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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paket ohne Absender
Eingestellt am 30. 08. 2002 12:22


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Danny
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2002

Werke: 4
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Paket ohne Absender

Jeannie wirft mir keinen Blick zu, wenn ich sie durch die Fensterscheibe hindurch beobachte. Men Atem beschlĂ€gt die Scheiben, ich lecke ein kleines Guckloch frei. Sie hĂŒpft mit ihrem braunen Kapuzenmantel und ihrer baumelnden Schultasche vorĂŒber. Ich gehe zurĂŒck in mein Zimmer. Vorbei an das Schlafzimmer meines Vaters, der bis zwölf Uhr mittags hinauszögert, aufzustehen, sich von einer Seite zur anderen wĂ€lzt, sich in den Schlaf schnarcht. Die TĂŒr zu seinem Zimmer steht immer offen. Seine Schnapsfahne verbreitet sich in der ganzen Wohnung. Seit Mutter von uns abgehauen ist, habe ich ihn keinen Tag mehr nĂŒchtern gesehen. Nur einmal, als ich meine Lehre als FriedhofsgĂ€rtner an den Nagel gehĂ€ngt habe, alles hinschmiss, die halb zu Ende gesteckten KrĂ€nze, die Tulpenzwiebeln, die auf ihr Bett aus Blumenerde warteten, die unfertigen Trockengestecke. Ich hasste den Geruch von Erde und ewigem FrĂŒhling und scheißte auf den Job und das mickrige Lehrgeld. Ich wollte Lehrer werden und an Jeannies Schule unterrichten. Mein Vater hat an diesem Tag nur ein kleines Glas Brandwein getrunken und seinen besten Anzug angezogen. Sein ungewaschenes Haar trug er gescheitelt. Es war das erste Mal, seit Mutter uns verlassen hatte, das er unter die Leute ging. Fast erkannte ich ihn draußen nicht. Sein gestreckter Körper machte ihn schlanker. Ich kannte nur den Mann vor dem Fernseher, in Unterhemd und mit einer Zigarette im Mundwinkel.
Der GÀrtnereibesitzer warf uns aus dem Laden. Er könne Bettler nicht leiden. Seit diesem Tag bin ich arbeitslos. Wie mein Vater. Wir stehen morgens nicht aus unseren Betten auf. Nur zum Pinkeln und wenn Jeannie morgens zur Schule geht.

In unserem Mietshaus wohnen nur wenige MĂ€dchen. Jeanie wohnt im vierten Stock mit richtigen Eltern und einem Bruder. Am Wochenende setzt sich die ganze Familie in ihren Caravan, und ich ĂŒberlege, wo sie wohl hinfahren. In die Berge oder ins Museum. Ihre Eltern sehen gebildet aus. Vater meint, ich könne nie Lehrer werden, dazu sei ich zu blöd. Ich habe auf meinem Abschlußzeugnis eine FĂŒnf in Mathe und eine Vier in Deutsch. Gebildete Berufe kĂ€men fĂŒr mich nicht in Frage. Aber das Land brauche solche Hohlköpfe wie mich. Von den Intellektuellen allein können wir nicht leben. Die wissen nicht, wie man Brötchen backt oder die miefenden Container in einem MĂŒllwagen entleert. MĂŒllmĂ€nner seien mehr wert als Professoren, sagt Vater.

Um zwölf Uhr Mittags fÀllt Vater aus seinem Bett. Manchmal fÀllt er auch nachts und schlÀft auf dem Boden weiter.
Am Nachmittag, als die Kinder schreiend von der Schule nach Hause rennen, schlĂ€ft er noch immer. Es klingelt an unserer TĂŒr. Der Postbote. Ein Paket fĂŒr Vater, ohne Absender. Ich bringe es ihm, betrachte es von allen Seiten. Vater liegt stocksteif auf dem Boden. Seitenlage. Speichel lĂ€uft aus seinem Mund.
-Du hast ein Paket gekriegt, Vater!
Eine Fliege putzt sich auf seinen Bartstoppeln.
-Ein Paket, an dich adressiert! Ein kleines, aber schweres Paket! WILLST DU ES NICHT AUFMACHEN?
Ich gebe ihm einen Stups mit der Schuhspitze, er kippt auf den RĂŒcken. Meine HĂ€nde werden klamm. Das Paket rutscht mir aus den HĂ€nden. Es klirrt in seinem Inneren, als es zu Boden fĂ€llt.

Komische MĂ€nner in Schwarz haben ihn aus unserer Wohnung geschleppt. Herzversagen. FĂŒnfzehn Jahre zu tief ins Glas geguckt. Sie haben mir die Nummer eines Beerdigungsinstitutes in die Hand gedrĂŒckt. Ich habe kein Geld fĂŒr einen Sarg. Wir sind arbeitslose Schweine.

Ich setze mich an den KĂŒchentisch und öffne das Paket, reiße es auseinander. Vater hat noch nie ein Paket zugeschickt bekommen. Sein Bruder ist sein fĂŒnf Jahren Tod, ohne Eltern aufgewachsen, ein Waisenkind. Und außer dem obdachlosen Alfred, der immer vor der Trinkhalle hockt und bei uns vorbei geschaut hat, um Vater anzupumpen, hat er keine Freunde.

