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Optik super: Australia
Eingestellt am 20. 12. 2008 23:21


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jon
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Optik super: Australia
EindrĂĽcke von der Filmpremiere am 12. 12. 2008

Wissen Sie, worin für mich der Charme alter Gemälde liegt? Dass sie wie zufällige Abbilder einer Szene wirken. Man weiß – sich vage an die Schulzeit erinnernd – dass die Künstler die Stilmittel bewusst wählten, Komposition, Farbe und Dynamik sorgfältig abstimmten, aber es fällt einem nicht als erstes ins Auge.

Bei Baz Luhrmanns neuestem Werk „Australia“ fallen die Mittel auf. Der Regisseur, der mit „Moulin Rouge“ sein Gespür für dekorative Opulenz bewies und dessen „Shakespeare’s Romeo und Julia“ von seinem Händchen für theatralische Überzeichnung zeugt, greift bei dem als Epos konzipierten Streifen deutlich zu tief in die Trickkiste: Die Farbenwahl ist zu plakativ auf die Szene geeicht, die Musik ist – zumindest zum Ende zu – zu offensichtlich als „Motiv“ und „Rührungserzeuger“ erkennbar, die Darsteller der bigotten „besseren Gesellschaft“ sind zu spitz gezeichnet und wirken so eher als Karrikaturen als als ernst zu nehmende Gegner der „guten Helden“, Lady Ashley ist – am Anfang am deutlichsten – zu affektiert, der Verfall zu dekorativ, die heile Welt zu schön, die Liebe der Protagonisten zu selbstverständlich, die gesellschaftlichen Umstände zu deutlich Rahmen für die Lovestory. Nur ein Element scheint Baz Luhrmann wichtig genug gewesen zu sein, nicht seiner offenkundig überschäumenden Spielfreude anheim gegeben zu werden: das Thema der gestohlenen Generationen …

Mitte des 20. Jahrhunderts – immerhin bis 1973! - nahm der Rassismus der weißen Bevölkerung Australiens eine besondere Form an: Mischlingskinder – abfällig „Creamies“ genannt – wurden ihren Eltern weggenommen und in staatlichen Einrichtungen einer rigiden Erziehung zum Weiß-Sein unterzogen. Dieser Eingriff in die traditionellen Familienstrukturen der Aborigines war so umfassend, dass man von den „gestohlenen Generationen“ spricht.

Der Film, der am 25. Dezember 2008 in die deutschen Kinos kommt, erzählt davon aber nur „nebenbei“. Es geht vor allem um die englische Aristokratin Lady Ashley (Nicole Kidman), die eine Farm in Australien erbt, an den raubeinigen Viehtreiber „The Drover“ (Hugh Jackman) gerät und mit ihm und – unter anderem – dem Mischlingsjungen Nullah deren Existenz zu retten versucht, indem sie die Rinder in die Hafenstadt Darwin zum Verkauf treiben. Ohne zu viel zu verraten, kann man vermerken, dass sie es unter Opfern schaffen, sich dabei näher kommen, ein Paar werden, auf weitere Widrigkeiten treffen, sich verlieren und – Baz Luhrman änderte die erste Version nach Fertigstellung nochmal: – wieder finden. Daran gekoppelt ist die Geschichte von Lady Ashley, wie sie Nullah mehr und mehr als Sohn annimmt, ihn verliert, wiedergewinnt und …

Nein, sehen Sie es sich selbst an! Denn auch wenn dieses dem deutschen Kinopublikum als großer Weihnachtsfilm offerierte Epos nicht perfekt ist, lohnt sich der Gang ins Filmtheater. Man könnte sicher auch auf die Bildschirm-Version warten, doch die atemberaubenden Landschaftaufnahmen der australischen Weite und die Viehtrieb-Szenen wirken auf der großen Leinwand mit Sicherheit viel intensiver. Auch der – etwas zu esoterisch unhinterfragt gelassene – Aspekt der Aborigine-Magie erhält im Großformat eine ganz spezielle Art von Glaubwürdigkeit. Selbst die Super-Nahaufnahmen der Protagonisten in ihren „emotionalen Momenten“ ergreifen womöglich mehr, wenn sie mit Bergeswucht auf einen niederdrängen.

Schauspielerisch gibt es an dem Streifen nichts auszusetzen. Nicole Kidman passt hervorragend zur Rolle der Lady Ashley und verhindert durch den Rest Unterkühltheit und Puppenhaftigkeit, dass Luhrmann die Dame als „völlig australisiert“ verkaufen konnte. Hugh Jackman nimmt man am Anfang vielleicht nicht ganz den „harten Knochen“ ab, was es jedoch glaubhafter macht, dass der Drover es mit der Lady doch immerhin ein ganzes Weilchen aushält. Seine Darstellung ist noch die realitätsnaheste: Jackman nimmt man ab, dass die Gefühle und Beweggründe des Drovers wenigstens ein paar Zentimeter unter die Filmoberfläche reichen. Bei der Figur der Lady Ashley kommt dieser Eindruck fast nur im Zusammenhang mit Wahl-Sohn Nullah auf, der Rest der Charaktere – Nullah nicht unbedingt ausgeschlossen – können damit kaum aufwarten, was aber eher an der Regie liegt als an den Fähigkeiten der Darsteller. Auch optisch empfehlen sich Kidman und Jackman – sowohl als Traumpaar als auch durchaus einzeln. Je nach Geschmack natürlich. Und das gilt wohl für den gesamten Film: Man kann ihn für ein weiteres opulent-farbintensives Bavourstück Luhrmanns halten oder ihn stellenweise für „zu viel gewollt“ oder sogar kitschig einstufen. Wenn man mit mittleren Erwartungen herangeht, taugt er aber auf jeden Fall als gutes Popcorn-Kino und beschert mehr als zweieinhalb unterhaltsame Romantik-Stunden.


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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Version vom 20. 12. 2008 23:21
Version vom 30. 12. 2008 09:32
Version vom 05. 04. 2009 12:05

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sohalt
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Ich hab unter "zufällig" in der Einleitung auch verstanden, dass die Form mehr hinter den Inhalt zurücktritt als bei moderneren Werken, wo die Form oft quasi der Inhalt ist. Aber ich gebe zu, die bildenden Künste sind nicht unbedingt mein Spezialgebiet.

Die Formulierung "zufällig" mag etwas missverständlich sein, aber ich fand jedenfalls die Grundidee für die Einleitung sehr schön. Beschreibt meiner Meinung nach sehr präzise das "Problem" bei diesem Regisseur.

Also, meiner Meinung nach ist die Funktion einer Rezension ja nicht unbedingt, dem Leser Lust auf den Film zu machen. Dafür gibts Promotionsaussendungen und Werbetexte. Eine Reszension soll mir ermöglichen, zu entscheiden, ob ich diesen Film sehen will oder nicht. Dazu muss der Autor nicht einmal meinen Geschmack teilen. Ich hab auch schon aufgrund negativer Rezensionen entschieden, dass das Buch/oder Film etwas für mich sein könnte, weil eben Dinge, die der Rezensent als Manko aufführt, mich wenig stören oder mir sogar gefallen. Dann war also die Rezension trotz unterschiedlicher Conclusio trotzdem wertvoll für mich.

Auf jeden Fall denke ich, Jon's Rezension liefert hier eine recht brauchbare Entscheidungsgrundlage.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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