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Leselupe.de > Humor und Satire
Patchwork
Eingestellt am 10. 03. 2006 18:14


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Raniero
Textablader
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Patchwork

Seit gut zwei Wochen nun waren sie schon unterwegs, kreuz und quer durchs Land, das Moderatorenpaar eines öffentlich rechtlichen Fernsehsenders mitsamt der ganzen Crew vom Regisseur bis zum Kabelwart, um eine Reportage ĂŒber sogenannte Patchworkfamilien durchzufĂŒhren, die jeweils life im gesamten Bundesgebiet ausgestrahlt wurde. Patchwork, das war die neue aus dem Englischen entlehnte Bezeichnung fĂŒr eine Familienkonstellation besonderer Art, die allerdings nicht den neuesten Schrei, darstellte, sondern schon im Altertum bekannt war, nur dass man dem Kind einen neuen Namen gegeben hatte. Mit diesem Ausdruck bezeichnete man den Zusammenschluss zweier vorher eigenstĂ€ndiger Familien, der infolge des Verlustes zweier verschiedener Elternteile durch Trennung entstanden war und somit die neue Gemeinschaft bildete.
In der Praxis sah dieses beispielsweise so aus: ein verwitweter Mann heiratete eine geschiedene Frau, und beide Partner brachten ein oder mehrere Kinder aus der vorherigen Verbindung in die neue Lebensgemeinschaft ein, die dann im Laufe der Zeit zu einer Art Großfamilie zusammenwuchsen.
In diesen neuen Familien konnte eine solche Konstellation gar schon so manch ungewöhnliche und interessante BlĂŒten treiben. So geschah es zuweilen, dass aus einer derartigen Großfamilie neue Familien entstanden, ohne fremde Beteiligung, indem die neuen Stiefgeschwister, die ja nicht miteinander blutsverwandt waren, aneinander Gefallen fanden, untereinander heirateten und auf diese Weise fĂŒr eine lineare Fortsetzung ihrer Patchworkfamilie sorgten; einen speziellen Ausdruck fĂŒr eine derartige Fortsetzung hatten aber selbst die sprachgewaltigsten Geister noch nicht ge- oder erfunden.
Im Rahmen ihrer Einzelreportagen vor Ort, bei der nacheinander zwanzig dieser Familien aufgesucht werden sollten, die im Vorfeld aus einer Bewerberzahl von zweihundert solcher Vereinigungen herausgefiltert worden waren, hatte sich das Fernsehteam das Ziel gesetzt, die ideale Familie zu ermitteln resp. auszuwĂ€hlen, sozusagen die deutsche Patchworkfamilie. Diese Auswahl erfolgte nach einem Verfahren, wie es in den letzen Jahren vor allem bei kommerziellen Sendern gang und gĂ€be war, und dessen allgemeinem Trend sich nun auch die Öffentlich Rechtlichen nicht mehr entziehen konnten; man ließ die Zuschauer draußen an den Bildschirmen entscheiden, per Telefon. Hierbei war der Gesamteindruck zu bewerten, den die einzelne Familie bei ihrer Vorstellung hinterließ. Das taten die Fernsehzuschauer denn auch, und nachdem das Team nun die HĂ€lfte der Großfamilien aufgesucht hatte, lagen noch alle Kandidatenfamilien nah bei einander, nach Punkten, und die zweite Halbzeit versprach eine Fortsetzung an Spannung zu bringen. FĂŒr den nĂ€chsten Tag galt der Besuch einer Familie an der norddeutschen KĂŒste, und die gesamte Crew feierte am Abend ein sogenanntes Bergfest, um damit zu unterstreichen, dass die HĂ€lfte der Strecke zurĂŒckgelegt sei.

