Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92203
Momentan online:
265 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Palis Welt: Die Mitleidsschiene der Straßenrandterroristen.
Eingestellt am 31. 05. 2004 21:35


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Pali
Häufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 8
Kommentare: 29
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Pali eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

PALIS WELT: Die Mitleidsschiene der Straßenrandterroristen.

Einkaufen in der Innenstadt, das ist heutzutage eine verdammt anstrengende Sache, denn: abgesehen von dem Wahnsinn, der in den eigentlichen Kaufhäusern herrscht, lauern noch meistens andere Gefahren auf den ahnungslosen Konsumenten, und zwar vornehmlich draußen. Am Straßenrand. Oder gelegentlich auch mal mitten in der Straße, am liebsten dort, wie die Einkaufsmeile eh ziemlich eng wird, und das zur Rush Hour, wenn man mal hier ein wenig angelsächsisch werden darf. Nehmen wir mal eine x-beliebige Großstadt, der Einfachheit halber mal Stuttgart, denn da ist ja bekanntlich eh alles schlimm. Läuft man also in Stuttgart die Einkaufspassage - in diesem Fall: Königsstraße - hinab, ab Rotebühlplatz bis runter zum Hauptbahnhof, dann ist man, sobald die Bahn die Türen schließt, eigentlich schon qualifiziert für die SEALS. Denn wer diese Strecke schafft, ohne durchzudrehen, der befreit und demokratisiert am Wochenende gerne mal das eine oder andere unterdrückte Volk. Das nur nebenbei, ist so ein Einkauf die Königsstraße entlang eine Mischung aus den Olympischen Spielen und Indiana Jones. Notwendig dabei besonders: Der Pennerhürdenlauf.
- "Haste mal Geld?"
Hopp.
- "Ey, mal n Euro?"
Hopp.
- "Eine milde Gabe?"
Hoppla, den hab ich berührt. Aber nicht umgeschmissen. Die Hürde hier zählt!
Dann ist man am Schlossplatz, da ist Halbzeit, teilt ja auch die Strecke in zwei ungefähr gleich große Strecken. Aber aufgepasst, die Idylle trügt, denn hier wird's besonders gefährlich.

Denn lauert der eigentliche Horror, und man steht da und denkt sich: "Wo bin ich hier reingeraten?"
Der Schlossplatz zieht nämlich als Angel- und Drehpunkt nicht nur bauchfreie Damen an, sondern auch Leute, denen man als Kind zu wenig Beachtung geschenkt hat.
Das Sammelsurium ist bunt, wie damals der Kessel im DDR-Fernsehen, und der Peinlichkeitsfaktor liegt ungefähr in der gleichen Höhe.
AKTIVISTEN! Wohin das Auge schaut, wie ein Schwarm bazillenverseuchter Tauben in Venedig gurren sie rum. Und wie bei diesen Schwärmen bekommt man plötzlich den Drang, mitten rein zu treten. Aber das geht ja nicht, ist man ja zivilisiert, obwohl man - Achtung, Kollektivbeichte - seine gute Erziehung dann doch vergessen will.
Parteienstände, das ist noch die harmloseste Art der Gehirnerweichung, denn weisen die Kreaturen, die einen dort ansprechen, noch zumindest so viel Respekt und gesunden Menschenverstand auf, dass sie einem genügend Platz lassen, schreiend die Flucht zu ergreifen.
Potentiell gefährlicher sind da schon die Tierschutzverbände. Die bauen auch gerne mal eine kleine Bühne auf, und darauf steht dann eine Lisl mit Mega- oder Mikrophon, deren Wisperstimmchen aber selbst geballte Technik nicht kaschieren kann. Zum Glück kann man die Anhänger solcher Aktionen schon von weitem erkennen. Die Frauen tragen oft kreischend bunte Kartoffelsäcke oder aus Badezimmerteppichen geschneiderte Pullis, und über die Herren dort schweige ich mich jetzt mal lieber aus.
Und wenn man dann doch angelabert wird und die Unterschriftenliste samt Stift in die Nase geschoben kriegt, dann kann man einfach irgendwo hinzeigen, den Namen einer bedrohten Tierart - gerne auch schon ausgestorben, merkt ja eh keiner - schreien, und anschließend in der Menge untertauchen.
Doch der Terror schlechthin, und das ist jetzt mal ungelogen, ist immer noch ungeschlagen die GSG9 der Gutmenschengesellschaft: Die Abtreibungsgegner.

