Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95293
Momentan online:
570 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paris - are you fucking kidding me?
Eingestellt am 04. 01. 2013 13:41


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
dreihundertsechzig
Hobbydichter
Registriert: Jan 2013

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um dreihundertsechzig eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Tradition? Ist was fĂŒr Ewiggestrige. Werte? Brauchen wir nicht. Die gesamte IdentitĂ€t eines Vereins? Ab ins Archiv damit. Der Pariser Fußballklub möchte eine Sportmarke mit Weltruhm werden. DafĂŒr hĂ€lt Marketingdirektor Michael Mimran nichts weiter als die komplette Neusanierung aller existenziellen Symbole und Werte fĂŒr angemessen - ein Schlag ins Gesicht aller langjĂ€hrigen Begleiter und UnterstĂŒtzer.

GeprÀgt von völliger Ahnungslosigkeit und jeder Menge Geld versucht man, den Pariser Klub auf Teufel komm raus aufzupolieren und glattzuschleifen - und merkt dabei nicht, dass der Rost vergangener Tage das eigentlich Wertvolle ist.

Der Rost vergangener Tage

Jaque steigt ins Auto und macht sich auf den Weg. Das Spitzenspiel steht an. Paris St. Germain gegen Olympique Marseille. Die innere Uhr eines langjĂ€hrigen FußballanhĂ€ngers ist sehr feinfĂŒhlig. 1 Stunde noch bis zum Anpfiff. Normalerweise ist das der Zeitpunkt, an dem der Adrenalinspiegel ansteigen sollte. Wenigstens ein bisschen NervösitĂ€t, denkt sich Jaque, wĂ€hrend er den RĂŒckwĂ€rtsgang einlegt und seine Auffahrt verlĂ€sst. Aber da ist nichts.

Die 12 km bis zu seiner Stammkneipe könnte er auch mit verschlossenen Augen fahren, doch heute nimmt er einen anderen Weg. Vorbei an seinem Elternhaus, dass er vor zehn Jahren verkauft hat und in dem er seine gesamte Kindheit und Jugend verbracht hat.

Er drosselt das Tempo ein wenig. Seine Augen versuchen, jedes Detail zu erfassen. Jaque verliert sich in Gedanken. Da wo frĂŒher grĂŒner Rasen, eine Schaukel und ein kleines Fußballtor standen, ist heute nur noch Pflasterstein. Die Gedanken kreisen weiter. Ist es mit meinem PSG nicht genauso, versucht er einen Vergleich mit seinem Verein herzustellen. Die Millionen aus Katar haben viele Pflastersteine in die Stadt an der Seine gebracht. FĂŒr ideelle Werte ist kein Platz mehr. Schaukel, grĂŒner Rasen und das Fußballtor - stellvertretend fĂŒr alle Symbole und Werte des Vereins - sind eingestampft.

Jaque wirkt melancholisch. Er richtet den Blick wieder auf die Straße. Acht Kilometer noch bis zum Ziel.

FĂŒr immer Paris

„Sach‘ mal. Wenn du ganz ehrlich bist, was zieht dich hier her?“ raunzt Jaque seinem Bekannten Pierre zu. Pierre ist erst vor kurzem vom Fußball infiziert worden. Paris ist sein Verein geworden, seit die Kataris das Geld in Strömen fließen lassen. Ein Superstar nach dem anderen wechselt an die Seine. Das hat spektakulĂ€ren und erfolgreichen Fußball zur Folge. „Ich bin Fan von erfolgreichem Fußball. Guck dir den Zlatan an, wie er ein nach dem anderen aussteigen lĂ€sst - einfach traumhaft“ rechtfertigt er sich gegenĂŒber Jaque. „Und wenn Zlatan weg ist, lĂ€sst du unseren Verein wie eine heiße Kartoffel fallen, genauso wie die Scheichs es mit
“. Jaque’s frustriert klingende Zurechtweisung wird von einem Jubelschrei unterbrochen. Zlatan Ibrahimovic erzielt das 1:0 fĂŒr Paris St. Germain in der 31. Minute im Topspiel gegen Tabellennachbarn Olympique Marseille. „War ja klar“ flĂŒstert Jaque leise vor sich hin und nippt an seinem Bier. Sein Blick wandert aus dem Fenster und bleibt an dem leicht beschlagenen Fenster der Kneipe auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite hĂ€ngen. Er verliert sich in Gedanken:


