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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ost-West-Geschichten
Eingestellt am 07. 06. 2012 15:14


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HeidiS
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2012

Werke: 2
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Die schokoladengraue Republik

„Der tĂ€gliche Verkehr bewegt sich auf diesem endlosen Flußnetz und wird nur momentan unterbrochen, wenn auf blumengeschmĂŒcktem Kahn, Musik vorab, die Braut zur Kirche fĂ€hrt, oder wenn still und einsam, von Leidtragenden in zehn und zwanzig KĂ€hnen gefolgt, ein schwarzverhangenes Boot stromabwĂ€rts gleitet. Einzelne HĂ€user werden sichtbar; wir haben Lehde, das erste Spreewaldsdorf, erreicht. Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag, als die ersten Fischerfamilien auf seinen Sumpfeilanden Schutz suchten.“
(Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. IV: Spreeland)

Es gab einmal ein Land, da war das Vanilleeis hellgrau und das Schokoladeneis dunkelgrau. Man sagte uns Kindern, dass man von großen Portionen Bauchschmerzen bekommen wĂŒrde – wir haben es nie herausgefunden. Wir gaben uns mit den kleinen Portionen, die nur einen Groschen oder auch zwei kosteten, zufrieden.

Irgendjemand muss das aufschreiben, was von dieser Dorfstraße am Rand der Fließ- und Sumpflandschaft aus seinen Anfang nahm, dort, wo der Eismann einmal in der Woche des Sommers hielt – war es wieder einmal brĂŒtend heiß, kam er auch ohne VorankĂŒndigung zweimal – klingelte und die Menschen herbei eilten, einige barfuß, manche in Holzpantinen. Manche warteten auf ihn, denn er hatte seine festen HalteplĂ€tze, von denen aus niemand einen allzu weiten Weg hatte. Fasziniert waren wir von den KĂŒbeln, deren InnenwĂ€nde dick und spiegelglĂ€nzend waren, immer wieder beschlagen, und die so schnell geöffnet und wieder geschlossen wurden, dass wir kaum erkennen konnten, ob der EisverkĂ€ufer seinen hölzernen Spatel gerade in Vanille- oder ins Schokoladeneis tauchte. Sein Klingeln unterschied sich nicht wesentlich von dem des Lumpen- oder dem des Schrottsammlers, aber ein Blick auf die Straße genĂŒgte, das kleine schwarze Automobil ausfindig zu machen, denn Lumpen- und Alteisensammler kamen mit dem eigenen Pferdefuhrwerk.

Eher ein Weg war diese Straße, den die Befestigung mit Kopfsteinpflaster erst zur Dorfstraße erhob, auf denen die eisenbeschlagenen RĂ€der der Leiterwagen in beide Richtungen klapperten, gezogen von Ochsen- oder Pferdegespann. Über diese Hauptader war jeder Hof zu erreichen, beiseitig standen die Gehöfte, aneinander gereiht wie an einer Schnur, aufgebaut nach der großen Feuerbrunst, die in der zweiten HĂ€lfte des vorletzten Jahrhunderts dieses Dorf fast gĂ€nzlich zerstörte. Unendlich schnell fraßen sich die Flammen seinerzeit von Strohdach zu Strohdach, von Holzscheune zu Holzscheune, von Stallung zu Stallung, wĂ€hrend die meisten Menschen auf ihren Äckern ihrem Tagewerk nachgingen. Sie sahen die Rauchwolken, sie hörten das Schreien der zu ihnen Radelnden, sie hörten die Kirchenglocken zu einer Zeit, in der kein LĂ€uten angesagt war. GleichmĂ€ĂŸig verteilt wurden die GrundstĂŒcke, es entstand so eine neue Gemeinde, in der niemand den Nachbarn etwas streitig machte, in der jeder seinen Platz wiederfand.

Irgendjemand muss das aufschreiben, weil sonst niemand von dem Schloss erfahren wird, welches am Rand des Dorfes als Kleinod eine Zeit reprĂ€sentierte, die man fĂŒr eine vergangene hielt, und meinte, sie mit einer Sprengung ein fĂŒr allemal auslöschen zu mĂŒssen. Weil auferstanden aus Ruinen die neue Zeit anbrechen wĂŒrde? Dass ein Kind bei diesen SĂ€uberungsarbeiten zu Tode kam – schon damals gab es KollaterialschĂ€den – Schwamm drĂŒber, mochten sich die Verantwortlichen gedacht haben. Nahm doch der oberste SED-Genosse den Unfall mit tödlichem Ausgang auf seine Kappe – ihn schĂŒtzte seine ImmunitĂ€t vor Strafverfolgung. Was ist schon ein Einzelner gegenĂŒber dem großen Ganzen? Wollte man doch danach sich ganz der Zunkunft zuwenden, indem man die Vergangenheit dem Erdboden gleichmachte.

Wer weiß noch, dass die obersten Genossen der Sozialistischen Einheitspartei sich an den Tagen nach dem Volksaufstand am 17. Juni vor dem gewaltigen Zorn der Bauern im Roggenfeld verstecken mussten? Verkriechen mussten sie sich vor Menschen, die ĂŒberhaupt nicht die Absicht hatten, mit ihnen zu debattieren – die anderen, die von der anderen Seite, hatten dies aber auch nicht vor, sie setzten schon seit jeher auf EinschĂŒchterungen oder gar auf Inhaftierungen, um ein fĂŒr alle Mal aufzurĂ€umen – oder um wenigstens fĂŒr eine Weile Ruhe zu haben, und so hofften, dass die nĂ€chste Generation, die in den Familien, vor allem aber in den KindergĂ€rten, an den Schulen und UniversitĂ€ten herangezogen wĂŒrde, stromlinienförmiger und biegsamer sein wĂŒrde, weniger anstrengend, pflegeleichter, regierungskonformer, leichter zu nehmen.

Gleichzeitig trauten die Menschen in diesem Teil der Republik bald niemandem mehr, der nicht ihre Sprache sprach – wendisch die Alten, ein Kauderwelsch aus deutsch und wendisch die JĂŒngeren. Dieser alltĂ€gliche Krieg begann inmitten der Dörfer, die flĂ€chendeckend mit den Kolchosen des Stalinismus ĂŒberzogen werden sollten. Dabei waren es die Bolschewisten im fernen Moskau, die vor einer Eins-zu-eins-Umsetzung ihres Modells im weiter industrialisierten Ostdeutschland warnten – aber da waren wohl einige zu eifrig, wollten so schnell wie möglich vollendete Tatsachen schaffen und den neuen Menschen gleich dazu. Die Machthaber konservierten folglich dieses Land auf ihre Art und Weise, indem sie eine Welt als Gegenpol zu der des Westens gestalten wollten. Jenseits des Eisernen Vorhangs, welcher kein feindliches Gedankengut hereinlassen sollte.

\"BrĂŒder, zur Sonne, zur Freiheit.\" Lange Zeit zuvor wollte das junge Paar sich mit der Zukunft in dieser Republik arrangieren – aber welche Zukunft wĂŒrde es hier fĂŒr sie noch geben, hier, wo weder die Sonne schien noch von Freiheit etwas zu spĂŒren war? Eine Zukunft stellte es sich vor, aber sie wird dort drĂŒben liegen, auf der anderen Seite dieses Eisernen Vorhangs.

Es entstand so der Kalte Krieg – zuerst im Berlin zu Beginn der sechziger Jahre, im Notaufnahmelager in Marienfelde, nahe des Flughafens Tempelhof. Schutz bot das Lager denen, die alles verlassen hatten, um mit nichts ein neues Leben zu beginnen. Sie kamen zu Tausenden, die wenigsten von ihnen mit noch so kleinem GepĂ€ck, die meisten mit fast leeren HĂ€nden. Aufgefangen wurden die Menschen dort – und weitergereicht, von den Helfern des Roten Kreuzes an die Bundesrepublik Deutschland, an den Westen. Niemand dort ahnte in diesen Wochen des Sommers 1961, als das Lager ĂŒberfĂŒllt war von Durchreisenden fĂŒr wenige NĂ€chte, was die Machthaber der DDR umsetzen wollten, mitten in der Stadt, quer durch die Stadt.

MĂ€nner, Frauen, Kinder, Alte und Junge standen Morgen fĂŒr Morgen in einer endlos langen Schlange, um Decken und Laken abzugeben, die sie am Abend zuvor nach dem Schlage stehen erhalten hatten, um es am Abend erneut abzuholen. Sie standen in der Schlange, fĂŒr jede Mahlzeit, fĂŒr Geschirr, um die Blechteller nach jeder Mahlzeit wieder abzugeben. Trocken und windgeschĂŒtzt waren die KellerrĂ€ume, dicht bestĂŒckt mit Metallbetten, kratzige Wolldecken wurden verteilt. Die Kinder passten auf ihr Spielzeug auf, die Erwachsenen beschĂŒtzten die Kinder. Sie selbst begaben sich in die Obhut der uniformierten Hilfstruppen, die nach wenigen Tagen schon – es war schließlich ein Durchgangslager – diese Menschen ausflogen in die neue Freiheit, die die neue Heimat werden sollte. Papiere wurden ausgestellt, fĂŒr die sich meist das Familienoberhaupt in einer Reihe mit den anderen FlĂŒchtlingen anstellte. Eine Propellermaschine nach der anderen – vergleichbar mit den Rosinenbombern zu einer anderen Zeit, jedoch in die entgegengesetzte Richtung – verließ den Flughafen Tempelhof in Richtung Goldener Westen, gleichzeitig strömten immer mehr FlĂŒchtlinge in das Lager, das seine Pforten fĂŒr alle offen hielt, die dort ausharren wollten fĂŒr die Zeit, die man benötigte, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Irgendwie wĂŒrde es schon weitergehen, in der Schlange, mit dem Bus, mit dem Flugzeug, mit dem Leben.

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis es vorbei sein wĂŒrde mit dem Hin- und Herreisen von Ost nach West, vorbei mit den eher flĂŒchtigen und willkĂŒrlich durchgefĂŒhrten Ausweis- und Taschenkontrollen. Vorbei sollte es sein mit den ebenso willkĂŒrlich konfiszierten GĂ€nsen, HĂŒhnern, FahrradschlĂ€uchen, Stoffen, mit allem eben, was wĂ€hrend der fĂŒnfziger Jahre in die eine, wie auch in die andere Richtung transportiert wurde – FrischgeflĂŒgel fĂŒr den Westen, AlltagsgegenstĂ€nde fĂŒr den Osten. Verborgen unter dem Mantel, in der Tasche, dem Rucksack. Der Überfluss auf der einen Seite der Sektorengrenze, der stĂ€ndige Mangel an Dingen des tĂ€glichen Lebens auf der anderen Seite ließ diese Warenströme entstehen und letztendlich unverzichtbar werden. Es ging nicht darum, auf keine Westschokolade mehr verzichten zu wollen, sie waren kleine Mitbringsel, mehr nicht. Wichtiger war es, fĂŒr das Fahrrad, ohne das niemand von Dorf zu Dorf gelangen konnte, aufs Feld, auf den Friedhof, zu Verwandten Ersatzteile zu bekommen, und sei es nur ein neuer Schlauch samt Flickzeug.

Und doch war die Schokolade, wie sie nur der Westen kannte – Cadbury – das Symbol fĂŒr den privaten Handel im Kleinen. Niemand vergisst, der jemals eine Tafel Schokolade aus dem Osten öffnete, den dĂŒnnen grĂ€ulichen Film, den er versuchte mit den Fingern abzuwischen, um dann ein abgebrochenes StĂŒck in den Mund zu stecken, den Fettfilm, den die bei der Herstellung verwendete Margarine am Gaumen hinterließ – das Geschmackserlebnis eines StĂŒckes Cadbury-Schokolade. Obwohl sie viel, viel sĂŒĂŸer war als das östliche GegenstĂŒck, ließ sie trotzdem einen intensiven Kakaogeschmack durch, den man nicht mehr missen wollte. Diese Schokolade schmolz im Mund, sie entfachte eine regelrechte Geschmacksexplosion. Auf jeder Wunschliste an den Westen – was Lebens- und Genussmittel betraf – tauchte sie deshalb an erster Stelle auf, noch vor dem bald unverzichtbar gewordenen Kaffee oder auch Saatgut. Und vielleicht wĂ€ren noch viel, viel mehr Menschen zu dieser Zeit in den Westen geflĂŒchtet, wĂ€ren die als „Geschenksendung, keine Handelsware“ gekennzeichneten Pakete nicht so reichlich ĂŒber die Grenze gelangt. Das eine oder andere Paket erreichte sein Ziel nicht – irgendjemand hielt den Inhalt fĂŒr imperialistisches Schmuggelgut, zersetzend fĂŒr die EmpfĂ€nger im Osten – und behielt die Ware lieber fĂŒr sich.

Es verließen junge Menschen ihre Eltern, ihre Nachbarn, ihre Heimat – nicht wegen einer Tafel Schokolade, wohl aber fĂŒr das, das sie allen versprach.

„Ich bin ĂŒberall zuhause, wo es Vögel und Menschen gibt“ , schrieb Rosa Luxemburg aus dem GefĂ€ngnis – philosophisch konnte sie sein, die blutige Rosa.

Gerade als wollten sie Stalins Lebenswerk ohne Umwege und möglichst buchstabengetreu auf ostdeutschen Boden umsetzen, mischten sich zuhauf FunktionĂ€re unter ein Volk, welches sie sich vorgenommen hatten zu beherrschen, um eben diesem Volk aufs Maul zu schauen, es durch SpĂ€htrupps zu beobachten. Zuhören wollte niemand von ihnen diesem Volk – Aushorchen, so lautete ihre Aufgabe. Es sollte demokratisch zugehen, so Walter Ulbricht, „aber wir mĂŒssen die Kontrolle ĂŒber alles behalten.“

Überall dort, wo die Bauersleute sich ungezwungen zusammen setzten und ĂŒberall dort, wo sie sich noch trauten, frisch von der Leber weg zu reden, weil das eine oder andere Glas Bier zuviel, der Korn, der in der Scheune selbst gebrannte Likör die Zunge lockerte – und man unter sich war –, ĂŒberall dort waren sie geschickt platziert, die grauen unscheinbaren Menschen, meist MĂ€nner. Die, die gerade wegen ihrer Unscheinbarkeit auffielen, weil kein Bauer sich so oft in die Kneipe setzte, weil kein Bauer sich so kleidete, weil kein Bauer so lange bei einem Glas Bier sitzen blieb. MĂ€nner, die lauschten und kein Wort vergaßen von dem, was sie zu hören bekamen. Belangloses wurde spĂ€ter herausgefiltert, denn erst einmal war alles, was aus den MĂŒndern von Bauern kam, verdĂ€chtig. „Die Kuh wird spĂ€ter kalben“ – das konnte dies, konnte aber auch jenes bedeuten. Sollte der Vorgesetzte entscheiden, was festzuhalten war und was als unwichtig in den Papierkorb wandern möge.

