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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Parallelwelten
Eingestellt am 28. 09. 2002 16:22


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knychen
Routinierter Autor
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Parallelwelten

Parallele-zwei gerade Linien oder Ebenen, die ĂŒberall den-
selben Abstand zueinander haben und sich erst im
Unendlichen berĂŒhren

Manchmal, wenn ich zwischen zwei Touren weniger als zwölf Stunden frei habe, lohnt es sich fĂŒr mich nicht nach hause zu fahren. Dann schlafe ich in unserer Firma.
Wir haben dort einen spartanisch eingerichteten Ruheraum. Zwei Feldbetten, zwei Hocker, ein kleiner Tisch, umgeben von weißen WĂ€nden, etwa fĂŒnf mal fĂŒnf Meter und neonbeleuchtet.
Da saß ich nun und wollte eine Geschichte ĂŒber Parallelwelten notieren. Nachts zuvor hatte ich so was auf irgendeinem Autobahn-Rastplatz getrĂ€umt, aber bis auf die Tatsache, dass ich darĂŒber trĂ€umte, war mir nichts mehr in Erinnerung. Ab und zu glitt ein kleiner Hauch des Traumes vorĂŒber, aber bevor ich ihn greifen konnte, verschwand er jedes Mal im Dickicht der vielen gespeicherten Bilder, die man unbewusst Tag fĂŒr Tag und Nacht fĂŒr Nacht zu welchen Zwecken auch immer in sich aufnimmt. Nie auf Kommando abrufbar und stets zu unmöglichsten Zeitpunkten erscheinend, wahrscheinlich auf Grund irgendwelcher Assoziationen abgerufen.
Ich ließ also „Parallelwelten“ auf Heavy-Rotation laufen, aber nichts.
Auf den Kugelschreiber mit der Aufschrift „microsoft“ starrend, als ob in jedem Moment die Musen aus den beiden „o’s“ krauchen und mich umarmen wĂŒrden, hatte ich völlig die Zeit vergessen und da war es passiert.
Ein mĂ€chtiger Nachtfalter umkreiste selbstverliebt die doppelte Leuchtstoffröhre und kĂŒsste sie in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden mit einem halb nach Glas und halb nach Plastik klingenden GerĂ€usch. An und fĂŒr sich hab ich nix gegen die Tierchen, aber allein mit diesem hektischen Flatterer, in einem Raum der jeden Ton schallen lĂ€sst, das musste ich mir nicht antun.
Ich rollte eine auf dem zweiten Bett liegende Bild-Zeitung zusammen, schloss das Fenster (keinen Augenblick zu spÀt, wie mir ein in seinem Anflug abrupt gestopptes und somit gegen die Scheibe schepperndes neuerliches Insekt zu verstehen gab) und begann zu jagen.
Der Falter erkannte meine Absicht und suchte Zuflucht in der am schlechtesten beleuchteten Ecke. Dort kroch er die Fugen ab, doch keine Ritze bot ihm genug Platz zum Verstecken. Mit der bloßen Hand fĂŒr mich unerreichbar, den dreibeinigen Hocker schloß ich aus SicherheitsgrĂŒnden aus, schlug ich mit der Zeitung zu. Beim zweiten Mal erwischte ich ihn.
Er war nicht gleich tot, aber ein aus dem Hinterleib heraushĂ€ngende grĂŒnliche Masse sagte mir: „Der wird nicht mehr, also machs kurz“.
Da lag er nun vor mir. Sein mit vielen braunen HĂ€rchen besetzter Leib vibrierte in einem unglaublichen Tempo, kollabierte sozusagen schon, seine großen braunschwarzen Knopfaugen schienen mich aber ganz ruhig zu mustern. Eigentlich war er wunderschön und er tat mir auch leid, aber irgendwas hatte nun mal die Oberhand in mir gewonnen. So wie man einem sterbenden Hund wie zum Trost ĂŒber den Kopf streicht, um ihn noch einmal die KörperwĂ€rme eines mitfĂŒhlenden Wesens spĂŒren zu lassen, nĂ€herte ich meinen leicht gekrĂŒmmten Zeigefinger dem Falter. Einem uralten Instinkt folgend strĂ€ubten sich seine HĂ€rchen vom Körper und auch die wunderbar geĂ€derten FlĂŒgel öffneten sich. Er wollte grĂ¶ĂŸer erscheinen, vielleicht ließ sich ja der Feind davon abschrecken. Auch wir kriegen in Angst- und Gefahrenmomenten noch eine GĂ€nsehaut.
Plötzlich platzte das Paket Schleim an seinem Ende und ein paar klitzekleine Spritzer berĂŒhrten meinen Unterarm, kaum zu sehen, aber ich hatte sie deutlich gespĂŒrt. Ich konnte ihn nicht zerquetschen, feige ging ich ins Erdgeschoß um mich zu waschen und rauchte dort in Ruhe eine Zigarette. Er sollte Zeit haben zu sterben.
Als ich zurĂŒckkehrte, war er offenbar tot und ich nahm ihn mit einem Taschentuch vom Boden auf und warf ihn in den MĂŒlleimer.
