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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Pathos, Längen und kein Ende:
Eingestellt am 08. 09. 2003 15:07


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sunufatarungo
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Wie man den Lokalredaktuer zur Verzweiflung bringt.


...und ein zarter Hauch von Hollywood...

Wie Oberhausen zum Zentrum des vereinigten Europa mutiert: Eine augenzwinkernde Retrospektive auf die 47. Internationalen Kurzfilmtage.

Oberhausen hat das Centro. Oberhausen hat die Arena. Es hat das Gasometer und RWO. Aber vor allem hat es die Internationalen Kurzfilmtage. Seit nunmehr 47 Jahren trifft sich die Welt des Feature-Films dort, dieses Jahr um genau zu sein im Filmpalast Lichtburg. Nun kann man als Außenstehender so einiges vom Kurzfilm und dessen personeller Peripherie erwarten, aber ein Zusammentreffen mit diesem eigenen kleinen Universum löst dennoch einen mittelschweren Kulturschock aus, denn selbst kühnste Erwartungen werden noch durchaus übertroffen. Ohne Zweifel hat das Festival von der ersten Minute an etwas rustikal glamouröses. Durch die Institutionierung des Festivals in Oberhausen wird man als Auswärtiger bereits erstaunlich freundlich aufgenommen: Man wird nämlich trotz des allgegenwärtigen ‘Ich-bin-wichtig’- Akkreditierungsausweis nahezu ignoriert und daher angenehmer Weise weder finster als Störenfried erachtet, noch (was weitaus schlimmer wäre) als wandelnde Einnahmequelle mißbraucht. Kurz: Die Oberhausener haben offensichtlich einen tiefen inneren Frieden mit dem Festival gefunden und dieses entspannte Miteinander greift schnell auf jeden einzelnen über. Nachdem man sich ebenfalls des freundlichen Entgegenkommens seitens des Gästebüros versichert hat und eben jenen ‘Ich-bin-wichtig’-Ausweis in den Händen hält, kann ohne weitere Verzögerung der Sturz ins Getümmel folge. Das einzige Problem dabei ist, daß sich einfach kein Getümmel finden lassen will. Zwar trifft man kontinuierlich auf Eingeschweisteumhängeausweisträger, aber nirgends scheinen diese sich zu denen im Voraus erwarteten biblischen Heuschreckenschwärmen zusammen zu rotten. Bei angenehmen 20 Grad im Schatten schreitet man also durch die City, klappert das Pressebüro ab, stellt fest, dass die Chill-Out-Lounge erst ab 20 Uhr geöffnet ist und läuft im Endeffekt zielstrebig am Kino vorbei, da die wehenden Hinweisbanner über einem zunächst zweifelsohne auffälliger sind. Dann jedoch am Eingang kurz mit seinem Hosenbund gewedelt (oder wahlweise einmal schwungvoll den Oberkörper gedreht, so daß der Ausweis mit chirurgischer Präzision auf der Durchreiche der Kinokasse landet) und es öffnen sich die Pforten zum Filmpalast Lichtburg. Dieser stellt das Haupttheater dar, eingerahmt vom zu Diskussionsforum umgewandelten ‘Sunset’ und den beklemmend an das Mühlenhof-Atelier erinnernden ‘Gloria’ und ‘Star’. Was ins Auge sticht ist dabei das klassische Design des Programmkinos, stilecht, leicht spartanisch, prinzipiell wie für Woody Allen geschmiedet, folglich urgemütlich. Und zwischen Popcorn, Pizzazungen, Programmheften und wedelnden, wichtigen Leuten, da erkennt man sie: Filmemacher. Große, kleine, dicke, dünne, aber alle ausnahmslos mit dieser prägnant künstlerischen Aura umwoben, deren Leistungsspektrum vom charmanten Lächeln über arrogantes Nase-in-die-Luft-strecken bis hin zum irren Grinsen reicht. Sympathisch für diesen Menschenschlag ist allerdings, daß um die gottesfürchtige Zeit von 12 Uhr mittags es einige sogar schaffen, ein wenig unausgeschlafen zu wirken. Und während sich das träumerische Flair von zweieinhalb Minütern über gebrauchte Kondome verspielt in den Hinterkopf schleicht und von einem kosmopoliten Dasein fantasieren läßt, trifft