Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95294
Momentan online:
635 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Opern-Confiserie
Eingestellt am 12. 08. 2014 11:42


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
James Blond
???
Registriert: Aug 2014

Werke: 453
Kommentare: 1606
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um James Blond eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Kennen Sie dieses Gef├╝hl?

Da kommt man als armer Student in eine Weltstadt und dr├╝ckt sich an den Schaufenstern der elegantesten Gesch├Ąfte vorbei und das eigene Geld reicht gerade f├╝r eine Fahrt mit der U-Bahn. Als w├Ąre man auf dem falschen Planeten gelandet!

So erging es mir jedenfalls, als ich eine bestandene Semesterpr├╝fung mit einer kleinen Reise feiern wollte und kurzerhand in Wien aufschlug. Recht bald stellte sich heraus, dass alle zusammengesparten Reserven bestenfalls f├╝r einen kurzen Aufenthalt in gr├Â├čter Bescheidenheit reichen w├╝rden. Nichtsdestotrotz bummelte ich gelassen zu den Sehensw├╝rdigkeiten der Stadt, deren herrliche Fassaden sich gottlob kostenfrei bewundern lie├čen.

So verbrachte ich bei sch├Ânstem Wetter einige wunderbare Tage und der Zufall wollte es, dass ich am letzten Tag mit einem erkl├Ąglichen Rest meines Guthabens an einem kleinen Laden in einer schmalen Seitengasse vorbei kam. Er war eines jener ansehnlichen Gesamtkunstwerke, wie man sie nur in alten St├Ądten findet. Winzig, altmodisch und so niedlich herausgeputzt, dass man unwillk├╝rlich davor stehen blieb.

OPERN-CONFISERIE stand in schn├Ârkeligen goldenen Lettern ├╝ber der in dunklem Gr├╝n gerahmten Schaufensterscheibe, die den Blick auf ein Innenleben voll leuchtend gelber und roter Farbt├Âne freigab. Auf engstem Raum waren dort zahllose Leckereien versammelt, eine appetitlicher anzusehen als die andere.

War bereits dieser Anblick ein Genuss, so belie├č ich es diesmal nicht bei der ├Ąu├čeren Betrachtung, sondern betrat, nachdem ich mir 'aber nur Anschauen' vorgenommen hatte, das Gesch├Ąft durch eine schmale Eingangst├╝r, die beim ├ľffnen den nostalgischen Klang einer alten Ladenglocke verlauten lie├č.

Kaum hatte ich den Raum betreten, war ich auch schon ├╝berw├Ąltigt von dem s├╝├člichen Duft vielf├Ąltiger Aromen. Im Laden warteten zwei Verk├Ąuferinnen, deren gepflegte Erscheinung in hellblauen Sch├╝rzen und H├Ąubchen den altmodischen Charakter des Inventars auf eine anmutige Weise unterstrich. Sie ├╝berlie├čen mich eine Weile meinen Betrachtungen, wobei sie mein offensichtliches Staunen mit l├Ąchelndem Wohlwollen quittierten. Die ├Ąltere von beiden sah mich erwartungsvoll an.

"Womit kann ich dienen, mein Herr?"

"Ich.., ├Ąh, h├Ątte gerne eine Kleinigkeit mitgenommen..."

"Gern. Darf es etwas Besonderes sein?"

"Nun..."

Sie zeigte auf ein s├╝├čes Teil, das ich zuvor mit den Augen fixiert hatte.

"Dieses hier ist eine venezianische Gondel nach einer Idee von Francesco Vidarossa. Die Planken sind aus dalmatinischen Mandelkrokantsplittern gefertigt, gef├╝llt mit einer Mischung von Turiner Gianduitto und glaciertem Maronenp├╝ree aus der Toscana, versiegelt mit einer H├╝lle aus extra fein chonchierter Schokolade der Criollo-Bohne. Der Gondoliere ist eine Handarbeit aus Antep-Pistazienmarzipan, die dunklen Partien sind mit einer zarten Edelbittercouvert├╝re ├╝berzogen."

In der Tat handelte es sich um ein kostbares St├╝ck, vermutlich so teuer, dass ich nicht einmal nach dem Preis zu fragen wagte. Die Verk├Ąuferin interpretierte mein Z├Âgern allerdings auf ihre Weise:

"Nun, wenn Ihnen das Gianduitto zu schwer erscheinen sollte - ich h├Ątte hier noch etwas Leichteres mit Mont├ęlimar-Nougat: unsere Zauberfl├Âte."

Sie griff hinter sich und holte eine l├Ąngliche Schachtel hervor. Doch das schwere Nougat schien mir nicht das Problem. Unauff├Ąllig hielt ich Ausschau nach etwas Bezahlbarem.

"Was ist denn das, dort dr├╝ben?"

"Das?"

Die Verk├Ąuferin z├Âgerte nur kurz, ehe sie nach einer ganz in Schwarz gehaltenen Schachtel griff, durch deren Deckel ich bereits einen silbernen Inhalt ersp├Ąht hatte.

"Das sind die Freikugeln, mit denen jeder Freisch├╝tz sein Gl├╝ck treffen wird. Ihr Kern besteht aus kandierter schwarzer Tr├╝ffel, gef├╝llt mit einer Mandel-Armagnac-Creme, umgeben mit einer versilberten H├╝lle aus Schweizer Edelschokolade. Die siebte Kugel enth├Ąlt im Kern eine wei├če Tr├╝ffel und ist in echtes Blattgold gewickelt."

