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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paradies der Alten
Eingestellt am 06. 08. 2011 10:50


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Arno Abendsch├Ân
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Meine vorige Wohnung lag im Parterre eines gerade fertig gestellten Hauses. ├ťber mir zog eine Witwe aus Berlin ein, die Krause hie├č. Von sechs Wohnungen standen vier noch leer. Das Haus wollte sich lange nicht f├╝llen.

Eines Tages sagte Frau Krause: "H├Âren Sie nur, es gibt eine Interessentin f├╝r die Wohnung neben mir. Eine alte Dame, ich habe sie im Handarbeitsladen kennen gelernt. Morgen hat sie einen Termin beim Eigent├╝mer. Sie wohnt jetzt in einer Pension. Es wird hier nicht mehr so einsam sein ..."

Frau Steiner zog bald ein. Sie war f├╝nfundachtzig, klein, schlank, unscheinbar. Sie sagte: "In der Pension haben wir nicht genug zu essen bekommen. Ich bin so froh, jetzt hier zu sein." Dankbar nahm sie es an, dass ich ihr gelegentlich die Einkaufstaschen nach oben trug.

Nach einigen Wochen kamen erste Beschwerden: Die Treppe war ihr zu steil. Und links fehlte ein Handlauf. Sie beklagte sich auch ├╝ber die Nachbarin: "Diese Frau hat mich hierher gelockt. Ach, das ist eine ..." Ich selbst stand mich gut mit Frau Krause.

Es wurde Winter. Frau Krause flog f├╝r zwei Wochen auf die Kanaren. Frau Steiner nahm mich im Treppenhaus beiseite und vertraute mir Folgendes an: "Sie hat einen Zweitschl├╝ssel f├╝r meine Wohnung. Wenn ich weg bin, bestiehlt sie mich. Mein Schmuck ist nicht mehr da." Ich wollte es nicht glauben. In den folgenden N├Ąchten wurde es laut in unserem sonst so stillen Haus. Frau Steiner lie├č ihrem Zorn freien Lauf, sie randalierte. Es h├Ârte sich an, als n├Ąhme sie die Einbauk├╝che auseinander. Wie, wenn sie tobs├╝chtig alles unter Wasser setzte oder Feuer legte? Ich schlief unruhig.

Frau Krause kam gut erholt zur├╝ck. Nun gab es mitten in der Nacht Tumult im Treppenhaus. Frau Steiner heulte und br├╝llte dort abwechselnd, nicht wie ein Mensch - wie ein waidwundes Tier. Ich trat in den Hausflur, um nachsehen. Auf Zurufe von mir reagierte sie nicht. Frau Krause rief den Hausarzt der alten Dame an. Frau Steiner hatte sich inzwischen in ihre Wohnung zur├╝ckgezogen und verhielt sich jetzt ruhig. Nach wiederholtem L├Ąuten lie├č sie Doktor Schumann ein. Der Arzt sagte uns, sie wirke kaum anders als sonst. Gegen ihren Willen k├Ânne er ihr keine Spritze geben.

Er war kaum fort, als das Toben im oberen Hausflur erneut begann. Wir riefen die Polizei. Frau Steiner fl├╝chtete vor den Beamten in ihre Wohnung und lie├č sie nicht zu sich. Die H├╝ter der Ordnung, machtlos, ratlos, zogen bald ab.

Beim dritten Tobsuchtsanfall ging ich selbst hinauf. Ich packte Frau Steiner an den Schultern und schob sie unter Ermahnungen in ihren Wohnungsflur hinein. Ich wei├č, ich hatte kein Recht dazu - und sie wusste es auch: "Sie d├╝rfen mich nicht anfassen!" Ich zog die T├╝r vor ihr zu. Dann war es still f├╝r den Rest der Nacht.

Wir meldeten es den Beh├Ârden. Das Kreisgesundheitsamt schickte einen Arzt. Er rief mich nach der Untersuchung an: "Sie ist ein Grenzfall. Sie war schon mal untergebracht. Sie haben sie wieder entlassen ... Es ist noch zu fr├╝h f├╝r eine Entm├╝ndigung. Sie bekommt einen Betreuer, der regelm├Ą├čig nach ihr sieht."

Frau Krause sagte mir bald darauf: "Jetzt geht sie jeden Nachmittag in die Gesch├Ąfte und verleumdet mich. Das macht sie auch im Handarbeitsladen so. Ihre Kleider, ihren Schmuck, sogar ihr Geld, alles rei├če ich mir unter den Nagel ... Sie soll dabei ganz normal wirken ... Ich halte das nicht mehr aus. Damit Sie es wissen: Ich habe gek├╝ndigt, ich gehe zur├╝ck nach Berlin."

Auch Frau Steiner verlie├č unser Haus unerwartet rasch. Sie verschwand aus Stadt und Kreis und entzog sich damit f├╝rs Erste weiterer amtlicher Beobachtung. Ein Makler soll ihr eine Wohnung in Hamburg vermittelt haben. Ich erfuhr noch, sie sei die Witwe eines h├Âheren Beamten und gut situiert, dabei ganz auf sich allein gestellt.

Dann kamen neue Nachbarn, das Haus f├╝llte sich doch noch. Und auch ich zog bald wieder um.

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