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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Paula (Neufassung)
Eingestellt am 18. 10. 2009 07:12


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Retep
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Paula
I

Herbst wie mit Wasserfarben gemalt, dachte er.
Gestern hatte es geregnet, jetzt fielen Sonnenstrahlen durch die BÀume, bunte BlÀtter schwebten herab, Wasserdampf stieg vom Boden auf.
Im Hintergrund hörte man VerkehrslÀrm, leise, wie ein Rauschen.
Der Pfarrer stand vor dem Loch, der Sarg war schon herunter gelassen , vier MĂ€nner in abgetragenen dunklen AnzĂŒgen hielten noch die Seile in ihren HĂ€nden. Es roch nach feuchter Erde.
Ihre Eltern und einige wenige Freunde standen nahe beieinander vor dem Grab, als ob sie sich gegenseitig vor etwas schĂŒtzen wollten. Versteinerte Gesichter, Paulas Mutter weinte, eine schmale, schlanke, blasse Figur.
Ihr Mann stĂŒtzte sie, blickte hilflos zu Boden.
Etwas abseits zwei MĂ€nner in langen MĂ€nteln, HĂŒte ins Gesicht gezogen. Einer hatte einen Fotoapparat in der Hand, fotografierte, der andere schrieb etwas in ein kleines Notizbuch.

Er schaute in das Grab, ein paar Blumen lagen auf dem Sarg und ein Kranz. Er hielt einen Blumenstrauß in der Hand, gelbe Rosen Die hatte sie gemocht. Er bĂŒckte sich etwas, als wollte er sie auf den Sarg legen, ließ sie dann herunter fallen.
Ein leichter Wind wehte Regentropfen von den BĂ€umen. Er sah nach oben. Tropfen liefen ĂŒber sein Gesicht.

Er dachte an alles, was er und Paula zusammen gemacht hatten, was sie noch machen wollten, an ihre PlÀne, an Diskussionen, an Utopien.
„Wenn nur eine Person hier weniger weint, dann hat sich eure Arbeit gelohnt.“ Das hatte mir eine alte Frau gesagt, deren Sohn umgebracht worden war.
Weinte eine Person weniger, hatte sich Paulas Arbeit gelohnt?
Er hatte Paula lachen und weinen gesehen, sah ihre blauen Augen vor sich, die immer etwas traurig blickten, spĂŒrte noch ihre langen schwarzen Haare in seinem Gesicht, die immer leicht nach Essig rochen.

Der Pfarrer schaute in seine Bibel, sprach von einem tragischen Verkehrsunfall, im Glauben lĂ€ge Trost. Er sprach sehr leise, unsicher, als wenn er selber nicht an seine Worte glauben wĂŒrde.
Überzeugte Atheistin war sie gewesen.
Angeblich war sie von einem Lastwagen ĂŒberfahren worden, der Fahrer konnte nicht gefunden werden.
Er wusste es besser, man hatte sie eine Woche lang festgehalten, gefoltert und dann absichtlich ĂŒberfahren.
Vierundzwanzig Jahre war sie alt geworden, und er hatte sie geliebt.

II

FrĂŒhling, die Sonne scheint wieder wie beim letzten Mal, als ich hier war. Paulas Grab liegt an der Nordseite des Friedhofs, nahe der Mauer.
Langsam gehe ich den Hauptweg entlang, die BĂ€ume sind fast noch kahl. Ich biege dann nach links und sehe Paula vor ihrem Grab. Ihre langen schwarzen Haare wehen im Wind.
Sie wendet mir den RĂŒcken zu, bewegt sich nicht, steht einfach nur da.
Ich gehe nicht weiter, ahne, dass sie wieder verschwindet, wenn ich nÀher komme.
Jetzt streicht sie sich ĂŒber ihr Haar, als wenn sie es festhalten wollte. Blaue Jeans hat sie an. Sie trĂ€gt die schwarze Strickjacke, in der ich sie fast immer gesehen habe.
Nur wenige Schritte trennen uns.
Ihr Haar riecht immer noch ein wenig nach Essig.
Sie bĂŒckt sich, ordnet Blumen, die auf ihrem Grab liegen und richtet sich wieder auf.
Ich strecke meine Hand aus, will sie an der Schulter berĂŒhren.
Die Gestalt löst sich auf, ich kann sie nicht mehr sehen. Ich stehe alleine da, als wenn sie nie da gewesen wÀre.

