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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Pas de deux. Ein Neujahrsspiel
Eingestellt am 31. 12. 2001 10:41


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
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Pas de deux

Ein Neujahrsspiel von Stefan Seifert



Die beteiligten Personen:

Bruno, ein dicklicher Mann im Tutu.

Paul, ein dĂŒnner Mann, Ă€hnelt Woody Allen oder Groucho Marx. Oder wem auch immer.


Musik von Saint-Saents.
Bruno, in Ballettröckchen und Spitzenschuhen, tanzt.
Paul kommt langsam, offenbar verkatert, herein. Er setzt sich auf einen Stuhl und sieht ihm zu.

Paul:
Du machst dich lÀcherlich.

Bruno:
Du bist lÀcherlich.

Paul:
Wen willst du denn mit deiner Tanzerei beeindrucken?

Bruno:
Jedenfalls nicht Banausen wie dich.

Paul:
Willst du vielleicht beim Karneval auftreten? Oder als Lachnummer im Varieté?

Bruno:
Ich sagte doch, fĂŒr Banausen wie dich mache ich das nicht. Aber wenn du es unbedingt wissen willst:
Ich tanze morgen in der Ballettakademie. Vor den renommiertesten KapazitĂ€ten. Man muß schon einiges vom Fach verstehen, um wĂŒrdigen zu können, was ich leiste. Du kannst das jedenfalls nicht. Kretin!

Paul:
Ob mit oder ohne Akademie, sie werden ĂŒber dich lachen.

Bruno:
Es wĂ€re nicht das erste Mal. Hat man noch nie ĂŒber dich gelacht?

Paul:
Man hat ...

Bruno:
Es war dir peinlich.

Paul:
Es hat mich wĂŒtend gemacht.

Bruno:
Weil du so hilflos warst.

Paul:
Man kann sich nicht dagegen wehren.

Bruno:
Ich bin nicht lÀnger hilflos. Ich bin der sterbende Schwan. Ich bin Anna Pawlowa.

Paul:
Du bist Bruno. Eine dicke Schwuchtel.

Bruno:
Jetzt bin ich Anna Pawlowa. Und du bist Paul. Paul der in die Hosen pißt.

Paul:
Das mußte ja jetzt kommen. Darauf habe ich gewartet.

Bruno:
Du pißt doch immer in die Hosen, wenn du besoffen bist.

Paul:
Was beweist das schon? Daß ich irgendwann die Kontrolle ĂŒber diesen Muskel verliere? Stellt das meine Existenz in Frage?

Bruno:
Es macht dich lÀcherlich.

Paul:
Ich finde das gar nicht lÀcherlich.

Bruno kichert :
Weißt du, daß du gestern wieder auf das Fensterbrett geklettert bist und gedroht hast, hinunterzuspringen?

Paul:
Das nÀchste Mal springe ich auch.

Bruno:
Und ich werde fĂŒr dich den sterbenden Schwan tanzen. Auf deiner Beerdigung. Dann werden sie ĂŒber uns beide lachen. Über dich und mich.
Aber wahrscheinlich wĂŒrdest du gar nicht tot sein. Nur ein KrĂŒppel und ich mĂŒĂŸte dich pflegen. Ich mĂŒĂŸte meinen Beruf aufgeben, wegen dir. Meine Kunst ...

Paul:
Mach das doch noch mal, diese Bewegung da eben, mit dem Arm. Nein, du bist wirklich sowas von komisch.

Bruno:
Du warst gestern auch komisch. Wie du auf den Knien gerutscht bist.

Paul:
Das war nicht komisch. Das war tragisch. Ich bin nicht mehr hochgekommen. Ich dachte, ich komme ĂŒberhaupt nie wieder hoch.

Bruno:
Wenn es tragisch ist, sich zu besaufen bis man nicht mehr laufen kann und sich in die Hosen pißt ...

Paul:
Judas.

