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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paradies
Eingestellt am 24. 10. 2012 12:59


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Chrischbus
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2009

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Paradies

Im Bus sitzt jeden Morgen dasselbe MĂ€dchen neben mir. Einmal spreche ich mit ihr und da sagt sie, dass sie ihre Muttermale zĂ€hlt. Denn mit jedem Jahr, das vergeht, entstehen neue Muttermale auf der Haut und aus den Schrammen, die der Sommer auf unseren Beinen hinterlĂ€sst, werden kleine helle Narben, die manchmal fĂŒr immer bleiben.
Am nĂ€chsten Tag erzĂ€hlt sie mir, dass sie in ihrem Haar StrĂ€hnen bemerkt hat, die so hell sind, dass sie sich nicht mehr sicher ist, ob es nur von der Sonne gebleichte, oder ob es schon graue Haare sind. Deswegen reißt sie diese hellen Haare aus, um sie dann draußen auf der Wiese in das Gras unter ihren Beinen und Armen zu mischen. Bis das Gras im Sommer so ausgedörrt ist, dass die Haare aussehen wie das Gras und das Gras wie die Haare.
Das MĂ€dchen wird meine Freundin, aber sie ist morgens nur noch selten in dem gleichen Bus wie ich. Sie schreibt mir eine e-mail, in der steht, dass sie an manchen Tagen frĂŒh nicht aufsteht, weil sie Angst davor bekommt, dass der Tag zu schnell vergehen wird. Dass sie stattdessen im Bett liegen bleibt und auf das Ticken der Sekunden, die verstreichen, hört. Und dass sie dann versucht nach jedem Moment der Stille, der zwischen dem Vergehen der einzelnen Sekunden liegt, zu greifen und ihn fest zu halten. Doch jeder dieser Momente entwindet sich ihr und seine Stille wird von dem nĂ€chsten lauten VorwĂ€rtsticken der Uhr zerrissen.
Dann schickt sie mir eine Sms. Ich erhalte sie am Abend eines heißen Sommertages, als ich auf der ausgedörrten Wiese in der Sonne liege, die Muttermale auf meiner Haut und die fast weiß gebleichten HĂ€rchen auf meinen Armen betrachte. Sie schreibt, dass sie von einer BrĂŒcke springe, um nach der Stille zwischen dem Ticken der Sekunden zu greifen und sie festzuhalten. Denn in dem Moment, in dem sie landete, wĂŒrde ein Moment der Stille erklingen, der endlich ewig bliebe.
Meine Freundin ist tot und an meinen HĂ€nden sind zehn Finger. Jeden Tag zĂ€hle ich einen Finger ab. Nach zehn Tagen sind alle Finger abgezĂ€hlt, und ich gehe zu der BrĂŒcke und springe meiner Freundin hinterher. Als ich aufkomme, umfĂ€ngt mich die Stille, von der sie erzĂ€hlt hat, und ich bin im Paradies.
Ich sehe vom Paradies auf die Menschen hinunter, die lesen, was ich schreibe. Die mit suchenden Blicken zu mir nach oben gucken, um zu sehen, wo ich sitze und weine. Denn ich weine jeden Tag im Paradies und wĂŒnschte mir, ich wĂ€re meiner Freundin nie gefolgt. Hier erfasst jeden eine unendliche Traurigkeit, weil jeder Tag so unglaublich schön ist und wir Angst haben, dass diese schönen Tage vergehen, obwohl wir alle wissen, dass das Paradies unendlich ist. Aber die Sekunden ticken und die Engel stehen zwischen uns und halten in ihren HĂ€nden riesige Uhren, deren Zeiger um die Mitte schnellen. Und meine Freundin zĂ€hlt immer weiter ihre Muttermale, die sich vermehren und ihre Haare, die grau werden.


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Grauschimmel
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Registriert: Sep 2012

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Guten Abend Chrischbus, einen herzlichen Gruß aus L. in die ewige Stadt. Oder schreitest Du nicht mehr ĂŒber die Spanische Treppe?
Ja meine Vergleiche sind manchmal

Die Kommentare der lieben Kollegen sind mal sĂŒĂŸ, so richtig endorphinrauschig oder bitter aufstoßend. Sie sollten aber in jedem Fall nicht nur WorthĂŒllen sein, die mehr den Glanz der Juroren spiegeln, als konkrete Hilfestellung fĂŒr den Beurteilten. Dann, am Ohr geschĂŒttelt klappert es innen. Hell, so wie „1 Teil“ 
 oder ganz dumpf „mehrbumsig“.
Ping-Pong-Pumpumherum!
Das endlich vom „Ei“ abgefetzte Papier und der erste Genuss der geknackten HĂŒlle hĂ€lt aber nach dem Auspacken nicht nur fĂŒr den Überraschten, sondern auch fĂŒr den Überraschenden noch eine Überraschung bereit. Sowas Vielspaßiges gibt es nicht in der Kaufhalle, aber in der LL. Wundersame FĂŒgung machte aus meiner erteilten „8“ fĂŒr Deine Geschichte eine „6.5“!
Ich hoffe, ich habe all Deine Klarheiten beseitigt! Lieber Gruß Grauschimmel!

__________________
Ich will dem Namenlosen in mir Worte schenken, dass ich verstehe und zu hören bin.

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