Sie ├Âffnete die Schachtel und ich blickte auf sechs tischtennisballgro├če blanke Silberkugeln, die sich um eine siebente in strahlendem Gold zu einer pr├Ąchtigen Bl├╝te gruppierten.

"Die Mandeln...", brachte ich hervor.

"...stammen ausschlie├člich aus der ersten Lese in Mallorca." erg├Ąnzte sie. "Nur die Ametlla Mallorquina wird nach schonender R├Âstung von uns zur Creme verarbeitet. Und der Armagnac aus der Gascoigne stammt aus dem Hause Francis Darroze, die daf├╝r ausschlie├člich Reben der Sorte Baco Folle Blanche nehmen. Selbstverst├Ąndlich verwenden wir nur Grands Assemblages, die mindestens 12 Jahre alt sind."

"Selbstverst├Ąndlich" stotterte ich und schwieg dann betroffen.

"Darf ich ihnen eine Packung mitgeben?"

"Aber gern." Ich war mittlerweile vollends eingesch├╝chtert und kaum mehr imstande, etwas abzulehnen. Ich z├╝ckte auffallend l├Ąssig meine Brieftasche und wollte gerade die Nummer mit der vergessenen Scheckkarte abziehen, als die Verk├Ąuferin freundlich abwinkte:

"Aber mein Herr! Ich bitt' Sie - nehmen's nur ruhig alles mit, es ist doch schon bezahlt, von dem jungen Herrn, der grad gegangen ist!"

In meiner Not hatte ich von dem Kunden, der kurz zuvor den Laden betreten und bereits wieder verlassen hatte, kaum Notiz genommen. Er hatte ein vorbereites P├Ąckchen in Empfang genommen, nur kurz zu mir her├╝ber gel├Ąchelt und war bereits wieder verschwunden.

Auf mein ungl├Ąubiges L├Ącheln hin f├╝gte sie erkl├Ąrend hinzu: "Ja, der Herr Feininger hat am Ort die gr├Â├čte Lotterie laufen. Er z├Ąhlt zu unseren Stammkunden und ist zu allen immer sehr gro├čz├╝gig."

"Ja, wenn das so ist ..."

Ohne weiteres Z├Âgern griff ich nach der h├╝bsch eingepackten Schachtel und verlie├č erleichtert den Laden als gl├╝cklichster Mensch der Welt.

Version vom 12. 08. 2014 11:42

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Lomil
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2014

Werke: 25
Kommentare: 60
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lomil eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo James Blond

Du hast mich mitgenommen auf Deiner Reise durch Wien. Jede einzelne Zutat der Pralin├Ęs, die Du wunderbar beschrieben hast, habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen und nach dem Lesen zwei Kilo mehr Gewicht auf der Waage gehabt. Deine Geschichte hat mir gut gefallen auch wegen des ├╝berraschenden Endes. Ich hei├če Dich herzlich willkommen in der LL.

Gru├č Lomil

__________________
W├Ąhle einen Beruf den du liebst; und du brauchst in deinem Leben keinen Tag mehr zu arbeiten.

Konfuzius

Bearbeiten/Löschen    


Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 329
Kommentare: 2724
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo James Blond,

nichts Aufregendes, aber eine fein geschriebene Geschichte, bei der einem schon beim Lesen das Wasser im Mund zusammenl├Ąuft.
Ja, und dieses Gef├╝hl kenne ich auch noch, auch wennÔÇÖs lange her ist. Deshalb habe ich die Geschichte gern gelesen.

K├Ânntest Du vielleicht noch die l├Ąstigen Schr├Ągstriche entfernen, damit der Text auch ein optischer Genuss wird?

Gru├č Ciconia

Bearbeiten/Löschen    


James Blond
???
Registriert: Aug 2014

Werke: 453
Kommentare: 1606
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um James Blond eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ihr beiden Schleckerm├Ąuler,

dankesch├Ân f├╝r die netten Kommentare!

Ich hoffe, Ihr habt nicht anschlie├čend Eure Schokoladenvorr├Ąte gepl├╝ndert! Das Schriftbild sollte jetzt etwas besser munden.

LG JB

Bearbeiten/Löschen    


DocSchneider
Foren-Redakteur
H├Ąufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sch├Âne Geschichte, wobei mir die Beschreibung der K├Âstlichkeiten satirisch anmutet und mir deshalb ein breites Grinsen entlockte. Unter uns: So etwas kann man ja gar nicht essen. Erstens viel zu schade, zweitens viel zu teuer, aber dieses Problem l├Âste sich ja in Wohlgefallen auf.

Fein geschrieben!

LG Doc, der noch nie jemand im Laden zuf├Ąllig etwas bezahlt hat und die jetzt auf gut und g├╝nstig zur├╝ckgreift.
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


James Blond
???
Registriert: Aug 2014

Werke: 453
Kommentare: 1606
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um James Blond eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Jups,

da hast Du gut aufgepasst, lieber Doc: Derartige Leckereien gibt es weder zu essen noch zu kaufen. Sie sind w├Ąhrend einer Schokoladenentzugskur meiner ├╝berreizten Phantasie entsprungen.
Die Opern-Confiserie hingegen gibt es in Wien tats├Ąchlich.


LG JB

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung