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Leselupe.de > Science Fiction
Pauke Pauke!
Eingestellt am 29. 07. 2002 23:42


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Stakker
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Mit einem Sternchen (*) gekennzeichnete Begriffe oder Namen sind im Glossar der Geschichte erl├Ąutert.

1940
Irgendwo ├╝ber England


Einatmen... ausatmen...

Geoffrey erfreute sich an jedem Atemzug. Er war noch am Leben. Er war gesund. Und er geno├č es in vollen Z├╝gen.

Seine Gedanken kreisten. Was w├Ąre geschehen, wenn sie die Deutschen nicht verpa├čt h├Ątten? W├Ąre er in der Lage gewesen, einem kampferprobten deutschen Jagdflieger die Stirn zu bieten? H├Ątte er seinen ersten Abschu├č erzielt? Oder w├Ąre er den Banditen* zum Opfer gefallen?

Hatte er eigentlich ernsthaft an die M├Âglichkeit gedacht, bei diesem Einsatz zu sterben?

Er ├╝berlegte einen Augenblick.
Nein, er hatte keinen Gedanken daran verschwendet.
Er hatte keine Zeit gehabt, einen Gedanken daran zu verschwenden.
Eben noch hatte er w├Ąhrend der Sitzbereitschaft eine Tasse Tee genossen, im n├Ąchsten Augenblick war der Ruf „Alarm!“ ert├Ânt und er war zu seinem Flugzeug gerannt. Alle Gedanken waren kurz darauf vom Dr├Âhnen der gewaltigen Rolls-Royce-Merlin-III-Motoren verjagt worden.

Kurz nach dem Start hatte der Staffelf├╝hrer das Kommando „Freie Jagd“ verk├╝ndet. Deutsche Banditen hatten einen benachbarten Feldflugplatz angegriffen. Nun galt es, die schnellen, wendigen Messerschmitt-Jagdflugzeuge des Gegners abzufangen. Doch Geoffrey und seine Kameraden waren zu sp├Ąt gekommen. Die Krauts* hatten sich wieder aus dem Staub gemacht, waren ├╝ber den Kanal verschwunden. Die anschlie├čende Verfolgung war ergebnislos verlaufen.

Nun, nachdem der erste Adrenalinrausch vor├╝ber war, dachte Geoffrey ├╝ber seine Situation nach. Und seine Gedanken waren anfangs sehr finster gewesen. Die Krauts hatten eine Menge Kampferfahrung. Mehr Kampferfahrung, als er vielleicht jemals w├╝rde sammeln k├Ânnen. Die feindlichen Flieger waren sicherlich kaum ├Ąlter als Geoffrey, der es auf stolze 22 Lenze brachte. Doch sie hatten bereits an vielen Fronten gek├Ąmpft, w├Ąhrend er es gerade einmal auf einige Trainingsfl├╝ge in seinem Supermarine Spitfire Mk.I-J├Ąger brachte.

Inzwischen war er sich sicher, da├č man ihn vom Himmel radiert h├Ątte.

Um so sch├Âner war das Gef├╝hl, zu leben und zu atmen. Geoffreys finstere Gedanken hatten der unb├Ąndigen Freude Platz gemacht, noch am Leben zu sein. Er h├Ątte in diesem Augenblick die ganze Welt umarmen k├Ânnen!

Trotz seiner Hochstimmung achtete er peinlich genau darauf, nicht l├Ąnger als 5 Sekunden auf einer H├Âhe, in einer Richtung und mit einer Geschwindigkeit zu fliegen. Dieses neue RADAR, mit dem man feindliche Flugzeuge aufsp├╝ren konnte, schien zwar perfekt zu funktionieren, doch Geoffreys Vertrauen in die moderne Technik war nicht besonders ausgepr├Ągt. M├Âglicherweise trieb sich doch noch eines dieser deutschen Asse* hier herum und wartete nur auf die Gelegenheit, einen unerfahrenen, englischen Flugsch├╝ler vom Himmel zu holen.
Au├čerdem hatte Geoffrey keine Lust, einen Anpfiff von seinem Rottenf├╝hrer* zu kassieren.
Er dr├╝ckte den Steuerkn├╝ppel ein wenig nach vorne, um einige Fu├č an H├Âhe abzubauen. Gleichzeitig zog er den Gashebel leicht zur├╝ck, damit er im Sinkflug nicht zu schnell wurde.

Und vor ihm blitzte etwas auf.

Geoffrey blinzelte. Schaute noch einmal hin. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Eben war da noch blauer Himmel. Nun war da... etwas. Und es n├Ąherte sich.

Schnell.

Innerhalb weniger Sekundenbruchteile erkannte Geoffrey Details.

Tragfl├Ąchen. Leitwerk. Der gelb lackierte Spinner eines Propellers. Eine eckige Kabinenhaube. Die M├╝ndungen von zwei Rheinmetall-Borsig 7.9-mm-Maschinengewehren hinter dem Propeller. Die M├╝ndungen von zwei Oerlikon-20-mm-Kanonen in den Tragfl├Ąchen.

Eine Messerschmitt Bf 109 E – der Feind.

Im direkten Anflug!

Geoffrey reagierte in einer Weise, die seinen Flugausbilder mit Stolz erf├╝llt h├Ątte: Mit der linken Hand stie├č er den Gashebel nach vorne. Der Rolls-Royce-Motor donnerte los und entfaltete die geballte Kraft von 1.030 Pferdest├Ąrken. Gleichzeitig pre├čte Geoffrey seinen rechten Daumen fest auf die gro├če, rote Taste an seinem Steuerkn├╝ppel, den er im selben Moment scharf nach hinten ri├č. Im gleichen Augenblick, in dem die acht in den Tragfl├Ąchen montierten Browning-Maschinengewehre los h├Ąmmerten, b├Ąumte sich Geoffreys Spitfire auf.

„Bandit auf zw├Âlf Uhr tief*!“ schrie Geoffrey in seine Atemmaske, w├Ąhrend er den Steuerkn├╝ppel leicht nach vorne dr├╝ckte, um wieder in den Horizontalflug ├╝berzugehen. Im n├Ąchsten Moment lie├č er seinen J├Ąger nach links rollen und zog ihn dann in eine enge Kurve. Geistesgegenw├Ąrtig achtete er dabei auf seine Geschwindigkeit, denn er wollte keinen Str├Âmungsabri├č riskieren, der seine Spitfire in einen Trudelsturz gef├╝hrt h├Ątte.

„Echo zwei, hier Echo F├╝hrer.“ ert├Ânte die ruhige Stimme von Captain Timothy Davenport, dem Rottenf├╝hrer, im Bordfunk. „Ich sehe sie. Aber ich sehe keinen Banditen.“
„Er kommt genau auf sie zu, Sir!“ schrie Geoffrey zur├╝ck. „Er ist schon vorbei. Sie m├╝ssen...“
„Echo zwei!“ der scharfe Tonfall des Rottenf├╝hrers lie├č Geoffrey augenblicklich verstummen. „Hier ist kein Bandit! Ich wiederhole, kein Bandit! Das Gebiet ist feindfrei.“
Geoffrey lie├č seine Spitfire wieder in die Horizontale zur├╝ckrollen. „Aber Sir, ich habe ihn gesehen. Eine Messerschmitt. Sie kam direkt auf mich zu.“
„Sie kam direkt aus ihrer Phantasie, Echo zwei. Formation schlie├čen!“
„Jawohl, Sir.“

Erst sp├Ąt in der Nacht lie├č das Zittern nach. Dennoch fand Geoffrey keinen Schlaf. Sein Staffelf├╝hrer war au├čer sich gewesen und hatte ihm eine gewaltige Standpauke gehalten. Das Bodenpersonal, insbesondere dieser kleine, dicke Sergeant, der f├╝r die Bordwaffen zust├Ąndig war, hatte mit h├Ąmischen Kommentaren nicht gegeizt.
Das K├╝ken hatte Gespenster gesehen.
Daf├╝r mu├čte das K├╝ken nun den bitteren Spott der Adler ertragen.

Nur Captain Davenport war nicht wie ein Bluthund ├╝ber Geoffrey hergefallen. „Es war ihr erster Einsatz, Leftenant. Dieses mal sind wir ohne ein Gefecht davongekommen. Beim n├Ąchsten mal werden wir wahrscheinlich k├Ąmpfen m├╝ssen. Tun sie mir einen Gefallen, alter Junge: Schie├čen sie nicht auf jeden Lichtreflex, den sie sehen. Irgendwann k├Ânnte ich dieser Reflex sein, und das w├╝rde mir nicht gefallen. Und denken sie immer daran: Dort drau├čen passe ich auf ihre Sechs-Uhr-Position* auf. Es ist wohl nicht zu viel verlangt, wenn sie auch auf meine Sechs achten. Wir tragen die Verantwortung f├╝r einander. Vergessen sie das niemals.“

Eines wu├čte Geoffrey sicher: Da drau├čen war eine Messerschmitt gewesen. Der Staffelf├╝hrer hatte darauf gepocht, da├č der Bandit in jedem Falle vom RADAR entdeckt worden w├Ąre, doch die RADAR-Station in Dover hatte keinen Feindflieger bemerkt. Geoffreys Ansicht nach hatte dieser Deutsche eine M├Âglichkeit gefunden, das englische RADAR zu ├╝berlisten. Der Kraut war aus dem Nichts gekommen, und im Nichts verschwunden.

Geoffrey fr├Âstelte. Diese Deutschen waren z├Ąhe Hunde. Sie w├╝rden zur├╝ckkommen. Sich erneut unsichtbar anschleichen. Vielleicht w├╝rde dann eine Messerschmitt direkt hinter Geoffreys Spitfire auftauchen. W├╝rde er die Einschl├Ąge der 20-mm-Geschosse noch mitbekommen?

Er war sich nicht sicher, ob er jemals wieder in das Cockpit seiner Spitfire w├╝rde klettern k├Ânnen. Er war sich auch nicht sicher, ob er jemals wieder unbefangen den Himmel w├╝rde betrachten k├Ânnen. Diese deutsche Vernichtungsmaschine, diese spezielle Messerschmitt Bf 109-E, w├╝rde ihn sein Leben lang verfolgen.
Er mu├čte sie abschie├čen.
Aufsp├╝ren und vernichten.
Erst dann w├╝rde er wieder gelassen dem n├Ąchsten Tag entgegen blicken k├Ânnen.

Den Anblick des blauen Himmels und der Sonne w├╝rde er erst dann wieder genie├čen k├Ânnen.

Heute
Irgendwo in London


Basils Kopf war prall gef├╝llt mit Luftk├Ąmpfen.

Spitfires und Messerschmitts, sich ├╝berkreuzende Bahnen von Leuchtspurgeschossen, englische Kokaden und deutsche Balkenkreuze.

Der Regen prasselte auf seine kurz geschorenen, knallrot gef├Ąrbten Haare, w├Ąhrend er sich dem Gamer‘s Point n├Ąherte. Die Abs├Ątze seiner schwarzen, spitz zulaufenden Stiefel klapperten auf dem gl├Ąnzenden Asphalt. Seine engen Jeans waren v├Âllig durchn├Ą├čt und klebten bereits an seinen Beinen.
Er achtete nicht darauf und ignorierte den Regen. Er dachte nur an das Dr├Âhnen der Motoren und den Donner der Maschinengewehre. Nur noch wenige Schritte, dann konnte der Kampf beginnen.

Mit einem energischen Ruck stie├č Basil die T├╝r des Gamer’s Point auf und betrat die Spielhalle. Das Grau des Himmels wich bunten Neonfarben und rei├čerischen Leuchtreklamen. Rasch durchquerte er den Vorraum. Der fette Elgin thronte wie immer auf einem Barhocker hinter der Theke. Allzeit bereit, mi├čmutig einige Scheine in Kleingeld umzuwechseln.
„Hi Wamba!“ rief Basil, ohne seine Schritte zu verlangsamen. Er rechnete nicht mit einer Antwort. Elgin blickte nicht einmal von dem „Aliens vs. Predator“-Comic auf, das er gerade las. Elgins gemurmeltes „Arschloch!“ h├Ârte Basil nicht.

Den n├Ąchsten Raum, in dem sich die Pool- und Snookertische befanden, passierte Basil ebenso schnell wie den Vorraum. Die beiden P├Ąrchen, die eine Viererpartie Pool spielten, beachtete er nicht. Dann betrat er endlich das Allerheiligste: Die abgedunkelte Videohalle.
Genau genommen befanden sich in dem gro├čen, langgezogenen Raum nicht nur Videospielautomaten. Gleich rechts neben dem Durchgang waren einige Geldspielautomaten aufgeh├Ąngt. Die komplette rechte Seitenwand wurde von einer Reihe von Flippern beherrscht. Linker Hand hatte man die Videospiele aufgebaut. Automat an Automat. Es erinnerte an eine Perlenschnur. Gl├Ąnzende, flackernde, bunte Perlen.

Das eigentliche Heiligtum befand sich auf einem Podest an der gegen├╝berliegenden Seite des Raumes: Der „Dogfight“*.

Eine stromlinienf├Ârmige, in Tarnfarben lackierte Kabine. Eingebettet in gro├če, ringf├Ârmige Aufh├Ąngungen, die 360┬░-Drehungen in alle Richtungen zulie├čen und beinahe bis unter die hohe Decke des Gamer’s Point reichten. Prall gef├╝llt mit der fortschrittlichsten Videospieltechnik, die auf dem Markt erh├Ąltlich war. Vollgepackt mit Action, Abenteuer, Grafik und Sound. Bereit, den Spieler f├╝r den Preis von einem Pfund mitten in die legend├Ąre Luftschlacht um England zu versetzen.

Im Augenblick war der „Dogfight“ nicht besetzt. Die Haube der Kabine war ge├Âffnet und gew├Ąhrte einen Blick auf einen mit gelben Hosentr├Ągergurten best├╝ckten Schalensitz. Vor dem Sitz ragte ein bulliger, mit zwei roten Tasten versehener Steuerkn├╝ppel, wie ein Zepter empor. Ein zweiter Hebel war an der linken Seite des Sitzes montiert. ├ťber den Steuerkn├╝ppel waren ein Paar Datenhandschuhe und ein schwerer Helm drapiert. Ein B├╝ndel von Glasfaseroptik-Kabeln verband Helm und Handschuhe mit der Kabine. Direkt vor der Kabine befand sich ein gewaltiger Flatscreen, auf dem die Zuschauer das aktuelle Kampfgeschehen aus der Sicht des Piloten verfolgen konnten.

Vor dem Flatscreen hatte sich eine Gruppe von f├╝nf hitzig diskutierenden Teenagern versammelt – der einzige Grund, der Basil davon abhielt, bewundernd vor dem „Dogfight“ auf die Knie zu sinken. Au├čerdem war da noch Fuzzy, der ruhige Opa, der am Ende jedes Monates hier auftauchte, um die ├ťberreste seiner Rente an den Geldspielautomaten zu verlieren. Seinen Spitznamen hatte Fuzzy wegen seines langen, struppigen Bartes erhalten, der ihm eine gewisse ├ähnlichkeit mit dem tolpatschigen Western-Bl├Âdel verlieh. Entweder ging es dem Alten momentan finanziell recht gut, oder er hatte ebenfalls Gefallen am „Dogfight“ gefunden. Seit der neue Automat hier aufgetaucht war, traf man Fuzzy beinahe t├Ąglich im Gamer’s Point an.

Basil verlangsamte seine Schritte. Er war das amtierende „Ace of Base“ – der Rekordhalter bei „Dogfight“. Eile war seiner nicht w├╝rdig! Also schlenderte er zu einem „Terminator III“-Flipper, der direkt neben dem „Dogfight“ aufgestellt war, und lehnte sich l├Ąssig an die Maschine. Die Teenager waren in ihre Diskussion vertieft und hatten Basil noch nicht bemerkt.

„...die Heinkel HE-111* war Schei├če! Viel zu langsam...“
„...die Focke Wulf 190* fr├╝her in Serie gebracht, w├Ąre die Sache ganz anders...“
„...Hawker Hurricane*? Kein Vergleich zur Spitfire!...“
„...dann hole ich auch Hartmann* vom Himmel...“

Basil folgte der Diskussion eine Weile. „Dogfight“ hatte ihn animiert, sich mit der Luftschlacht um England auseinanderzusetzen. Inzwischen war er mit den technischen Daten und geschichtlichen Hintergr├╝nden sehr vertraut. Diese Teenies waren ebenfalls von „Dogfight“ beeindruckt und kannten wohl auch einige Details. Doch das umfassende, fundierte Know-How fehlte ihnen offensichtlich.

„...einfach nach unten weg tauchen und dann scharf hoch ziehen. Dann kommt die ME nicht mehr mit!“

Ein breites Grinsen machte sich auf Basils Gesicht breit. Der schm├Ąchtige, strohblonde Junge hatte gerade das richtige Stichwort geliefert. Basil entschied, da├č es an der Zeit war, sich in Szene zu setzen.
Er rief laut: „Schwachsinn!“
Augenblicklich verstummten alle Gespr├Ąche. Nur das unabl├Ąssige, elektronische Dudeln der Spielautomaten war zu h├Âren.
F├╝nf jugendliche Augenpaare starrten Basil an. Sie warteten auf eine Erkl├Ąrung. Basil stie├č sich locker von dem Flipper ab und begann, in einem Halbkreis vor den Teenies auf und ab zu gehen.
Dabei dozierte er: „Das Wegtauchen mit einer Spitfire war alles andere als einfach. Denn: Der Rolls-Royce-Motor der Spitfire war mit einem Vergaser ausgestattet. Wenn die Maschine zu schnell H├Âhe abbaute, konnte der Vergaser wegen der negativen G-Kr├Ąfte* nicht genug Luft ansaugen und der Motor soff ab.“
„Ja, aber beim Spiel...“ hakte der blonde Junge ein.
„Vergi├č es!“ rief Basil aus. „Es ist naturgetreu umgesetzt! Die Programmierer haben an alles gedacht. Um weg zu tauchen, mu├č man im Spiel die Spitfire zuerst auf den R├╝cken legen. Wenn du es auf andere Weise versuchst...“ Basil klatschte fest in die H├Ąnde. „Bumm! Game over.“
Der Blonde schaute ihn verunsichert an. „Echt?“
„Echt.“
Basil dozierte weiter: „Die Bf 109 hatte diese Probleme nicht. Sie verf├╝gte ├╝ber eine Einspritzpumpe. Der Motor konnte nicht absaufen.“

Er hatte sich warm geredet. Nun wollte er diesen kleinen Besserwissern eine Lektion erteilen, die volle Lebenserfahrung seiner stolzen 21 Lebensjahre ausspielen. Auf Konfrontation eingestellt, plapperte er munter drauf los: „Die Bf 109 war der Spitfire ohnehin ├╝berlegen. Wir h├Ątten damals keine Chance gehabt, wenn die Tanks der 109 nicht zu klein gewesen w├Ąren. Zwei Minuten Luftkampf, mehr war nicht drin. Dann mu├čten die Deutschen sich zur├╝ckziehen. Ansonsten w├Ąren sie in den Kanal gest├╝rzt. W├Ąren die Tanks etwas gr├Â├čer gewesen, w├╝rden wir heute nicht mehr Englisch sprechen.“
„Der ‚Dogfight‘ sagt was anderes.“ meinte der Blonde halbherzig.
Basil beugte sich vor. Er ├╝berragte den Jungen um mehrere Zentimeter, und seine breiten Schultern isolierten den Kleinen beinahe v├Âllig von dessen Kameraden.
Basil fl├╝sterte: „Ach ja? Und was sagt er denn so?“
Der Teenie trat verlegen von einem Fu├č auf den anderen. „Die Spitfire ist viel besser.“
„Welche Seite hast du gespielt?“ fragte Basil, ohne seine Haltung und seinen Tonfall zu ver├Ąndern.
„Die deutsche.“ antwortete der Blonde kleinlaut.
„Bis zu welchem Level?“
„Vier.“
„Abgeschossen worden?“
„M-hm.“
Basil richtete sich auf, trat an den Teenie heran und legte ihm in gespielter Freundschaft die rechte Hand auf die Schulter.
„Das liegt nicht daran, da├č sie Spitfire besser ist als die ME.“ s├Ąuselte Basil in freundlichem Tonfall.
Der Blonde schaute ihn eingesch├╝chtert an.
„Das liegt daran, da├č Du ein beschissener Pilot bist.“ sagte Basil laut. „Ich spiele nur auf unserer Seite. Weil ich eine Herausforderung brauche. W├╝rde ich auf Seite der Deutschen spielen, dann h├Ątte ich schon l├Ąngst den 10. Level hinter mir.“
Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Junge konterte: „Das hat noch niemand geschafft. Ich wette, du schaffst es auch nicht. Egal, welche Maschine du fliegst.“
Basil lie├č von dem Blonden ab und wandte sich seinem Herausforderer zu. „Wenn du m├Âchtest, dann beweise ich es dir. Die Wette nehme ich an.“
„Okay“, erwiderte der Junge und kramte aus seinen Hosentaschen einige Banknoten hervor. „F├╝nf Pfund. Mehr habe ich nicht. Aber die setze ich gerne auf unsere Flugzeuge.“
Unruhiges Gemurmel brach aus.
„Damit w├Ąre mein Abend gerettet.“ sagte Basil grinsend und streckte dem Jungen die Hand hin. „Schlag ein!“

Der Junge schlug ein.
„Aber das Spiel zahlst du bittesch├Ân selbst.“
„Gerne doch.“ erwiderte Basil sp├Âttisch. „Und du pa├čt inzwischen auf meinen Jacke auf.“
„Gerne doch.“ gab der Junge frech zur├╝ck.
Basil quittierte diese Bemerkung mit einem herablassenden L├Ącheln und streifte seine abgewetzte, schwarze Lederjacke ab. Der junge Bengel nahm das Kleidungsst├╝ck mit einer sp├Âttischen Verneigung entgegen und legte es auf dem „Terminator“-Flipper ab.

Wenige Minuten sp├Ąter sa├č Basil fest angeschnallt im Schalensitz des „Dogfight“ und zog die Datenhandschuhe ├╝ber seine H├Ąnde. Ein Pfund in M├╝nzen hatte bereits seinen Weg in den Geldeinwurfschlitz des Automaten gefunden.
„Dann wollen wir mal...“
Er warf den Teenies ein letztes, siegessicheres Grinsen zu. Dann schickte er sich an, den Helm ├╝ber seinen Kopf zu st├╝lpen.
In diesem Augenblick ert├Ânte eine verrauchte, zerknitterte Stimme:

„Pauke Pauke!“

Basil blickte irritiert auf. Sein Blick fiel auf Fuzzy, der sich von den Geldspielautomaten abgewandt hatte und zum „Dogfight“ schaute.
„Das haben die Krauts immer gesagt, wenn sie einen Luftkampf angezettelt haben. ‚Wir machen Pauke Pauke‘. Und uns haben sie ‚Indianer‘ genannt.“ rief Fuzzy aus.
„Stimmt!“ gab Basil ├╝berrascht zur├╝ck. Er hatte nicht damit gerechnet, da├č der b├Ąrtige Opa ein Veteran war. Er zog den Helm ├╝ber seinen Kopf, wobei er peinlich genau darauf achtete, da├č sein Augenbrauenpiercing nicht im Weg war. Dann befestigte er den Kinnriemen. Die beiden winzigen, vor seinen Augen angebrachten Displays erzeugten ein 3D-Stereobild*. Es zeigte eine Luftkampfszene. Basil bewegte seinen Kopf. Der Helm registrierte die Bewegung und pa├čte das Bild flie├čend an. Basil hatte den Eindruck, sich mitten in einer eingefrorenen Schlachtszene zu befinden.

Er richtete seinen Blick nach vorne. Dort schienen Worte in der Luft zu schweben:

„Bitte w├Ąhlen Sie ihr Flugzeug mit dem Joystick. <Feuer 1> zum Best├Ątigen.“

Basil packte den Steuerkn├╝ppel und bewegte ihn leicht. Ein kleiner Mauszeiger erschien und wanderte durch die Szenerie. Basil man├Âvrierte den Zeiger mit Hilfe des Steuerkn├╝ppels ├╝ber eine Messerschmitt und dr├╝ckte die vordere Feuertaste.

„Vielen Dank! Dann woll’n wir’s den Tommies* mal zeigen!“ ert├Ânte eine schneidende Stimme mit einem unverkennbaren, deutschen Akzent in den Kopfh├Ârern, die in die Seitenteile des Helms integriert waren. Im gleichen Augenblick begann die Kabinenhaube, sich zischend zu schlie├čen.

„Okay Fuzzy!“ rief Basil aus. „Jetzt machen wir ein bi├čchen Pauke Pauke!“
„Ich hei├če nicht Fuzzy!“ Die Stimme des Alten wurde durch den Helm ged├Ąmpft. „Mein Name ist...“

Die Haube schlo├č sich und blendete alle Ger├Ąusche von au├čen aus.

Basils private Luftschlacht um England begann.

Sp├Ąter
Gamer’s Point
Videohalle


Die beiden P├Ąrchen hatten inzwischen die letzte Pool-Partie beendet und betraten neugierig die Videohalle, angelockt durch die vielen ├╝berraschten Aufschreie, den sporadisch ert├Ânenden Applaus und das Rasseln und ├ächzen der „Dogfight“-Kabine.
Die Teenager verfolgten die Luftschlacht gebannt am Flatscreen. Das Geschehen dort hatte sogar Fuzzy von seinen geliebten Geldspielautomaten fort gelockt. Die „Dogfight“-Kabine schlingerte wild hin und her und ├╝berschlug sich, wenn Basil eine Rolle oder einen Looping flog.
„Wahnsinn!“ rief einer der Teenies begeistert aus. „Level neun! Das gibt’s nur selten!“
„Deine f├╝nf Pfund bist du los, Donnie.“ warf ein anderer ein.
„Vergi├č‘ es.“ erwiderte Donnie, Basils Herausforderer. „Der hat’s schon oft bis Level neun geschafft. Ich geb‘ ihm noch zwei Minuten, dann bei├čt er in’s Gras.“

Im Inneren der Kabine schwitzte Basil aus allen Poren. Level neun war auf englischer Seite nicht zu schaffen. Auf deutscher Seite war es etwas einfacher, doch es kam erstmals das hinzu, was Basil als „Zeitstre├č“ bezeichnete: Die Dauer des Levels war auf 4 Minuten begrenzt. Basils Aufgabe war es, Geleitschutz f├╝r ein Bombergeschwader zu fliegen. Mindestens 70% der Bomber mu├čten das Angriffsziel unbesch├Ądigt erreichen und 60% der feindlichen Maschinen mu├čten zerst├Ârt werden.

Das Angriffsziel war London.

Beinahe eine volle Minute lang umkreiste Basil in der virtuellen Welt den Bomberschwarm und hielt nach Feindfliegern Ausschau. Die ultrarealistische 3D-Grafik w├╝rdigte er inzwischen kaum noch. Es kam ihm nur noch darauf an, seine Wette zu gewinnen.

„Achtung, Katschmarek!*“ ert├Ânte die Stimme des Rottenf├╝hrers in Basils Kopfh├Ârern. „Indianer, zwei Uhr hoch, direkt aus der Sonne. Wir machen Pauke Pauke!“
Basil blickte in die angegebene Richtung. Tats├Ąchlich, da kamen sie. Winzige Punkte am Himmel. Viele winzige Punkte.
Es wirkte wie ein Fliegenschwarm.
Der Schwierigkeitsgrad war auch auf der Seite der Deutschen aberwitzig. Doch dieses mal hatte Basil ein gutes Gef├╝hl. Wenn er es heute nicht bis in den zehnten Level schaffte, dann w├╝rde er es niemals schaffen. Und er hatte mit seiner k├╝hnen Behauptung Recht behalten: Die Messerschmitt war tats├Ąchlich besser zu handhaben als die Spitfire. Die bislang l├Ąngste Liste von Absch├╝ssen belegte dies.
Basil ri├č den Steuerkn├╝ppel zur Seite. Die Kabine rollte und bockte leicht. Dann befand er sich mitten unter den Spitfires und pre├čte seine Finger auf die Feuertasten. Die automatischen Waffen der Messerschmitt r├Âhrten los...

Der Kampf war kurz, hart und brutal. Basil war gerade dabei, sich die siebte Spitfire zum Abschu├č zurechtzulegen, als seine Maschine pl├Âtzlich in den Horizontalflug ├╝berging.
„Gl├╝ckwunsch, Herr Hauptmann!“ ert├Ânte die Stimme des Rottenf├╝hrers in den Kopfh├Ârern. „Da habense den Tommies mal gezeigt, was ne Harke ist. 72% der Bomber haben’s bis zum Ziel geschafft. Nun aber ab nach Hause, bevor der Sprit ausgeht. Mission erf├╝llt! Daf├╝r gibt’s das EK I*.“
Basil erlebte in diesem Augenblick, was es hie├č, sich unbesiegbar zu f├╝hlen.
Er schrie aus vollem Halse: „LEVEL ZEHN!“ – und verstummte augenblicklich, um die Vorbesprechung zur n├Ąchsten und letzten Mission nicht zu ├╝bert├Ânen.

Die Displays im Helm wurden unvermittelt schwarz. Im gleichen Augenblick ert├Ânte eine ruhige Stimme: „Stufe zehn. Pilot. Nun sind sie auf sich alleine gestellt.“ Basil war verwirrt. Was sollte das denn nun bedeuten?

Als die Displays wieder aufblendeten, war Basil ├╝berw├Ąltigt. Eine derart realistische Grafik hatte er noch nie gesehen! Auch der Sound hatte sich ver├Ąndert. Das Dr├Âhnen des Motors klang kerniger, und das leise Pfeifen des Windes an der Kabinenhaube war vorher nicht da gewesen. Basil meinte sogar, einen metallischen Geruch wahrzunehmen.
Er lie├č seinen Blick durch das Cockpit schweifen. Alles schien greifbarer, realer.
F├╝r einen Augenblick war er sich sicher, da├č er in der Lage gewesen w├Ąre, die Schalter am Armaturenbrett nicht nur durch pantomimische Gesten mit den Datenhandschuhen zu bet├Ątigen.
Er war sich sicher, da├č er die Schalter auch f├╝hlen konnte.

Er mu├čte es einfach ausprobieren.
Vorsichtig streckte er seine Hand nach dem Schalter f├╝r die Gemischverstellung aus.

Dieser kurze Augenblick der Unaufmerksamkeit kostete ihn das Spiel!

Als sein Finger nur noch wenige Millimeter von dem Schalter entfernt war, ert├Ânte ein ohrenbet├Ąubender Knall.
Basil schreckte hoch. Das letzte, was er sah, war die Unterseite einer Spitfire, die scharf vor ihm hochzog. Dann wurden die Displays schwarz. In den Lautsprechern knackte es einige Male, und der Sound verstummte. Die Kabine rollte kraftlos in die Horizontallage.
Etwas Hei├čes, Schmieriges klatschte gegen sein Kinn und bei├čender Geruch stieg ihm in die Nase. Er schrie laut auf und nestelte am Kinnriemen des Helms herum.
Schlie├člich gelang es ihm, den Verschlu├č zu ├Âffnen und den Helm von seinem Kopf zu rei├čen. Er lie├č ihn achtlos fallen und ri├č sich die Datenhandschuhe von den H├Ąnden. Dann wischte er sich energisch ├╝ber das Gesicht, um die hei├če Schmiere zu entfernen.
Das Innere der Kabine stank inzwischen penetrant nach verbranntem Plastik. Von au├čen drangen ged├Ąmpfte Schreie an Basils Ohren.
Er griff blindlings nach oben, bekam den Notfallgriff zu fassen, mit dem sich die Kabine manuell ├Âffnen lie├č, und zog heftig daran. Die Kabinenhaube glitt widerstandslos nach hinten, w├Ąhrend Basil auf den Schnellverschlu├č der Hosentr├Ągergurte schlug und sich so rasch wie m├Âglich aus dem Schalensitz schwang.