Mitten in der Nacht wachte ich auf, trank einen Schluck Cola, stellte mich ans Fenster und sah rĂŒber zur Autobahn. Ein gleichmĂ€ĂŸiges Rauschen klang herĂŒber, nur ab und an aus dem Rhythmus gebracht von Spinnern mit Sound-mĂ€ĂŸig hochgezĂŒchteten Auspuffanlagen. Jetzt, mit dem dunklen Zimmer hinter mir, hatte ich das Fenster wieder geöffnet. Um die Laterne an der Wendeschleife vor unserem Firmentor kreiste eine Unzahl wild gewordener Nacht-insekten .
Warm und weich fĂŒhlte sich die Nachtluft an, ich rauchte mit einer Hand und mit der Anderen versuchte ich mir die Siegfriedstelle auf dem RĂŒcken zu kratzen, obwohl ich wusste, dass ich ohne Hilfsmittel chancenlos bin.
Auf einmal sah ich die Laterne doppelt, dann vierfach, acht, 16
.., dann verlor ich den Überblick. Immer mehr wurden es, sie ordneten sich zu immer neuen wabenförmigen Muster, bis es schließlich so viele waren, dass sie zusammengenommen ein Bild der Laterne boten, fokussiert auf den Mittelpunkt meines Sichtkreises. Aber was war das?
Warum konnte ich plötzlich meine Schultern sehen, oder besser gesagt die Stelle, wo meine Schultern sein mĂŒssten? Wo waren meine Schultern hin? Was hatte ich da auf dem RĂŒcken?
Die WĂ€rme der Nacht spĂŒrte ich mit einem Mal an jedem dieser braunen HĂ€rchen, die meinen Körper bedeckten. Wo kamen die nun wieder her? Was sind eigentlich Schultern? Ich muß ins Licht. Licht?
Da vorn, die Laterne, Tanzen, Party, Flirten.
Brummend hob ich vom Fensterbrett ab und stĂŒrzte mich in die vielversprechende mĂ€rkische Sommernacht.
Die EnttĂ€uschung war groß. Um die Lampe tobte zwar das Leben, aber es war Plebs, der sich dort sein billiges VergnĂŒgen verschaffte, Kleinvieh, ein paar spĂ€te MĂŒcken, nichts in was es sich lohnte, Zeit zu investieren. Außerdem hatte ich das GefĂŒhl, die wollten unter sich sein. Dauernd flogen sie mir respektlos in die Quere. Ich flog also eine große Runde durchs GelĂ€nde, vorhin war mir so als hĂ€tte ich den Duft eines Weibchens gespĂŒrt, da sah ich es.
Ein riesiges helles Licht, keine kleinen StĂ€nkerer flatterten unruhig durchs Bild, magisch steuerte ich darauf zu. Ein ganz schwacher Luftstrom zeigte mir den Weg an dieser seltsamen fest gewordenen Durchsichtigkeit vorbei und schon konnte ich genießen, mich an den Lichtspielen auf den FlĂŒgeln ergötzen. Das BerĂŒhren des Lichtes erzeugte wohlige Schauer und durchwĂ€rmte mich völlig. Keine Energie war mehr nötig um die KörperwĂ€rme konstant zu halten und so konnte ich den Überschuss in komplizierteste Flugmanöver umwandeln.
„GEFAHR!!!“ signalisierten meine Sinne. Eines dieser seltsamen flugunfĂ€higen Wesen, die dazu noch nur auf zwei Beinen laufen können, schlug mit dem lĂ€ngeren seiner Vorderbeine nach mir. Auf die dunkelste Ecke zustĂŒrzen und dort ein Versteck suchen, war eins, nichts finden und auch noch merken, dass ich in die Enge getrieben bin, das Zweite.
Ein kurzer Schatten, ein Schlag, dann Schmerzen. Das Wesen hatte mich am Unterleib getroffen, mein GrĂŒn verließ mich. Die komplette Trimmung brach zusammen, ich wurde flugunfĂ€hig und torkelte zu Boden.
Dort besah ich mir den Schaden. „Das wird nichts mehr!“ schoss es mir durch den Kopf.
Gegen das stÀrker werdende Zittern konnte ich schon nichts mehr unternehmen.
,Schau dem Feind ins Auge, wenn du stirbst!’ lehrt uns unser kollektives GedĂ€chtnis.
,Konzentrier dich auf Feindes Antlitz und du wirst Rache haben!’ ist die folgende Regel.
Jetzt kommt das Wesen ganz nah, mustert mich.
„Ja, sieh dir an welches Wunderwerk der Schöpfung du zerstört hast, bewundere die Feinheit meines Pelzes, erschaudere angesichts der kunstvollen und gleichmĂ€ĂŸigen Maserung meiner perfekt geformten FlĂŒgel, werde dir bewusst deiner eigenen UnzulĂ€nglichkeit! Ich verachte dich, indem ich gegen dich nicht kĂ€mpfe!“
Sein kĂŒrzeres Vorderbein streckt sich zu mir, mich schaudert bei dem Gedanken an eine direkte BerĂŒhrung. Es soll mich sterben lassen, ohne mir auch noch das anzutun.
Ich nehme all meinen Hass zusammen.
„Das ist fĂŒr all die ungeborenen Nachkommen, du Bastard!“ ist mein letzter Gedanke, der in einem kugelförmig auseinanderperlenden Lichtblitz verklingt, genau in dem Moment, wo mein Hass so ĂŒbermĂ€chtig ist, dass er mir die Eingeweide zerreißt.

__________________
kny

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Zefira
???
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Hallo knychen,
das verdient eine Höchstnote - phantasievoll und originell, einfĂŒhlsam geschrieben, toll!

Ein paarmal baust Du zu lange und verwickelte SĂ€tze, z.B.
>...verschwand er jedes Mal im Dickicht der vielen gespeicherten Bilder, die man unbewusst Tag fĂŒr Tag und Nacht fĂŒr Nacht zu welchen Zwecken auch immer in sich aufnimmt...< Das "zu welchen Zwecken auch immer" wĂŒrde ich streichen oder wenigstens zwischen Kommas setzen. Ich weiß, nach der neuen RS ist das nicht mehr nötig, aber es ist hier einfach zu viel der aneinandergereihten EinschĂŒbe.

>..kĂŒsste sie in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden mit einem halb nach Glas und halb nach Plastik klingenden GerĂ€usch<
Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich kann mir das GerĂ€usch trotz dieser eingehenden Beschreibung nicht vorstellen...

>Ein riesiges helles Licht, keine kleinen StÀnkerer flatterten unruhig durchs Bild, magisch steuerte ich darauf zu< - da meinst Du doch wohl "magisch angezogen", Dein Draufzusteuern ist nicht magisch - oder?

Die Verwandlung und der Tod des Falters - sowohl in der Mitte als auch am Ende - sind großartig beschrieben, besonders die Falterperspektive. Tolle Geschichte! *applaudier*

GrĂŒĂŸe von
Zefira

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knychen
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SchachtelsÀtze

Liebe Zefira,
ich weiß sehr wohl um das Problem der endlosen WortbĂ€nder und ich versuche auch, das Ganze im Rahmen zu halten, aber irgendwo macht es auch Spaß, nach vielen Abschweifungen wieder sauber aufs Thema zu kommen.
Wenn du mit dem Fingernagel sachte gegen eine Leuchtstoffröhre tippst(gegen eine anne Leuchtstoffröhre selbstverstĂ€ndlich) und du schließt dabei die Augen und sollst das GerĂ€usch werkstoffmĂ€ĂŸig einordnen, nach was klingt es? Schade, ich hatte gehofft, der Vergleich sei treffend, so halb Plastik, halb Glas.
Heute, nach nochmaligem Durchlesen der Geschichte, bin ich schon selbst nicht mehr so richtig zufrieden. Irgendwo hakt es, fließt nicht.
Schönen Dank fĂŒr die Benotung, das baut auf.
gruß knychen
__________________
kny

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unbekannt2581
???
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mir hat halb Plastik, halb Glas gut gefallen, wie der Rest der Geschichte auch. wenn du das fleissende GerÀusch der Autobahn noch mehr einbaust, erreichst du auch einem besseren Fluss.
Ich hÀtte noch einen Vorschlag : warum lÀsst du den Protagonisten nicht losfahren und die Biester Attacken auf die Windschutzscheieb fliegen, nur eine kommt in das hastig geschlossene Fenster, halb tot und spricht dann ?

Nur so eine Idee.

ich mag Parallelwelten !

liebe GrĂŒsse

Mike

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knychen
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Alles fließt

hallo mikel,
du wirst vielleicht lachen, aber ich hatte auch schon darĂŒber nachgedacht, das GerĂ€usch der Autobahn als wiederkehrendes thema mit einzubauen. dann fiel mir jedoch ein, dass gerĂ€usche, zumindest in dieser form, wohl kaum eine rolle fĂŒr insekten spielen.
und der vorschlag mit windschutzscheibe und offenem fenster usw.
hm, wĂ€r ja prima, ich wĂ€r nicht mehr direkt schuld an der tödlichen verletzung. aber wo laß ich den lkw hinfahren, wenn ich mich nach erfolgter verwandlung flatternder weise durchs offene fenster in das nachtleben stĂŒrze.
kann mir die schlagzeile in der bild-zeitung schon gut vorstellen: fĂŒhrerloser brummi raste nachts ĂŒber die a9
wieviel rollende zeitbomben sind tÀglich
unterwegs? wo ist der fahrer?
neenee, ich hab mir die geschichte in langen nachtfahrten so zurechtgelegt, das ist mir viel zu stressig, da noch mal so tief drin zu wĂŒhlen, trotzdem danke fĂŒr den vorschlag. ist mir ĂŒbrigens schon in echt passiert. bin vor jahren in spanien mit dem lkw durch einen bienenschwarm gefahren. die ĂŒberlebenden kamen durch sĂ€mtliche lĂŒftungsschlitze gekrochen, war nicht lustig in dem augenblick.
gruß knychen
__________________
kny

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