Abtreibungsgegner zeichnen sich durch vollkommene Abwesenheit von Vernunft, Menschenverstand, Logik oder durchgehender Argumentationspolitik, aber dafür durch fanatischen Arbeitseifer und Reißzähnen wie Säbelzahntiger aus. Das Fehlen eines roten Fadens in ihren Argumenten machen sie durch scheinbar unfehlbare Rhetorikhammer wett, die einen, auf einmal damit konfrontiert, einen Kloß im Hals bereiten. Unvorbereitet versucht man dann, die Situation zu entschärfen, aber das scheitert dann meistens durch die Uneinsichtigkeit oder das Reinreden des Gegenübers. Denn die Antiabtreibungssau, die dir das Gesicht vollstinkt, die lässt dich nicht ausreden. Nie!
Denn sobald man mal einen Satz reden kann, ohne von einem
"Ach was!", oder "Nix da!" unterbrochen zu werden, dann merkt man plötzlich, dass die Grundargumentation eigentlich ein völliger hirnverbrannter Schwachsinn ist.
Eigentlich will man sich ja nämlich nicht auf eine Diskussion mit so einem Blutegel einlassen, deswegen sagt man ja
- "Da bin ich dafür.", und will weitergehen.
Scientologen, die verstehen ja wenigstens den Wink mit dem Zaunpfahl, wenn man sagt, man sei Satanist. Aber Abtreibungsgegner, die setzen da erst an, und jetzt kommt's, hohoho, jetzt kommt der unfehlbare Rhetorikhammer:
- "Ach, du findest also, was der Hitler gemacht hat, gut?"
Wham. Und dann steht man da und weiß erst mal nicht, was man dazu sagen soll. Dann schaut man sich verlegen um und entdeckt den Plastikgrabstein, auf dem nur Vornamen stehen, daneben Kerzen, Bilder von Embryos und das Schild, auf dem steht: Der Holocaust ist noch nicht vorbei!, Ausrufungszeichenanzahl fakultativ.
Ist der wirklich so bescheuert?", denkt man sich, und weil man erzogen ist (seufz...) geht man eben drauf ein, versucht demjenigen klarzumachen, dass das, was er da gerade sagt, und die ganze Aktion überhaupt, sich nicht gehört, denn:
- üble Polemik
- Nazifizierung abtreibender Frauen
- Opfer der jüdischen Bevölkerung denunziert
- etc.
aber das interessiert ja eh niemanden, zumindest nicht in den Augen der Abtreibungsgegner. Denn lässt man sich mal auf ein Gespräch mit so jemandem ein, dann hat man schon verloren, dann folgen weitere Perlen der Konversationskunst, und am Ende steht man da mit einem ekelgelben Flyer in der Hand, in dem alle paar Zeilen das Wort GOTT steht, so wie hier, in Großbuchstaben und fettgedruckt.