FĂŒrs erste musste man aber mit diesen DickschĂ€deln von Bauernvolk fertig werden, irgendwie. Nicht jeder Sturkopf ist ein KonterrevolutionĂ€r, und nicht jeder KonterrevolutionĂ€r durfte ins GefĂ€ngnis gesteckt werden – es gestaltete sich als wirkungsvoller, einzelne herauszugreifen, sorgsam ausgewĂ€hlt, um Angst und EinschĂŒchterung zu verbreiten – wer wĂŒrde der nĂ€chste sein? Sie hatten es wahrlich nicht einfach, aber sie gaben nicht auf – von oben verordnete SolidaritĂ€t, das war ja schließlich etwas Neues, an das die zu Beherrschenden erst einmal Schritt fĂŒr Schritt herangefĂŒhrt werden mussten. Sie wĂŒrden es mit der Zeit lernen, nachdem man ihn erst einmal geschaffen hat, ihn, den neuen Menschen. Wenn das Paradies erst einmal da wĂ€re, wĂŒrden die Menschen in Scharen ihnen, den Parteimenschen, folgen und ihnen zujubeln, anstatt fortzulaufen gen Westen – allein dafĂŒr musste die Mauer gebaut werden, denn es gab schon immer Menschen, die zu ihrem GlĂŒck gezwungen werden mussten.

Die Zeit des gesellschaftlichen Umbaus bedeutete fĂŒr die Bewohner der SBZ erst einmal, ihre Heimat nach dem Krieg wieder aufzubauen – da erging es ihnen nicht anders als ihren MitbĂŒrgern im Westen. Zusammenhalt, SolidaritĂ€t – aber Zwangskollektivierung und der Aufbau von Kolchosen, das waren doch ganz unterschiedliche Erwartungen. „DĂŒrfen wir es uns aussuchen?“ Von oben, vom Zentralkommitee gab es Anweisungen, an die sich ein jeder zu halten hatte, da wurde niemand vor eine Wahl gestellt. Sozialismus light, erst einmal – dann wĂŒrde man weiter sehen. Bald wĂŒrden die Menschen verstehen, was getan werden musste, wollte man nicht stehen bleiben.

Vermehrt tauchten die Parteioberen auf den Höfen auf, um eine freiwillige Unterschrift unter das Beitrittsformular zur LPG zu bekommen – das Gewehr dabei lĂ€ssig ĂŒber die Schulter gehĂ€ngt, um die strikte Freiwilligkeit dieser Aktion zu betonen. Erst einmal hörten sie sich an, was die Uniformierten zu sagen hatten – viel war es nicht, eher wortkarg gaben sie sich, die Soldaten des Volkes gegenĂŒber dem Volk. Umsomehr Worte verloren die BedrĂ€ngten, suchten den Nachbarn zur linken und den Nachbarn zur Rechten auf, bei GesprĂ€chen ĂŒber die neue Politik, die sich ihnen nun immer deutlicher zeigte, die sich ihnen regelrecht in den Weg stellte, der man nicht ausweichen konnte.

LĂ€ngst Vergangenes und schon der Geschichte Zugehöriges – und gleichzeitig ganz bestimmte Erinnerungen kamen auf in diesen Tagen der Kollektivierung nach stalinistischem Vorbild („Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“). Die meisten der Bauern wurden durch die neuen angekĂŒndigten Abgaben an die Zeit vor dem Krieg, an die Zeit des Feudalismus, katapultiert, als sie – wie schon ihre VĂ€ter und VorvĂ€ter – Teile der Ernte an den Baron, Herrscher ĂŒber des Dorfes Grund und Boden, gleichzeitig dessen EigentĂŒmer sowie auch Besitzer der grĂ¶ĂŸten und fruchtbarsten AckerflĂ€chen, Wiesen und WĂ€ldern, abgeben mussten, den Zehnten einer jeden Ernte. Dann kamen die Kommunisten und verlangten als neue Herren einen festgelegten Soll an Getreide, Milch und Eiern. Es musste auch die Stadtbevölkerung ernĂ€hrt werden; sie verlangte nach Lebensmitteln, verlangte nach Obst und GemĂŒse, nach Fleisch, Milch und Eiern – aber hatte man seine Erzeugnisse nicht schon immer auf den MĂ€rkten in den StĂ€dten verkauft?

Niemals fragte sich die BĂ€uerin, wozu das alles gut sein sollte. Die Urgroßmutter spannte eine Ziege samt Geschirr vor den kleinen Holzkarren und lief die zehn Kilometer in die Kreisstadt neben diesem WĂ€gelchen her; der gleiche Weg fĂŒhrte sie des abends wieder ins Dorf zurĂŒck. Ihren Mann verlor sie im Krieg, sie zog die beiden Jungs allein groß und konnte nicht darauf verzichten, sie frĂŒh bei der Arbeit auf dem Hof und auf den Feldern bei Aussaat und Ernte einzusetzen. Dass dann beide in den Krieg ziehen mussten, um fĂŒr Volk und Vaterland und fĂŒr den Kaiser zu kĂ€mpfen, obwohl beide gebraucht wurden fĂŒr das Überleben, wen interessierte das schon, ein Bauernopfer? Nur einer der beiden kam aus der Sedan-Schlacht zurĂŒck, verwundet zwar, gezeichnet fĂŒr immer, aber er kam nach Hause. Kriegstraumatisiert, wie so viele andere auch. Keine psychotherapeutische Behandlung ließ sie wieder an den Alltag heranfĂŒhren, es musste von ganz allein gehen, der Kampf gegen die Natur, aber auch die Arbeit mit ihr.

Die nĂ€chste Generation ersetzte Ziege und Karren durch Pferd und einen grĂ¶ĂŸeren Leiterwagen, der nun eine ganz andere Fuhre laden konnte; die Wege aber blieben die gleichen, es war immer noch die zwischen den KiefernwĂ€ldern als Schneise verlaufende Chaussee, die bald mit einer Asphaltschicht versehen war und die RĂ€der des Holzwagens so leicht ĂŒber die Straße gleiten ließen, dass ein Nickerchen auf dem Bock möglich wurde – das Pferd fand den Weg zum Markt und auch zurĂŒck auf den Hof allein. Eine Regenperiode, welche den sandigen Boden in schier unĂŒberwindbare, eine undurchquerbare, unpassierbare Wege verwandelte, wurde nicht gleich zur Katastrophe, weil schmale Furchen neben den Straßen auch wieder einen Teil des Wassers abfließen ließ.

GrĂ€ben errichten konnten die Menschen dort schon immer. GrĂ€ben zogen sie zwischen den Feldern und zwischen den Wiesen, von und zur Spree. Überflutungen waren an der Tagesordnung, aber man wies die Natur schon frĂŒh in ihre Schranken. Sehr ausgeklĂŒgelt schien dieses System, dabei war es nichts weiter als die notwendige Folge von Beobachtungen ĂŒber Generationen. Niemand wollte sich der Natur ergeben – sie zu ĂŒberlisten, schien den Bewohnern dieser Gegend der bessere Weg. Und damit lebte man sehr gut – bis eines Tages eine LPG vor diesen Feldern und Wiesen stand und der Meinung war, dass es fĂŒr die landwirtschaftlichen Maschinen und GroßgerĂ€te einer Kolchose vernĂŒftiger wĂ€re, diese GrĂ€ben zuzuschĂŒtten, alles zu planieren und damit zukunftsfĂ€higer zu machen. Gesagt, getan, ohne Umschweife, ohne lange zu diskutieren. Die fatalen Folgen dieser Politik machte sich bald in Überschwemmungen sowie in DĂŒrreperioden bemerkbar.

Abgaben? Schon wieder ein Tribut? Will uns da jemand in alte Zeiten zurĂŒckschicken, in die Zeit der Lehnsherrschaft? Nicht zuletzt wurde dieser neue Soll dermaßen hochgeschraubt, ‘angepasst’, dass nicht selten Milch und Eier dazugekauft werden mussten, um die Pflichtabgabe erfĂŒllen zu können. Und gerade die Nachrichten aus dem Radio, die von der Erhöhung des Solls fĂŒr die Bauarbeiter berichteten, ließen den Hass auf die Vertreter der Partei immer grĂ¶ĂŸer werden. Der ideologische Überbau dieser Maßnahmen war den meisten Bauern nicht bekannt – sie wollten eh nichts davon hören, verbanden sie mit alledem eh nur Zwang und neue Knechtschaft. FunktionĂ€re aus der Stadt, Fremde, Schreibtischmenschen, sollten von nun an das Sagen haben – unter diesen tĂ€glich hĂ€rter werdenden Voraussetzungen verließen erst recht BĂŒrger der DDR diese DDR. Solange die Grenzen noch ein bisschen durchlĂ€ssig waren.

Es war dies das Land, dessen Machthaber darauf achteten, dass niemand aus der Reihe der organisierten Gemeinschaft der WerktĂ€tigen tanzt. Wenn der einzelne BĂŒrger sich tatsĂ€chlich zuviel herausnehmen wollte, dies auch noch öffentlich verkĂŒndete und damit das Ganze, diesen Staat, gefĂ€hrdete, indem er ihn in Frage stellte, nannte man genau das wohl Individualismus – schließlich hatte man ein Ziel, nĂ€mlich eine Internationale der Bauern und der WerktĂ€tigen. Heimat war revanchistisch und das Wort ‘Individuum’ allein ist ja schon negativ besetzt; ein Fremdwörterbuch aus der damaligen DDR fĂŒhrte hierfĂŒr allein die marxistisch-leninistische ErklĂ€rung an, wonach ‘individualistisch’ gleichbedeutend ist mit ‘kleinbĂŒrgerlich’. Und KleinbĂŒrgertum wollte man so nicht dulden, denn das wĂŒrde im Falle der DDR auf Zersetzung der Gesellschaft hinauslaufen – so befĂŒrchteten es jedenfalls die damaligen Machthaber vom obersten PolitbĂŒromitglied ĂŒber den kleinsten Helfer im Rat des Bezirks, Rat des Kreises, Rat der Gemeide bis zum Schupo im abgelegensten Dorf.

Wenn totale Kontrolle denn einem guten Zweck diente, nĂ€mlich den ‘neuen Menschen’ zu schaffen und mit ihm als Grundstein eine neue Welt aufzubauen – heiligte da nicht der Zweck die Mittel?

Gerechtigkeit ĂŒber alles. Und gerecht sollte sie vor allem sein, diese neu zu schaffende Welt in der Zukunft. Kein Mensch sollte den anderen ausbeuten dĂŒrfen und kein Mensch sollte des anderen Herrn sein. „Und weil der Mensch ein Mensch ist, hat er Stiefel im Gesicht nicht gern“, heißt es im Lied der Kommunisten. Diese neue Welt ohne Stiefel im Gesicht galt es zu errichten – und sei es mit Gewalt, ohne Blutvergießen wĂŒrde es keine wirkliche Revolution geben, so Rosa Luxemburg, die dies zuerst immer erneut andeutete, spĂ€ter schrie sie es regelrecht heraus. FĂŒr die, die es immer noch nicht verstehen wollten, sollte die Wahrheit einfach, prĂ€zise – und lautstark formuliert werden. Alles andere wĂ€re, nun ja, individualistisch gewesen.

So mancher wollte das Spiel nicht mitspielen und brach bald aus diesem KĂ€fig aus. Spielverderber.

Es ging der verschrobene, schon immer etwas verschlossene Mann, der sich am Dorfrand eine Scheune instand gesetzt hatte, um dort allein sein Leben zu fristen und von dem sowieso jeder annahm, dass er bald seine sieben Sachen packen wĂŒrde, um ‘rĂŒber zu machen’. Nicht eine einzige politische Äußerung war ihm zu entnehmen, und doch verließ er seine Heimat – auch wenn diese nur aus einer winzigen Scholle bestand. Die Gemeinschaft der Genossen und die FĂŒrsorge seines Staates hatte er eh nur so weit in Anspruch genommen, als das er seinen Strom aus dem öffentlichen Netz bezog, sein Trinkwasser schöpfte er aus dem eigenhĂ€ndig gegrabenen Brunnen. Niemand nahm ihm die Flucht in den Westen ĂŒbel, gehörte er doch zu denen, die man sowieso zu den Kandidaten zĂ€hlte – das waren die, die keine Familie hatten, fĂŒr niemanden Verantwortung ĂŒbernehmen mussten außer fĂŒr sich selbst. Bindungslose. Assoziale sowieso. Die, die man gerade nicht zum Einsatz an der Grenze, am Schutzwall, aussuchte – weil sie niemanden zurĂŒcklassen mĂŒssten im Falle des Falles, sollte er denn eintreten.

Zuerst waren es nur einzelne, dann wurden es tagtĂ€glich mehr – es gingen zumeist die jungen MĂ€nner, die sich eine neue Existenz als Handwerker im Westen vorstellen konnten, auf die keine Landwirtschaft wartete – die, die einen Hof zurĂŒcklassen mĂŒssten, waren vorsichtiger, die meisten von ihnen wollten abwarten, weil sie doch sehr viel zu verlieren hatten. Dann ging aber auch der Nachbar, welcher weder ein Waffenlager auf dem Dachboden hatte und sich auch nicht nur einmal ĂŒber das Hoch auf den Klassenkampf lustig machte – bis ihre stetig steigende Zahl den Staat zwang, auf diesen nicht enden wollenden Aderlass zu reagieren. Doch immer noch begnĂŒgten sich die Grenzsoldaten des Ostteils der Stadt meist mit Ausweiskontrollen, und selbst die Berliner S-Bahn war so etwas wie eine Transitbahn mit regem Ost-West-Verkehr in diesen ereignisvollen fĂŒnfziger Jahren, wo der Grundstein gelegt werden sollte fĂŒr die Kollektivierung, die dann so viele zweifeln ließ an den guten VorsĂ€tzen der Partei und deren Umsetzung so manchen nachts nicht schlafen ließ. Es genĂŒgte bereits die Drohung einer Umsetzung der Ideale derer, die Tag fĂŒr Tag die ZĂŒgel etwas straffer zogen – und man ahnte, was einem alles noch bevorstand. Dort, wo einzelne Bauern bereits einen Trecker fĂŒr die Feldarbeit einsetzten, die meisten jedoch noch mit dem Ackergaul ihre Furchen zogen, dort ereigneten sich Dinge, die die Einheitspartei dazu veranlasste, ihre SpitzeltĂ€tigkeit zu perfektionieren.