Ich komme mir seltsam vor. Nicht mein Vater und seine Schnapsflaschen stehen im Mittelpunkt, sondern ich. Nicht die von Nikotin gefĂ€rbten Gardinen und Zimmerdecken, sondern ich. Der aufgeklappte Klodeckel und die schmutzige WĂ€sche im Handwaschbecken rĂŒcken in den Hintergrund. Ich habe alle Spiegel mit Laken bedeckt und setze mich in Vaters Fernsehsessel. Eine Spirale drĂŒckt mich am Hintern. Ich habe den Inhalt des Paketes auf den Schrank neben den Fernseher gestellt. Ein Bilderrahmen. Das Glas ist in der Mitte zersprungen. Das Foto zeigt einen schlanken Mann. Er lĂ€chelt. Neben ihm hĂ€lt eine Frau einen Brautstrauß in den HĂ€nden. Ihr fĂŒlliger Körper wirkt eingeengt in dem Brautkleid. Sie reicht dem Mann gerade bis an die Schulter. Auf der RĂŒckwand des Bilderrahmens steht mit zittriger Handschrift geschrieben:
Ich habe Dich nie vergessen und bereue jeden Schritt, den ich getan habe und der mich von Dir und unserem Sohn entfernt hat. Doch jetzt ist es zu spĂ€t. Man kann die Zeit nicht zurĂŒckdrehen. Ich hoffe, Du verzeihst mir, eines Tages vielleicht.
In Liebe, Deine Marta

Das Paket wurde am 06.09.1989 versendet. Poststempel Hamburg. Ich habe den Postboten gefragt, und er sagte, dass ein Paket von Hamburg bis Köln zwei bis vier Tage benötige. Dieses hat ĂŒber eine Woche gebraucht.
Er sollte nichts von Mutters Reue erfahren. Das war sein Schicksal.
__________________
"Chancen gehen nie verloren. Die man selbst versÀumt, nutzen andere"

unbekannt

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Paket ohne Absender

Hm!

Hallo Danny,

wie ich gelesen habe, schreibst du Kurzgeschichten aus dem Bauch. Das ist in dieser Geschichte unverkennbar. Viel BauchgefĂŒhl, aber auch Liebe zum Detail, wo sie angebracht ist.

Die Aussage der Geschichte hat mir gut gefallen.

Schön!

Nun das unweigerliche 'aber': ;-))

Vielleicht gehst du sie noch einmal durch. Mir sind noch einige Fehlerchen aufgefallen. Meist Tipp- oder Kommafehler.
Aber auch Stellen wie :

'Er könne Bettler nicht leiden und dachte, ich scheiße doch auf den Job und das mikrige Lehrgeld'

Dieses kleine vergessene Wörtchen 'ich' fĂŒhrt dazu, dass man ins Stocken gerĂ€t und damit (leider) aus der AtmosphĂ€re gerissen wird.

Aber noch einmal: Eine gute Geschichte!

Gruß

Arno

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Danny
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2002

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Hallo!

Vielen Dank fĂŒr Dein Interesse an der Geschichte! Werde sie nochmal durchsehen.
Ich freue mich, dass sie dir gefallen hat.

Danny
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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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AtmosphÀrisch unglaublich gelungen, geradezu atemberaubend.
Besonders gut der Anfang: ein fesselndes Bild - er "leckt" ein Guckloch frei, das hĂŒpfende Kind, die Schnapsfahne des Vaters - und erst, wenn man mittendrin ist in der Geschichte, wird das "Hintergrundwissen" nachgeliefert.

Einen Einwand habe ich aber;
Mir gefĂ€llt der Schluß nicht so recht. Anfangs hatte ich den Eindruck, die Frau hat vermutlich gut daran getan davonzulaufen - er wird ja nicht nach ihrem Verschwinden von jetzt auf gleich zum SĂ€ufer geworden sein. Nun aber ihre "Reue", ein Wort, das fĂŒr mich ein bißchen mehr transportiert als bloßes Bedauern ĂŒber ihren Schritt; es hat den Anschein, als habe sie ein schlechtes Gewissen. Warum? Könnte es wirklich so sein, daß er vor der Trennung ein netter Familienvater war und danach völlig ins Gegenteil mutiert ist? Fragen ĂŒber Fragen.

Versteh' mich richtig, ich sehe da keinen Widerspruch im eigentlichen Sinn, jedenfalls keinen, den man nicht auflösen könnte. Nur, wenn Du an den Schluß eine so moralische Überlegung setzt, finde ich, Du solltest sie noch ein bißchen unterbauen.

Trotzdem großes Kompliment von mir; ich war selten bei einer Geschichte von Anfang an so ins Geschehen gezogen!

GrĂŒĂŸle von
Zefira


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Danny
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2002

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Hallo Zefira!

Ich freue mich, dass Dir die AtmosphĂ€re gefallen hat. Deine Tipps finde ich einleuchtend, und ich finde es toll, dass Du dich mit der Geschichte auseinander gesetzt hast. Vielleicht werde ich die geschriebenen Zeilen der Mutter noch mal ĂŒberarbeiten... Vielleicht hat sie was ganz anderes sagen wollen?

Viele GrĂŒĂŸe von

Danny
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unbekannt

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