„Was war denn...“ rief er aus – und verstummte sofort. Zu seiner Verwunderung schenkte ihm keiner der Anwesenden auch nur die geringste Aufmerksamkeit. Statt dessen waren die Blicke aller auf die Flipperautomaten gerichtet. D├╝nner, wei├čer Rauch kr├Ąuselte sich in der Luft.
Basil wandte sich zum „Dogfight“ um.
Auf den ersten Blick schien der Automat unversehrt. Dann entdeckte er das ausgezackte Loch am hinteren Ende der Kabine. Irgend etwas war hier wohl mit gro├čer Wucht eingeschlagen.
K├Ąlte breitete sich in Basil aus. Wenn etwas von hinten in die Kabine hinein geflogen war...
Er blickte in das Innere. Neben dem Schalensitz war ebenfalls ein Loch zu erkennen. Sein Blick wanderte nach links. Auch in die vorderen Verschalung der Kabine war ein Loch gestanzt.
Die innere K├Ąlte wurde intensiver.
Mit unsicheren Schritten tappte er zur Front der Kabine. Diese fand er unversehrt. Was immer den Automaten getroffen hatte, es war nur Zentimeter an Basils Kopf vorbei geschossen und dann wohl im vorderen Bereich der Kabine stecken geblieben.
Basils Blickfeld verengte sich. Die Farben verbla├čten.
„Schei├če“, dachte er, „ich kippe um.“

In diesem Augenblick ert├Ânte Elgins Stimme vom Eingang der Videohalle: „Jesus, Maria und Josef, der Zimmermann! Was zur H├Âlle ist denn hier passiert?“
Der Schreck brachte Basils Kreislauf schlagartig in Schwung. Er wandte sich zu Elgin um – ebenso wie alle anderen Anwesenden.
„Der Terminator-Flipper...“ stammelte Donnie. „Er... er ist einfach zerplatzt.“
Elgin stapfte sofort in Richtung des Flippers los. „Wollt ihr mich verarschen?“ br├╝llte er unterwegs. „Flipper platzen nicht einfach. Was habt ihr Idioten damit gemacht?“
Basil schaute sich den Flipper an. Das Glas der Anzeigetafel wies ein gro├čes Loch auf. Alle Lichter des Automaten waren erloschen.
„Heilige Schei├če!“ schrie Elgin in h├Âchstem Falsett, nachdem er den Flipper inspiziert hatte. „Das darf doch nicht wahr sein! Habt ihr Bl├Âdm├Ąnner da rein geschossen, oder was?“
„Hey Wamba.“ rief Basil, der inzwischen seine Sprache wieder gefunden hatte. „Den ‚Dogfight‘ hat’s auch erwischt.“
Elgin fuhr herum und musterte Basil.
„Wie siehst du denn aus, du Punk?“
Basil blickte verwirrt an sich hinunter. Sein ehemals wei├čes T-Shirt war ├╝ber und ├╝ber mit einer schwarzen, klebrigen Fl├╝ssigkeit besudelt. Vermutlich das gleiche Zeug, das in sein Gesicht gespritzt war. Er ber├╝hrte die Schmiere vorsichtig mit dem Zeigefinger. Sie war noch immer warm und verstr├Âmte einen bei├čenden Geruch.
„Das... ich wei├č nicht... vielleicht ist das Hydraulik├Âl vom Automaten...“ stammelte er.
„Schei├čdreck!“ schrie Elgin zur├╝ck. „Das Ding hat keine Hydraulik...“

Dann entdeckte Elgin das Loch in der Kabine.
Er erstarrte.
„Jetzt werd‘ ich aber verr├╝ckt.“ fl├╝sterte er gef├Ąhrlich leise.
Im n├Ąchsten Moment ging er mit fliegenden F├Ąusten auf Basil los.
„Du Schei├č-Punker! Du verdammter Chaot! Du hast meinen besten Automaten ruiniert!“
Die Zuschauer wichen erschrocken zur├╝ck. Innerhalb weniger Sekunden hatte Elgin den v├Âllig ├╝berraschten Basil erreicht und krallte seine feiste Hand in dessen besudeltes T-Shirt. Eine Naht ri├č deutlich h├Ârbar.
„Ich hau‘ dir derma├čen in die Schnauze, da├č dich deine Mutter nicht mehr erkennt!“ pl├Ąrrte der Dicke.
Im gleichen Augenblick flackerten Basils Augen ├Ąrgerlich auf. Er trat mit dem rechten Bein einen Schritt zur├╝ck und versetzte Elgin einen ansatzlosen, harten Schlag in die Magengrube. Seine Faust verschwand bis zum Handgelenk in den Fettmassen.
Wie ein Teekessel pfeifend ging Elgin zu Boden.

Basil bebte vor Zorn.
„Ich hab‘ hier gar nichts kaputt gemacht! Dein d├Ąmlicher Flipper h├Ątte mich beinahe gekillt, du Arschloch!“ schrie er wie von Sinnen. „Schau dir die Schei├če doch mal an! Du kannst mich mal, du fettes Schwein. Ich werd‘ dich verklagen, bis dir schwarz vor Augen wird.“
Er wandte sich um, stapfte zum zerst├Ârten Flipper hin├╝ber und packte seine Lederjacke. Die Wut lie├č seine H├Ąnde zittern. Aus den Augenwinkeln nahm er Fuzzy wahr, der sich an der Wand hinter dem Flipper zu schaffen machte.
Ohne einen weiteren Gedanken an das verschmierte T-Shirt zu verschwenden, zog sich Basil die Jacke ├╝ber. Als er sich zum Gehen wandte, stand Donnie vor ihm und streckte ihm einige Banknoten hin.
„Schei├čspiel, Ace. Aber Wette ist Wette, und du hast gewonnen.“
Basil blickte ihn einen Moment lang ungl├Ąubig an. Dann schob er Donnies Hand zur├╝ck. „La├č‘ mal stecken, Kleiner. Ist schon gut...“
Im n├Ąchsten Augenblick legte sich Fuzzys Hand sanft auf seinen Unterarm. Basil erschrak und drehte sich ruckartig zu dem Alten um.
„Hier, Junge.“ Der Alte dr├╝ckte einen kleinen, harten Gegenstand in Basils Hand. „Das hat dich getroffen.“
Basil schaute sich den Gegenstand an. Es handelte sich um einen bis zur Unkenntlichkeit deformierten Klumpen Metall.
Fuzzy r├╝ckte dicht an ihn heran.
„La├č‘ besser die Finger von diesem Teufelsspiel.“ kr├Ąchzte er. Dann wandte er sich um und schlurfte davon.

Basil blieb v├Âllig verwirrt zur├╝ck. Eines wu├čte er sicher: Er w├╝rde nie wieder einen Fu├č in diese Spielhalle setzen.

Auf dem Weg zum Ausgang traf Fuzzy den blonden Jungen, der aufgeregt auf einen anderen Teenager einredete.
„Mann, hast du das gesehen? Level zehn, ohne jede Probleme. Sobald der ‚Dogfight‘ wieder in Ordnung ist, klemme ich mich ran. Und wenn mein ganzes Taschengeld dabei draufgeht. Das schaffe ich auch. Und dann werde ich nicht pennen, sondern die Spitfires abknallen. Hast du die Grafik gesehen? Das ist...“
Fuzzy tappte weiter.