Am folgenden Morgen machte sich das Team trotz der vorangegangenen Feier zeitig auf den Weg, um bei der nĂ€chsten Großfamilie, der elften, in einem schönen Einfamilienhaus in schicker Wohngegend unweit des offenen Meeres, dessen Rauschen man bis dorthin hören konnte, vorstellig zu werden. SelbstverstĂ€ndlich war der Besuch der Fernsehmannschaft von Mitarbeitern der Zentrale des Sender, wie alle anderen zuvor auch, rechtzeitig avisiert worden, und das Team, an der Spitze das Moderatorenpaar, zeigte sich verwundert, dass sich niemand, nicht einmal die Kinder der Familie, zur BegrĂŒĂŸung eingefunden hatte.
Energisch und ein wenig verĂ€rgert drĂŒckte die junge Moderatorin, an ihrer rechten Seite ihren Kollegen und zu ihrer Linken den Regisseur mit den zahlreichen Gastgeschenken fĂŒr Eltern und Kinder, hinter ihr die Kameraleute mit gezĂŒckten Objektiven, die Klingel des Hauses. Eine Zeitlang rĂŒhrte sich nichts im Hause, was darauf hinwies, dass man das akustische Signal dort gehört hĂ€tte. Die Mitglieder des Fernsehteams schauten sich unglĂ€ubig an. Das durfte doch wohl nicht wahr sein.
Da war man nun angerĂŒckt, mit Mann und Maus, um Dreharbeiten fĂŒr eine der populĂ€rsten Sendungen im ganzen Land zu machen, und dann ein solcher Empfang resp. gar kein Empfang. Die junge Dame drĂŒckte erneut auf den Klingelknopf, eine Spur energischer. Es rĂŒhrte sich noch immer nichts. Schon machte die gesamte Mannschaft enttĂ€uscht und verĂ€rgert Anstalten zum Aufbruch, um mit Sack und Pack, den Spielzeugen und SĂŒĂŸigkeiten fĂŒr die lieben Kleinen, den Blumen fĂŒr die Patchworkmutter und dem Schnaps nebst Zigarren fĂŒr den Patchworkvater, wieder abzurĂŒcken, als man aus dem Innern des Hauses ein schlurfendes GerĂ€usch vernahm. Schließlich wurde die HaustĂŒr geöffnet und ein Ă€lterer kleinwĂŒchsiger Mann so um die Siebzig erschien auf der Schwelle.
Als er die vielen fremden Personen sah, reagierte er ein wenig verschreckt.
„Was wollen Sie? Ist das ein Überfall? Unsere Eltern sind nicht zu Hause!“
Die Moderatorin blickte zuerst unglĂ€ubig den Alten an, sodann ihre Kollegen, die ebenso verblĂŒfft dreinschauten. Waren sie versehentlich in der falschen Sendung gelandet, oder spielte ihnen jemand einen ĂŒblen Streich nach dem Motto ‚Versteckte Kamera‘?
Vorsichtig wandte sie sich an den alten Herrn auf der TĂŒrschwelle, wobei sie auf einen kleinen Zettel in ihrer Hand blickte.
„Wir wollten eigentlich zur Familie N., aber ich glaube, wir haben uns in der TĂŒr geirrt. Wir sind vom Fernsehen und suchen diese Familie. Wissen Sie, das ist so eine Großfamilie, man nennt sie auch Patchworkfamile“.
Trocken antwortete der Alte:
„Ich weiß, was eine Patchworkfamilie ist. Sie sind schon richtig hier, wir sind diese Familie, und ich bin der Sohn. Aber wie gesagt, unsere Eltern sind nicht zu Hause“.
Die Moderatorin musste sich beherrschen, dass ihr das Mikrofon nicht aus der Hand glitt, und den anderen Mitgliedern des Teams erging es ebenso, mit den Utensilien und Geschenken, die sie in den HĂ€nden hielten.
WĂ€hrendessen fuhr der Alte ungerĂŒhrt fort:
„Das heißt, ich bin nicht der einzige Sohn dieser Familie, es gibt noch mehr davon, und da sind auch noch ein paar Töchter. Ja, wir sind schon eine recht große Familie geworden, und wer hĂ€tte das gedacht, dass ich einmal in meinem Alter noch so viele Geschwister bekĂ€me“.
„Sie wollen damit sagen“, stammelte die ansonsten sehr eloquente Moderatorin, „dass Sie zu dieser Familie gehören. Dass Sie ein Kind einer solchen Familie sind, in Ihrem Alter? Das gibt’s doch nicht!“