Was sie denn hier mache, auf seinem Grund und Boden, fragte der Baron, hoch zu Ross durch seine WĂ€lder galoppierend, das dort Reisig auflesende alte MĂŒtterlein. \"Der liebe Gott hat die Wege erschaffen und es ist ihm gleich, wer auf ihnen geht\" – in wendischer Sprache. Eine Szene, wie Theodor Fontane sie nicht hĂ€tte besser beschreiben können.

Es war der zuletzt herrschende Baron zu Beginn des letzten Jahrhunderts, welcher das ursprĂŒnglich eher unscheinbare GebĂ€ude zu einem spĂ€tbarocken Kleinod ausbauen sowie den Park im Stil des FĂŒrsten von PĂŒckler erweitern ließ, dessen Vorbild er wiederum im Branitzer Park der Bezirksstadt Cottbus fand. Der junge Baron, gerade 16 Jahre alt, fand sich kurz nach Kriegsende neben seinen Eltern und seiner jĂŒngeren Schwester auf dem hohen hölzernen Leiterwagen wieder – der Familie wurde zugestanden, das mitzunehmen, was sie auf diesem Wagen unterbringen konnte, sowie davor zu spannen, was zum Transport dieses Wagens notwendig war. Den Rest – das hieß, das meiste, was sie ihr eigen nennen konnten, mussten sie zurĂŒcklassen.

Aus dem Osten, aus Pommern und Schlesien, kamen die FlĂŒchtlinge ins Dorf, ihnen bot das nun verwaiste Schloss mit seiner unvorstellbar großen KĂŒche eine sichere Unterkunft. So etwas wie ein Paradies mag das fĂŒr sie gewesen sein – die dicken Mauern hielten das GebĂ€ude warm, auch wenn mangels Heizmaterial nicht geheizt werden konnte. DorfwĂ€chtern, zu denen sich einige handverlesene Genossen aufschwangen, war dieses GebĂ€ude ein GrĂ€uel, es waren da einige wenige, dafĂŒr umso einflussreichere, beinahe selbstherrlich agierende Genossen der Meinung, dass dieses Schloss und damit die Zeit, fĂŒr die es stand, ausradiert werden mĂŒsse, dann konnte und wollte niemand dem etwas entgegensetzen, Widerspruch war nicht erwĂŒnscht, Kadavergehorsam schon eher – und bot man den Mitwissern nicht an, das von der adeligen Familie zurĂŒckgelassene Silber und kostbare Porzellan unter sich zu verteilen? Es lockte Bares fĂŒr die eigene Tasche – Berlin war nicht weit, und der Schwarzmarkt dort funktionierte noch immer. Nicht mit Hammer und Sichel, wohl aber mit Hammer und Eisenstangen sowie auch Sprengstoff – die eine oder andere Landmaschine mag ebenso dabei behilflich gewesen sein – rĂŒckte man diesen ĂŒber die Jahrhunderte stabil gebliebenen Mauern zu Leibe, kein Stein sollte auf dem anderen bleiben, TĂŒren und Fenster transportierte einer der WortfĂŒhrer zu seinem HĂ€uschen im Nachbardorf, Wiederverwertung oder auch Recycling wĂŒrde man das heute nennen. Man wusste, was man vor sich hatte, nĂ€mlich Wertarbeit. Bis auf das Gesindehaus wurde alles niedergerissen – „auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.“ Es war die totale Symbiose von Theorie und Praxis. Man durfte sich nach getaner Arbeit gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Niemand ließ die bisher dort untergekommenen Menschen im Regen stehen, fĂŒr sie fanden die Verantwortlichen umgehend eine neue Bleibe – sie wurden in genau die Holzbaracken umquartiert, die zur Zeit des Nationalsozialismus als Arbeitslager fĂŒr Kriegsgefangene dienten. Als ob man gewusst hatte, das man sie noch einmal wird brauchen können, ließ man sie nach dem Krieg erst einmal stehen. Es war eng und zugig dort, nicht annĂ€hernd so warm – aber bei wen sollten sich diese armen Menschen beschweren? Hier wollte schließlich jemand den Sozialismus aufbauen, und mit Einzelschicksalen konnte man sich nicht auch noch befassen. Zu individualistisch eben, wo es doch um das große Ganze ging.

Stalin war tot, die Zeit der Trauer bei den Menschen im Arbeiter- und Baunernstaat kurz.

Eine winzige Hoffnung von Freiheit keimte auf an den Tagen vor dem 17. Juni – zuerst unter den WerktĂ€tigen in der Hauptstadt der DDR, und von dort aus trug sich diese Hoffnung in weitere, grĂ¶ĂŸere und bedeutende StĂ€dte der Republik – ruhig war es hingegen in den spreewĂ€lderischen Dörfern. Kein FernsehgerĂ€t berichtete in den Nachrichtensendungen ĂŒber die Ereignisse in der Hauptstadt, denn es gab keine, weder Postkutsche noch Kurier brachte die Nachricht unter die Leute dort – und das RundfunkgerĂ€t wurde nicht so oft und schon gar nicht regelmĂ€ĂŸig eingeschaltet. Wie sollte man sich ein Bild machen von dem, was da vor sich ging? Niemand wusste hier etwas von irgendwoher.

An diesem 17. Juni wollte der Bauer seine junge Frau ausfĂŒhren, in die Bezirksstadt – der Zirkus gastierte. Er schraubte im Nachbardorf an seinem Trecker, der Maschinist stand ihm zur Seite – und bei dieser Gelegenheit wurde das Radio angestellt. Und so viel Zeit auch fĂŒr die Fertigstellung eines Treckers benötigt wurde und wie eilig man es auch hatte, das GefĂ€hrt einsatzbereit auf dem eigenen Hof zu haben – an diesem Tag legte der junge Mann das Werkzeug frĂŒher als gewöhnlich zur Seite. An diesem Tag holte der junge Bauer am frĂŒhen Abend das Motorrad mit Beiwagen aus der Scheune und fuhr mit seiner Frau die einspurige Chaussee entlang in die zehn Kilometer entfernte Stadt. Der Zirkus hatte sein Zelt am Stadtrand aufgebaut, man wollte nicht zu spĂ€t ankommen, um noch Zeit zu haben, einen Platz auswĂ€hlen zu können. Schließlich hatten beide schon einmal das Stadttheater gemeinsam besucht und wussten daher, wie wichtig es war, nicht auf die letzte Minute bei solch einem Ereignis einzutreffen.

Es sollte keine Vorstellung stattfinden? Sie wurde abgesagt – einfach so? – so jedenfalls lauteten die Stimmen am Ortseingang. Es sollte sogar schon ein Panzer gesichtet worden sein, sagte man. Und es sollte alles mit dem Streik der Arbeiter in Berlin zu tun haben. Wer wagte es, gegen die SED-Regierung, gegen die da oben, die Hand zu erheben? Oder erst einmal die Stimme? Keine Zirkusvorstellung, stattdessen eine allgemeine Ausgangssperre, da hieß es erst einmal: rechtzeitig zurĂŒck ins Dorf, bevor man vielleicht noch in die Schusslinie von Panzern oder GewehrlĂ€ufen geriet. Nachhause sollte es gehen, zurĂŒck an die Arbeit. Das RadiogerĂ€t in der Werkstatt verkĂŒndete nun die Nachrichten aus der Großstadt ĂŒber den Sender RIAS Berlin. Plötzlich war sie da, die Stimme, die von den Straßensperren und von den ĂŒberall auffahrenden Panzern berichtete. Weiter arbeiten, keine Zeit verlieren, und doch ließen die beiden MĂ€nner plötzlich erneut alles stehen und liegen und fuhren mit dem kleinen Lkw nochmals die wenigen Kilometer in die Stadt. Viel war nicht mehr wahrzunehmen, bis auf zwei Panzer, welche nebeneinander an der breiten Ausgangsstraße – eine dieser Straßen, die da hießen „Straße der Freundschaft“ oder „Straße des Friedens“ oder auch „Straße des Friedens und der Freundschaft“ – standen, gerade so, als blieben sie stehen, weil ihnen der Treibstoff ausgegangen war, und machten ein Vorbeikommen unmöglich. Beim Bau der Straßen, zumindest der großen Ein- und Ausfahrtwege, schien die Breite von Panzern als Maßeinheit gedient zu haben. Menschen kamen nur zu Fuß voran, aber sie mussten an diesen Panzern vorbei. Eher harmlos sah das Ganze zeitweise aus, vorĂŒbergehend. War die Schlacht schon vorbei oder stand sie noch bevor? So richtig konnte niemand das einschĂ€tzen.

„Hauen Sie ab, bevor hier auch noch was passiert“, lautete der gut gemeinte Rat von allen Seiten. Eine Ansammlung von mehr als zwei Personen galt als Zusammenrottung, war strikt verboten und wurde umgehend aufgelöst – wenn man GlĂŒck hatte, denn falls sich doch mal jemand so weit vor wagte, war auch an Verhaftung zu denken. Und obwohl sie nur zu zweit waren, ĂŒberkam den MĂ€nnern ein GefĂŒhl von Mulmigkeit. Schnell noch ein Glas Bier in der nĂ€chstliegenden Eckkneipe, dafĂŒr musste Zeit sein. Die Kneipe war ĂŒberfĂŒllt, sie war verraucht – aber das Berliner Pilsener schmeckte umso besser. Soldaten der NVA sahen sie nicht unter den Kneipenbesuchern, und wenn schon, man wird doch wohl noch ein Bier trinken dĂŒrfen. Und dieses Bier ließ die MĂ€nner fĂŒr einen Augenblick mutig sein. „Uns können die nichts mehr.“ Und wie sie konnten.

Vielleicht lag es daran, dass sie beide Verantwortung fĂŒr ihre Familie hatten, dass sie deshalb eher den vorsichtigen Weg wĂ€hlten. Sie stiegen in ihr Fahrzeug und wollten nur noch auf dem direkten Weg nach Hause. Bewaffnete Volkssoldaten mit Stahlhelmen patroullierten an den wichtigsten Straßenkreuzungen, aber niemand machte Anstalten, die beiden aufzuhalten. StadtauswĂ€rts vermuteten die Uniformierten keine RĂ€delsfĂŒhrer, sondern eben Bauern oder Maschinisten, die nichts weiter als zurĂŒck in ihr Dorf und zurĂŒck an ihren Arbeitsplatz wollten. Die Chance war zum Greifen nahe, ein StĂŒck Geschichte zu schreiben – aber man ließ sie nicht.

FĂŒrchterlich waren die Nachwehen dieser Tage, und doch war es gleichzeitig erstaunlich ruhig auf den Straßen, obwohl niemand sein Tagewerk ruhen ließ, alles ging seinen gewöhnlichen Gang – so schien es. Manchmal jedoch trĂŒgt der Schein. Auch wenn die Hufe der AckergĂ€ule auf dem Kopfsteinpflaster hallten wie an jedem anderen beliebigen Tag. Auch wenn das eine oder andere Ochsengespann einfach mal mitten auf der Straße stehen blieb wie an jedem anderen Tag auch. Wer im Haus blieb, schaute stĂ€ndig zum Hoftor oder aus dem KĂŒchenfenster. Jedes unbekannte GerĂ€usch, jede unbekannte Person, der man auf der Straße begegnete, löste Misstrauen aus. Die FunktionĂ€rselite wusste schon, warum sie auf die Bauern jetzt besonderes Augenmerk zu richten hatte – der Spitzel in der Kneipe leistete gute Vorarbeit. Zuerst jedoch waren es die FunktionĂ€re selbst, die sich vor dem Volkszorn verstecken mussten – oder meinten, dies tun zu mĂŒssen, denn irgendjemand schien diese Bauern dazu ermuntert zu haben, sich plötzlich, von einen Tag auf den anderen, beinahe geschlossen gegen diese SED-Leute zu erheben – sie waren keine Respektpersonen mehr, fĂŒr kurze Zeit jedenfalls. Gleich Kaninchen, die vom Fuchs gejagt wurden, versteckten sich die verhassten MĂ€nner im bereits im FrĂŒhsommer hoch stehenden Roggen – und aufgescheucht ergriffen sie von dort aus wieder die Flucht und waren auch dabei beinahe so schnell wie Kaninchen, die um ihr Leben hoppeln mĂŒssen. Wer weiß, wozu ein Bauer, der inzwischen auch erfahren hat, warum es auch in der Bezirksstadt MenschenauflĂ€ufe gegeben hatte, fĂ€hig sein konnte? Die wenigsten hatten ein Gewehr oder Ă€hnliches, aber ein Bauernhof bot so manches, das sich als Waffe einsetzen ließ – und dem ein unbeliebter SED-ParteifunktionĂ€r lieber aus dem Weg ging; Mistgabeln hatten sich bewĂ€hrt, sie flĂ¶ĂŸten dem Gegner zweifelsohne großen Respekt ein. „Also Genosse, darĂŒber kann man doch reden ...“ – nein, solche Worte waren nirgends zu hören. Es war nicht die Zeit fĂŒr Diskussionen mit Menschen, die noch nie gerne diskutierten, und schon gar nicht mit MĂ€nnern, die ihnen eh noch nie zugehört haben.

Der Soll fĂŒr die Arbeiter an der Stalinallee in Berlin sollte erhöht werden – das wiederum bedeutete mehr Arbeit fĂŒr das gleiche Geld. Es bedeutete aber auch VerĂ€nderungen in der landwirtschaftlichen Produktion – der tĂ€glichen Arbeit der Bauern auf Feld und Hof.

