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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Parsa
Eingestellt am 03. 09. 2008 14:16


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Daphne Elfenbein
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2008

Werke: 13
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Man konnte es hören durch den infernalischen LĂ€rm „Ich werde wieder kommen! Und ich werde es wieder tun! Ihr könnt Scheiterhaufen anzĂŒnden so viel ihr wollt, ich werde wieder kommen! Ich werde es wieder tun!" Ihre Stimme ĂŒberschlug sich hinter dem Prasseln trockener Hölzer. Sie fĂŒhlte die vernichtende Hitze um sich lodern. Der Schweiß rann in raschen BĂ€chen von ihrer Haut. Ihr Haar, fĂŒr Sekunden eine Flammenaura um ihren Kopf, zerstob nach oben. Sie hörte ihren eigenen lang gezogenen Schrei, fĂŒhlte die animalische Kraft, mit der sie sich dem Pfahl zu entwinden suchte. Als die Fesseln verbrannt waren, war es zu spĂ€t. Und eine kleine Stimme flĂŒsterte, ĂŒbertönt vom Gejohle der geifernden Menge, eine geheime Botschaft im Rauch, von stiebenden Aschefetzen umwirbelt: Ihr könnt meinen Körper töten, aber meinen Geist tötet ihr nicht. Ich werde wieder kommen 