Ich weiß, pro forma bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich jetzt hier gegen die Erhaltung von ungeborenen Kindern wettere, aber wie es der späte Bill Hicks mal ausgedrückt hat: "Du bist kein Mensch, bis du in meinem Telefonbuch stehst".
Denn: wenn ich bereits zwölf Euro an Straßenmusikanten gespendet, für die Erhaltung des Regenwaldes unterschrieben und einem Obdachlosen eine TROTTWAR abgekauft habe, dann kann ich beim besten Willen kein Mitleid für einen unförmigen Zellhaufen empfinden, der im Bauch eines verantwortungslosen Flittchens heranwächst, und sein Leben als ungewollt fristet, da kann von mir aus die Bevölkerungspyramide aussehen, wie sie will.
Deswegen schleife ich jetzt mal meine Konfrontationsbereitschaft, schärfe mein Rhetorikschwert, und verrate an dieser Stelle, wie man solche Straßenrandterroristen abwürgt, bevor sie einem schlechtes Gewissen einprügeln. Schließlich soll ja hier nicht nur unterhalten werden, sondern auch was für den Alltag lernen. Also, räusper, räusper.

Fangen wir mal von vorne an, und zwar mit dem Satz:
- "Ach, du findest also, was der Hitler gemacht hat, gut?"
In diesem Fall kann man nämlich den Diskussionsgegner ganz locker auf eine Grundregel der Gesprächspolitik hinweisen, die da lautet: Derjenige, welcher den ersten Nazivergleich bringt, hat die Diskussion verloren.
Zack, weg, Ende. Sieg für dich. Umdrehen und weggehen. Stehen lassen. Wer will, kann dem Abtreibungsgegner geschwind noch eine Kusshand zuwerfen, das stiftet Verwirrung und schafft Vorsprung. Aber besser nicht bei weiblichen Abtreibungsgegnern. Selbst wenn die so aussehen, als würde die eh keiner ficken, man hat hinterher trotzdem eine Klage wegen sexueller Belästigung am Hals.

Hat man sich aber dennoch auf eine Diskussion eingelassen, dann muss man auf der Hut sein, denn jetzt kommen die ein paar Absätze vorher angekündigten Perlen der Rhetorik.
Scheinbar einleuchtend und deshalb gerne genommen wird das Gedankenexperiment:
- "Stell dir mal vor, deine Mutter hätte dich abgetrieben."
- "Tja", kann man da nur sagen, "dass hätte auch seine guten Seiten."
- "Ach ja?"
- "Ja, dann müsste ich mir jetzt nicht die Ohren vollmüllen lassen."

Fies ist auch die emotionale Dünnsinnerei, wenn man anmerkt, dass es viele Kinder gibt, für die nicht gesorgt werden kann, die dann in Mülltonnen enden oder gleich verhungern. Die lautet dann so:
- "Und wenn du deine Eltern nicht versorgen kannst, was ist dann? Bringst du die dann auch um?"
Volltreffer, hier bieten sich dann zwei Optionen an. Entweder das schlechte Gewissen squashmäßig zurückschmettern mit der Waisennummer:
"Meine Eltern sind tot, du unsensibles Arschloch!" (optional: ein paar Tränen rausdrücken), oder die Hommage an Basic Instinct:
"Kommt drauf an, wie hoch die Lebensversicherung ist."

Und als letzte Lektion lernen wir jetzt die universell einsetzbare Witzschiene. Mach's wie die; nicht antworten, sondern einfach fragen:
- "Was ist rot und krabbelt einem am Bein hoch? Ne Abtreibung mit Heimweh."
Beim Flüchten aber auf nachgeworfene Bibeln achten.

Merkt man sich diese nützlichen Regeln, ist der Rest der Einkaufsmeile eigentlich nur noch Kindergeburtstag; alles, was danach kommt, ist nicht mehr der Rede wert.
An der Haltestelle vielleicht doch noch die Petition der Naturschützer unterschreiben?
Obwohl, das Karma ist für heute ja eh ruiniert.

Aus, Ende.




__________________
Ich lebe über meinen Verhältnissen, aber unter meinem Niveau.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Kann ich nachvollziehen und ist in weiten Teilen auch ganz witzig.