„Aber meine Dame“, entgegnete der alte Patchworksohn, warum soll ich denn kein Kind sein? Kind ist man von Geburt an, ein jeder von uns, und das bleibt man ein Leben lang, auch wenn die Eltern lĂ€ngst verstorben sind. Sie sind doch auch ein Kind, gute Frau, ein Kind von irgendwem; kommen Sie mir nicht damit, dass Sie keine Eltern haben oder zumindest einmal hatten oder dass Sie nicht einmal geboren sind!“
Der Regisseur neben der Moderatorin versuchte krampfhaft, ein Lachen zu unterdrĂŒcken, wĂ€hrend der Kollege zu ihrer Rechten hilflos zur Seite blickte.
Die junge Dame wurde knallrot im Gesicht, ob vor Verlegenheit oder vor Wut darĂŒber, dass man ihre Geburt in Frage stellen könnte, war nicht zu erkennen.
„NatĂŒrlich sind wir alle Kinder, irgendwie“, schrie sie mit lauter Stimme und hielt vor lauter Aufregung das Mikrofon vor den eigenen Mund, statt es dem Alten entgegen zu strecken, sodass man sie ĂŒberdeutlich im Übertragungswagen auf der anderen Straßenseite hören konnte, „aber Sie sind doch kein Kind aus einer solchen Familie?“
„Als ein solches wurde ich natĂŒrlich nicht geboren, da muss ich Ihnen Recht geben“, entgegnete der Alte mit ruhiger Stimme, „aber seit einiger Zeit bin ich aber wirklich ein Kind so einer Familie. Aber ich bitte Sie, gnĂ€dige Frau“, fasste er die Moderatorin behutsam an den Arm, nachdem er bemerkt hatte, dass diese kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, „kommen Sie doch bitte herein, Sie alle miteinander“, wandte er sich an die ĂŒbrigen Mitglieder des Teams, „ich schau mal, ob wir noch einen Kaffee haben“.
Die junge Dame ließ sich von dem Ă€lteren Herrn wie ein Kind ins Haus fĂŒhren, wie ein Kind am Arm ihres Vaters.
Die anderen folgten mit einem GefĂŒhl aus Neugier und MitgefĂŒhl fĂŒr ihre Kollegin den beiden bis in die Wohnstube, wo der Alte die gesamte Crew, soweit das möglich war, Platz nehmen ließ; sodann rief er mit lauter stimme in Richtung obere Etage:
„Helmut, Barbara, Ingeborg, Johann, Rudolf, Annegret! Kinder, könnt ihr mal runterkommen? Überraschung!“
Nach wenigen Minuten trafen sie alle ein, nacheinander, die Kinder der Patchworkfamilie, wie die Zwerge resp. Zwerginnen aus der Schneewittchenstory.
In der Tat waren sie zusammen sieben ‚Kinder‘, alle im fortgeschrittenen bis höheren Alter, drei Maderl und vier Buben, der Älteste, Ottokar, der ihnen die TĂŒr geöffnet hatte, mit einundsiebzig, bis hin zur JĂŒngsten, Annegret, die immerhin auch schon stolze neunundfĂŒnfzig Lenze aufwies; sie alle bildeten, wie sie fröhlich verlauten ließen, die Kinder dieser ungewöhnlichen Familie.
„Unsere Eltern sind aber nicht zuhause“, erklĂ€rten sie dem Fernsehteam.
WĂ€hrend man zwischenzeitlich der jungen Moderatorin ein Glas Wasser und eine Beruhigungstablette gereicht hatte, war es der Regisseur, der sich als erster wieder gefangen hatte.
„Wenn ich Recht verstanden habe, und ich spreche hier im Namen des gesamten Teams“, setzte er vorsichtig zu einer Frage an, „wollen Sie uns glauben machen, dass Sie alle sieben verschwistert sind, untereinander, aber nicht von den gleichen Eltern abstammen, sondern von verschiedenen Elternteilen?“
„So ist es, tatsĂ€chlich“, antwortete Ottokar, der PatchworkĂ€lteste „und wir wollen Ihnen dieses nicht wahr machen, es ist wahr, mein Herr, und wenn ich mich nicht irre, haben es die Leute von Ihrem Sender ja nachgeprĂŒft, sonst wĂ€ren sie ja jetzt nicht hier“.
Nun war es an dem Regisseur, die Gesichtsfarbe zu wechseln, vom FrischgebrĂ€unlten ins Tiefrote„ wobei die Scham den Zorn ĂŒberwog; die Scham darĂŒber, nicht auf dem laufenden zu sein, ĂŒber die einzelnen VerhĂ€ltnisse der zu besuchenden Familien und der Zorn ĂŒber die Kollegen beim Sender, die ihm diese Blamage offensichtlich eingebrockt hatten, durch schlampige Recherchen. Die wĂŒrde er sich noch vorknöpfen, diese Kollegen, zumindest diejenigen, die in der Hierarchie unter ihm standen.