Parsa ging durchs Lager. BedĂ€chtig, im wiegenden Gang, HĂŒften, Schultern, Arme, HĂ€nde, eine Symphonie der Bewegung, in der sich jedes Glied seiner selbst im höchsten Maße bewusst war. Jedes Haar auf ihrer Haut, jedes kleinste Fingerglied stimmte beseelt in den Kanon der Bewegung mit ein, der den ganzen Körper in einem schwingenden, tönenden Akkord agieren ließ. Ein grauer Fetzen, der einmal ein Kleid gewesen war, umspielte ihre Knöchel. Auf dem Pfad lagen Scherben, die sich weich in ihre nackten Sohlen drĂŒckten, indem sie einen Fuß vor den anderen setzte. Vom verdorrten Gras zu beiden Seiten des Pfades sah man nicht viel. Der Boden war voll von Menschen. MĂ€nnern. Die hockten am Boden so weit das Auge reichte, bis an den Horizont, der am Meer endete, welches als schmale leicht glitzernde Linie im Dunst verschwamm.
Zerrissene bĂ€rtige Gestalten verbreiteten einen unsauberen Geruch, der wie eine bleierne Wolke ĂŒber dem Lager hing. Hier hielt sich einer sein durchschossenes Knie, dort presste sich einer ein Tuch auf das auslaufende Auge. Dort wand sich einer und rief vergeblich um Hilfe. Die Gesunden standen in Gruppen zusammen und rauchten. Der wolkenschwere Himmel sank tiefer. Es begann zu nieseln.
Im Gehen fuhr sich Parsa mit der Hand an den Kopf. Wie zufĂ€llig glitt ihre Hand ĂŒber die verformte nach hinten ausladende Ausbuchtung ihres SchĂ€dels, der runzlig aus einem Kranz fahlgrauer Locken wucherte, fuhr zurĂŒck, gleichsam erschreckend ĂŒber die glatte Haarlosigkeit, erfasste die aschgraue runzlige Haut, die sich ĂŒber einem SchĂ€delgebilde spannte, der groß und schwer auf der zierlichen Gestalt ruhte wie ein Stein auf einer Blume. Die Hand glitt ab, der Arm sank hinab in einer achtsamen Kurve, pendelte wieder rhythmisch und im Wechselspiel mit dem Anderen an ihrer Seite. Ihr spinnendĂŒnner nackter Arm, der im VorĂŒbergehen das Haar eines Mannes streifte, der, auf verbrannter Erde hockend, sich einen Splitter aus einer Fleischwunde zog. Schwarzes lockiges Haar. Er sah kurz auf und wandte sich rasch wieder seinem zerfleischten Bein zu, das er mit einem schmutzigen Fetzen zu umwickeln begann.
Es war verboten. Doch der Mann erhob erneut den Kopf und sah ihr nach aus tief in den Höhlen liegenden Augen, sein Gesicht war von Bartwuchs kaum zu erkennen. Er sah der Frau nach, die hier unter Todesgefahr durchs Lager ging, und in seinen leeren Augen schwamm unsĂ€glich Erlebtes. Dieses Gesicht hatte jeglichen Ausdruck verloren. Dann hielt er mechanisch die blutige Scherbe gegen das trĂŒbe Licht. Es war verboten. Überall waren Augen, die beobachteten, was er tat, Menschen in grau-weißen Uniformen mit Kapuzen, die zwischen den Sitzenden umher gingen wie Aufseher.
In den Baracken beim Bootssteg prĂ€parierten sie das Kind. Sie wickelten den Körper aus mehreren Stoffschichten und warfen die Fetzen auf einen Haufen. Von der Decke herab baumelten zahlreiche gleich große BĂŒndel mit kleinen Kadavern. Der SĂ€ugling hatte denselben verformten SchĂ€del wie Parsa. Die Ärmchen zappelten insektenhaft, als sie es auf den Holzblock legten und auf den Bauch drehten. Es gab keinen Laut von sich. Eine klobige Hand griff die DrahtbĂŒrste aus einem WasserkĂŒbel und begann, den dreckverkrusteten kleinen Kadaver zu bĂŒrsten, die BĂŒrste ins Wasser zu tauchen, weiter zu bĂŒrsten. Das Wasser fĂ€rbte sich dunkel. Zwei Pranken packten es wie ein StĂŒck Schlachtfleisch, wendeten es prĂŒfend hin und her. Das Fleisch begann zu schreien. Einer stopfte ihm ein StĂŒck Stoff ins Maul. Das verkniffene Gesichtchen wurde krebsrot, spĂ€ter blau. MĂ€nner und Frauen in hellgrauen SchutzanzĂŒgen bewegten sich abgezirkelt und schweigsam in der halbdunklen Baracke zwischen KĂŒbeln mit schmutziger Waschlauge und Bergen von Kleidung, die man den Toten abgenommen hatte.
Draußen legten noch immer Boote an. Die Bucht war voll mit Booten, die auf einen Anlegeplatz warteten. In jedem Boot kauerten Leute in Lumpen, die Wochen kaum gegessen oder getrunken hatten. Manche trugen SchlafanzĂŒge. Frauen stiegen aus den schwankenden Booten, ihre nackten FĂŒĂŸe berĂŒhrten seit Langem wieder festen Boden, der glitschig wurde vom Regen. Leute in SchutzanzĂŒgen schoben sie in Richtung der Baracken. Sie trugen alle dieselben verformten SchĂ€del wie Parsa, kahl, nach hinten schwer ausladend und von einem schmalen Haarkranz gesĂ€umt; bei Manchen waren die Gesichter vernarbt und entstellt. Einige sanken in die Knie, einige wurden gestĂŒtzt, bis sie wieder gehen konnten.
Nackte FĂŒĂŸe schlingerten ĂŒber glitschige Pfade. Der Regen nahm zu, bildete das einzige GerĂ€usch, denn weit und breit war keine menschliche Stimme zu hören. Es erklang das mĂŒde Klatschen des Wassers an den schlingernden Booten, ersterbende Motoren, das Rascheln von Kleidung, das Aneinander Reiben menschlicher Körper, die WĂ€rme suchten, das leis’ knisternde Einsinken von FĂŒĂŸen im gelben Gras, selten, dass eine Stimme einen Befehl ausstieß oder eine andere zu einem unartikulierten Schrei sich erhob unter SchlĂ€gen. Am Ufer sah man Ă€ltere Kinder sitzen, die einander LĂ€use aus dem Haar pulten.