Es liegen keine Blumen mehr auf dem Grab, auf den Grabstein hat jemand mit weißer Farbe das Wort „Terroristin“ gesprĂŒht.
Ich gehe zu einem Wasserhahn, mache mein Taschentuch nass und versuche die Schmiererei am Grabstein abzuwaschen. Sie ist schon lÀngere Zeit an dem Stein. Ich reibe und reibe, aber die Schrift lÀsst sich nicht löschen.
„Mensch Paula“, sage ich leise.
Eine ganze Weile stehe ich noch da, dann gehe ich zum Auto zurĂŒck.


III

Richtung Norden mit dem Auto. Viel Verkehr. Überall wird renoviert. Frauen laufen herum, tragen große Körbe, ein zweirĂ€driger Wagen mit SĂ€cken beladen, ein kleines Pferd davor zwischen Autos und Bussen.
Ich komme in die Vorstadt. Ruhig ist es hier. Große GrundstĂŒcke, HĂ€user nach amerikanischem Vorbild, SchwimmbĂ€der. Ein GĂ€rtner schneidet eine Hecke, ein Hund lĂ€uft ĂŒber die Straße.
Hier wohnen Leute mit Geld und Offiziere.
Dann biege ich nach links ein und halte am Anfang der Seitenstraße an.
Von hier aus kann ich den Eingang des Hauses genau beobachten.
Die HaustĂŒr geht auf, eine junge Frau kommt mit zwei kleinen MĂ€dchen und dem DienstmĂ€dchen heraus, dreht sich noch einmal um, ruft etwas, ich kann es nicht verstehen. Sie winkt ihrem Mann zu, der an der HaustĂŒr steht. Dann steigt sie in ein Auto und fĂ€hrt an mir vorbei in die Stadt.
Den Mann habe ich öfter gesehen, Hauptmann in der Armee, arbeitet fĂŒr den Geheimdienst. Es war nicht leicht, ihn zu finden.
Ich öffne das Handschuhfach und nehme den Revolver heraus, entsichere ihn. Colt, Kaliber 38, kurzer Lauf.
„Wenn du wenig Ahnung von Waffen hast, ist das die geeignete Waffe fĂŒr dich,“ hatte mir einmal jemand erklĂ€rt. „Du musst nicht genau schießen können, das Kaliber haut jeden um, egal, wo er getroffen wird. Danach kannst du nahe herangehen und alles mit einem weiteren Schuss beenden.“
Ich werde sehr nahe herangehen, ein zweiter Schuss wird nicht notwendig sein. Sechs Patronen sind in der Trommel, ich werde nur eine brauchen.
Ich stecke den Revolver in die rechte Manteltasche, umklammere ihn fest.

Ich steige aus. Die HaustĂŒr ist wieder geschlossen, der Mann ist hineingegangen.
Langsam betrete ich das GrundstĂŒck, das Tor ist offen, gehe die Einfahrt entlang. Ich drehe mich noch einmal um, alles ist ruhig auf der Straße.
Ich klingele, Jaramillo steht an der TĂŒr, höre Schritte, die TĂŒr wird geöffnet.
Bratenduft kommt mir entgegen.
So nahe war ich dem Mann noch nie gekommen.
Er lÀchelt freundlich und fragt, ob er mir helfen könne.
Wenn ich nicht so viel ĂŒber ihn wĂŒsste und er keine Uniform trĂŒge, könnte er mir sympathisch sein.
Etwa 40 Jahre ist er alt, mittelgroß, kurzer Haarschnitt, eine angenehme Stimme hat er. Seine Augen irren umher, als wenn sie etwas suchten, er schaut mich nicht direkt an.
Er weiß noch nicht, dass er seine HaustĂŒr zum letzten Mal geöffnet hat, dass er seine Frau und seine Kinder nie wieder sehen wird, dass er nie wieder Befehle geben wird, andere zu foltern oder umzubringen.
Er kommt einen Schritt aus der TĂŒr, steht jetzt direkt vor mir.