„Lieber Freund“, wandte er sich flehentlich an Ottokar, den Senioren der unterschiedlichen Geschwister, „nichtsdestoweniger ist meines Erachtens aber eine Patchworkfamilie eine Familiengemeinschaft, bei der zwei verschiedene Elternteile mit jeweils unmĂŒndigen Kindern eine Verbindung eingehen, mit kleinen bis höchstenfalls pubertierenden Kindern, aber doch nicht...“
„Wo steht denn geschrieben, guter Mann“, schnitt ihm der Alte im scharfen Tonfall das Wort ab, „dass der Nachwuchs einer solchen Gemeinschaft unmĂŒndig sein muss? Wo ist etwas ĂŒber das Alter dieser Kinder festgeschrieben? Nein, sehen Sie“, fuhr er etwas versöhnlicher fort, „wir sind zwar alle nicht mehr unmĂŒndig, ĂŒber dieses Alter sind wir bereits hinaus. Aber wir alle sieben sind, und darauf legen wir großen Wert, noch unverheiratet, bis zum heutigen Tage, und wir lebten zuvor als Geschwister in unseren damaligen Familien und leben nun, nachdem unsere beiden Elternpaare sich getrennt haben, gemeinsam mit einem Teil unserer ehemaligen Eltern, die vor zwei Jahren den Bund der Ehe geschlossen haben, Mutter mit neunzig und Vater mit zweiundneunzig, als Großfamilie zusammen. Sagen Sie doch mal ehrlich, bilden wir nicht einen schönen Verein, wir sieben, mit unseren Eltern? NatĂŒrlich, ein Wermutstropfen ist dabei; wir alle sind Scheidungskinder, aus getrennten Ehen, aber zusammen werden wir es schon meistern“.
Bei diesen Worten blickten die anderen sechs Geschwister ihren großen Bruder mit glĂ€nzenden Augen der Zustimmung an.
Der Regisseur und die Mitarbeiter der Mannschaft gerieten ins GrĂŒbeln. Von dieser Warte aus hatten sie den Fall noch nicht betrachtet. Da die meisten von ihnen
ebenfalls aus geschiedenen Ehen stammten, mussten sie zu ihrer VerblĂŒffung erkennen, dass sie alle, wenn sie auch nicht mehr daheim bei den Eltern lebten, die Voraussetzungen fĂŒr den Status von Patchworkkindern hatten, und in ihnen keimte das GefĂŒhl auf, fast selbst in einer derartigen Familie zu leben, in einer Öffentlich Rechtlichen sozusagen.
Eine Frage aber lag dem Regisseur, bevor sich die ganze Crew auf die Dreharbeiten stĂŒrzte, am Herzen:
„Sie sagten zu Beginn, ihre Eltern seien nicht daheim. Wo, bitte, sind sie denn im Moment?“
„Na, zum Jogging natĂŒrlich, das lassen sie nie ausfallen“, ertönte die Antwort aus sieben Patchworkkehlen.

Es erĂŒbrigt sich, zu erwĂ€hnen, wer bei der Publikumsabstimmung ĂŒber die ideale Großfamilie den Sieg davongetragen hat.

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Marius Speermann
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Lieber Raniero,

Nur ein paar Korekturen:
Anstelle von "life" schreibt man "live" fĂŒr "DirektĂŒbertragung".

quote:
Eine Zeitlang rĂŒhrte sich nichts im Hause, was darauf hinwies, dass man das akustische Signal dort gehört hĂ€tte.


So wie das da steht, ist das verwirrend. Da ist ein Komma an der falschen Stelle. "Es rĂŒhrt sich nichts im Haus, deshalb hat man das Signal gehört?" FlĂŒchteten die alle?

Du liebst diese geriatrischen Themen wohl? ;-)

Marius
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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Raniero
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Hallo Marius,

in Anbetracht meines fast schon biblisch zu nennenden Alters wird es fĂŒr mich nun höchste Zeit, mich vermehrt mit geriatrischen Themen zu befassen.

Gruß Raniero

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