Bruno:
Kretin. Außerdem warst du gar nicht so besoffen. So viel hast du nicht getrunken. Du denkst wohl, das habe ich nicht gemerkt.

Paul:
Ich bin Alkoholiker. Da genĂŒgen schon kleine Mengen.

Bruno:
Du bist schlau. Du weißt genau wann du dein Level erreicht hast und du mit deiner Show beginnen kannst. Gib‘s zu, du bist dein bester Zuschauer.

Paul:
Und du deiner. Was sagt dir denn der Spiegel, in den du dauernd guckst? Du bist die Schönste im ganzen Land?

Bruno:
Er sagt, du bist nicht Bruno, du bist Anna Pawlowa. Anna Pawlowa ist göttlich und darum bin ich auch göttlich. Und wenn ich göttlich bin, kann mir nichts mehr geschehen. Sie können mich nicht mehr verletzen.

Er verharrt in einer AttitĂŒde. Die Musik verstummt.

Paul:
Siehst du, das ist der Unterschied. Mich können sie verletzen. WĂ€re ich ein Schwarzer, könnte ich wenigstens sagen, sie diskriminieren mich, weil ich schwarz bin. Ich wĂŒrde zusammen mit anderen gegen die Diskriminierung der Schwarzen kĂ€mpfen.
Aber ich bin nicht schwarz und werde trotzdem diskriminiert.
Weil ich ich bin. Diese Art der Diskriminierung ist am schwersten zu ertragen.

Bruno:
Dann sei doch nicht du.
Sei ein anderer.

Paul:
Ich bin ja auch ein anderer. Aber wer ist dieser andere? Und wo ist er?

Bruno:
Vielleicht hat er sich verirrt?

Paul:
Vielleicht habe ich mich wirklich verirrt. Bin einmal im Dunkeln aus Versehen durch einen Spiegel gegangen und in eine falsche Spiegelwelt geraten. Eine Welt, in der alles verkehrt ist. Unsere Welt. Und nun suche ich nach dem Durchgang, um wieder zurĂŒckzukehren.
Aber je lĂ€nger ich hier lebe, um so mehr verblaßt die Erinnerung an die andere Welt, in der ich einmal zuhause war. Ich Idiot bin in die Spiegelfalle getappt. Jetzt bin ich fĂŒr immer gefangen. Wie ein GrashĂŒpfer im vergessenen Marmeladenglas eines Kindes.

Bruno:
Du bist ein Mensch der verkehrten Spiegelwelt geworden. Ein Spiegelmensch. Ein verkehrter Mensch.

Paul:
Ich will da raus!

Bruno:
Sei einfach kein Spiegelmensch mehr. Sei ... ein anderer.

Paul:
Ich kann nicht.

Bruno:
Mach einfach alles anders herum.
Geh nach rechts, wenn du nach links gehen willst. Sag nein, wenn du ja sagen willst.
Willst du mit mir ein Pas de deux tanzen?

Paul:
Nein.

Die Musik setzt ein. Sie tanzen.


__________________
Stefan Seifert

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Matthias Schulz
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

sehr raffiniert ausgedacht, die Szene. Einerseits sind die Figuren unheimlich komisch und lÀcherlich, andererseits sind sie durchaus ernst zu nehmen, suchen sie doch beide nach einem Weg, nicht mehr sie selbst zu sein, Bruno als "sterbender Schwan", Paul als Alkoholiker.

Auch das Ende ist sehr raffiniert gemacht, alles in allem ein wirklich charmantes StĂŒck.

GrĂŒĂŸe,
Matthias
PS: "Schwanensee ist von Tchaikovsky, nicht von Saint-Saens.

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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

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Der sterbende Schwan

Das 3-Minuten Ballett "Der sterbende Schwan" von Saint-Saens machte Anna Pawlowa berĂŒhmt und ist seitdem untrennbar mit ihrem Namen verbunden.
Aber Danke fĂŒr die verstĂ€ndnisvolle Kritik.

