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Leselupe.de > Humor und Satire
Otto&Adolf
Eingestellt am 24. 09. 2007 16:15


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Haarkranz
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Registriert: Oct 2006

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Otto & Adolf

Eines morgens behauptet Otto er sei Adolf. Anna sagt nichts, will nichts sagen, hĂ€tte sie all seine VerrĂŒcktheiten kommentiert, sĂ€ĂŸ sie seit langem in der Klapse.
Otto trampelt mit abgewinkeltem Arm, lauthals „Sieg Heil!“ brĂŒllend, um den KĂŒchentisch. Anna ignoriert, steht an der SpĂŒle, rĂ€umt Geschirr und GlĂ€ser in den Schrank, wischt den Boden, wringt den Feudel, stĂ¶ĂŸt mit dem um den Tisch paradierenden Otto zusammen.
„Au! Pass doch auf, du tust mir weh!“ beschwert sie sich, und: „Geh doch auf die Straße schreien, findest womöglich noch andere Gehirnamputierte, die dir hinterher laufen!“
Otto bleibt stehen, grinst auf Anna herab, schnarrt: „Au! was heißt hier au? FĂŒnf Millionen sind fĂŒr FĂŒhrer, Volk, Vaterland gefallen, geblieben auf dem Felde der Ehre! Wahrlich nicht schmerzlos, da sagt eine wie du, au! Bist ein geschichtsvergessenes Wesen! Damit ist jetzt Schluss! Der FĂŒhrer hat sich meiner Gestalt bemĂ€chtigt, ist auferstanden wie ein anderer Großer auferstand, dessen Zeit nun abgelaufen ist! Dich Anna, nehme ich als erste in meine Bewegung auf, bist ab sofort nicht mehr meine Frau, haben Gewaltigeres zu leisten, als unsere Kraft bei dĂŒmmlichem Liebesspiel zu verplempern! Sieg Heil!“
Anna sagt nichts, lauscht ihrer Endlosschleife: Wie komm ich da raus? Auf was hab ich mich eingelassen?
Ich weiß einen Ausweg fĂŒr Anna, jeder Leser wohl auch, aber was wird aus Adolf? Plöpp machte der, schnurrte zusammen wie ein angepiekster Luftballon. Otto braucht Anna, um Adolf zu sein, doch wozu braucht Anna Otto? Mal sehen, vielleicht kommen wir dahinter, liegt momentan noch im Nebel.
„Ich, dein FĂŒhrer, Anna!“ bramarbasiert Otto als Adolf weiter, „verlange von dir Hingabe, Opfermut, wenn es sein muss, Blut! Das Höchste, deutsche Frau, ist das Opfer fĂŒr dich! Durch Hingabe deines Lebens fĂŒr mich, deinen FĂŒhrer, adelst du dich und dein Geschlecht!“
Anna ist im Schlafzimmer als sie dies, und das Klirren der Besteckschublade hört. GeistesgegenwĂ€rtig schlĂ€gt sie die TĂŒr zu, drehte den SchlĂŒssel um.
Adolf klopft, bittet mit Ottos Stimme: „Mach auf Anna, ist doch nur Spaß, komm MĂ€uschen sei nicht albern.“
„Nicht albern, du Idiot, meinst du das wirklich?“ die Anna. „Wenn ich albern bin, dann bist du total bekloppt! Wer garantiert mir, dass du nicht wirklich durchgedreht bist?“
„Anna, ich ĂŒbe Rollenspiele. Du weißt, ich kann auch Lenin, Honnecker und den Kohl. Hitler klingt bedrohlich, der kommt verdammt echt rĂŒber, deine Flucht ins Schlafzimmer beweißt es.“
„Otto ich kann nicht mehr,“ die Anna. „Lenin, Honecker, Kohl waren lĂ€cherlich, dein Hitler ist zum FĂŒrchten, lass den in Zukunft!“ Sie schließt auf, Otto steht mit ausgebreiteten Armen vor ihr, lacht, will sie an sich ziehen, sie jedoch prallt zurĂŒck, schreit: „Die Rotzbremse, Otto, die Rotzbremse unter deiner Nase!“
Otto befingert das Stoppelbeet.
Spiegel, fÀhrt es ihm durch den Kopf. Er stolpert ins Bad, aus dem Spiegel glotzt mit schwarzer Rotzbremse, sein Gesicht.
Er schnappt sich den Rasierer, klappt den Langhaarschneider raus, sĂ€gt die Stoppeln ab. PrĂŒft seine Oberlippe, fĂ€hrt mit dem Zeigefinger drĂŒber. Glatt. Dreht sich um zu Anna, die hinter ihm stehend, beobachtet.
Er lĂ€chelt. Anna nicht. Anna sieht in an, augenlos. Glasaugen gucken so, blicklos blau, leer. Mit haltsuchend nach hinten gestreckten Armen, bewegt sie sich rĂŒckwĂ€rts von ihm weg, öffnet den Mund, bringt keinen Laut raus.
Otto dreht sich zum Spiegel, fĂŒhlt seine einknickenden Knie, fĂ€ngt sich am Waschbecken. Im Spiegel unter seiner Nase, die auferstandene Rotzbremse!
Er fĂ€llt aufs Clo, zieht an den neuen Haaren, stöhnt: „Anna!“
Die ist ĂŒber alle Berge, hat die TĂŒr zum Hausflur auf gelassen, Durchzug lĂ€sst die Gardine flattern.
Otto nimmt Annas Schminkspiegel, setzt sich an den KĂŒchentisch, guckt sich die im Spiegel vergrĂ¶ĂŸerten Schnurrbarthaare an. Mit Annas Nagelhautschere schnippelt er die untere HĂ€lfte von FĂŒhrers Bart weg, beobachtet gespannt den Kahlschlag.
Zuerst tut sich nichts, dann wie auf Kommando schieben sich auf Rotzbremsbreite Haare hoch. Bewegen sich mit sichtbarer Geschwindigkeit, stellen ihr Wachstum ein, als sie das Niveau der stehengebliebenen HaartrachthÀlfte erreicht haben.
Mit auf die FĂ€uste gestĂŒtztem Kopf, glotzt Otto in den Spiegel. Bis auf den Bart, hab ich keine Ähnlichkeit, tröstet er sich, als eine Stimme hinter seinem RĂŒcken wispert: „Bis jetzt!“
Er fĂ€hrt herum, niemand. Er geht durch die Wohnung, guckt in die SchrĂ€nke, schließt alle Fenster, auch die auf kipp stehenden.
Dann hockt er sich wieder vor Annas Spiegel. Wo mag Anna sein? Ich brauche sie, kann das nicht allein abreiten. Wie fing das an? Ich wurde wach, nahm mir vor heute machst du den FĂŒhrer. Zur Einstimmung leise ohne Stimme, „Es zittern die morschen Knochen,“ gesungen. Machte Laune, Melodie und Vorstellung fingen mich ein. In Gedanken braune Uniform, mit der schwar-weiß-roter Hackenkreuz Armbinde angelegt, FĂŒhrergruß geĂŒbt. Hatte ne lĂ€ssige Art, den Arm nach hinten zu klappen, der Adolf. Lag an seinen Wienerjahren.
Pass auf! ermahnte ich mich, du darfst ihn nicht vermenschlichen. Der Kerl war ein Psychopat, das Ungeheuerlichste was eine Mutter je entbunden.
Weiß ich, schon gut. Muss ihn in seiner Zeit darstellen, fĂŒr die Deutschen und Österreicher war er der Erlöser. So etwa zehn Jahre Erlöser sein, nicht schlecht. Der Pabst scheint ihn anerkannt zu haben, jedenfalls hat er nicht sĂ€mtliche Glocken in seinem geistlichen Reich lĂ€uten lassen, um den Teufel auszutreiben. Gekonnt hĂ€tte er’s, kam ihm wohl als Juden und Bolschewikenschreck entgegen, der FĂŒhrer.
Darf nicht ins Repertoire, die Schwarze können saugefÀhrlich werden.
Anna verdammt, komm zurĂŒck, wie soll das weiter gehen.
Er sieht wieder in den Spiegel, unter der Nase das gleiche Bild. Der schwarze Radiergummi, was soll das, bin doch blond.
„Warst blond!“ die Stimme.
Otto dreht sich diesmal nicht um, diesmal legt er den Kopf auf die Arme und heult wie ein Schlosshund. „Anna, Anna,“ schluchzt er, bevor er vor Erschöpfung einschlĂ€ft.