einen der schlecht getimte Hammer der Realität, welcher zur Raison ruft und in Form eines vorauseilenden Kollegen Form annimmt. Das letzte Ziel der Rundreise wird somit der Filmmarkt, ein umfangreiches Archiv von aktuellen Kurzfilmen, einschließlich 1999 und 2000. Im rheinischen Industriemuseum wird man in der Funktion des Einkäufers bereits von mehreren tausend Videos, zwölf Sichtungsplätzen und vier eifrigen Mitarbeitern mehr oder weniger sehnsüchtig erwartet. Im Hinterkopf schleicht neben den Präservativen mittlerweile auch der Gedanke an die zu sichtenden Filme (in diesem Fall knapp 170 Stück) und somit die Überlegung, ob man sich nicht einen Schlafsack mitnimmt und direkt im Markt übernachtet, denn das man die nächsten Tage dort leben wird, versteht sich von selbst. Aber wem sich der Optimismus einmal ins Hirn gebrannt hat, dem wohnt auch der Glaube inne, diese Krise gar meisterlich zu überstehen. Über zwölf Stunden täglich hat der Filmmarkt während des Festivals geöffnet und angesichts dessen driftet die Erwartungshaltung gegenüber der Einstellung der Mitarbeiter in Richtung ‘geh weg, du nervst’ ab, also wird die obere Etage des Museums mit dem Bild von hängenden Mundwinkeln und nahezu Einkäuferfeindlicher Stimmung betreten. Dann befindet man sich plötzlich auf der vorletzten Seite der HÖRZU, denn man sieht sich genötigt, in dem sich nun zeigenden Bild die Fehler zu suchen. Denn mit nicht enden wollender Geduld, Charme und Freundlichkeit werden einem die abgegebene Sichtungslisten bearbeitet, wird im Archiv gewühlt, Filme an den Platz gebracht, technische Probleme behoben, Völkerverständigung betrieben, logistische Schwierigkeiten zunichte gemacht und das Glas mit Bonbons aufgefüllt. Bereits nach kurzer Zeit fühlt man sich heimisch. Und wenn nach einem achtstündigen Sichtungsmarathon in einer dunklen Kabine mit interessanten Experimentalfilmen wie oben genannten Kondommachwerk, einer hereinbrechenden Sehnenscheidenentzündung vom vor- und zurückspulen, dem durchaus spirituellen Erlebnis, wie ein Stoffhai die Kltischko-Brüder herausfordert, während draußen der Sommer unaufhaltsam seine Runden dreht, Leute Eis essen, Kinder fröhlich glucksend spielen, der Nacken allmählich gefallen daran findet, sich wie ein Stück Ledersohle zu gebärden, man durch einfühlsame die Augen versucht zu überzeugen, wenigstens noch ein halbes Stündchen mit der Niederlegung ihres Mandats zu warten, sich die Überlegung festsetzt, daß man doch ganz bestimmt der einzige ist, der an diesem Tag so furchtbar leiden muß und der ernüchternden Erkenntnis, daß das wedeln mit einem ‘Ich-bin-wichtig’-Akkredietietungs-ID-Ausweis zum umhängen, sammeln und liebhaben in diesem Fall nichts bringt, wenn man dann am Rande der neuralen Notabschaltung zurück ins schwindende Tageslicht tritt, erwartet einen noch immer ein bezauberndes Lächeln, ein aufgefülltes Bonbon-Glas und weiterhin ordentlich sortierte Reihen voller Kurzfilme. Ein nettes Wort jagt das nächste und von Sekunde zu Sekunde hebt sich die Stimmung. Und mitten im schönsten Selbstmitleid fällt dann plötzlich folgendes auf, und zwar zieht es in leuchtendem rot blinkend über die unterbewußte Kinoleinwand der Verdrängung: Die Damen und Herren, mit denen man sich unterhält, haben eigentlich noch einiges mehr getan als man selbst. Das gilt nicht nur für den Filmmarkt, sondern genauso für jeden Mitarbeiter, vom Filmvorführer über die Damen von der Kinokasse bis hin zu den ständig besetzten Organisationsbüros. Nach dieser reuigen Korrektur der Sicht der Dinge ist man dann jedoch trotzdem alles andere motiviert, in den Abendstunden noch ein wenig Festival-Luft in Form von vorgeführten Kurzfilmen zu schnuppern. So vergehen die Tage mit roten Augen und netten Unterhaltungen, man fühlt sich