Schon seit lĂ€ngerer Zeit streiften die unauffĂ€llig gekleideten MĂ€nner erneut von Gehöft zu Gehöft, um fĂŒr den Beitritt in die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Typ II zu werben – zuerst war der Beitritt ganz und gar freiwillig, denn der LPG Typ I war ja nur der erste Versuch, Teile der AckerflĂ€chen, Teile der Arbeit zu kollektivieren und Teile der Maschinen im MTS, Vieh in den großen StĂ€llen der LPG zu sammeln. Und trotzdem sagte irgendetwas diesen Bauern, dass die Partei es nicht gut mit ihnen meinte. Gab sich der Baron seinerzeit mit weniger zufrieden, fiel die Ernte einmal schlechter aus als gewöhnlich, galt es nun, einen festen Soll zu entrichten. Niemand musste selbst im Feudalismus Korn nachliefern oder landete gar im Schuldturm des Schlosses, den es eh nicht gab. Die Abgaben an die LPG jedoch, die blieben konstant – 30 Zentner Roggen waren es gegen Ende der fĂŒnfziger Jahre, pro Jahr, je Hof. Und das war noch lĂ€ngst nicht alles: es kam nicht selten vor, dass Milch und Eier dazugekauft werden mussten, um den Soll hierfĂŒr erfĂŒllen zu können. Das alles ließ das Misstrauen grĂ¶ĂŸer werden.

Inmitten des Dorfes öffnete ein Bauer dem unverhofft auf dem Hof auftauchenden Parteigenossen das Tor („Genosse, ich muss bei dir das Soll an Eiern einfordern, das du nicht fristgerecht abgeliefert hast“), aber damit war es mit dem Entgegenkommen und der Gastfreundschaft auch schon vorbei. Er bot dem FunktionĂ€r einen Stuhl an mit den Worten, er solle sich ruhig das Ei, das das eine oder andere Huhn als nĂ€chstes legen wĂŒrde, nehmen und in den Korb, den die Bauersfrau fĂŒr ihn bereit gestellt hatte, legen; irgendwann wĂŒrde der Korb gefĂŒllt sein – sie können selbst nicht darauf warten, sie mĂŒssen schließlich aufs Feld, die Arbeit dort erledige sich nicht von allein. Es ist nicht ĂŒberliefert, wie lange der betreffende Mensch auf dem Stuhl ausharrte, ob er ĂŒberhaupt Platz nahm oder ob er gar mit einem schriftlichen Vermerk in seinen Unterlagen den Hof stillschweigend verließ. Tatsache ist jedoch, dass weder die betreffenden Bauersleute noch ihre HĂŒhner standrechtlich erschossen wurden – jedoch gĂ€nzlich folgenlos wird dieser Zwischenfall wohl nicht geblieben sein. Aber was sollte man schon unternehmen gegen Bauern, die nicht wollten, dass es ihnen besser ging? Sie ins GefĂ€ngnis werfen? Das hĂ€tte den Widerstand der anderen Bauern eher noch verstĂ€rkt. Folglich ließ man den einen oder anderen eher gewĂ€hren und hielt sie allesamt fĂŒr Jahre an der sehr, sehr langen Leine.

„Wohin wird uns das alles noch fĂŒhren?“

Am Ende siegten die mit den stĂ€rkeren und wirkungsvolleren Waffen – hier spielten Mistgabeln nun keine Rolle mehr. Letztendlich behielten die die Oberhand, die an der Macht waren, die die Armee kontrollierten, die fĂŒr das Volk sprachen, die Vertreter des Volkes eben, Machtmenschen aus dem Volk. Dorfbewohner, deren Namen auf einer schon lĂ€nger existierenden sogenannten schwarzen Liste standen, wurden abgeholt, inhaftiert, und man meinte, damit einfĂŒrallemal aufgerĂ€umt zu haben. Manch ein anderer hatte noch Tage und Wochen nach den bĂŒrgerkriegsĂ€hnlichen Ereignissen Angst vor Verhaftung, entzog sich dieser vorsorglich durch spontane Flucht in den Westen – ĂŒber den weiterhin noch offenen Übergang nach Westberlin, ĂŒber den Kontrollpunkt Friedrichstraße.

Wieder einmal hatte man sich unliebsamer und kritischer Menschen entledigt, wieder einmal war fĂŒr lange Zeit Ruhe eingekehrt, auch wenn es eigentlich nichts weiter war als Friedhofsruhe. So strömten die Menschen in den folgenden Jahren weiter heraus aus dieser Republik, die doch die ihre sein sollte, die man doch nur zu ihrem Wohl errichtet hatte, die man erhalten und gleichzeitig weiter ausbauen und sichern wollte.

Fluchtgedanken bei den Erwachsenen, Neugierde und Freude beim Auspacken der Pakete aus dem Westen bei den Kindern. Sie ließen die kleinen MĂ€dchen trĂ€umen – von Petticoats, die sie wie Prinzessinnen aussehen ließen. Ob es da wirklich ein Land gab, das noch mehr Schönes fĂŒr sie bereithielt? Die Kinder kĂŒmmerte es nicht, sie liefen gleich wieder auf die Straße oder spielten weiter in der Scheune, sprangen in Heuhaufen und spielten im von HĂŒhnern durchstreiften Sandkasten. Damit die schmutzigen KinderhĂ€nde die frisch gestĂ€rkten StĂŒcke nicht berĂŒhrten, wenn sie auf BĂŒgeln hingen, hingen sie sehr hoch. So konnten die MĂ€dchen nur hinaufschauen zu diesem Traum aus TĂŒll, in weiß, hellrosa und in vanillegelb. FĂŒr die Erwachsenen hingen die FluchtplĂ€ne ebenfalls noch sehr hoch, aber sie ließen viele nicht mehr los. Ihre Blicke gingen stĂ€ndig nach oben, dorthin, wo der goldene Westen fĂŒr sie hing – wie das Schlaraffenland im MĂ€rchen – und eigentlich unerreichbar.

FĂŒr Bauern und Handwerker, die sich mit dem Verlassen der Heimat beschĂ€ftigten, bedeutete der Osten, in dem sie lebten, RĂŒckstand, der Westen war gleichbedeutend mit Fortschritt – folglich kam auch fĂŒr sie nur diese eine Richtung infrage. Familien und auch Alleinstehende verließen, ganz sicher nicht leichten Herzens, Verwandte, Freunde und Nachbarn sowie Grund und Boden – und ließen auch sonstiges Hab und Gut zurĂŒck. Und sie ĂŒbertraten nur mit dem, was sie am Leibe trugen – wenn man eine Aktentasche mit Rasierzeug oder eine kunstlederne Handtasche mit einer Flasche Kölnisch Wasser mit einem Taschentuch nicht miteinbezieht – die Sektorengrenze, die den Ostteil der Stadt von dem des Westteils trennte, um an einem ihnen vollkommen unbekannten Ort neu anzufangen. Es genĂŒgte die Furcht vor Verhaftung, das stĂ€ndige GefĂŒhl der Angst, jegliche Selbstbestimmung ĂŒber den eigenen Hof zu verlieren, die Furcht davor, sich eines Morgens mit anderen Bauern an einem festgelegten Treffpunkt zum Feldeinsatz abholen und von einem FunktionĂ€r, von oben bestimmt, fĂŒr die tĂ€gliche Arbeit einteilen zu lassen. So sollte ihre Zukunft aussehen? Ihre Vorstellungen und auch Erwartungen waren jedoch erst einmal ganz andere.

Sich davonzustehlen wie ein Dieb in der Nacht. Haus und Hof aufzugeben, das bedeutete zumindest ein Abschied fĂŒr unbestimmte Zeit. „Dieser SED-Spuk wird nicht ewig dauern.“ Welche Chancen ließen die Machthaber verstreichen – junge Bauern, die demnĂ€chst die Landwirtschaft ihrer VĂ€ter ĂŒbernehmen wĂŒrden, arbeitsfĂ€hige MĂ€nner und Frauen, die sich Gedanken machten ĂŒber die Zukunft ihrer Höfe, die die Wirtschaft modernisieren wollten mit Maschinen, die sie gemeinsam erwerben wollten – Hilfe untereinander war schon immer die StĂ€rke dieser Menschen. Aber solche Einzelaktionen, gerade die wollte die Obrigkeit nicht dulden. Abwarten, das LPG-Formular unterschreiben. Erst einmal. Man wird weitersehen. WĂ€re es fĂŒr immer und hĂ€tte es Folgen, wenn sie sich Bedenkzeit erbitteten? Eine Partei ließ sich nicht lange bitten. Stattdessen wurde es eine Abstimmung mit den FĂŒĂŸen.

Die junge BĂ€uerin, die mit ihrer hellen kunstledernen Handtasche die Grenze ĂŒberschreiten wird, kannte bis zur Mitte ihres Lebens nichts anderes als ihre Heimat, die Flusslandschaft im Osten der Republik. Der liebe Gott mochte diese Region irgendwann ein bisschen vergessen haben; die Menschen glaubten manchmal wirklich, alle Last dieser Welt tragen zu mĂŒssen. Wenig fruchtbarer Boden, der durch seine sandige Beschaffenheit als kostbarste Frucht gerade einmal Spargel gedeihen ließ, als wollte er damit die Menschen fĂŒr ihr hartes Los mit dieser Köstlichkeit, diesem Luxusgut, entschĂ€digen. Weißer Spargel kam auf den Tisch, sobald und solange er erntereif war, und niemand machte sich beim Verzehr groß Gedanken, ob denn nun geklĂ€rte Butter oder einige Tropfen Speiseöl dazu gehörten oder ob man vielleicht nur die Köpfe abbeißen dĂŒrfe – und den Rest, der wĂŒrde dann an die Schweine verfĂŒttert? SelbstverstĂ€ndlich wurde Butter zerlassen, denn die Alternative wĂ€re Leinöl gewesen – diese allzu schrĂ€ge Kombination schien niemandem einzufallen. FĂŒr Tamtam hatte man keine Zeit – und es war auch nicht notwendig, solange es allen auch so schmeckte. Aus den SpargelabfĂ€llen kochte man eine wohlschmeckende BrĂŒhe, die die Grundlage fĂŒr eine herrliche Suppe, verfeinert mit Eierstich, bildete.

Gelbe Suppe: 15 Nelken und 1 1/2 Stangen Zimt werden mit 3/4 Liter Wasser und 1/4 Liter Milch aufgekocht, man fĂŒge dann 3 EL Mehl sowie Zucker, eine Prise Salz, Saft und Schale einer Zitrone und Butter hinzu. Einige SafranfĂ€den werden in heißer Milch aufgelöst und dazugegeben, desweiteren gequollene Sultaninen. Auf Tellern verteilt werden gebrĂ€unte ZwiebackstĂŒckchen und Eischnee darĂŒbergegeben.

Weizen weigerte sich, in diesem Landstrich in großen Mengen und in wirklich guter QualitĂ€t zu wachsen, die Ähren waren recht klein, folglich blieb den Bauern nur der Anbau von Roggen, Gerste und Hafer, RĂŒben und – Gurken, neben den ĂŒblichen Obst- und GemĂŒsesorten natĂŒrlich, nicht nur auf den Äckern, sondern auch in den GĂ€rten, die zu jedem Hof gehörten, angebaut wurden. Geradezu trotzig mutete es an, dass Bauern PfirsichbĂ€ume anpflanzten; was dabei herauskam beziehungsweise, was diese BĂ€umchen hervorbrachten, waren weiß- bis hellgraufleischige FrĂŒchte, etwas herb, mit festem Fruchtfleisch. Sie blieben klein, waren aber trotzdem saftig – und sie hatten ein Aroma, welches manche Sorten aus dem heutigen EU-Standard nicht hervorbringen. Auch ließ der heiße und trockene Lausitzer Sommer Tomaten und Wein an den sonnigen GiebelwĂ€nden, die die tagsĂŒber gespeicherte WĂ€rme nachts an die GewĂ€chse abgab, wachsen.

Eintönige KiefernwĂ€lder, soweit das Auge reicht, haben ihren Reiz fĂŒr den, der mit ihnen aufgewachsen ist, dem sie vertraut sind wie die Birken, die vereinzelt zwischen Kiefern oder auch als geschlossener Hain, hell und licht, auftreten. Zahlreiche MischwĂ€lder, wie sie jedes amtlich beglaubigte BUND-Mitglied erfreuen wĂŒrden, durchzogen das Land, mit allem, was eine mittel- und kontinentaleuropĂ€ische Pflanzenwelt hervorzubringen imstande ist. MĂ€rkische Heide, mĂ€rkischer Sand – ob Theodor Fontane je auf diesem Boden ein Fahrrad lenken musste? Es erfordert höchste Geschicklichkeit, aber die Menschen lernten es von Kindesbeinen an und taten es bis ins hohe Alter, denn selbst wer lĂ€ngere Strecken mit der Schmalspurbahn zurĂŒcklegen wollte, musste doch erst einmal zum Bahnhof – und der lag in jedem Dorf am Rande der Ortschaft, war ausgestattet mit einem Fahrradschuppen, zum Unterstellen der RĂ€der.

Feucht und sauer waren die Wiesen , und noch saurer als das frisch gemĂ€hte Gras war das eingelagerte Silofutter, das im jeweils darauffolgenden Winter verfĂŒttert wurde – das Vieh mochte es nicht besonders gern, verzog regelrecht die Schnauze, wenn die Futterzeit nahte, und manchmal bildete der Bauer sich ein, einen vorwurfsvollen Blick zu erhaschen. „Ist das der Dank dafĂŒr, dass wir dir unsere Milch geben?“ „Was soll ich machen? Soll ich mir etwa besser mundendes Gras aus den Rippen schneiden?“ Wenn die Menschen selbst das durch die Lagerung im feuchten Keller angeschimmelte Roggenbrot aßen, weil es zu schade war zum Wegwerfen – allenfalls der Schweinetrog wurde ab und an mit den hĂ€rtesten Resten damit aufgefĂŒllt – musste doch wohl das Vieh sich mit minderer Nahrung zufrieden geben, aber satt wurden beide, satt wurden Mensch und Tier.

