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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Organspende
Eingestellt am 06. 01. 2012 18:25


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Sagittarius
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2011

Werke: 7
Kommentare: 6
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Blaulichtgeflimmer

„Was ist passiert?“
„Motorradunfall. SchĂ€delbruch. WirbelsĂ€ule... Muss noch genauer bestimmt werden. Vermutlich keine inneren Verletzungen. Der Patient ist erstversorgt. Bewusstlos, aber stabil. Puls..., Blutdruck...“
„ O.K. Haben sie Papiere gefunden? Schwester! Wundversorgung, Röntgen Cranium, HWS,BWS, CT Thorax innere Verletzungen. Dann auf die ITS, das Übliche.
Ja, haben sie Papiere?“
„Hab ich. Hier ist die Börse.“
„Prima, alles da! Deutscher Pass. Ziemlich junger Mann noch... Blutspenderpass. DKMS. Interessant, noch so jung, und schon so ein selbstloser, hilfsbereiter Mensch! So sind sie, die Deutschen. Organspenderpass. Respekt! Krankenkasse .... Gut.“
„Kann ich dann wieder gehen? Will noch was essen, sonst stĂŒrze ich mich auf die nĂ€chstbeste Fleischwunde!“
„Ja, ich habe alles, was ich brauche. Gute Schicht noch. Hoffentlich nicht so blutig lange!“