„Wo hast du dein Kind, Parsa?“ rief der Mann hinter ihr her. Sie blieb stehen, presste die Sohlen an den Boden. Wer kannte ihren Namen? Wer sah sie? Sie sah sich um nach dem Rufer, der sie anstierte aus aufgerissenen Augen. Oh nein, es war ein Versehen gewesen, sie habe ihn nicht streifen wollen, auf keinen Fall, das wĂŒrde sie spĂ€ter beim Verhör beteuern unter Gebrauch ihrer Stimme. Jemand hatte ihren Namen gerufen. Sie blieb stehen wie eine abgelaufene Spieluhr. Köpfe wandten sich nach ihr. Sie stand da, den Oberkörper nach hinten gedreht, in Schrittstellung verharrend, die Arme leicht nach außen gestellt wie zwei FlĂŒgel, und sah dem Rufer ins Gesicht, ziegenhaft und mit halb geöffneten Lippen, die sie mit einem langsamen Zungenschlag anfeuchtete. Schöne ebenmĂ€ĂŸige Lippen. Ihre Blicke trafen sich. Ein beiderseitiges Aufblitzen, ein gegenseitiges Erkennen, ein archaisches Relikt, das Parsa durch ein abruptes Abwenden des Blicks im Keim erstickte. Der Mann hielt die Spiegelscherbe in der Hand und starrte auf die Frau. Ein unterbrochener Traum, dessen Folgen sich nicht mehr abwenden ließen. Der Mann wiederholte es: „Wo hast du dein Kind Parsa?" Noch einmal sah sie in die AbgrĂŒnde seiner Augen und drehte sich auf den Zehenspitzen, ihre Arme schwangen dabei mit, auch die Fetzen ihres grauen Kleides wirbelten mit herum und sie ging weiter, durchs Lager, tanzte vielmehr, wiegend, federnd, ein einziger Atem, der sie vorwĂ€rts trudeln ließ wie der Wind ein Blatt fort trudelte. Noch einmal hob sie die Hand an ihren nackten Hinterkopf, dieses Mal rasch und entschlossen, die direkte BerĂŒhrung nicht scheuend, so als wolle sie die ĂŒberbordende SchĂ€delmasse stĂŒtzen, sich ihres Vorhandenseins vergewissern, eine seltsam hĂ€ssliche Geste, wĂ€hrend sie sich unaufhaltsam aufs Wasser zu bewegte, das sich, nĂ€her kommend, aus dem Dunst schĂ€lte und mit sternenhaft tanzenden Lichtreflexen zu schimmern begann.
Der Himmel öffnete sich ein wenig. FĂŒr kurze Zeit stachen Sonnenstrahlen wie Messer durch die Spalten zwischen den Dielen, die die WĂ€nde der Baracke bildeten. Sie hielten sich die HĂ€nde vor die Augen die das Licht nicht ohne Schmerzen ertrugen. Einer der Uniformierten hob den zugerichteten Kinderkörper aus einer dampfenden Lauge. Die Haut des Kindes war runzlig, an mehreren Stellen blutend, der große formlose SchĂ€del rosa. Auf dem fest getretenen Boden hatten sich PfĂŒtzen gebildet mit Ă€tzenden RĂ€ndern aus Schaum, in denen sie standen mit ihren Stiefeln. Vier weiß behandschuhte HĂ€nde hoben den schwach zuckenden Balg hoch in die Luft. Aus dem Holzblock, wo es zuvor gebĂŒrstet worden war, ragte nun eine teleskopartig ausgefahrene Klinge, einen Meter lang, auf der kleine nervöse Lichter auf und ab glitten wie Insekten. Langsam schob sich der kleine Kadaver die Klinge hinab bis aufs Holz, sodass das Blut in die Schlachtrinne floss und der Körper den Stahl sauber umschloss. Sie nahmen es vom Messer, wickelten es in TĂŒcher und hĂ€ngten es an einen Balken, wo es mit anderen von der Decke baumelte.
Parsa hatte das Meer erreicht.

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Daphne Elfenbein
Vorzimmer von Dr. Gott

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