KĂ€mpfen mussten Mensch und Tier gegen die Witterung, sie machte beiden gleich zu schaffen. Nahezu sibirische Winter und trockenheiße Sommer herrschten in diesem Landstrich – was die FlĂŒsse nicht unbedingt daran hinderte, in dieser Niederung ab und zu reichlich ĂŒber die Ufer zu treten. Aber auch dagegen hatten die Bauern von jeher ein Rezept: sie boten dem Fluss und seinen zahlreichen Seitenarmen – als Opfergabe an die Naturgewalten sozusagen – genĂŒgend FlĂ€chen an, ausreichend fĂŒr Überflutungen, wenn ihm, dem Fluss, danach war. SĂŒmpfe entstanden so regelrecht, mit der entsprechenden Flora und Fauna. Frösche und kleine Schlangen, welche wiederum die Störche anlockten, gab es reichlich. Man konnte sie, wenn man die Augen wĂ€hrend einer Fahrt auf der schmalen, auf beiden Seiten mit BĂ€umen gesĂ€umten Landstraße offen hielt, das Tempo drosselte, um irgendwann nur noch im Schritttempo zu fahren und dabei nach rechts und nach links schaute, auf den Wiesen beobachten. NatĂŒrlich hatte kein Bauer Zeit, Störche zu beobachten; sie waren einfach nur da, sie liefen hinter ihm her und wurden dabei kaum wahrgenommen. MĂ€hte irgendjemand irgendwo eine Wiese, stakte Meister Adebar unmittelbar hinter dem Bauern mit seiner Sense, um so die dann zuhauf auftauchenden Amphibien nur noch einzusammeln. Und hĂ€tte er einen Beutel gleich einem KĂ€ngeruh, wĂ€re dieser schnell gefĂŒllt und der Inhalt könnte flugs an den Nachwuchs, der stĂ€ndig hungrig im Nest wartete, die SchnĂ€bel weit aufgerissen, ausgeteilt werden. Es blieb den Storcheneltern nur, mehrmals hin- und herzufliegen und das eine oder andere Getier, nachdem es am Fundort im Schnabel verschwand, im Nest wieder hervorzuwĂŒrgen. Hierbei gelang es so manchem Frosch, wieder in die Freiheit zu hĂŒpfen, auch wenn dies einen Sprung aus der Höhe eines Storchennestes bedeutete.

Ein jeder hatte schließlich seinen Platz gefunden und mochte ihn nicht mehr hergeben. Man vertrug sich, lebte friedlich nebeneinander, Mensch und Getier, Mensch und Natur, Jahrhunderte lang. In der vor Zeiten von den aus dem Osten kommenden Wenden urbar gemachten Gegend entstanden in dieser Zeit AckerflĂ€chen, vor allem an vor Überschwemmung sicheren Gebieten, und das nicht zu rar. Sie ernĂ€hrten die Bauern und ihre Familien, sie ernĂ€hrten Knechte und MĂ€gde, sie ernĂ€hrten auch Teile der Stadtbevölkerung, die sich auf den MĂ€rkten mit den Erzeugnissen der Bauern eindeckte. Sie versorgten so die Bevölkerung der sowjetisch besetzten Zone, der SBZ, die ja eigentlich schon die Deutsche Demokratische Republik war, mit Grundnahrungsmitteln, ernĂ€hrten sie mit dem Lebensnotwendigen. FĂŒr alles andere, fĂŒr das, was das Leben angenehmer machte, war der Westen zustĂ€ndig, alles fand seinen Weg ĂŒber die Grenze, alles außer Druckerzeugnisse, wozu auch ein Kalender mit harmlosen Abbildungen von Tierbabies zĂ€hlten. Sobald der 17. Juni als Feiertag gekennzeichnet war, war solch ein Kalender eben nicht mehr harmlos, sondern zweifelsfrei eine ordentliche Hetzkampagne des allzeit zu misstrauenden imperialistischen Klassenfeindes. War nicht auch der mit Westkakao gebackene Berliner Napfkuchen eine Art Hetze des Klassenfeindes gegenĂŒber DDR-BĂŒrgern und gar nicht so harmlos wie er aussah? Wenn denn solch ein Napfkuchen einmal konfisziert wurde, dann sicher nicht wegen dem Kakaoanteil, viel eher wusste da jemand so etwas zu schĂ€tzen und nahm gerne jede Abwechslung zu den beschlagnahmten GĂ€nse und Enten wahr, wenn sie sich denn bot.

Der Rhythmus der Natur bestimmte den Arbeitstag; es war ein sehr, sehr hartes Dasein, und es bestand an den meisten Tagen des Jahres aus nichts als Arbeit, und das bei jedem Wetter – dies Leben war also nicht viel anders als vielleicht im HunsrĂŒck oder im Bayerischen Wald zu dieser Zeit.

Befindlichkeitsstörungen zĂ€hlten nicht, nur dringlichst verordente Bettruhe galt als Entschuldigung fĂŒr ein Fernbleiben von der Arbeit, und selbst eine Wöchnerin wagte kaum, lĂ€nger als unbedingt notwendig der Pflicht fernzubleiben. Hier genĂŒgte der strafende Blick der Schwiegermutter, um wieder auf die Beine zu kommen. Ein Ausruhen, ein die-HĂ€nde-in-den-Schoß-legen gestattete nur der Sonntag, und das auch nur, weil es das Kirchenjahr so vorgab. Man verließ sich hierbei auf die Nachsicht des Herrn, wenn vor dem Kirchgang noch das Vieh versorgt werden musste – erst dann begann fĂŒr den, der es so wollte, die Sonntagsruhe, jedoch hatte so mancher auch hierbei einen Blick fĂŒr den Nachbarn, sei es aus FĂŒrsorge, sei es aus Neugier oder um sich gegenseitig zu kontrollieren, zu denunzieren: wer fehlte beim Gottesdienst? FĂŒr den Pastor war es eine Leichtigkeit, seine SchĂ€fchen zu beobachten. Eine SelbstverstĂ€ndlichkeit war es ebenso fĂŒr die Staatssicherheit, die KirchgĂ€nger und noch vielmehr den Inhalt der Predigten zu ĂŒberprĂŒfen. Zur Nazizeit saßen vereinzelt SS-Leute auf den HolzbĂ€nken, spĂ€ter ĂŒbernahmen SED-Bonzen diese Aufgabe, beinahe nahtlos wurden so immer wieder Notizen von dem gemacht, was der Kirchenmann von der Kanzel herab verkĂŒndete. Stimmten diese Worte nicht ĂŒberein mit den Statuten der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, war Wachsamkeit angesagt, auf wen sollte man öfter ein Auge werfen? Waren die mahnenden Worte allzu deutlich an die staatliche Obrigkeit gerichtet – ebenso. Es gibt keinen Herrn als den unsren? Aufschreiben. Datum. Uhrzeit. Widerworte? Im Gleichschritt marsch.

Nie, nie war es anders gewesen. Weit vor der Zeit der beiden Diktaturen war es jeweils eine adelige Familie, welche als EigentĂŒmer dieses Dorfes auch die Innenausstattung der GotteshĂ€user finanzierten und folglich auch mitgestalteten. Von der eigens fĂŒr sie errichteten Empore herab nahmen sie die Möglichkeit wahr, das HolztĂŒrchen ein wenig zur Seite zu schieben, um so zu beobachten, wer denn wieder einmal den Gottesdienst versĂ€umt hatte, ob vielleicht aus dem einen oder anderen MĂ€dchen eine junge Frau geworden war – und vielleicht auch, wer wieder einmal wĂ€hrend der Predigt einschlief. FĂŒrsorglich bis harmlos war dies.

PrĂ€gend schon fĂŒr diese frĂŒhe Zeit der Barone waren die Lieder des Pietismus; die Lieder eines Paul Gerhardt – in der wunderschönen Backsteinkirche der nur wenige Kilometer entfernten Kleinstadt LĂŒbben wirkte Paul Gerhardt Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts als Pastor fĂŒr seine Gemeinde und schrieb nebenbei einige der schönsten evangelisch-lutherischen Kirchenlieder – und eines Matthias Claudius bestimmten das Liedgut im protestantischen Brandenburg. Man meinte, Martin Luther persönlich hĂ€tte ebenso dort von der Kanzel donnern können, so spĂŒrt man diesen Geist noch heute, glaubt ihn zu erhaschen. NĂŒchtern bis kalt – obwohl von architektonischer Schönheit – sind diese Kirchen des Protestantismus, und dies war auch so gewollt. Nichts sollte den Kirchenbesucher bei seiner Andacht ablenken, nichts sollte sein VerhĂ€ltnis zu seinem Gott im Wege sein. Unmöglich, sich dort eine Reliquie vorzustellen, ausgestellt auch noch in einem vergoldeten Schrein, ob mit oder ohne Sichtfenster.

„Abend wird es wieder
ĂŒber Wald und Feld.
SĂ€uselt Frieden nieder
und es ruht die Welt.“

Von wegen. Nicht einmal nachts ruhte diese Welt.

„So legt euch dann, ihr BrĂŒder
in Gottes Namen nieder,
kalt weht der Abendhauch.“

Abends, wenn die HĂŒhner zum Schlafen auf der Stange Platz genommen hatten, hatten die Menschen Gelegenheit, ihrer Scholle zu gedenken. Es sollte ihr gut gehen, es sollte ihnen gut gehen – und mögen sie immer genug zu essen haben. Eine gute Ernte, genug Mehl- oder Brotsuppe und sonntags einen Braten, zum Malzkaffee einen Hefeblechkuchen mit reichlich Butter und Zucker und Zimt.

WĂ€ren da nicht die körperlichen BeeintrĂ€chtigungen gewesen, die den harten Alltag immer mehr zur Tortour werden ließen – die Bauersleut hĂ€tten dieses Leben bis zu ihrem Ende gelebt, ohne sich je um politische Dinge wie Meinungsfreiheit geschert zu haben. Die Frauen setzten sich nicht in die Dorfkneipe wie ihre MĂ€nner, wo am ehesten die Gefahr bestand, bei einem Bier zuviel laut zu werden und dann vielleicht bestimmte GĂ€ste dazu zu bringen, aufzuhorchen, wenn da denn jemand etwas Falsches sagt, danach vielleicht in eine dunkle Limousine gezerrt zu werden, um fĂŒr mehrere Jahre die Familie nicht wiederzusehen, ja nicht einmal von ihnen zu hören. Die GesprĂ€che unter Frauen kreisten meist um andere Dinge als Politik, manchmal reichte das Thema jedoch in ihren Bereich hinein, denn Politik begann nun einmal beim KĂŒhemelken – wie lange wĂŒrde man die Tiere noch im eigenen Stall halten dĂŒrfen? Wieviele HĂŒhner wĂŒrde man ihnen lassen? WĂŒrde man die frisch ausgebrĂŒteten KĂŒken gleich abliefern mĂŒssen, sortiert nach Geschlecht und Gewichtsklasse? Dabei sollte es doch eine klassenlose Gesellschaft geben – hatte da jemand etwas missverstanden? Man muss nicht alles verstehen.

Das ruhige Dorfleben wurde erschĂŒttert durch die Verhaftung eines jungen Mannes, Sohn der HO-VerkĂ€uferin und deren Mann, die dadurch beide unfreiwillig ins politische Geschehen der Gemeinde gedrĂ€ngt wurden. Schon immer gab es Verhaftungen, Verschleppungen – man nahm sie hin; was sollte man tun als abwarten und sich einreden, dass man mit alledem, was ‘die da oben’ machen, nichts zu tun haben wolle? Doch von diesem einen Tag an war nichts mehr wie frĂŒher, und an die Stelle des ungezwungenen ‘Guten Morgen’ beim Betreten des GeschĂ€ftes war ein leiseres BegrĂŒĂŸen getreten, nachdem man sich im Laden umgesehen hatte. Die Frauen fragten anfangs nach. „Haben Sie etwas gehört, ich meine von Ihrem Sohn?“

Noch nach Tagen konnte sich niemand daran erinnern, vom jungen Mann bei irgendeiner Gelegenheit ein paar Worte und dann auch noch die falschen, gehört zu haben. Aber so war das mit der Jugend – es waren eher die Stillen, die beobachteten, und ehe man sich versah, passierte etwas. Einem platzte der Kragen, die kleinste Ungerechtigkeit ließ ihn aufbrausend werden, und wenn er dann noch zur falschen Zeit am falschen Ort war, war es meist zu spĂ€t, schlichtend einzugreifen. Diese jungen Menschen verwandelten sich dann in regelrechte Hitzköpfe, und niemand wollte seine Hand fĂŒr einen von ihnen ins Feuer legen. „Bleib ruhig, Junge, es nĂŒtzt dir nichts. Behalt deine Meinung fĂŒr dich.“

Mit GrĂŒbeln allein machte sich noch niemand strafbar, auch in der mehrfach ĂŒberwachten Republik nicht – mit lautem Gerede ĂŒber die Politik der Partei, die noch nie ihre Partei war, schon. Gedanken waren auch weiterhin frei, aber hier muss wohl etwas mehr vorgefallen sein in dieser besagten Nacht, vielmehr in diesen Morgenstunden, man hörte bereits den Hahn krĂ€hen.

Warum wohl holte man die Menschen bevorzugt im Morgengrauen ab?

Der Hund des HO-Hofes – neben dem Kolonialwarenladen versorgte die Familie einiges an Kleingetier wie HĂŒhner und GĂ€nse sowie auch ein paar Schafe, die auf dem Rasen zwischen den wenigen ObstbĂ€umen ihr Revier hatten – lief noch eine lĂ€ngere Strecke bellend hinter dem Wagen her, bis er irgendwann nicht mehr mithalten konnte und aufgab, ohne dass ihn jemand zurĂŒckpfeifen musste. Er kehrte auf den Hof zurĂŒck und legte sich vor das Holztor, rĂŒhrte jedoch am Morgen kein Fressen an, das wie eh und je aus Resten vom Abendessen der Familie bestand; stattdessen kroch er bei Morgengrauen in seine HĂŒtte, die ein Teil des Holzschuppens war. Hier hatte der junge Mann ihm einen Verschlag zusammengenagelt, in dem der Hund nur selten, sehr selten, an die Kette gelegt werden musste, zum Beispiel, wenn die Tollwut in der Gegend akut war und es Vorschrift war, die Tiere wegzusperren, und es bei Zuwiderhandeln Erschießen des streunenden Hundes drohte.