letztendlich richtig zu Hause dort. Und dann wird man doch noch vom Ehrgeiz gepackt, sich mutig in einen der Kinosäle zu robben, um den ein oder anderen Wettbewerb mit zu nehmen. In diesem Fall waren es ein internationaler und ein deutscher, und beide waren von eher polarisierenden Charakter: Entweder es war gut, oder man wunderte sich, wie ewig lang 23 Minuten werden können. Nun gut, nobody is perfect, man selbst am wenigsten und bevor man sich genötigt sieht, in den an die Wettbewerbe anschließenden Diskussionen mit den Regisseuren seine unehrenhafte Entlassung zu provozieren, konzentriert man sich lieber auf den letzten Tag und die damit verbundene Preisverleihung. Erfrischend ungezwungen läuft dort alles ab. Keine Anzüge, kein Festakt, dafür umso mehr gut aufgelegte Gäste, Mitarbeiter und potentielle Preisträger. Da kann man auch einmal darüber hinwegsehen, dass schon lange vorbestellte Plätze im Saal sich auch trotz einer zur Abwechslung einmal wild umher gewedelten Akkreditierung einfach auf keiner Gästeliste finden lassen. Was folgt sind 19 mehr oder weniger kurzweilige Programmpunkte, auf 2 ½ Stunden verteilt: Eröffnungsrede und Resümee von Festivalleiter Lars Henrik Gass, Laudatio auf das Festival vom Oberbürgermeister, ein übernervöser, aber trotz grob geschätzten 25 Hängern durchaus unterhaltsamer Moderator, ein kommen und gehen von Jurys und Preisträgern, die unvermeidliche Rückkopplung, der Aufmarsch sämtlicher Mitarbeiter, eine Dankesrede, die Oberhausen kurzerhand zum Zentrum des vereinten Europas deklariert und die Rede des estischen Hauptgewinners, der diese zwar in gebrochenem deutsch hält, aber dafür umso liebenswerter. Und dann kommt der definitive (aber durchaus subjektive) Höhepunkt der 47. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen: Die Abschlussparty in der alten Schlosserei. Endlich, ja, endlich ist er da, dieser zarte Hauch von Hollywood. Eine Aftershow-Party in einer zum Club umfunktionierten Schlosserei auf dem Gelände des Industriemuseums. Ein alternativer Party-DJ legt alternative Party-Musik auf, die Drinks fließen reichlich, es wird mit Sekt, Bier und Cola Light auf die vergangenen Tage angestoßen. Alle sind sie da, die Preisträger, Ehrengäste, Mitarbeiter. Halb links schleicht der amerikanische Kultmusiker Paul Miller aka DJ Spooky that subliminal kid vorbei, einen Tisch weiter sitzt ein Fotograf, der schon beim ersten Festival 1954 offizielle Aufnahmen gemacht hat, auf der Tanzfläche wütet ausgelassen Christiane Lilge, Gewinnerin des deutschen Wettbewerbs, deren Stimmung sich proportional mit der Höhe des erhaltenen Preisgelds offensichtlich verbessert hat. Tapfer kämpft das ausgelassene zusammen feiern gegen eine leise daher tapsende Melancholie darüber, daß mit diesem Abend für ein Jahr wieder Schluß ist und sich einige der Leute, die sich hier getroffen haben, wohl schwerlich wieder sehen werden. Und so wird bis tief in den nächsten Morgen gefeiert, getrunken, getratscht, getanzt und geknuddelt, was das Zeug hält, was sich natürlich schädlich auf die moralische Einstellung bezüglich Arbeitszeiten auswirkt, aber dafür jede Minute verpaßten Schlafes wert ist. Alles in allem ist das Festival in Oberhausen nicht nur das bedeutendste seiner Art, sondern vor allem auch eine Sammelbörse der unterschiedlichsten Persönlichkeiten aus aller Welt, alle in einem sozusagen freundschaftlichen Selbstverständnis untereinander beisammen. Und um den Geist dieser Tage einmal transparent zu machen, zum Abschluß noch eine Jury-Begründung eines dritten Preises: "Die einfache Darstellung der Komplexität menschlicher Kommunikation hat uns sehr gefallen. Und der Hund:"

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jon
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