Mit besten GrĂŒĂŸen
__________________
Stefan Seifert

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Matthias Schulz
Guest
Registriert: Not Yet

BildungslĂŒcken....

Huch, und ich dachte immer, das wÀre eien Passage aus Schwanensee... Tja, wieder was gelernt :-)

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

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auch

ich bin begeistert von diesem dialog. haste sauber hinbekommen! ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

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Pas des jeux, s'il vuh plöh!

Oh... na ja... fĂŒr alle, die so was mögen. Ich mag’s ja nicht so und finde, Samuel Beckett hat wahrlich genug Szenen hinterlassen, in denen zwei Personen viel zu lange und viel zu sehr im Kreis herum aufeinander rumhacken. Personen, die immer so kĂŒnstlich etwas abgehoben sind von der RealitĂ€t und der Gesellschaft, in der sie leben könnten.

Ich mag das nicht, wenn mir ein Autor zwei Protagonisten anbietet, die so irgendwie halbwegs als „Charaktere“ verortet werden, dabei aber immer ganz gewiss nicht der Autor, nicht ich, der Leser, noch Frau Maier und Herr Schmidt und alle anderen Menschen sind, die in meinem Viertel wohnen. Die dabei aber irgendwie fĂŒr allgemein menschliche Problematiken stehen sollen. Wie soll das gehen, Menschen, die Pappfiguren sind, sollen fĂŒr Menschen, die keine sind, stehen?

Ein Alkoholiker. Ein schwuler BalletttÀnzer, der sich mit einer Diva identifiziert, an deren Leistungen er schon ganz einfach deshalb nie herankommen wird, weil er dick ist.

Okay, beide Personen interessieren mich nicht. Aber wenn ich mich mit denen nun schon befassen soll, dann möchte ich wenigstens deren Leben so anschaulich und glaubhaft vorgestellt bekommen, dass ich es ihnen wenigstens glaube als „Leben“. Dass der Alkoholiker angeblich oft hinfĂ€llt und nicht mehr hoch kommt und stĂ€ndig droht, sich umzubringen, das reicht mir nicht. Die Figuren sind keine Personen, sie sind Denk- oder Spielfiguren.

Und dann vor allem, dieses Problem hatte ich schon mit Beckett immer: Leute, die so fertig sind, die gibt es zwar, aber die haben kein Publikum. Die reden vielleicht vor sich hin, aber denen hört niemand zu. Warum mĂŒssen sie dann stundenlang (hier: etwas kĂŒrzer) reden, wenn niemand hört?

Ich habe Alkoholiker gesehen, die sich in die Hose pissen. Und ich habe dicke Schwule, die sich fĂŒr großartig halten wollen, gesehen. Aber ich sehe im Allgemeinen nicht, dass sich diese beiden jemals unterhalten wĂŒrden, auch nicht, um sich – wie hier – anzugiften. Was ich sah: Die Schwuchtel ging hin und schaute, wer da am Rutschen von der Bank war. Der Alki plĂ€rrte: „Schwuchtel! Scheiß Arsch-Wichser!“ Die Schwuchtel ging weiter und sagte zu mir: „Nur so ein Penner wieder. Wie man sich nur so gehen lassen kann! Stinkt nach Pisse. Aggressiv. Besoffener Schwachkopf!“ Eine Szene etwas kĂŒrzer als diese.

Und dass man sein Leben ganz anders leben könnte, nĂ€mlich, indem man seine Fantasien zur RealitĂ€t und die RealitĂ€t zu einer Fantasie erklĂ€rt, das habe ich noch nie einen Alki und noch nie eine Schwuchtel sagen hören (und schon gar nicht zueinander). Das lese ich nur immer die Schriftsteller schreiben. Hört dann aber auch keiner hin. „Hirngewichse.“


__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

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