Der Tag verging, und Mitternacht war bereits vorbei, als der Hund aus seiner Unterkunft kroch und langsam zum Hoftor schlich, wo er bis zum kommenden Morgengrauen ausharrte. Gelegentliches Jaulen verriet, dass etwas nicht war wie sonst; er schien Wache halten zu wollen, wie er es eigentlich immer tat – nur wollte er wohl dieses Mal der erste sein, der den jungen Mann nach seiner Freilassung auf dem Hof begrĂŒĂŸen wĂŒrde. Der junge Mann kam nicht zurĂŒck an diesem Morgen, genauso wenig wie am nĂ€chsten und am ĂŒbernĂ€chsten Tag. Seine RĂŒckkehr erlebte der treue Wachhund nicht mehr, sein Alter ließ dies nicht mehr zu.

„Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.“

Verschon auch die Schulzes, sie haben es schon schwer genug.

Auch an diesem besagten Tag öffnete der Laden wie gewöhnlich, was blieb dem Ehepaar anderes ĂŒbrig? Ihr Konsum war der einzige im Ort und außerdem als halbstaatliche Einrichtung fĂŒr die Versorgung der Gemeinde verantwortlich. Genausowenig wie die Poststelle und auch die BĂ€ckerei konnte es sich dieser Laden erlauben, auch nur fĂŒr einen Werktag geschlossen zu haben; folglich wurden die schweren hölzernen RollĂ€den hochgezogen, wurde die Markise ausgefahren – so, wie sie es jeden Morgen eines Arbeitstages taten. Die an diesem Tag angebotenen Lebensmittel waren inzwischen in den dafĂŒr vorgesehen Stellen abgeholt, eine handbeschriebene Schiefertafel kĂŒndigte die jeweils an diesem Tag abzugebenen Frischwaren an. „Heute Harzer KĂ€se“ oder auch „Margarine eingetroffen“.

Hefeplinse (cirka sechsStĂŒck): Man erwĂ€rme einen halben Liter Milch in einem Topf und gebe cirka zwanzig Gramm Hefe hinzu, welche man mit Hilfe eines Schneebesens in der Milch auflösen lasse. Zu der lauwarmen Hefemilch gebe man eine Prise Zucker sowie 250 Gramm Weizenmehl (am besten sogenanntes ‘Brötchenmehl’ Type 505) und lasse das Ganze zugedeckt an einem warmen, zumindest aber zugfreien Platz stehen, bis sich die Menge etwa verdoppelt hat und Blasen aufgeworfen hat. Nun rĂŒhre man zwei zimmerwarme Eier darunter sowie eine Prise Salz. In wenig Fett (Butter, Butterschmalz oder Pflanzenöl) gebe man eine Schöpfkelle von der Teigmasse und backe so die Plinse goldbraun. Sie sind gut gelungen, wenn sie luftig und locker sind. Mit etwas weicher Butter bestreichen und mit Zucker bestreut zusammengerollt servieren. Wer bereits beim Lesen des Rezeptes an Körpergewicht zunimmt, begnĂŒgt sich besser mit einer Portion. – Die Plinse schmecken auch am nĂ€chsten Tag noch kalt sehr gut.

GesprĂ€che, sofern sie nur im engsten Familienkreis stattfanden, wurden niemals als eine Gefahr fĂŒr Leib und Leben gesehen – waren sie ja auch nicht, noch nicht. Es waren meist die Frauen, die es verstanden, eine politische Aussage so humorvoll zu formulieren, dass niemand auf die Idee kam, sie als politisch, also gefĂ€hrlich anzusehen. Wirklich gefĂ€hrdet waren die Kinder, denn: Kindermund tut Wahrheit kund, und ganz bestimmte Leute wollten sich dies zunutze machen, hofften auf die Kleinen – allein bei dieser Vorstellung bekommt das Hochnehmen und TĂ€tscheln von Kindern durch Parteimenschen wĂ€hrend großer Veranstaltungen eine ganz andere Bedeutung. Bloß kein Verplappern. Nun ja, wurden die Kinder Ă€lter und liefen Gefahr, von ihrem Lehrer soweit indoktriniert zu werden, dass sie es als eine sozialistische Pflicht ansahen, unliebsame GesprĂ€chesthemen in der familiĂ€ren Tischrunde zu melden, könnte es schon brenzlig werden – so vermutete man. Und diese Vermutung hatte nicht getĂ€uscht.

Wie sollten die Menschen damit umgehen? „Nicht einmal den eigenen Kindern kann man vertrauen. Ist das etwa gewollt?“
„In was fĂŒr einem Land leben wir eigentlich?“
„Wohin wird uns das alles noch bringen?“

Das beschauliche Leben in der Dorfgemeinschaft sollte einem öffentlichen, von allen Seiten und rund um die Uhr kontrolliert, weichen. Ein Leben in verordneter sozialistischer Gemeinschaft erwartete die Menschen, nur wussten es die wenigsten. Dort, wo frĂŒher eine Dorfgemeinschaft existierte, sollte ein Kollektiv entstehen. Eigentlich besteht zwischen den beiden Begriffen kein großer Unterschied – es kommt aber darauf an, wer welches Wort in welchem Zusammenhang benutzte.

„Genossen, wir sammlen fĂŒr Kuba; wer eine Spende geben möchte ...“ Gemeindeversammlungen im umfunktionierten Saal der Dorfkneipe fanden weiterhin statt – schließlich muss ein Landwirt erfahren, was in Planung ist und was davon, vielleicht, ihn und seine Familie und auch seine Nachbarn, betreffen wird. Die Bauern wurden an einen anderen Alltag herangefĂŒhrt, ‘Verantwortung’ fĂŒr das Dorfkollektiv zu ĂŒbernehmen. Trotz aller Widrigkeiten – es war dies etwas Neues, fĂŒr alle: von oben angeordnete SolidaritĂ€t zu ĂŒben sowie gleichzeitig die Erfahrung zu machen, dass es nicht gern gesehen wurde, wenn sich jemand dieser SolidaritĂ€t verweigerte. Aber was sollte Castros Kuba mit den Aluchips der DDR auf dem Weltmarkt, auch wenn dieser fast ausschließlich nur aus dem Ostblock bestand, anfangen? Und wer hatte, wenn er keinen Fernseher hat und keine Zeitung liest, ĂŒberhaupt schon etwas von der Insel Kuba gehört? Aber den Bauern Kuba, den kannte jeder. FĂŒr wen sollten sie noch mal Geld spenden? „Kuba.“ Kuba, das war auch der Name des Bauern, dessen Hof sich gleich neben der Kneipe befand. „Geld fĂŒr Kuba? Ist dem eine Kuh krepiert – oder warum braucht der Geld?“

So plagte sich die FunktionĂ€rselite mit dem Bauernvolk – und gab nicht auf. FĂŒr immer wĂŒrde sich niemand diesem durchorganisierten Leben, fĂŒr das fleißig die Werbetrommel gerĂŒhrt wurde, entziehen können. Auch die Jugend nicht, denn auf sie baute die Partei im besonderen. „Bau auf, bau auf, freie deutsche Jugend, bau auf.“ Schade, dass gerade diese Jugend manchmal so schwer zu ĂŒberzeugen war – aber jetzt war man erst einmal mit der Ă€lteren, der starrköpfigen Generation beschĂ€ftigt. Die Jungen, ja, die Jungen, um die wĂŒrde man sich schon noch rechtzeitig kĂŒmmern. Wenn die Zeit dafĂŒr gekommen sein wird.

Das Dorf blieb auch mit seiner NĂ€he zur Bezirksstadt mit ihren mehr als 100.000 Einwohnern ein Dorf. Und es waren dort nicht wenige der jungen, sehr jungen Menschen, die miteinander den Traum von einer Jugend trĂ€umten, wie sie sie bruchstĂŒckhaft bei den Stippvisiten in Westberlin kurz streiften, daran schnupperten; der eine oder andere mag sie etwas zu tief eingeatmet haben, und sie ließ ihn nicht wieder los. Kein James Dean war im sozialistischen Kino oder auf Werbeplakaten zu bewundern und kein Elvis Presley oder Bill Haley verzĂŒckte die jungen Menschen mit ihrer Musik. Und doch sickerte etwas durch den bis dahin noch unsichtbaren Stacheldraht, durch die noch nicht errichtete, aber teilweise schon spĂŒrbare Mauer.

Es war ein schlichtes rotes T-Shirt, welches wohl kein Grenzpolizist als zersetzend und als amerikanischen Spionageartikel ansah – war Rot nicht die Farbe der Sowjetfahne?–, folglich brachte einer aus der Halbstarkenclique solch ein T-Shirt mit ins Dorf, was zur Folge hatte, dass dieses KleidungsstĂŒck aus dem Westen zu höheren Ehren gelangte als sein Kaufpreis je vermuten ließ. Der halbstarke Junge, der doch kein ‘Halbstarker’ war, streifte es ĂŒber und seine Schwester tat das gleiche mit einem kurzĂ€rmeligen Pulli, welcher bis dahin ein eher stiefmĂŒtterliches Dasein fristete und nun aus dem Kleiderschrank gezogen wurde, in eben dieser Farbe – nun wusste sie diesen Pulli auf einmal zu schĂ€tzen, denn er Ă€hnelte, wenn man ihn nicht unbedingt von der NĂ€he aus betrachtete, einem knallroten T-Shirt aus dem Westen. Sie standen beide vor dem großen Spiegel, welcher ĂŒber der Kommode im Wohnzimmer hing und ließen die kleine Schwester des Nachbarjungen entscheiden, welches Rot das knalligste, das roteste Rot war. „Spieglein, Spieglein an der Wand 
“

Ein knallrotes StĂŒck Stoff aus simpler Baumwolle, das zu der Zeit wohl wie kein anderes das ungestĂŒme Leben des Westens verkörperte – auch wenn die dazugehörige Blue Jeans fehlte, man ließ die Phantasie spielen – schien auch der Anlass fĂŒr eine Entscheidung der jungen Frau zu sein, von der zu dem Zeitpunkt noch niemand etwas ahnte und auch bis zur Verwirklichung auch niemand etwas erfahren wĂŒrde. Dass sie sich eines Tages die Zöpfe abschneiden ließ und mit einer modischen Kurzhaarfrisur nach Hause kam, war zwar nicht zu ĂŒbersehen, schien aber niemanden aufzufallen, es war jedenfall keine ErwĂ€hnung wert. Die BĂ€uerin, die Ă€ltere Schwester, hĂ€tte diese winzigkleine Ă€ußerliche VerĂ€nderung bemerkt, aber sie war zu der Zeit bereits wieder bei ihrer Familie im Nachbardorf, bei ihrem Mann, bei den Schwiegereltern und bei den Kindern, die ihr keine Zeit ließen, sich lĂ€nger mit dem zu beschĂ€ftigen, was im umfrisierten Kopf ihrer kleinen Schwester vorging und ob eine PrĂ€sentation von einem roten T-Shirt wohl etwas mehr zu bedeuten haben könnte als ein eitler Schönheitswettbewerb vor dem eichenholzgerahmten Spiegel in der guten Stube.

Sie fehlte irgendwann beim Abendessen, diese junge Frau, und niemand vermisste sie, als sie sich am nĂ€chsten und ĂŒbernĂ€chsten Tag immer noch nicht blicken ließ. Dann machte sich die Mutter fĂŒr alle anderen vernehmbar Gedanken, der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch, was ihren Bruder dazu veranlasste, dem bis dahin zwar nie besonders harmonisch verlaufenen gemeinsame Essen den RĂŒcken zu kehren, indem er die TĂŒr hinter sich zuschlug, um bis zum nĂ€chsten Morgen nicht mehr aufzutauchen. Man teilte die Sorge um die Tochter, die Schwester, und jeder tat dies auf seine Art und Weise kund.

Monate vergingen, bis sich die AbtrĂŒnnige mittels eines Briefes bei der Familie meldete. „Es geht mir gut. Ich schicke euch Pakete, sobald ich etwas zusammengespart habe. Ich denke an euch.“ Dem ersten Paket beigelegt war – ein rotes T-Shirt fĂŒr ihren kleinen Bruder, der nun eigentlich nicht mehr klein war und den sie ĂŒber alles in der Welt liebte.

„ErzĂ€hlen Sie uns bloß nicht, Sie hĂ€tten davon nichts gewusst. Also raus mit der Sprache: wer war informiert? Und welchen Weg sie genommen hat, war Ihnen wohl auch nicht unbekannt. Wer sind die Fluchthelfer in Berlin? Oder gibt es sonstige undichte Stellen? Nun reden Sie schon, wir haben nicht ewig Zeit. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie so davon kommen. Wir haben noch ganz andere Mittel, sie zum Reden zu bringen.“ Allein die Uniformen der MĂ€nner ließen die ĂŒbrigen Familienmitglieder vor Angst erstarren und nach Luft schnappen. Ein Fenster öffnen – man traute sich es nicht zu, hielt lieber die stickige Luft aus. Stiefel knallten zusammen, bevor die MĂ€nner des Volkes den Hof verlassen hatten und bis endlich wieder Ruhe einkehrte. Die Mutter glaubte, ihr bliebe das Herz stehen, in Wirklichkeit schlug es schneller und lauter als je zuvor. Niemand sagte auch nur ein Wort. Schon glaubte man, dass die WĂ€nde Ohren bekommen haben könnten. Wenn jetzt nur ein Name fallen wĂŒrde, und wĂ€re er auch noch so harmlos, könnte dies eine ganze Maschinerie in Gang setzen.