Ich werde das jetzt erledigen, denke ich, zum Auto zurĂŒcklaufen und zum Flugplatz fahren. Die Flugkarte habe ich schon.
Sollte jemand sich die Autonummer gemerkt haben, nĂŒtzt das wenig. Es ist mir heute Morgen ĂŒbergeben worden, man hat es gestohlen.
Was ich hier mache, ist gerecht. „Angst mĂŒssen wir verbreiten, jeder von denen muss wissen, dass es ihm genauso ergehen kann“, habe ich immer wieder gehört.

Ich fasse die Waffe fester, werde sie gleich brauchen und frage den Offizier:
„Wohnt hier eine Familie Gonzales?“
„ Gonzales ? Nein, ich wohne schon lĂ€ngere Zeit hier, eine Familie Gonzales wohnt hier in der Gegend nicht. Haben Sie die genaue Adresse?“
Er schaut mich jetzt an. Ich schĂŒttele den Kopf.
„Nein, aber man hat mir erklĂ€rt, dass sie hier in diesem Viertel wohnen wĂŒrde.“
„Moment, wenn Sie wollen, kann ich einen Anruf machen, dann wissen wir die genaue Adresse sofort.“
„Vielen Dank“, sage ich, „ich will sie nicht unnötig belĂ€stigen.“
„Kommen sie nur rein, das kann ich schnell erledigen.“

Ich weiß, dass er alleine im Haus ist, alle sind weggefahren. Ein bessere Gelegenheit kann es gar nicht geben, es wird viel leichter sein, als wir gedacht haben.
Ich gehe ins Haus, er schließt die TĂŒr.

„Sie sind AuslĂ€nder? Amerikaner?“
„Nein, Deutscher.“
„Ich bewundere die Deutschen, ihre Kultur, Goethe und Wagner, sie haben die beste Armee der Welt!“
„Wir haben fast alle Kriege verloren“, sage ich leise.
Das scheint ihm neu zu sein.
„Wirklich?“

Ich habe immer noch die Hand in der Manteltasche.
„Jemanden umzulegen ist nur beim ersten Mal nicht leicht, man gewöhnt sich daran, wie man sich auch an alles andere gewöhnt“, hatte man mir gesagt.
„Und immer daran denken, dass wir uns fĂŒr eine gerechte Sache einsetzen, dass wir nur mit gleicher MĂŒnze zurĂŒckzahlen.“

Und ich erinnere mich wieder an den Satz: „Wenn hier einer weniger weint, hat eure Arbeit einen Wert gehabt“.

„ Mir ist gerade eingefallen, dass meine Frau die genaue Adresse hat, es ist auch nicht so eilig“, sage ich.

Ich nehme die Hand aus der Manteltasche, bedanke mich, er lÀsst mich wieder raus.
Winkt noch einmal.
Ich gehe langsam zum Auto zurĂŒck und fahre weg.


Ich werde in nĂ€chster Zeit wohl nicht auf Kommentare antworten. Ich bin ab Ende November fĂŒr 3 Monate in SĂŒdamerika.

__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

Version vom 18. 10. 2009 07:12

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Retep
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Hallo suzah,

quote:
du wechselst im teil II in die ichform, vielleicht solltest du dich lieber fĂŒr eine form entscheiden.
- da bin ich mir nicht sicher, in Teil 1 ist er Beobachter, in Teil 2 wird er aktiv.

quote:
Die HaustĂŒr ist wieder geschlossen, der Mann ist (wieder) hineingegangen."
- werde ich Àndern

quote:
Wenn ich nicht so viel ĂŒber ihn (wissen wĂŒrde) wĂŒĂŸte und er keine Uniform an hĂ€tte (trĂŒge?), könnte er mir sympathisch sein.
- werde ich Ă€ndern (aber wĂŒsste!)

quote:
am schluß heißt es: "...Wenn hier einer weniger weint, hat eure Arbeit einen Wert gehabt“. Das hatte mir eine 'alte Frau' gesagt, deren Sohn umgebracht worden war. "
in teil I beim gleichen satz 'jemand'
- werde ich Àndern

Es ist schon erstaunlich, welche Unstimmigkeiten ich nicht sehe, obwohl ich den Text sehr oft gelesen habe.

Vielen Dank fĂŒr deinen konstruktiven Kommentar und die ReisewĂŒnsche.

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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