Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92203
Momentan online:
388 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Pars pro toto
Eingestellt am 03. 07. 2011 22:04


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Owly
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2011

Werke: 9
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Owly eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein and├Ąchtiger Grauschleier wog den jungen Morgen schwer. Nebelschwaden zogen vorbei, w├Ąhrend wir eine Landstra├če entlangfuhren. Sie waren langsam, wie man es von Nebelschwaden erwartet, doch wir schienen noch langsamer zu sein. ├ťberhaupt schien alles andere einer unnat├╝rlichen Langsamkeit unterworfen und totenstill war es, wie auf dem Weg zu einer Beerdigung.

Es lag kein Salz auf der Stra├če.
Warum lag kein Salz auf der Stra├če? Richtig, es war Herbst...


Drei unbekannte M├Ąnner, Jelena und ich, wir schwiegen w├Ąhrend der Fahrt, allerdings unterschied sich unser Schweigen stark voneinander. Die Unbekannten schwiegen, weil sie keine Rolle spielten, meine ehemalige Freundin schwieg, um die Zukunft vorherzusagen und ich tat es, weil ich es nicht besser wusste, weil alles um mich herum wider besseren Wissens existierte.

Alte Brunnen kann man nicht mehr trocken legen.

Ich besah die Umgebung. Frostbedeckte Wiesen, die sich wie r├Âmische Schutzw├Ąlle neben uns auft├╝rmten, wurden gelegentlich von den knorrigen ├ťberresten eines Laubwaldes durchbrochen. Kein Ast, kein Grashalm bewegte sich unter der Schwere dieser geisterhaften Atmosph├Ąre. Ich konzentrierte mich auf die Ger├Ąusche des Autos, um festzustellen, ob wir tats├Ąchlich fuhren, doch da war nichts. Der Motor war ebenso wenig zu h├Âren, wie die Reifen auf dem rissigen Asphalt. Wenn, dann glitten wir dahin.

Von Leitplanken gesch├╝tzte Abgr├╝nde sind ein Symbol f├╝r Superheldentum. So die verformte(?) Erinnerung.

Eine riesige Weidefl├Ąche, ├╝ber und ├╝ber bedeckt mit verdorrten Trauerkr├Ąnzen, starrte wie ein untotes Regiment ausgeh├Âhlt in die sinnverwandte Leere des Horizonts, den ich zu meiner Linken vermutete, ohne ihn indes wirklich dort zu wissen.
"Was sollen die Kr├Ąnze da?" Meine Frage konnte den Bann des allgemeinen Schweigens nicht l├Âsen.

Der Schnitt ist tiefer als die vorigen. Er tut nicht weh. Noch nicht.

Wir waren ausgestiegen, die zwei unbekannten M├Ąnner, Jelena und ich, und standen auf einer der Wiesen, die ich eben noch fern, wie aus einer anderen Welt, glaubte. Jelena trug ein langes, wei├čes Seidenkleid und war dazu barfu├č. In ihren Armen hielt sie, eingewickelt in wei├čem Stoff, der dem ihres Kleids ├Ąhnelte, jedoch ungleich plumper wirkte, ein Neugeborenes, dessen Geschlecht ich nicht ausmachen konnte. Wir gingen ein paar Schritte, bis Jelena mit einer Frage an mich die Gesetze der allumfassenden Stille umschrieb:
"Wei├čt du, was ein Baby in Gefahr tut?"
"Es schreit." Entgegnete ich wie selbstverst├Ąndlich.
"Falsch!" Schrie sie mich an, zeigte sich aber umgehend wieder beruhigt.
Wir kletterten, Jelena voraus, den zarten Anstieg der Wiese hoch und machten in einer Ecke Halt, die von verwitterten B├╝schen ges├Ąumt war. Vor uns lag ein kleiner T├╝mpel mit dreckig gr├╝nem Wasser und tief wie die Erde selbst. Jelena kniete vor ihm nieder, packte das erbarmungsw├╝rdige B├╝ndel Mensch aus und legte es auf den kalten Boden, so dass sein Kopf ├╝ber die Kante des Wasserlochs ragte und bereits bis zum vorderen Haaransatz eintauchte, als wollte man es taufen. Mit ihrer linken Hand fixierte sie den Bauch des S├Ąuglings, damit er sich nicht rauswinden konnte, und mit der rechten ├╝berstreckte sie seinen Nacken, bis ein dumpfes Knacken zu h├Âren war, wie wenn man mit geschlossenem Mund eine Erdnuss zerkaut. Sein Gesicht war jetzt nur noch als schemenhafte Fratze durch das faulige Wasser zu erkennen und weckte Erinnerungen an Inklusen urt├╝mlicher Insekten. Unter kr├Ąnklichem Gurgeln f├╝llten sich Lunge und Magen des Kindes mit der Br├╝he, der es selbst Nahrung sein w├╝rde. Es dauerte nicht lange, da zeigte sich die Oberfl├Ąche des nassen Grabs wieder beruhigt.
Das Baby schrie nicht.

Version vom 03. 07. 2011 22:04
Version vom 07. 07. 2011 16:52

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Owly,

herzlich willkommen im "gr├╝nen" Forum!

Dein Text ist mir sehr "an die Nieren" gegangen. Brutal und intensiv - viel gibt es da wohl nicht hinein zu interpretieren.
Oder?

Gru├č, kageb

Bearbeiten/Löschen    


Owly
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2011

Werke: 9
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Owly eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo und vielen Dank f├╝r den Empfang!

Der Text ist mehr Traumdichtung, denn bewusste Erarbeitung und legt wenige (wenn ├╝berhaupt) F├Ąhrten f├╝r Interpretationsans├Ątze.

Der Inhalt spiegelt meine zwiesp├Ąltigen Gef├╝hle gegen├╝ber Elternschaft wider. Ich bin ein eher untypisches Exemplar der Generation junger Leute, die "auf gar keinen Fall" Kinder haben wollen. Nicht der Karriere wegen, sondern, ganz Schopenhauerianer, um einsam strebsam zu sein. Ich kann mir gut vorstellen sp├Ąter einmal als netter Alm├Âhi auf einer Biofarm zu leben.
Nichtsdestotrotz, seit vor vier Jahren meine Nichte zur Welt gekommen ist, finde ich es ungemein befriedigend mit ihr rumzubl├Âdeln und aufw├╝hlend, an die schlimmen Dinge zu denken, die ihr zusto├čen k├Ânnen. Kurz: Ich f├╝hle mich ihr gegen├╝ber so verpflichtet, wie ich mich wohl auch als Vater verpflichtet f├╝hlen w├╝rde. Das irritiert mich zuweilen.

Gru├č,
die Eule

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!