Anna kommt sehr spĂ€t nach Hause, hat zur Sicherheit Norbert ihren Bruder mitgebracht. Sie finden Otto schlafend am Tisch. Anna rĂŒttelt ihn wach, Otto reibt sich das Gesicht mit den HĂ€nden, schaut Anna an.
Anna prallt zurĂŒck, Otto guckt sie aus blauen Augen an, seine blonden Haare glĂ€nzen schwarz, auch sonst ist sein Gesicht nicht Otto.
Otto tritt den Stuhl auf dem er geschlafen weg, stĂŒtzt die FĂ€uste auf den Tisch, fixiert Norbert und Anna, brĂŒllt: „Volksgenossen! Die große Stunde des Deutschen Volkes ist angebrochen! Gegen Tod und Teufel, Juda und Kapital, fĂŒhre ich dich mein Volk an die Spitze der Völker, gebricht es dir an Kraft, in den Untergang!
Schwöre mein Volk, den heiligen Eid: „Bedingungslos folgen wir, FĂŒhrer dir!“
Anna und Norbert stehen stramm, heben die Schwurhand, schwören:
„Bedingungslos folgen wir FĂŒhrer dir!“
Otto setzt sich, „Gut wa? “ Norbert ringt nach Atem, stĂŒtzt sich auf Annas Arm, sieht seine Schwester an, fragt: „Was geht hier vor?“
Anna schĂŒttelt den Kopf, weint, bringt kein Wort raus, zieht Norbert mit sich, die WohnungstĂŒr fĂ€llt ins Schloss, FĂŒĂŸegetrappel auf der Treppe.
Otto begreift, etwas ist mit ihm geschehen. Ich muss das jetzt leben, versucht er sich zu stĂŒtzen. Im Schlafzimmer, vor dem großen Spiegel mustert er sich. Adolf wie er leibt und lebt. Die Konsequenz: Ich werde er sein. Doch Obacht, Deutscher Gruß, Hakenkreuz, AuschwitzlĂŒge, alles Fallen, Volksverhetzung. Auch alles völkische, gefĂ€hrlich. Werde mich schlaumachen. Auschwitz und Judenmord nicht leugnen, war grĂ¶ĂŸter Fehler der Bewegung, von Himmler und der SS zu verantworten, ich wusste von nichts, ist nicht zu widerlegen. Das braune Potential fördern, wenn die den leibhaftigen Adolf erleben, fallen die in Schreckstarre.
Die Oberen werden mich auf lange Sicht ausschalten wollen, zuerst jedoch werden die auf den Lafontaine Effekt bauen.
Das wird sensationell, der Boulevard wird kreischen. Hitler war von 1889, kann nicht identisch mit mir sein. Werde sĂ€mtliche Untersuchungen durchfĂŒhren lassen, hoffentlich haben die seine FingerabdrĂŒcke und irgend was vom Körper, fĂŒr eine DNA Analyse. Gottverdammich, wenn wir identisch wĂ€ren! Welches Interesse steckt hinter dieser Verwandlung? Wie kann das geschehen? Die SchnĂ€uzerarie erinnere ich genau, ansonsten empfinde ich mich als natĂŒrliche Person. Kann es nicht Ă€ndern, vergesse den Otto, ist mir jetzt schon fremd.
Bin Adolf, werde ewig, tausend Jahre Adolf sein und bleiben. Sieg Heil!

Versammlung in einer Turnhalle.
Die Halle proppevoll, summt wie ein Bienenstock. Plötzlich eine grelle Fanfare, er kommt, soll dem FĂŒhrer unheimlich Ă€hnlich sein, wird gemunkelt.
Im Hintergrung eine zackige Stimme: „Melde mein FĂŒhrer, ein Saal begeisterter AnhĂ€nger erwartet Sie!“
Eine Mann, mittelgroß, gekleidet in braunes Tuch, ohne Abzeichen bis auf das EK I des Ersten Weltkriegs, links zwischen Oberbauch und Brust, springt auf’s Podium.
In der Halle atemlose Stille, kein RĂ€uspern, kein HĂŒsteln.
„Deutsche!“ der Mann auf dem Podium erst verhalten, dann brĂŒllend: „Deutsche!“
Eine Welle durchlÀuft den Saal, ein Stöhnen, das sich nach Sekunden in
ekstatischem Sieg Heil!, Sieg Heil! Geschrei bricht.
Der Mann auf dem Podium nimmt die Ovation schweigend entgegen, wartet, tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, hebt den linken Arm, wischt den Beifall beiseite. Es wird still. Der FĂŒhrer rĂ€uspert sich, spricht:
„Deutsche! Sieg Heil und sĂ€mtliche an die Bewegung erinnernden Ausrufe, Abzeichen, Schriften, Devotionalien, verbiete ich ab sofort.
Rufe wie Deutschland den Deutschen, AuslÀnder raus, national befreite Zonen, sowie jeglichen sentimentalen völkischen Klamauk, in die Mottenkiste damit.
Habt ihr, frage ich euch, nichts aus dem tragischen Irrtum der Vergangenheit gelernt?
Das Dritte Reich, hat den Deutschen die entsetztlichste Katastrophe seiner Geschichte beschert.
Ich verlange SĂ€uberung und LĂ€uterung dieser Partei. Wir dĂŒrfen rechts sein, jedoch auf dem Boden des Grundgesetzes. GeschwĂ€tz wie, wenn wir erst an der Macht sind, wird aufgerĂ€umt mit der Demokratie, hat augenblicklichen Parteiausschluss zur Folge. Das Parteiprogramm wird ĂŒberarbeitet, es ist Sorge zu tragen, dass es die Billigung der anderen in den Deutschen Parlamenten etablierten demokratischen Parteien findet.
Ich erwarte eine Ergebenheitsadresse der ParteifĂŒhrung binnen 24 Stunden. Sollte ich die bis dahin nicht in HĂ€nden haben, grĂŒnde ich eine eigene Nationale Partei.
Deutsche! Wir siegen!
Sprach‘s, federt herunter vom Podium, marschiert mit geradeaus gerichtetem Blick durch die starrende Menge, steigt vor der Halle in ein wartendes Mercedes Cabriolet, dessen Chauffeur ihm die TĂŒr aufreißt, entschwindet.
Wieder Zuhaus, stĂŒrzt Otto ins Bad vor den Spiegel. Es ist nicht zu fassen, die Rotzbremse auf dem RĂŒckzug, sein Haar erblondet, die Augen wieder braun. Anna steht hinter ihm, kĂŒsst seinen Nacken.
„Nie mehr Adolf, Otto? Nie mehr, Liebste!“

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