Wenige Minuten sp├Ąter
„Fuzzys“ Wohnung


Auf dem Nachhauseweg hatten ihn die Erinnerungen geplagt.
Vor seinem geistigen Auge lief immer wieder die gleiche Szene ab...

greller blitz auf drei uhr
vorbei zischende leuchtspurgeschosse
die maschine seines fl├╝gelmannes zerbricht
eine abgerissene tragfl├Ąche wirbelt davon
die spitfire des fl├╝gelmannes montiert ab*
eine abdrehende messerschmitt
eine scharfe wende
den finger am abzug
feuerbereit
die rauchspur der abst├╝rzenden spitfire teilt den blauen himmel in zwei h├Ąlften

keine messerschmitt

nichts

nicht das geringste

das radar in dover hat keine feindflieger bemerkt

„es war ein unfall.“ sagt der geschwaderkommodore sp├Ąter. „materialerm├╝dung. verdammte schlamperei des bodenpersonals...“


Fuzzy schlurfte durch sein Wohnzimmer zur „Kriegsecke“. So hatte seine geliebte Beth die Bildergalerie stets genannt, die Fuzzy in einer Ecke des Zimmers angelegt hatte. Seit Beths Tod sprach Fuzzy mit den Bildern seiner gefallenen Kameraden. Andere Freunde waren ihm nicht geblieben.

Er nahm eines der Fotos von der Wand und trug es zum Couchtisch. Dort l├Âste er das Bild vorsichtig aus dem Rahmen. Es zeigte einen ernst blickenden, jungen Mann im Cockpit einer Spitfire. Ein Teil des Flugzeugrumpfes war zu sehen, auf dem eine Reihe von f├╝nf deutschen Balkenkreuzen angezeichnet war – die Anzahl der deutschen Flugzeuge, die der Pilot abgeschossen hatte.
Mit Hilfe eines wei├čen Abdeckstiftes und eines schwarzen Filzschreibers f├╝gte Fuzzy vorsichtig ein weiteres Balkenkreuz hinzu. Dann schaute er sich das Foto intensiv an.

„Den Abschu├č hast du dir verdient, alter Junge.“ kr├Ąchzte er. „Ich habe es geahnt. Frag‘ mich nicht warum. Ich habe es einfach geahnt. Hab‘ sogar das alte Browning-Gescho├č aus der Wand puhlen k├Ânnen. Ich hab’s dem Jungen geschenkt, den du abgeschossen hast. Als Andenken.“
Er lachte kurz auf.
„Wei├čt du, wer diesen teuflischen Spielautomaten gebaut hat? Eine deutsche Firma. Sie hat so einen modernen Namen, den kein Mensch aussprechen kann.“
Er schob das Bild wieder in den Rahmen zur├╝ck und trug es zu seinem angestammten Platz an der Wand. Dort hatte das Bild im Laufe der Jahre einen rechteckigen, wei├čen Fleck auf der vergilbten Tapete hinterlassen. Er h├Ąngte das Bild auf und achtete sorgf├Ąltig darauf, da├č es korrekt ausgerichtet war. Dann trat er einen Schritt zur├╝ck und betrachtete die Fotografie erneut.

„Ich hab‘ bei denen angerufen. Hatte einen jungen Mann dran, der ausgezeichnetes Englisch sprach. Er hat mir erz├Ąhlt, da├č der Automat ein ‚Prototyp‘ ist. Ich glaube, das hei├čt, da├č es nur einen einzigen gibt. Stell‘ Dir vor: Die haben ausgelost, in welcher Spielhalle das Ding aufgestellt wird. Der Kerl erz├Ąhlte, man habe sich sehr gefreut, da├č das Los auf eine Spielhalle in England fiel. Ich hab‘ ihn gefragt, was sie mit diesem Ding planen. Wei├čt du, was er gesagt hat? Er sagte: ‚Wir wollen Marktf├╝hrer werden.‘“
Er lie├č ein weiteres, freudloses, holperndes Lachen ert├Ânen.
„Marktf├╝hrer! Was f├╝r ein Witz! Dann hat er erz├Ąhlt, da├č sie planen, diese Automaten ├╝berall aufzustellen. Sie wollen au├čerdem noch einen Automaten bauen, mit dem man Panzerschlachten spielen kann. Das Gr├Â├čte war aber, da├č dieser Mensch meinte, man k├Ânne mit diesen Automaten ‚die Geschichte neu schreiben.‘“

Sein Lachen erstarb.
„Ich hab‘ Angst, alter Junge. Seit heute wei├č ich, da├č dieser Mann nicht gelogen hat. Die k├Ânnen das wirklich. Irgendwie haben die einen Weg gefunden, zur├╝ck zu gehen. Und diese verdammten Krauts haben daf├╝r gesorgt, da├č nur die Besten zur├╝ck gehen k├Ânnen.“
Er senkte resigniert seinen Blick.
„Wenn diese Automaten in der ganzen Welt aufgestellt werden, dann kann ich sie nicht aufhalten. Es hei├čt zwar, da├č die Zeit alle Wunden heilt. Aber vielleicht haben die Krauts einen Weg gefunden, doch noch zu gewinnen. Wenn das wirklich so ist, dann bringe ich mich um.“

Er griff in das Innenfutter seiner speckigen Jacke, die er noch nicht abgelegt hatte, und zog einen alten Offiziersrevolver hervor.
„Ach Geoffrey, wenn du doch nur bei mir sein k├Ânntest!“
Er ├╝berpr├╝fte den Ladezustand des Revolvers, wie er es schon so oft getan hatte.
„Ich glaube, ich habe heute den Jungen gesehen, der dich abgeschossen hat, Geoffrey. Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Ich werde ihn beobachten.“

Er wandte sich von dem Bild ab und ging zur K├╝che, um sich einen Tee aufzubr├╝hen. Den Revolver legte er vorsichtig auf dem Couchtisch ab.
„Wenn dieser kleine Blonde derjenige ist, f├╝r den ich ihn halte, dann knalle ich ihn ab. 1941 habe ich es nicht geschafft. Aber heute werde ich es schaffen. Ich hab‘ dir versprochen, auf deine Sechs-Uhr-Position aufzupassen, Geoffrey, und dieses Versprechen halte ich. Auch wenn ich die Welt vielleicht nicht retten kann – ich rette zumindest dich, mein Freund. Der alte Timothy pa├čt auf dich auf...“

Ende

Glossar

- Banditen: Englischer Spitzname f├╝r feindliche Flugzeuge

- Krauts: Englischer Spitzname f├╝r deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg

- As: Erfolgreicher Jagdflieger, der viele Absch├╝sse vorweisen kann. Ace of (the) base bezeichnete den erfolgreichsten Flieger des Geschwaders. Sp├Ąter eine Popgruppe...