„Da dachte man, dass sich wenigstens nach dem Krieg etwas Ă€ndern wĂŒrde, aber jetzt 
 wer kĂŒmmert sich schon um uns? Arbeiten, nichts als arbeiten. Und wofĂŒr das alles?“

Damit die 98,9 Prozent Wahlbeteiligung und der davon so gut wie 100-prozentige Wahlsieg der staatlichen Einheitspartei auch erreicht wurden, mussten auch hier einige, nicht wenige, zu diesem Ergebnis gezwungen werden, es herrschte schließlich gesetzliche Wahlpflicht. Nun war jeder Bauer und jede BĂ€uerin an die zeitweise Anwesenheit von MĂ€nnern der Partei gewohnt. War es wieder einmal soweit, statteten diese MĂ€nner den Höfen regelmĂ€ĂŸig Besuche ab, um weiterhin Unterschriften unter die LPG-Beitrittsformulare zu erhaschen. Sie ließen keine Gelegenheit aus, Überzeugungsarbeit zu leisten – vergeblich blieb es bei vielen, Immer mehr jedoch gaben nach. Die Stimmabgabe zur Wahl der Vertreter der Volkskammer war dagegen ein wirklich leichtes Spiel fĂŒr die Uniformierten, denn bei Nichtteilnahme an den Wahlen wurden nicht Stimmzettel eingesammelt, sondern gleich die BĂŒrger selbst. Dabei wĂ€re es vollkommen ausreichend und letztendlich auch zeitsparend gewesen, wenn man den Stimmzettel einfach gleich mitgebracht und auf dem KĂŒchentisch gelegt hĂ€tte; sollte es doch geheim zugehen mit dem Ankreuzen, hĂ€tte man sich ja nur mal kurz umdrehen und den Zettel dann einstecken können. Stimmabgabe erfolgreich durchgefĂŒhrt! Ein kurzer Blick auf den ausgefĂŒllten Zettel, ob das Kreuz auch an der richtigen Stelle gemacht wurde („Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! – auch das ganz im Sinne Lenins – so viel kann man da ja nicht falsch machen“) und man wĂ€re verrichteter Dinge weitergezogen, hĂ€tte einen weiteren Querulanten zur Einsicht gebracht und irgendwann ein ganzes Dorf als erfolgreich bearbeitet abhaken können. Ein weiterer kleiner Etappensieg auf dem gemeinsamen Weg zum Paradies auf Erden. Wer bei solch einer Nachhilfe in Demokratie immer noch nicht verstehen wollte wie er abzustimmen hatte, fand sich schnell in einer Akte wieder, und fĂŒr einen Rentner bedeutete eine Weigerung die Ablehnung eines eingereichten Visumsantrages, und das wiederum zog den Verzicht auf einen Besuch in Westdeutschland nach sich. Wer nicht hören will, muss fĂŒhlen – und muss ein Jahr Wartezeit inkauf nehmen, bis er seine Lieben wieder besuchen durfte.

Es war der Trecker, der den Jungbauern plötzlich an seinen FluchtplĂ€nen zweifeln ließ. Immer wieder hat er alles durchgerechnet, um sich letztendlich eine funktionsfĂ€hige Zugmaschine zusammenbauen zu lassen, sogar selbst mit angepackt, damit es schneller ging – und kostengĂŒnstiger wurde. Zu einem GefĂ€hrt, welches den Betrieb des Vaters nach seinen Vorstellungen wĂŒrde wachsen lassen. VerĂ€nderungen, Anschaffungen waren notwendig. Irgendwann wĂŒrden alle Bauern in Maschinen investieren mĂŒssen, und wer es sich allein nicht wĂŒrde leisten können, wĂŒrde sich mit Nachbarn zusammentun und gemeinsam einen Maschinenpark anschaffen. FunktionsfĂ€hig wĂ€ren diese Betriebe geworden, konkurrenzfĂ€higer als die ĂŒberdimensionierten und ĂŒberall eine Nummer zu groß geratene LPG mit ihren riesigen Tierproduktionsanlagen und mit ihren AckerflĂ€chen, die die Ergebnisse der Flurbereinigung in Westdeutschland bei weitem ĂŒbertrafen. GrĂ€ben wurden zugeschĂŒttet, um so den Traktoren und Maschinen der Genossenschaft erst die Möglichkeit zu geben, wirklich effektiv zu arbeiten – die ökologischen Folgen malte sich niemand aus, warum auch? FĂŒr den kommenden FĂŒnfjahresplan reichten die Maßnahmen allemal aus, was wollte man mehr? Einen weiteren FĂŒnfjahresplan, aber das hatte Zeit.

Auf einem Handkarren schaffte der Jungbauer Einzelteile des Deutz-Treckers auf den Hof, den sein Vater ihm inzwischen ĂŒberschrieben hatte. „Schrott haben wir doch genug in der Scheune, was musst du da noch mehr davon ranschaffen?“ Ein TĂŒftler, mehr Bastler als Mechaniker, den der junge Bauer mit dem Zusammenbau seines Treckers beauftragte – ein stets dĂŒster dreinblickender Mann in einem Alter, in dem man schon an das Leben nach dem Erwerbsleben denkt – lebte allein von diesem Montieren landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge aus bereitgestellten, eher noch auf dem Schwarzmarkt in Westberlin zusammengekauften Einzelteilen. Denn es waren schließlich diese Nutzfahrzeuge, die stĂ€ndig gebraucht wurden, fĂŒr die stets Nachschub gefragt war, die aber auch reparaturanfĂ€llig waren, kurzum: er war immer beschĂ€ftigt, hatte einen krisensicheren Job, der ihn und seine Familie auch ĂŒber das staatlich angedachte Rentnerdasein hinaus ein Zubrot garantierte. Solch eine Maschine zweiter Hand war fĂŒr die meisten der Bauern die einzige finanzierbare Möglichkeit, an solch ein GefĂ€hrt zu kommen. Meist wurde eine Anzahlung akzeptiert, die restliche Summe dann in Raten an ihn abbezahlt. War ein StĂŒck fertig, setzte er sich auch notfalls eine Nacht lang, zum Beispiel, auf einen Trecker, um zu verhindern, dass ein Bauer vielleicht mit einem noch nicht endgĂŒltig bezahlten GefĂ€hrt auf und davon fuhr. Gleich einer Glucke, die auf ihren Eiern hocken bleibt, damit sie ja niemand entwendet.

Er bot dem Bauern die Möglichkeit, ein Fahrzeug gleichzeitig zu erwerben und mit deren Hilfe die Finanzierung anzugehen – zehntausend Ostmark sollte dieser Trecker insgesamt kosten, und das war schon eine unvorstellbar große Summe, auch wenn es Ostmark waren. Er versorgte sich auf dem GelĂ€nde des MTS mit Treibstoff, erledigte Pflichttouren fĂŒr die Genossenschaft, um danach den Rest an Benzin in eigene Kanister abzufĂŒllen und fĂŒr seine Fahrten aufzubrauchen – auch eine Form des Organisierens, viele beherrschten sie und es ging nicht ohne diese im Krieg und in der Kriegsgefangenenschaft erworbenen FĂ€higkeiten. Der BĂŒrgermeister wird es mit seinem Moskwitsch nicht anders gemacht haben, auf jeden Fall mussten so viel persönliche BemĂŒhungen und Verdienste fĂŒr die Sache des Sozialismus sich irgendwie rechnen, also nahm man sich nur, was einem zustand. Jedem nach seinen BedĂŒrfnissen. Man befand sich auf dem richtigen Weg, nĂ€mlich in die sozialistische Zukunft, die immer mehr hervorleuchtete – wenn man denn genau hinsah. Und man musste schon genau hinsehen, um sie zu entdecken, die aufgehende Sonne, wie sie angeblich von weither strahlte – wenn sich nicht immer wieder Wolken davorgeschoben hĂ€tten. Solch eine Wolke wie die Inhaftierung des Maschinisten, der junge Bauern bei der Modernisierung ihrer Landwirtschaft half – und dies gerade war sein Fehler, ein großer politischer Fehler. Es war dies eine geradezu konterrevolutionĂ€re Tat, weil gerade ein eigener Trecker einen Bauern davon abhielt, der LPG beizutreten – weil dieser Trecker ihnen ein StĂŒck SelbststĂ€ndigkeit bot. Es gab FunktionĂ€re, die waren der Meinung, dass sechs Jahre GefĂ€ngnis eine angemessene Strafe fĂŒr solch einen Mann war. FĂŒr sechs Jahre aus dem Verkehr gezogen, bedeutete dies auch, dass der Treckernachschub fĂŒr eine gewisse Zeit unterbrochen sein wĂŒrde. So war es auch, ließ aber auch den einen oder anderen einen Fluchtplan schneller in die Tat umsetzen, sein Zögern aufzugeben.

WĂŒrde es auf der anderen Seite des Brandenburger Tores so ganz anders sein?

Ihm wurden die bis dahin zugeteilten Benzinrationen gestrichen – weil er sich immer noch hartnĂ€ckig weigerte, seine Unterschrift zum LPG-Beitritt zu leisten. Der Benzinnachschub fĂŒr seinen Trecker, der seine Zukunft bedeutete, versiegte bald ganz; das bedeutete sein wirtschaftliches Aus. Alleiniges BeschrĂ€nken auf die zwei AckergĂ€ule, vielleicht auch noch dazugenommene Ochsen – er wĂŒrde sich schnell auf dem Abstellgleis befinden. „Wir haben keine andere Möglichkeit. Wenn wir zu lange warten, kann es zu spĂ€t sein. Es könnte jeden Tag zu spĂ€t sein. Wenn jetzt so viele rĂŒbermachen, werden die Grenzen bald dicht gemacht, sollen wir etwa darauf warten?“

Es wirkte wie ein schleichendes Gift, wenn Kinder in der Schule aufgefordert wurden, ihre Eltern zu bespitzeln und sei es nur, darauf zu achten, ob bei ihnen zu Hause der Fernsehsender des Klassenfeindes eingeschaltet wurde. Vielleicht redete man sogar ĂŒber FluchtplĂ€ne? Als ob sie ahnten, dass es schon bald nicht mehr möglich sein wĂŒrde, nur mit einem Personalausweis nach Westberlin zu fahren, nahmen die PlĂ€ne in kĂŒrzester Zeit konkrete Gestalt an.

Es war Sommer 1961, es war Juli, die Zeit der Sommerferien, Schule und Kindergarten hatten geschlossen. Wer konnte, schickte seine Kinder fort, zu Verwandten in die Stadt zum Beispiel. Die großen wurden in der Erntezeit gebraucht, die kleineren waren mit Spielen und Herumstreifen gut beschĂ€ftigt, sprich: sich selbst ĂŒberlassen. Niemand wĂŒrde es bemerken, wenn drei MĂ€dchen zwischen sechs und neun Jahren wĂ€hrend des Sommers nicht im Dorf waren. Im September, nach den großen Sommerferien, wĂŒrde das neue Schuljahr beginnen. Ein gĂŒnstiger Zeitpunkt fĂŒr eine Flucht, wenn man Kinder im schulpflichtigen Alter hatte. Die Ă€lteste Tochter wĂŒrde nach den Sommerferien in die dritte Klasse wechseln, die zweite Tochter in die zweite Klasse, die Kleinste war noch nicht eingeschult. Wenn jemand wĂ€hrend der Sommerferien fort sein sollte – das wĂ€re nichts Ungewöhnliches. So wĂŒrde es am wenigsten die Aufmerksamkeit von denunzierenden Nachbarn auf sich lenken.

Kein FluchtfĂŒhrer, kein Abenteuer-ReisefĂŒhrer oder Survival-Ratgeber gar, mit Checkliste und Tipps fĂŒr alle möglichen Situationen war ihnen behilflich, die nun folgenden Tage, Wochen und Monate zu ĂŒberstehen. Folglich entschied man selbst, was einzupacken war – und was man vernĂŒnftigerweise gleich zurĂŒcklassen sollte, nĂ€mlich alles. Und weil nie jemand von ihnen jemals die Möglichkeit gehabt hat, dies fremde Land, in das sie einzureisen gedachten, wĂ€hrend einer Urlaubsreise im Vorfeld zu erkunden, blieb auch diesbezĂŒglich alles, was in der Zukunft lag, offen.

Die junge BĂ€uerin, nicht unbedingt geĂŒbt im GesprĂ€ch mit Grenzpolizisten aus der Großstadt, malte sich die schlimmsten Situationen aus, denn nur so meinte sie, den Druck aushalten zu können. „Grenzkontrolle! Ihre Papiere bitte! Was ist der Grund ihrer Reise nach Westberlin?“„Haben Sie nicht erlaubte GegenstĂ€nde in ihrem GepĂ€ck? FĂŒhren Sie etwa Schmuggelware mit sich? Haben Sie vor, unsere DDR fĂŒr immer zu verlassen? Wenn ja, warum? Warum gefĂ€llt es Ihnen bei uns nicht mehr? Was mĂŒsste passieren, damit Sie sich bei uns wieder wohl fĂŒhlen? Kann ich sonst noch etwas fĂŒr Sie tun? Leeren Sie doch bitte einmal Ihre Taschen. Kommen Sie doch bitte mal mit.“ SpĂ€testens zu diesem Zeitpunkt wĂŒrde sie sich die Frage stellen, ob sie denn nicht zu weit gegangen sind, auch noch in die falsche, weil unsichere Richtung – aber niemand forderte sie auf, mitzukommen, sie durfte ihre Fahrt fortsetzen. Der Grenzpolizist schien geradezu froh zu sein, dass er sich nun endlich dem Rest des S-Bahnwagens widmen konnte. Und was ging ihn eine Frau mit drei kleinen Kindern weiter an? Mit Kindern in der S-Bahn unterwegs nach Westberlin, das schien niemanden zu interessieren, ein GlĂŒck. Ihr Mann sollte, so war es abgesprochen, in ein, zwei Tagen nachkommen – eine komplett auftretende Familie, auch eine Familie ohne GepĂ€ck, könnte ungewollt Aufmerksamkeit erregen. Und erneut glaubte sie, angestarrt, gemustert zu werden. „Wollen Sie den Zoologischen Garten besuchen?“ „Möchten Sie in den GeschĂ€ften Westberlins einkaufen?“ „Haben Sie Eintrittskarten fĂŒr das Sechs-Tage-Rennen? Was, mit den kleinen Kindern wollen Sie solche Strapazen auf sich nehmen?“

Ja, was hatte sie eigentlich mit ihren Kindern vor? Den Schwarzmarkt aufsuchen? Sie misstraute sich selbst, meinte, ihr Herzklopfen mĂŒsste unweigerlich Alarm auslösen und sĂ€mtliche in der S-Bahn patroullierende Uniformierte zusammentrommeln. Und doch war es eine weitaus unbedeutendere Frage, die sie dazu veranlasste, ihr Ă€ngstlichstes Gesicht aufzusetzen. Ob sie vorhabe, lĂ€nger als einen Tag in Westberlin zu bleiben – sagte denn das nicht vorhandene GepĂ€ck, dass sie eben genau dieses nicht plante? Jede Situation schien durchgespielt, keine noch so alltĂ€gliche Frage sollte sie ĂŒberraschen – und doch wurde sie von einer so gewöhnlichen Anrede des Grenzpolizisten aufgeschreckt, dass es beinahe egal zu sein schien, was sie nun antworten wĂŒrde, es wĂ€re eh das Falsche gewesen. Ein Versinken im Erdboden war nicht möglich, irgendetwas hinderte sie daran, und Hilfe von sonstwoher schien ausgeschlossen. „Nur bis heute abend, wir bleiben nur bis heute abend, heute abend wollen wir wieder zurĂŒck. Bevor es dunkel wird, wollen wir wieder zurĂŒck sein und darum haben wir ja auch kein GepĂ€ck dabei. Sehen Sie?“ Nach dem Erbleichen zeigte sich Röte in ihrem Gesicht, was der Grenzsoldat, immer noch mit dem Personalausweis beschĂ€ftigt, nicht wahrzunehmen schien. Er schien auch nicht zu bemerken, dass sie beinahe schweißgebadet war. Eine hĂŒbsche junge Frau war fĂŒr ihn keines weiteren Blickes wĂŒrdig, was sie mit grĂ¶ĂŸter Erleichterung zur Kenntnis nahm.

