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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Oranges Kiew
Eingestellt am 23. 03. 2006 11:29


Autor
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chachaturian
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Oranges Kiew


Mit einem Gesicht fing es an
entstellt wie die Machthaber
die auf den Widersacher
anschlagen lie├čen
Kerker und Traditionen
von weit her
sind da gekommen
gew├Ąhlt werden sollte
wie fr├╝her Parteidirektiven
erlassen wurden
├╝berall wollte man nachhelfen
das die Macht dort bleibt
wo sie hingeh├Ârt
und nicht etwa das Volk
sich verzettelt
in der Ukraine

Frische Briese und Winterk├Ąlte
auf dem Maidanek in Kiew
Juschtschenko redet
und doch steht alles
auf den althergebrachten F├╝├čen
so sehr die Farben und die Menschen
f├╝r einen neuen Aufbruch streiten
auch blaue Zonen
kennt das Land
aber doch an den meisten Orten
steht Janukowitsch
f├╝r das alte Elend
damit bestehen bleiben
die ergaunerten Pfr├╝nde
und daf├╝r das verschwinden kann
der schreibt in Zeitungen
├╝ber Ungelegenheiten

Der Sturz war tief aus Sowjetzeiten
Erosion, tiefe unsoziale Schluchten
das goldene Zeitalter
der Stagnation zerronnen
der Markt diktiert
den Wert der V├Âlker
viele kommen so
unter den Hammer
sinken tiefer und tiefer
Wer will mit den
alten Fehlern richten
ohne die Neuen zu benennen?

Ein wenig Ankunft in Europa
visafreies Reisen
nach Odessa und zur Krim
in Berlin mu├č
noch umgedacht werden
ob nicht der eigentliche Skandal
der Visapraxis darin besteht
welcher Aufwand f├╝r ein Visum
betrieben werden mu├č
und ob es nicht b├╝rokratiefreier ginge
f├╝r zwei Wochen
nach Deutschland zu reisen
teuer genug f├╝r L├Âhne
die jedem Vergleich spotten

Wieviel blaue Adern durchziehen
noch das Orange
oder wechselt es die Farbe
und t├Ąuscht an vielen Enden
hinweg ├╝ber das
was es wirklich kann?
die Wehrpflicht soll fallen
Soldaten aus dem Irak abgezogen
jedoch Tschernobylenergie will man
in neuen Werken zeugen
nicht verheerend t├Âdlich genug
der erste Atomunfall?

Mitten im Winter
verf├╝nffacht Zar Putin Gaspreise
russische Kredite bietet er
eine Henkersmalzeit
f├╝r die einstige Sowjetrepublik
Politischeuropa fabuliert im
B├╝rokratenstil und guten Worten
ohnehin nur ein schwarzes Loch
ein Liedwettstreit
schafft kein Netz
f├╝r das N├Âtigste zum Leben
nur ein wenig Band und Wissen
zwischen den Menschen
und mehr sollte es werden

8-12/2005

Hat ziemlich lange gedauert ehe ich dieses Gedicht in dieser Form hatte. Vor allen Dingen habe ich unz├Ąhlige Texte und Einsch├Ątzungen zu dem Thema gelesen. Anmerkungen an mich.

Literaturpodium
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Ully
???
Registriert: Jan 2006

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Dein Text ist reine politische Agitation und verbreitet den Mief der alten Sowjetunion, k├Ânnte ja fast ein propagandistisches Flugblatt sein. Ich frage mich ob der Text hier eher unangebracht ist?

Gru├č, Ully
__________________

┬ę by Ulla Magonz

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chachaturian
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AW

Ich glaube Sie kennen keine sowjetische Propaganda. Blank gereimt w├Ąre der Text nicht realisierbar. Insofern verlasse ich mich lieber auf das Wortspiel. Das in Deutschland das politische Gedicht unopportun ist, ist nichts neues. Ich ignoriere solche Glaubensbekenntnisse wie Gedichte nicht sein d├╝rfen. Siehe dazu auch meine Texte zur Kontroverse zwischen Grass und Fried.

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Svalin
???
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Hallo chachaturian,

In meinen Augen ist das "Freestyle-Journalismus". Zu sehr erinnert mich das Ganze an den Gastkommentar eines Experten in der Berichterstattung: analytisch, fundiert, kommentierend. Inhaltlich eine Sacher├Ârterung mit subjektiven Randnotizen. Und dem d├╝nnen poetischen Netzhemd gelingt es m.E. nicht, sprachlich dar├╝ber hinwegzut├Ąuschen. Insofern w├╝rde ich mich Ully anschlie├čen: der Text ist vielleicht eher bei den Essays, Rezensionen, Kolumnen anzusiedeln.

Viele Gr├╝├če
Martin

__________________
Lyrik ist Logop├Ądie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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chachaturian
Autorenanw├Ąrter
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Kontroversen zu Frieds Vietnamgedichten:
├ťber das politische Gedicht


Unter anderem ├╝ber die Vietnamgedichte kommt es zu einer Kontroverse zwischen G├╝nter Grass und Erich Fried. Im Gedichtband "Ausgefragt" (1) von Grass gibt es das Gedicht "Irgendwas machen", wo er sich ├╝ber das Protestgedicht lustig macht. So meint er darin, die "Herstellungskosten" solcher Art politischer Gedichte seien gering, und sie w├Ąren zu abh├Ąngig von je aktuellen Konjunkturen. So schaffe beispielsweise die Aufr├╝stung den Raum f├╝r vermarktbare Anti-Kriegsgedichte.[...]

Das ist ein Auszug aus einer meiner Pr├╝fungsarbeiten beim Diplom, insofern nat├╝rlich darauf hin verfa├čt. Aber so w├╝rde ich die Problemstellung einsch├Ątzten. Wenn man sich zum Beispiel Tucholskys Gedichte im Vorfeld von 33 zu der braunen Entwicklung ansieht, dann wird sofort evident, warum konventionelle Formen an so einem Punkt nicht funktionieren. Ein zus├Ątzliches Problem ist: Wenn man politische Gedichte eine Generation sp├Ąter liest und die Rahmenbedingungen fehlen, bleibt relativ unklar worum es ├╝berhaupt geht. Meine These ist
politische Gedichte m├╝ssen eine gewisse Klarheit haben. H├Ąufig reicht es nicht aus hier und da eine Andeutung zu machen.

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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Hallo chachaturian,

Ich denke, die literaturwissenschaftliche Metaebene solltest du im Forum Lupanum besprechen. Dort kannst du deinen Text mit einer entsprechenden These gerne gesondert zur Diskussion stellen. In den Werkeforen sind solche Gebrauchsanweisungen eher Makulatur: "Beipackzettel". Gedichte m├╝ssen hier f├╝r sich selber stehen und sprechen k├Ânnen, ihre Wirkung aus sich selbst heraus entfalten. Das hei├čt: alle Bezugspunkte m├╝ssen darin verankert, alle Verarbeitungsspuren sichtbar sein. Der Fingerzeig zum Ideenhimmel n├╝tzt da wenig: das w├Ąre intellektuelles Drachensteigen-Lassen. Experimentelle Lyrik besch├Ąftigt sich nach meinem Empfinden auch und gerade mit Fragen der Erdung und Bodenhaftung. Insofern sollte eine Verbindung zum Abstrakten stets existent und erkennbar sein.

Viele Gr├╝├če
Martin
__________________
Lyrik ist Logop├Ądie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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