew√ľhl schlug, mit der Ank√ľndigung, nicht ohne zwei T√ľten wiederkommen zu wollen. Ein Animateur schrie unabl√§ssig ins Mikrofon, dass er was zu verschenken h√§tte und so fand ein √§lterer Herr kaum Beachtung, der, auf halber H√∂he eines Zaunes stehend, immer wieder ausrief, dass man sich sch√§men m√ľsste, daf√ľr auf die Strasse gegangen zu sein.
Kopfsch√ľttelnd liefen wir weiter.
Meine Frau fragte mich, wo wir eigentlich hin gehen könnten.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Einfach geradeaus.
Wir k√∂nnten doch den Onkel Heinz besuchen, meinte sie. Der w√ľrde sich bestimmt freuen, nach dem ganzen Theater. Ich solle ihn doch einfach anrufen.
Och, erwiderte ich, den können wir doch jetzt jeden Tag sehen.

__________________
schlimmer geht immer

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