„Da haben wir ja wieder was reingekriegt, Doktor! Darf gar nicht an den bĂŒrokratischen Wust denken, der auf uns zukommt. Deutschland! Die haben doch dort an allem was rumzukritteln. Der hat keine ausreichende Auslandskrankenversicherung. Das kenn ich doch, da mĂŒssen wir uns wieder ĂŒber jeden Cent auf unserer Abrechnung streiten! Wie ist es denn nun um ihn bestellt, Doktor?“
„Er hat einen SchĂ€delbruch mit leichter Subarachnoidalblutung. Die OP war erfolgreich. Sieht ganz gut aus. Der Helm hat ‚ne Menge abgehalten. Die WirbelsĂ€ule ist bei C4 angebrochen. Eine Niere ist angerissen. Wir haben ihn ins Koma gelegt. Zwei Wochen, denke ich, dann kann er nach M. ĂŒberfĂŒhrt werden.“
„Hm. SchĂ€delbruch, SAB. Der Mann ist stabil, sagen Sie?“
„Ja. Wie gesagt, wir haben ihn ins Koma gelegt. Das wird schon wieder. Kann natĂŒrlich noch nicht sagen, ob da neurologisch was fehlt, wenn er wieder auf den Beinen ist.“
„Morgen kommt die Kommission unabhĂ€ngiger Ärzte. Die wird sich den Fall ansehen.“
„Die Kommission? Morgen? Die kommt doch nur kurzfristig zusammen. Und: was will die denn bei dem Fall? Ist doch kein Problem!?“
„Reine Routine. Sie wissen doch, die Kosten...“
„Die Kosten?! Was haben die denn mit der Rettung eines Menschenlebens zu tun?“
„Doktor, tun Sie doch nicht so? Wie lange stehen Sie tĂ€glich am Tisch? Sie kennen doch auch die wirtschaftlichen ZwĂ€nge, die auf unserer Klinik lasten. Womit wollen Sie diagnostizieren und behandeln, ohne technische AusrĂŒstung, ohne Medikamente, Verbandmittel, etc. Sollen wir daran noch mehr sparen? Wir sind eine relativ kleine Klinik. Wir können verhandeln, wie wir wollen, wir kommen nie auf die UmsĂ€tze großer HĂ€user, entsprechend sind die möglichen Rabattvereinbarungen. Wir zahlen fĂŒr das gleiche Produkt fast das Doppelte, wenn man die Uniklinik als Vergleich heranzieht. Und das bei diesem mafiosen Preisniveau. Mal von allen möglichen Subventionen abgesehen... „
„Heißt das, die Kommission...?“
„Kommt morgen elf Uhr. Danke, Doktor. Und bereiten Sie alles vor.“
„Wie darf ich das verstehen, Herr Professor?“
„Herr Doktor S.: Der Patient bekommt heute Nacht Komplikationen infolge der SAB. So, dass wir morgen frĂŒh leider den Hirntod diagnostizieren mĂŒssen. Der Körper wird weiterhin kĂŒnstlich am Leben erhalten. Wir alarmieren die Kommission, die Herren werden sich schnellstmöglich hier versammeln, werden zum Ablauf der Krankengeschichte und nach Begutachtung des Patienten keine Zweifel an der Tatsache bekunden. Damit sind wir in der Lage, dem Wunsch des jungen Mannes nachzukommen, seine Organe bedĂŒrftigen Menschen zu spenden.“
„Sind Sie wahnsinnig?! Ich hab mal einen Eid als Mediziner abgelegt! Sie doch auch, oder?“
„Mann, denken Sie doch mal realistisch. Dieser Eid ist doch heute gar nicht mehr guten Gewissens haltbar. Noch vor dreißig Jahren wĂ€re Ihr Patient lĂ€ngst tot. Und Sie hĂ€tten sich jederzeit auf den Eid berufen können. Es gab damals einfach noch nicht die technischen und pharmazeutischen Möglichkeiten, die wir heute haben. Die selbst wir haben, die wir weiß Gott nicht perfekt ausgerĂŒstet sind! Er liegt jetzt im Koma. Sind Sie sicher, Sie kriegen ihn da wieder raus? Wenn nicht, muss man ihn unter UmstĂ€nden jahrelang kĂŒnstlich am Leben erhalten. Was glauben Sie: ist das Lebenswert? Wenn er stirbt, ersparen wir uns jede Menge FormalitĂ€ten, Kosten und Ärger. Übrigens kommt das auch den Deutschen entgegen. Die mĂŒssten ihn schließlich restlos wieder aufpĂ€ppeln. Oder an die Maschinen hĂ€ngen... Oder als geistig Behinderten betreuen... So wird nur die ÜberfĂŒhrung einer Leiche fĂ€llig. Fertig. Und schließlich: er möchte gerne seine Organe spenden. Wir haben eine Anfrage aus den USA bezĂŒglich eines Spenderherzens. Blutwerte und genetische Daten passen exakt zu der Anforderung. Der EmpfĂ€nger ist der Sohn eines stinkreichen Börsenmaklers, der das Dreifache des ĂŒblichen Preises bezahlt. Die Zentrale bekommt natĂŒrlich offiziell den von ihnen geforderten Obolus (keine Ahnung, was da sonst noch lĂ€uft, schließlich mĂŒssen die ihre Warteliste entsprechend abstimmen, ist mir auch egal...). Das Doppelte dieses Betrages wird uns als neutrale Spende ĂŒberwiesen. Wir wĂ€ren endlich in der Lage, ein neues, zuverlĂ€ssiges Patientenrufsystem zu installieren, Betten zu erneuern und vieles mehr.
Ähnlich lĂ€uft das mit den anderen verwertbaren Organen. Alles legal. Keiner wird irgendetwas anzumerken haben. Wenn Sie Ihren Part auch so spielen, das niemand Verdacht schöpft. Aber das fĂ€llt Ihnen doch nicht schwer. Sie können Komplikationen verhindern, also wissen Sie auch, wie welche entstehen... Ach, ĂŒbrigens, Chefarzt, Prof. Dr. K. hat sich entschlossen, das Angebot einer privaten Kurklinik anzunehmen, dort als Ă€rztlicher Direktor zu arbeiten. Sein Posten ist also ab ersten September vakant....“

„Guten Tag, meine Herren. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Darf ich Ihnen Doktor S. vorstellen. Er behandelt den Ihnen vorliegenden Fall seit der Aufnahme in unsere Klinik. Ich nehme an, Sie haben Sie sich bereits mit der Krankengeschichte vertraut gemacht. Bitte, Dr. S. steht Ihnen fĂŒr die Beantwortung Ihrer Fragen zur VerfĂŒgung.“


Nach diesem Vorfall verließ Dr. S. die Klinik, hĂ€ngte seinen Beruf aus moralisch-ethischen GrĂŒnden an den Nagel und wurde Börsenmakler.

Die Herztransplantation bei dem Sohn des amerikanischen Börsenmaklers gelang. Nach der Operation musste, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern, sein Immunsystem mit Immunsuppressiva dauerhaft unterdrĂŒckt werden. Trotz stĂ€ndiger Vorsichtsmaßnahmen, die ihm ein einigermaßen normales Leben unmöglich machten, verstarb er drei Jahre spĂ€ter an einer Infektion.

__________________
Und wir: Zuschauer, immer, ĂŒberall.
Dem allen zugewandt und nie hinaus!

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