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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Pauls Abschied
Eingestellt am 03. 03. 2002 00:04


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Daniel J.
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Registriert: Feb 2002

Werke: 24
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Nachdem alle Gaeste sein Haus verlassen hatten, konnte er endlich sein aufgesetztes, fast schmerzhaftes Laecheln ablegen. Welche Wonne, welche Entspannung. Jetzt konnte er wieder so sein wie er war, wie er sein wollte. Nicht staendig die zugegebenermassen etwas vorstehenden und vom Tee und Nikotin gelb gewordenen Zaehne zeigen, als wolle man Reklame machen: seht her, ich habe sie geputzt, ich putze sie ja fast staendig!
So stand er an der Tuer, die er gerade eben geschlossen hatte, nachdem er dem letzten Gast freundschaftlich auf die Schulter geklopft hatte, stets darauf bedacht, nicht zu aufdringlich, aber schon gar nicht zu gleichgueltig zu klopfen. Er hatte begleitend einen verabschiedenden Spruch aufgesagt, den er jetzt bereits vergessen hatte. "Gruess auch die Kinder von mir", wird es gewesen sein, diesen Satz benutzte er fuer gewoehnlich, wobei er die Kinder seiner Bekannten beim besten Willen nicht zu unterscheiden vermocht haette.
Er stuetzte die vom Hoeflichkeitsschauspiel erhitzte Stirn auf das kuehlende Tuerblatt und atmete tief durch.
Noch aber war er nicht ganz allein. Noch war der Geruch da.
Der Geruch von Gesellschaft, sich wie gewoehnlich zusammensetzend aus Nikotin, Wein- und Bierdunst, schlechtem Atem und parfuemiertem Schweiss. Ihm wurde uebel.
Er oeffnete leicht die Tuer und atmete noch einmal die Feuchtigkeit des letzten Winterabends; dann drehte er sich um, liess dabei die Tuer zufallen und machte sich daran, die von der Gesellschaft hinterlassenen Spuren zu beseitigen. Mit spitzen Fingern und angewidertem Gesicht, fuellte er die Zigaretten und Zigarrenreste aus den verschiedenen Aschenbechern in den Groessten und da dieser damit immer noch nicht voll war, konnte er auch die verschiedenen Schnipsel von Papier und Pappe hineintun, die manche Gaeste in einem Moment der Verlegenheit und Unsicherheit, von einer Zigarettenschachtel oder etwas aehnlichem abgerissen hatten, dann spielerisch zwischen den Fingern zerknuellten und schliesslich, sich wieder fangend, gedankenlos auf den Tisch warfen, um sich in einem langanhaltenden Monolog zu ergiessen.
Danach goss er die Reste an Bier und Brandy in ein einziges Glas, rein hypothetisch den Geschmack dieser Mischung sich vorstellend, natuerlich durch zivilisatorische Praegung davon abgehalten, diese zu kosten. Aergern konnte er sich an dieser Stelle jedes Mal ueber die noch mehr als halbvollen Weinglaeser der Damen, die, anscheinend aus Gruenden der Etikette, immer auf ein Glas suessen Weines bestanden, dieses dann aber lediglich dazu verwandten, es stundenlang in der Hand zu halten, wie einen Pokal, bis der Wein darin ohnehin eine ungeniessbare Temperatur erreichte und man ihn ausschliesslich dazu benutzen konnte, die vom Laecheln angestrengten Lippen zu baden. Schon oft hatte er daran gedacht, diesen abgestandenen Wein aus den Lippenschtiftverschmierten Glaesern zu sammeln und einfach zurueck zu fuellen in immer dieselbe Flasche und ihn wieder und wieder zu servieren, entzueckt ueber jeden genuesslich lobenden "Ah" und "Oh" Laut und vor Schadenfreude zitternd bei dem obligatorischen Ausruf:"Das ist aber ein feines Troepfchen Paul, das hat Dich bestimmt ein Vermoegen gekostet!" "Ach was", wuerde er dann antworten und laessig mit der Hand abwinken, um dann mit einem Augenzwinkern hinzuzufuegen:"den braue ich selbst in der Kueche aus alten Resten zusammen!", woraufhin das allgemeine, wohlwollende Lachen ihm die Moeglichkeit geben wuerde, seine nicht mehr zu verbergende Erregung durch ein nervoeses Auflachen zu entladen.
Mit derlei Gedanken beschaeftigt ging er, die Aschenbecher und Glaeser auf einem grossen weissen Plastiktablett gestapelt, in die Kueche, die nur durch den schmalen Flur vom Wohnzimmer getrennt war.
Er liebte seine Wohnung nicht, sie war ihm zu gross geworden, obwohl sie nur aus dem kleinen Schlafraum, der Kueche, dem Bad, dem erschreckend winzigen Flur und einem nicht gerade herrschaftlichen Wohnzimmer bestand. Aber schon dieses Wohnzimmer, dieser lediglich zum wohnen zu gebrauchende Raum, erschien ihm seit geraumer Zeit voellig ueberfluessig. Was genau sollte er dort tun? Wie denn wohnen? Er arbeitete ja schon lange nicht mehr, schlief, las und schrieb im Schlafzimmer und wenn er mal as, dann in der Kueche. Die Nutzung der Toilette rechtfertigte sich ja von selbst, aber das Wohnzimmer? Er hatte ja hin und wieder versucht dort fernzusehen, aber es hatte ihn immer verunsichert, es war ja doch zu kuenstlich.
Gerade in diesem Augenblick, als er die Reste der Gesellschaft in seinen Haenden aus dem Wohnzimmer in seine Kueche tragen wollte, blieb er im Flur stehen, blickte ueber seine Schulter auf den hinter ihm liegenden Raum, der noch vor kurzer Zeit mit jenem affektierten Gelaechter erfuellt gewesen war und beschloss, das Tablett zurueck zu bringen. Er ging also wieder hinein, stellte das Tablett auf den Tisch und besah sich seine Moebel, die schon ewig genau so dort standen, als hielten sie sich fest.
Die Ordnung, die er extra fuer seine Gesellschaft gehalten hatte, erschien ihm gerade jetzt ganz fremd, als wuerde sie gar nicht seinen Prinzipien folgen, als haette er sie so gar nicht gewollt. Und auch die anderen Dinge, die er sonst immer so gepriesen hatte, manchmal auch verteidigt, gegen Freizeit- und Amateurraumausstatter, Dinge die einen Wert fuer ihn gehabt hatten, schienen ganz zufaellig dort zu stehen oder von jemand anderem aufgestellt.
Er schloss kurz die Augen, um sich zu erinnern, wie die Dinge vorher, noch vor kurzem, Sinn machen konnten, aber das war ja noch viel schlimmer, mit geschlossenen Augen wurde alles bunt, es huepfte und bewegte sich -wurde frei.
Er musste grinsen.
Als er die Augen wieder oeffnete, wich das Grinsen einem unmerklichen Kopfschuetteln. Er verliess das Wohnzimmer, schloss es mit dem zierlichen, vergoldeten, aber bereits abgeblaetterten Schluesselchen ab und ging in die Kueche.
Nachdem er sich das Schluesselchen noch eine Weile betrachtet hatte, hier und da gedankenversunken die duenne goldige Oberflaeche abkratzend, warf er es seltsam gelangweilt in den Muelleimer und schmierte sich eine Scheibe Brot.

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Ich ist ein Anderer (Rimbaud)

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