Nicht einmal fĂŒnf Minuten waren vergangen, und ihr mehr als vorsichtiges Passieren der Sektorengrenze hĂ€tte die ZukunftsplĂ€ne zum Platzen bringen können wie einen zu stark aufgeblasenen Luftballon – oder bildete sie sich diese Unsicherheit, die sie auszustrahlen meinte, nur ein? Wenn diese Situation anders ausgegangen wĂ€re? Ein ZurĂŒck wĂŒrde es nicht geben, also wĂŒrde man aus der Situation das beste machen mĂŒssen. Vielleicht wĂŒrde es ja nicht ganz so schlimm werden; wenn man nun wĂŒrde abgefĂŒhrt werden, gab es nichts zu verbergen. Was hĂ€tte man als Tagestourist zu verbergen gehabt? „Bittesehr.“

„Wir wĂŒnschen Ihnen eine angenehme Weiterreise mit der S-Bahn der Deutschen Demokratischen Republik und entschuldigen uns fĂŒr den schlechten Zustand des Schienennetzes und der Bahnhöfe sowie der ZĂŒge. Seien Sie dankbar, dass es ĂŒberhaupt noch eine S-Bahn gibt in Berlin, und das nicht nur bei uns in der Hauptstadt der DDR, sondern auch im Westen. Soviel GroßzĂŒgigkeit können wir an den Tag legen, wenn wir nur wollen. Man muss uns nur wollen lassen.“

„Meine Puppe.“ „Wir werden eine neue Puppe kaufen.“

Der kalte Krieg tobte.

Solange die Grenzen noch nicht vollkommen geschlossen und damit so gut wie unĂŒberwindbar waren, verließen die RepublikflĂŒchtlinge ihre Heimat ĂŒber das ausgedehnte Sammellager in Berlin-Marienfelde, wo Alte und Junge, MĂ€nner und Frauen, Kinder jeden Alters in riesigen SchlafsĂ€len auf Metallpritschen schliefen, sich mit kratzigen Wolldecken, die sie Tag fĂŒr Tag auf Neue nach stundenlagem Anstehen gegen die Vorlage von provisorischen Ausweisen entgegennahmen – sicher hatte die Bezeichnung ‘kalter Krieg’ in diesen Übergangslagern ihren Ursprung – ĂŒber den Flughafen Tempelhof in den goldenen Westen. Eigentlich ging es dort zu wie in einer Halle eines großen Flughafens, der sich um die Passagiere verspĂ€teter oder ausgefallener FlĂŒge zu kĂŒmmern hatte. Drunter und drĂŒber ging es, Kinder weinten. Die Menschenansammlung unterschied sich von einer Gruppe Urlauber nur dadurch, dass sich im Lager kaum Spielzeug in den HĂ€nden der Kleinen befand, kein Haustier war zu sehen, und das GepĂ€ck fehlte gĂ€nzlich, was den Vorteil hatte, dass auch niemand auf seine Koffer aufpassen musste – mit einem StĂŒck Freiheit mehr hatte es jedoch gar nichts zu tun.

Ein Leben im goldenen Westen wĂŒrde sie fĂŒr die Zeit in den Lagern entschĂ€digen. Sie wĂŒrden eine Familie sein wie die anderen auch, wĂŒrden sich irgendwann eingelebt und sich ein neues Zuhause aufgebaut haben, auch wenn es nicht jeden Tag Schokolade geben wĂŒrde. Sie trĂ€umten von der Schokolade des Westens, Cadbury. Aber vorerst gab es ĂŒberhaupt keine Schokolade, stattdessen wurden Bonbons verteilt, damit wenigstens die Kinder ihren Appetit auf SĂŒĂŸes stillen konnten. Damit die Kinder wenigstens still waren.

„BrĂŒder, zur Sonne, zur Freiheit!“ Zur Freiheit des Schokoladeessens-so-viel-man-wollte und die der Petticoats aus gestĂ€rktem TĂŒll. Der Freiheit von Apfelsinen, die nicht unbedingt aus Kuba stammen mĂŒssen.

Sie landeten sehr, sehr hart.

Enteignung von Haus und Hof in der verlassenen Heimat war schon fast eine Relexhandlung der Parteioberen im Rat der Gemeinde. Ein komplettes Schlafzimmer, seinerzeit ein Geschenk der Eltern zur Hochzeit des jungen Paares, sollte nicht in fremde HĂ€nde gelangen – sie wollten es fĂŒr sich, in ihre Schlafkammer stellen, konnten es gut gebrauchen und mussten es – kaufen. Kaufen, von der Gemeinde. Sie bezahlten noch einmal fĂŒr dieses Doppelbett samt NachtschrĂ€nkchen – befanden sich in den Schubladen nicht meist die persönlichsten Dinge derer, die in den Betten solch eines Schlafzimmers schliefen, was war mit all diesen GegenstĂ€nden geschehen? – fĂŒr den gerĂ€umigen mehrtĂŒrigen Kleinderschrank, an deren TĂŒren einst die frisch gestĂ€rkten Petticoats hingen und fĂŒr eine Kommode samt dreiteiligen Spiegel, von der die junge Frau einst die Flasche Kölnisch Wasser genommen und in ihre kunstlederne Handtasche gelegt hatte.

Das wird alles seinen Sinn gehabt haben, denn der sozialistischen Logik solcher Aktionen wie Enteignung kann man sich nun doch nicht entziehen. Was hĂ€tte man denn sonst tun sollen seitens der Herrschenden als einem Rentnerpaar ein paar Möbel erneut zum Erwerb anzubieten? So viell GroßzĂŒgigkeit war kaum zu ĂŒberbieten. Es blieben schließlich noch genug zu tun fĂŒr die, die aufrĂ€umen wollten. Die ĂŒbrigen Möbel, das Geschirr, der gesamte Hausrat einer fĂŒnfköpfigen Familie war zu konfiszieren und zu entsorgen – oder mit einem kleinen Gewinn fĂŒr die Gemeindekasse oder sonstwen weiterzureichen. Und mit weniger als hundert Mark Rente ließ sich fĂŒr ein Rentnerpaar doch wohl ein gebrauchtes Schlafzimmer abzahlen. Außerdem haben alte Leute gewohnheitsmĂ€ĂŸig immer ein paar Geldscheine in der Zuckerdose deponiert, und schließlich ließ man ihnen ja auch ein paar HĂŒhner und eine Kuh, ohne sie dafĂŒr auch noch einmal zur Kasse zu bitten. Man ließ ihnen eine Kuh, man ließ ihnen ein paar HĂŒhner, die ihnen sowieso gehörten. Auch das zeugte von GroßzĂŒgigkeit.

Ihr Leben lang hatten die alten Menschen auf diesem Hof gelebt und gearbeitet, dafĂŒr behielten sie dort nun lebenslanges Wohnrecht in ihrem Teil des Wohnhauses, nachdem die andere, etwas grĂ¶ĂŸere HĂ€lfte samt Dachboden vermietet wurde. Es wurden zwar keine Grenzlinien gezogen – aber fĂŒr dieses Rentnerpaar wurde es Zeit, sich von ihrem gewohnten Lebensumfeld zu verabschieden.

FĂŒr ihre treuen Genossen sorgte die Gemeinde – sie bot ihnen wenige Jahre spĂ€ter dieses Wohnhaus fĂŒr wenige tausend Mark zum Kauf an, ein Trabant kostete mehr als das Doppelte, was sie fĂŒr ein Haus samt NebengebĂ€uden zu entrichten hatten. Grund und Boden, auf dem das Ganze stand? Tausend Quadratmeter ĂŒberließ man ihnen kostenlos – erst die Treuhand verlangte spĂ€ter einen symbolischen Preis von fĂŒnfzig Pfennig dafĂŒr. Schließlich handelte es sich um Eigentum von ehemaligen RepublikflĂŒchtlingen, und man wickelte eigentlich nur diese Angelegenheit endgĂŒltig ab. Hatte nicht ein Hans Modrow sich umgehend nach dem Mauerfall dafĂŒr eingesetzt, dass „DDR-BĂŒrger nicht ohne Eigentum“ in die Wiedervereinigung gehen sollten? Die Bundesrepublik – ErfĂŒllungsgehilfe von DDR-Gesetzen? Man wickelte die Gesichichte ab. VersorgungsmentalitĂ€t. Vertreter der Staatssicherheit fuhren in Moskwitsch- oder Wartburg-Limousinen durch die umliegenden Dörfer und statteten Freunden und Verwandten Besuche ab. Ausweispapiere wurden teilweise eingezogen – Fluchtgefahr. Ansteckungsgefahr. Man dachte gar daran, KammerjĂ€ger zu schicken, um die betreffenden Höfe zu desinfizieren.

Die Gemeindeschwester, eine alte Frau in wallender Ordenstracht, die sich nur noch mit Hilfe ihres Gehstocks fortbewegen konnte, stand am Rand der Dorfstraße und fuchtelte mit ihrem Stock in der Luft herum. „Das ist erst der Anfang, es werden noch viel mehr gehen.“ Niemand nahm ihr GeschwĂ€tz ernst.

Gleich der Durchtrennung der wichtigen Ader eines Lebewesens wurde ein Schnitt gemacht an diesem besagten Sonntag im August, und zwar mitten durch einen einst pulsierenden Körper. Die Nahtstellen waren bereits seit geraumer Zeit verödet, wenn nicht schon lĂ€ngst abgestorben, nun wurden die letzten offenen Verbindungen endgĂŒltig gekappt und zuletzt auch noch erneut vernĂ€ht. Die Knoten wurden fest gezurrt, denn diese NĂ€hte sollten ja fĂŒr mehr als einhundert Jahre halten. Was blieb, waren Stellen, die nach Bedarf und natĂŒrlich nur von einer Seite gleich einer Klappe geöffnet und jederzeit wieder geschlossen werden konnten. FĂŒr Katzen und fĂŒr MĂ€use. Und fĂŒr Menschen. Und diese Mauer wurde so schnell, so plötzlich und unverhofft hochgezogen, dass die Menschen wie gelĂ€hmt waren und sich die Augen rieben. Was sie dann zu sehen bekamen, ließ sie erstarren. Und weder die Diplomatie des Westens noch deren Armeen griffen hier helfend ein. Alle schienen sie die HĂ€nde in den Schoß zu legen.

Manche warteten zu lange, manche waren schnell genug, gerade so, als ob sie geahnt hĂ€tten, was sich da anbahnte – es lag etwas in der Luft. Es wurde zusehends schwieriger, diesen Schutzwall zu durchbrechen, es wurde irgendwann gĂ€nzlich unmöglich. Aber selbst das hielt einige wenige nicht davon ab, denn ab hier gab es Hilfe fĂŒr die Flucht in den Westteil der Stadt nur noch ĂŒber abenteuerliche Wege, die kein Spionageroman spannender hĂ€tte schildern können. Und was wĂ€re James Bond ohne den kalten Krieg? Kein ‘Top Secret’ wĂ€re ohne die perfektionierten Grenzkontrollen entstanden.

Vom Bau der Mauer mitten durch Berlin erfuhren die FlĂŒchtlinge, als sie im Westen angekommen waren, der RĂŒckweg war damit versperrt. Und eine Ewigkeit sollte der Schutzwall stehen – er fiel nach vierzig Jahren in sich zusammen. Nein, natĂŒrlich nicht, die Menschen halfen etwas nach. Vor allem die Menschen, fĂŒr die diese Mauer das Paradies beschĂŒtzen sollte. Sie rissen sie ein, ohne die Machthabenden um Erlaubnis zu fragen – und sie arrangierten sich schnell mit dem neuen Gesellschaftssystem. Sie verstanden es, vorhandene und auch nicht durch den Mauerfall mit fallende Verbindungen zu nutzen. Der, der es zu DDR-Zeiten vorzug, seinen eigenen Weg zu gehen, verpasste die Strömung, die es den anderen, den angepassten, erlaubte, im Fahrwasser weiter zu schwimmen. Kein Baron mit Grund- und Boden, der die HĂ€lfte des Dorfes ausmachte, ließ sie mehr fĂŒr sich arbeiten. DafĂŒr gehört ein Großteil des Dorfes heute denen, die rechtzeitig das entsprechende Kapital vorweisen konnte – ihren Einfluss in der Gemeinde klug nutzend. Niemand muss zwar fĂŒr sie arbeiten, aber sie können weit mehr ihr eigen nennen als sie wirklich zum Leben brauchen. Sozialismus? „Den haben wir niemals gewollt, aber wir haben uns arrangiert, und das nicht schlecht.“

Es wohnt jetzt jemand anderes in dem Haus, das einmal unser Zuhause war. Der Vater klopfte einst an, fragte, ob er sich in einem Winkel des großen Hofes ein kleines Haus bauen dĂŒrfe. FĂŒrs Alter. Er wolle keine Fremden auf seinem Grund und Boden, so der neue EigentĂŒmer. Ein Hof, der groß genug fĂŒr zwei Familien ist, und den er fast geschenkt bekam.


© Heidrun Schuppan
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Heidrun Schuppan

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