- Rotte: Eine aus zwei Flugzeugen bestehende Gruppe; die kleinste Einheit in einem Geschwader, bestehend aus dem Rottenf├╝hrer und dem Fl├╝gelmann (bei den deutschen Jagdfliegern auch Katschmarek genannt).

- Uhrzeitangaben („...zw├Âlf Uhr tief...“): In diesem Fall Positionsangaben. „Zw├Âlf Uhr“ bedeutet, da├č sich ein Flugzeug direkt vor der eigenen Maschine befindet. „Drei Uhr“ bedeutet, da├č sich ein Flugzeug genau rechts von der eigenen Maschine befindet usw. Die Angaben „hoch“ oder „tief“ beziehen sich auf die H├Âhe des anderen Flugzeuges relativ zur eigenen Maschine.

- Sechs Uhr: Die Position genau hinter der eigenen Maschine. Im Luftkampf die gef├Ąhrlichste Position, die ein Feindflugzeug einnehmen kann.

- Dogfight: Englischer Begriff f├╝r „Luftkampf“.

- Heinkel HE-111: Zweimotoriger, deutscher Bomber im Zweiten Weltkrieg.

- Focke Wulf 190: Deutsches Jagdflugzeug im Zweiten Weltkrieg.

- Hawker Hurricane: Englisches Jagdflugzeug im Zweiten Weltkrieg.

- Hartmann: Gemeint ist hier Erich „Bubi“ Hartmann, ein erfolgreicher, deutscher Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg. ├ťber ihn wurde ein Buch mit dem Titel „Holt Hartmann vom Himmel!“ verfa├čt.

- G-Kr├Ąfte: Ma├čeinheit f├╝r die Erdbeschleunigung. 1 G entspricht der einfachen Erdanziehungskraft, der wir st├Ąndig ausgesetzt sind.

- Stereobild: „Echte“ 3D-Darstellung. Es werden zwei Bilder einer dreidimensionalen Szene erzeugt. Eines f├╝r das rechte, eines f├╝r das linke Auge. Dieser Effekt wird unter anderen in den IMAX-Kinos oder am PC mit dem „Elsa-3D-Revelator“ umgesetzt.

- Tommies: Deutscher Spitzname der englischen Soldaten.

- Katschmarek: G├Ąngiger deutscher Spitzname f├╝r den Fl├╝gelmann des Rottenf├╝hrers.

- EK I („Eisernes Kreuz Erster Klasse): Begehrtes deutsches Ehrenabzeichen im Zweiten Weltkrieg.

- Abmontieren: Anderer Ausdruck f├╝r „Abst├╝rzen“.

Vielen Dank an:

Gaby, f├╝r das unerm├╝dliche Korrekturlesen und die Motivation. Und daf├╝r, da├č Du Du bist
Pitti, f├╝r das ├ťberpr├╝fen der technischen Daten
Mondael, weil Du mir aus der Zwickm├╝hle geholfen hast
Alex, weil Du es einfach nur „cool“ fandest
Babba, weil Du diese Geschichte vor ├╝ber 20 Jahren „gez├╝ndet“ hast

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jon
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Das hat sich das Abo also gelohntÔÇŽ

Sehr gut geschrieben.

Ich habe nur zwei Sachen zu bem├Ąngeln: Die Brillanz leidet unter einem zu langen Schluss, der wiederum so lang nicht n├Âtig gewesen w├Ąre, w├Ąre die "├Ąu├čere" Geschichte einen Tick einfacher gestrickt gewesen: Der Typ, der sich im ersten Teil schw├Ârt, die Messerschmitt Bf 109-E runterzuholen, ist auch der, der diese spezielle (die im ersten Kapitel auftauchte) dann in der Spielhalle "runterholt".
Anmerkung drei: Muss der Weg Basils durch die Spielhalle wirklich so lang sein?

Aber ansonsten: hervorragend geschrieben.

PS: Als SF-Leser schwante mir im ersten Absatz schon, was es mit der "nicht vorhandenen" Maschine auf sich hat, als das zweite Kaptiel anfing, wusste ich es (zumindest die Grundidee). (Was mich einen Moment fragen lie├č: Wozu jetzt hier noch so viel Text?) Nur dass es eine deutsche Firma war, die das Spiel baute, war unerwartet ÔÇô aber selbst da h├Ątte das Selbstgespr├Ąch von Fuzzy nicht (oder nicht so langgezogen) sein m├╝ssen, um die Frage nach dem "Warum" zu beantworten.

PPS: Steht der Text absichtlich nicht im F/SF-Forum? Eben weil ein "Eingeweihter" die eine Pointe schon zu zeitig sieht?




(Moderatoren-Vermerk: Daraufhin wurde der Thread auf Autorenwunsch zu F/SF verschobenÔÇŽ)
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dal├Ąsst (Klaus Klages)

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Mazirian
???
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Super Geschichte! Und wunderbar erz├Ąhlt. Ist auch handwerklich wohltuend sauber gemacht. Besonders die vielen technischen und fliegerischen Details machen das Ganze sehr dicht und authentisch. Erinnert mich an wenig an "Ein Falke unter Spatzen" von Dean McLaughlin - solltest du unbedingt lesen, wenn du's noch nicht kennst.
Bis auf die schon angesprochenen L├Ąngen seh ich auch keine Schwachpunkte, die zu verbessern w├Ąren.
Eins vielleicht noch, aber das mag eher mein Problem sein: ich hab bis zum Schlu├č gebraucht um die Pointe mitzukriegen und bin mir selbst jetzt noch nicht ganz sicher (obwohl ich auch schon seit ├╝ber 30 Jahren SF lese ).
Deutsches Unternehmen setzt hochspezialisierte Game-Freaks in als Spielautomaten getarnte Zeitmaschinen und versucht so nachtr├Ąglich den Krieg zu gewinnen? Isdochso-oder? Oder seh ich das jetzt zu naiv? Dann MUSS die Firma allerdings eine deutsche sein! ...Globalisierung mal au├čen vor.

Ich vermute, du hast den Schlu├čteil gerade deshalb so umfangreich gehalten, um die Pointe deutlich herauszuarbeiten. Ging f├╝r mich aber in der Menge des Textes ein bi├čchen unter.

Aber wie gesagt: klasse Story, Danke!

sch├Ânen Gru├č

Achim
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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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Lupus Corridor
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Registriert: Jul 2002

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Echt super. Fragte mich am Anfang, was das mit SF zu tun hat. Jetzt wei├č ich's.
Ich finde die Beschreibungen nicht wirklich zu lang. Sie runden die Story ab. Bei mir erzeugten sie eine Art Leserausch. Ich konnte nicht aufh├Âren zu lesen, um zu erfahren wie es weitergeht.
Also: Spitze.

L.C.
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L.C.

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sunufatarungo
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