Beim näheren Hinsehen finde ich aber dann doch zwei grundsätzliche Mängel:
Zu viel (entweder zu viel Vorrede zur Abtreibungsgegnerattacke oder – wenn es ums "Belästigwerden" geht – zu viel von letzterer)
und zu gereizt (, zu viel "Genörgel" darübe, wie belästigt man sich fühlt, statt Überlegungen zu Sinn und/oder Unsinn sowie Abwehrmöglichkeit solcher Attacken).

Tipp: Tiiiief durchatmnen und noch mal drübergehen…
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


katia
???
Registriert: Jan 2004

Werke: 4
Kommentare: 184
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um katia eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
klasse!

hallo pali,

dass ich auf das thema nicht gekommen bin, um darüber zu schreiben, ärgert mich - was ein kompliment an dich ist.
mir gefällt es sehr, wie du deinen frust beschreibst,dabei jedoch nicht deinen humor verlierst. schön auch die beschreibungen der äußerlichkeiten von den bettlern, die sich in diesem falle ja wohl eher als marketingfachleute sehen und nicht ahnen, wie sehr sie den menschen schaden, die WIRKLICH gezwungen sind, bettelnd an der straße zu stehen, um zu überleben.
ich weiß nicht, ob es als plauderei gilt, aber hier mal noch etwas, das durchaus meine persönliche begeisterung über deinen text begründet: natürlich wurde auch ich schon von alkoholfahnen wegen ner mark/nem euro angesprochen - wenn die dann die von mir angebotene alternative (ein belegtes brötchen beim bäcker, das ja viel teurer ist als ne mark/euro)nicht haben wollten, hab ich jahrelang geantwortet: "nee, aber nach ner mark wollte ich dich gerade fragen - ich arbeite fulltime und bin alleinerziehend und meine kohle reicht trotzdem nicht" und habe dann immer von denen begründungen gefordert, warum die mir ihrerseits keine mark/euro geben.. kommt auch immer gut, ganz besonders, wenn man die richtig zutextet mit seinem eigenen elend!
und natürlich ist das auch super geeignet für abtreibungsgegner - die hab ich auch immer direkt gefragt, ob ich denen für überweisungen meine bankverbindung geben darf, wo doch kinder so was schönes sind ;o)

also dein text könnte unendlich sein, glaube ich, weil jeder etwas damit verbinden kann. und die mischung zwischen humor und ernsthaftigkeit ist dir gelungen, finde ich.

mir gefällt es auch gut, dass du diese belästigungen in den vordergrund gestellt hast, würde aber dennoch jons rat umsetzen...denn es ist nun mal unsinnig, sich zum beispiel in der halle von hauptbahnhöfen zum zwecke der marktetingaktionen hinzustellen, weil es da die zwar vielen menschen dennoch meist super eilig haben, genau wie in der fußgängerzone...

das mal meine ausführliche meinung nebst beispiel.

lg
kati




__________________
(kas)

Bearbeiten/Löschen    


Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mumpf Lunse eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo pali
was mir nicht ganz klar geworden ist bei deinem text:

1.) ist es eine satire auf den hart arbeitenden leistungsbewussten Bürger, der sich - wenn er, um sich z.b. zu erholen oder sich gute gefühle zu machen ein wenig einkaufen geht - in der stadt belästigt fühlt durch penner und spinner welche sich für irgendwas engagieren? (und ihm dadurch die wohlverdiente entspannung und das vergnügen des konsumierens vermiesen)

oder

2.) ist es eine satire auf leute die sich für irgendwas engagieren (unabhängig davon ob man dieses für berechtigt hält) sowie penner/sozialschmarotzer die anständige bürger mit einem anliegen oder ihrer situation belästigen?

gruß
mumpf

__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas überraschendes

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Obwohl man sich – theoretisch – immer 1 Ziel für eine Satire suchen sollte, finde ich den Anklang in beide Richtungen sehr angenehm (und fair!). Es IST nämlich kein 1-seitiges Problem – erst im Zusammenspiel beider "Fehler" wird es so nervig.

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!