Liebe zu seinem Verein vergeht nie. Tut sie das wirklich nicht? Ich bin mir nicht mehr sicher. Wir sind Tabellenerster, haben einen Weltstar in unseren Reihen, aber irgendwie ist es doch nicht mehr so wie frĂŒher. Wohl kein gutes Zeichen, wenn man sich nicht mehr fĂŒr Tore des eigenen Vereins freuen kann. Bin ich einfach nur Kind geblieben und möchte Schaukel und grĂŒnen Rasen zurĂŒck oder kann ich einfach nur nichts mit Pflastersteinen anfangen? Ich weiß es nicht. Das ist nicht mehr mein PSG. Das ist nicht mehr mein Verein, dem ich meine Liebe vermacht habe


Wenige Tage zuvor in der Marketingabteilung von Paris St. Germain

„Ihr habt doch gehört, was zu tun ist“ schallt es von Marketingchef Mimran in die Runde. „Die populĂ€rste Sportmarke der Welt zu werden ist das Ziel.“ Mimran erklĂ€rt ausschweifend, dass man mit der Stadt Paris als Weltmetropole zu höherem berufen ist. „Wir mĂŒssen weg von diesen ganzen Altlasten, die uns nur wie ein Klotz am Bein hĂ€ngen“. „Von welchen Klötzen sprechen sie, Monsieur?“ wirft ein etwas irritiert dreinblickender langjĂ€hriger Mitarbeiter in die Runde. „Saint-Germain. Wer braucht denn diesen Zusatz noch? Paris FC - klingt doch viel schlanker, graziler und moderner. So stellen wir die Stadt Paris in den Vordergrund und schaffen auch ĂŒber die Grenzen hinaus einen Wiedererkennungswert. Das alte Logo ist auch hinfĂ€llig. Diese Wiege und die Lilie im Wappen sind Relikte vergangener Tage. Das ist altmodisch. Das braucht kein Mensch. Monsieur, bitte setzen sie ein Briefing fĂŒr die Agentur auf - wir brauchen bis Ende nĂ€chster Woche 3-4 VorschlĂ€ge fĂŒr ein neues und modernes Logo, dass das neue Paris besser reprĂ€sentiert“.

ZurĂŒck in der Kneipe

Pierre freut sich immer noch ĂŒber das 1-0 von Zlatan Ibrahimovic, wĂ€hrend Jaques wieder aus seinem Tagtraum erwacht ist und erneut an seinem Bier nippt. „Was macht du da genau, Pierre?“. Pierre tippt mit einem sanften LĂ€cheln in die Tasten seines Smartphones. Schon bald ist auf seiner Facebook-Pinnwand in Großbuchstaben zu lesen: „WIR SIND DIE BESTEN - FÜR IMMER PARIS“. Sein freudiger GemĂŒtszustand wird unterbrochen von einem schallenden Raunen, das die ganze Kneipe durchdringt. Marseille hat wie aus dem nichts zum 1:1 getroffen. Jaque ist hin und hergerissen zwischen Genugtuung und EnttĂ€uschung. Hektisch fummelt Pierre erneut an seinem Smartphone herum. „Hattest du nicht grad etwas mit FĂŒr-immer-Paris gepostet, Pierre?“ Der Beitrag auf Pierre’s Pinnwand ist verschwunden. FĂŒr immer Paris - das war aber ganz schön kurz, denkt sich Jaque, der den Ausgleich beinah apathisch zur Kenntnis genommen hat. Schaukel oder Pflastersteine? Er nippt an seinem Bier und verschwindet erneut in seiner Gedankenwelt:

Was ist nur aus diesem Verein und den Menschen drum herum geworden? Irgendwelche Scheichs meinen die Patentlösung fĂŒr den großen Erfolg gefunden zu haben, dabei verstehen sie rein gar nichts davon, was eine Sportmarke - einen Fußballverein erfolgreich macht. Alles wird abgerissen und soll erneuert werden? Wenn ich mir Pierre angucke, sehe ich die Zukunft unseres Vereins leibhaftig vor meinen Augen stehen. Gewinnen wir, sind wir die tollsten. Verlieren wir, verliert das Spielzeug und Statussymbol an Anziehungskraft und wir liegen auf dem RĂŒcken. Wie eine Schildkröte, die sich nicht mehr wenden kann und dahinvegetiert. Ohne Seele. All das, was unsere Seele ausmacht, verscherbeln wir. Logo, Fans, den Namen - alle Symbole und Werte, fĂŒr die wir als PSG standen, werden ausradiert und gegen irgendwelchen austauschbaren und modernen Bullshit getauscht.

Jaque nippt an seinem Bier und schĂŒttelt den Kopf leicht vor sich hin, bis ihm ein passender Vergleich einfĂ€llt, der ihn gedanklich nicht mehr loslĂ€sst:

Die Eröffnungsfeiern der olympischen Spiele in London 2012, und die der olympischen Spiele in Peking 2008 auf der anderen Seite. Zwei Parallelwelten, die fĂŒr zwei verschiedene Denkweisen stehen. London, die Schaukel. Peking, die Pflastersteine. In Peking sah man hochperfektionierte, glattgeschliffene Choreografien, die keinen Hauch von Leidenschaft, Feuer oder Spirit hatten. Eine Show ohne Seele - genauso wie unser Pariser Fußballverein von morgen. London 2012 hatte Charme. Seele. Alte Werte, Traditionen - Ecken und Kanten wurden originell und einfallsreich inszeniert. Jeder, der die Show gesehen hat, erkennt den Spirit Großbritanniens - es ließ niemanden kalt. Die ganze IdentitĂ€t ist so viel wert. Ideelle Werte und Kommerzialisierung können vereint werden. Wenn es jemals ein Exempel dafĂŒr gab, dass das möglich ist, dann die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in London 2012. WĂŒrden die Kataris und unser Marketing-Manager nur so weit denken können


Unterdessen in der Marketing-Abteilung von Paris St. Germain

„Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, mĂŒssen wir andere Kundengruppen ansprechen. Neue Unterhaltungsinstrumente schaffen. Das wollen unsere Kunden. Das sportliche Ereignis reicht nicht mehr aus. Seien wir ehrlich. Wir sind auf die wahren Fans - wie sie so schön genannt werden - nicht mehr angewiesen“ fĂ€hrt Marketing-Manager Mimran fort. „Wie verkaufen wir das den Fans, Monsieur?“ fragt der langjĂ€hrige Mitarbeiter und unterbricht die ausschweifende Rede des Marketing-Manager Mimran. „Die ĂŒbliche Verfahrensweise. Wir loben die Fans fĂŒr ihre UnterstĂŒtzung, stellen sie als unverzichtbaren Teil unseres Vereins dar und beschwichtigen die ganze Sache etwas. Das kaufen die uns schon ab. Ich muss jetzt los. Telefonkonferenz mit Katar.“

In der Kneipe



ist mittlerweile die 69. Spielminute angebrochen. Ibrahimovic hat nicht seinen besten Tag erwischt - so wie die ganze Mannschaft auch. Pierre wird unruhig und verabschiedet sich schon bald vorzeitig. „Ich muss noch dringend ein Telefonat fĂŒhren und morgen auch frĂŒh raus“ fĂŒhrt er als GrĂŒnde fĂŒr den frĂŒhzeitigen Abscheid an. FĂŒr immer Paris, denkt sich Jaque, „aber nur wenns grad mal gut lĂ€uft“ flĂŒstert er seinen Gedanken leise vor sich weiter. „Was meinst du?“ entgegnet Pierre. „Nichts weiter, Pierre. Ich trinke noch mein Bier auf und bin dann auch gleich weg“ antwortet Jaque. Sein Bier ist lĂ€ngst leer, bevor das Spiel endet. Einem nach dem anderen sieht er die Kneipe verlassen:

Da gehen Sie. Die getreuen AnhĂ€nger des modernen Paris FC von morgen. Sehen so Fans einer der blĂŒhendsten Sportmarke von morgen aus? Gute Arbeit, Herr Mimran. Unser Verein hĂ€ngt am Tropf. Wie ein DrogenabhĂ€ngiger. AbhĂ€ngig vom Geld aus Katar und dem sportlichen Erfolg.

Jaque bleibt bis zum Schluss - auch wenn er nicht mehr benötigt wird. Warum er das tut? Bindung zu seinem Verein. Das, was eine erfolgreiche Sportmarke - ein Fußballverein - zu einem besonders erfolgreichen macht. Bis diese Erkenntnis bei Mimran, dem Marketingdirektor von Paris St. Germain angekommen ist, wird noch sehr viel fließen - also Wasser der Seine runter. Und Geld aus Katar sowieso.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung