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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Payoff
Eingestellt am 30. 07. 2019 16:02


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Keno Kallinger
Hobbydichter
Registriert: Jul 2019

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Manhattan. Der wohl bekannteste Stadtteil der Welt. Seit Ewigkeiten pilgerten Menschen aller Art hierher, um ein neues Leben anzufangen, um ihren Traum zu verwirklichen und erfolgreich zu werden. Mark hatte es geschafft, doch fĂŒr ihn war es wahrlich kein Traum in diesem Viertel zu leben, wenn man ĂŒberhaupt noch von „leben“ sprechen konnte. Etwas anderes als Arbeit gab es nicht wirklich in seiner Welt. Genauso wenig wie fĂŒr irgendjemand anderen in New York City. Acht Millionen Menschen, die tĂ€glich die Straßen querten und CafĂ©s besuchten, doch niemand der offen fĂŒr eine Konversation war. Alle waren sie in ihre Handys, Laptops, Zeitungen, Dokumente oder schlicht ihre Gedanken vertieft. Keine Zeit fĂŒr GesprĂ€che. Alle mussten sie weiter. Wohin? Immer vorwĂ€rts. Und wenn dann doch in seltensten FĂ€llen ein kurzer Austausch stattfinden sollte, dann ging es entweder darum sich zu vernetzen oder dem GegenĂŒber von seinen beruflichen Erfolgen zu erzĂ€hlen. Sowohl jene, die in der Vergangenheit lagen, als auch jene die in wenigen Jahren bestimmt folgen wĂŒrden. Jeder in New York war so gestrickt. Ausnahmslos jeder.

Der Druck, der ĂŒber ganz Manhattan lastete war enorm. Der Wettbewerb war riesig. Jeder gab ununterbrochen 110 Prozent, doch im Grunde wollten sie sich alle einfach nur in eine Couch fallen lassen und sich von einem bedeutungslosen, doch amĂŒsanten Film berieseln lassen mit dem befriedigenden Gedanken im Hinterkopf, ausgesorgt zu haben. Die Spitze der Karriereleiter erreicht zu haben und endlich die FĂŒĂŸe hochlegen zu können. Entspannung nach Erfolg. Das war es auf was alle hinarbeiteten und der Grund, weshalb sie wie verrĂŒckt mit ihren Aktenkoffern in der Hand, gekleidet in ihrem feinsten Zwirn durch die Straßen irrten, wie Fische in einem Aquarium, die noch immer nach einem Ausweg suchten, nachdem sie schon zum hundertsten Male gegen die Scheibe stießen.

FĂŒr Mark war dieser Moment nicht mehr fern. Er war erfolgreicher und wohlhabender als 99 Prozent in ganz New York, ziemlich sicher sogar in ganz Amerika und somit auch dem Rest der Welt. Das einzige an was es ihm fehlte war Zeit. Der ganze Reichtum erfĂŒllte nicht wirklich seinen Zweck, wenn man ihn sich nicht zunutze machen konnte. Und auch wenn er Mark schon viele Male seinen Dienst erwiesen hatte, dann war es doch immer aus dem Grund heraus sich noch mehr Ruhm oder Reichtum zu erkaufen.

Auch er hatte bei null angefangen. Als er damals in die Stadt kam wusste er noch nicht viel ĂŒber Investments, Wirtschaft oder Banking. Einige Jahre spĂ€ter stand er nun kurz vor der Beförderung zu einer der höchsten Positionen in der zurzeit einflussreichsten Firma Amerikas. Eine Position, die keinen Titel trug. Solche Positionen waren der Öffentlichkeit nicht einmal mehr bekannt. Wer dachte, dass ein Unternehmen dieser GrĂ¶ĂŸe von einem CEO geleitet wurde, lag schlicht und einfach falsch. Die wahren Giganten blieben den Menschen, auch den meisten Angestellten der Firma selbst, verwehrt. WĂŒrde Mark zu einer solchen Position kommen, hĂ€tte er es geschafft. Mit Sicherheit. Er hĂ€tte die letzte Sprosse der Leiter erklommen und könnte zufrieden und stressfrei den Ausblick genießen und auf die letzten 25 Jahre zurĂŒckblicken, die von Schlaflosigkeit, Stress und Verantwortung geprĂ€gt waren. SpĂ€testens dann könnte er darĂŒber lachen, wissend, dass es sich gelohnt hatte.
 
Es war spĂ€tabends und nieselte leicht gegen die Fensterscheibe des Rolls Royce Phantom VIII, aus dem Mark starrte. Robert, Marks Chauffeur, der ihn mittlerweile wie kein anderer kannte, da er tatsĂ€chlich den Großteil seiner Zeit im Auto oder im Flugzeug verbrachte, um von Meeting zu Meeting zu reisen, warf ihm einen Blick im RĂŒckspiegel zu, bevor er zur Frage ansetzte: „Alles okay? Sie wirken unruhig.“
„Alles gut, danke Robert“, erwiderte Mark. Kurz darauf revidierte er jedoch seine Aussage: „Ehrlich gesagt bin ich etwas nervös. Ich denke es ist so weit.“
„Mr. Sagit?“
„Mr. Sagit“, bestĂ€tigte Mark. Robert grinste Mark flĂŒchtig im RĂŒckspiegel zu, um seiner Empathie Ausdruck zu verleihen. „Bringt er Sie zum Pool?“
„Das will ich doch hoffen“, murmelte Mark etwas abwesend zurĂŒck. Er war gerade damit beschĂ€ftigt seinen Drei-Tage-Bart abzurasieren. Eine Ă€ußert heikle Angelegenheit im Auto. Keinesfalls könnte er es sich leisten Mr. Sagit mit einem Schnitt im Gesicht gegenĂŒberzutreten, doch mittlerweile war er so geĂŒbt, dass ein solches Malheur nie geschehen wĂŒrde. Robert Ă€ußerte sich erneut: „Haben Sie ihn schon mal gesehen?“
„Hmm?“, fragte Mark noch immer mehr mit seiner Rasur beschĂ€ftigt, weshalb er Robert nicht seine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. „Mr. Sagit. Haben Sie ihn bereits getroffen?“
„Möglicherweise ein- oder zweimal. Er lĂ€sst sich nicht gerne blicken“.
„Und den Pool?“ Das Phantom raste ĂŒber eine Bodenwelle. Ein paar zusĂ€tzliche Wassertropfen klatschten gegen die Scheibe, kurz nachdem es den heftigen Ruck zu spĂŒren gab.
„Gottverdammt, Robert!“, schrie Mark empört. Hektisch zog er einen Handspiegel aus dem Seitenfach des Autos hervor und betrachtete energisch sein Gesicht aus allen Perspektiven. Seine blau-grauen Augen starrten zurĂŒck. Einige Falten waren sichtbar und die grauen Haare wurden immer mehr, gleichzeitig jedoch auch weniger, da ihm inzwischen auch immer mehr ausfielen. Es wĂŒrde nicht mehr lange dauern, bis er sich eine Glatze rasieren mĂŒsste, um nicht lĂ€cherlich zu wirken. Ein Schnitt war aber definitiv nicht zu entdecken. „Verzeihung, den konnte ich nicht kommen sehen“, entschuldigte sich Robert.
„Ist schon gut.“
„Also? Haben Sie ihn schon mal gesehen?“
„Den Pool? Seien Sie nicht albern Robert, niemand verliert je ein Wort ĂŒber ihn. Die Leute, die behaupten sie hĂ€tten ihn gesehen sind Heuchler. Nichts als Möchtegerns.“
„Nichts fĂŒr ungut, aber Sie können doch gewiss nicht der Erste sein. Außerdem gibt es Geschichten. Ein Pool, das sich ĂŒber die ganze Etage des obersten Stockwerks von Mr. Sagits privatem Penthouse in Manhattan erstreckt. Auf allen Seiten umgeben von nichts als Glasfenstern. Der schönste Blick auf New York, den man sich nur wĂŒnschen kann. Eine architektonische Meisterleistung.“
„Ich bin gewiss nicht der Erste, doch du weißt nicht von wem diese Geschichten stammen, Robert. Aber eins steht fest, sobald ich dieses verdammte Pool gesehen habe, wars das fĂŒr mich. Es ist das höchste aller Ziele. Der letzte Schritt. Alle, die bisher in meiner Position waren sind frĂŒher oder spĂ€ter ausgewandert, hatten nie mehr etwas mit der Firma zu tun. Mit Ausnahme von Mr. Sagit selbst, versteht sich.“
„Wohin ausgewandert?“
„Bahamas, Kuba, Monaco, Dubai, was auch immer dein Herz begehrt.“
„Was begehrt das Ihre?“
„Ich denke das entscheide ich spontan. Ich habe schon genug geplant.“ Eine Weile schwiegen beide still, bevor Robert den Schluss ziehen konnte: „Dann ist es heute unsere letzte Fahrt?“
„Wenn es gut lĂ€uft, so befĂŒrchte ich, ja.“ Marks Trauer kam nicht wirklich an, bei dem Grinsen, das er im Gesicht hatte. Aber Robert tat es ihm gleich und grinste zurĂŒck.
Der Bart war weg. Das Rasierzubehör wurde wieder im Seitenfach verstaut, zusammen mit dem Handspiegel, aber nicht bevor Mark nicht nochmals mit der HandflĂ€che ĂŒber sein Gesicht strich, um vergessene raue Stellen auszuschließen. Mittlerweile regnete es draußen in Strömen. „Das ist die Adresse, die Sie mir gegeben hatten“, sagte Robert und hielt an.
„Falls mir kein Chauffeur fĂŒr die Heimfahrt zur VerfĂŒgung gestellt wird, rufe ich Sie an.“
„Jederzeit, Mark“, erwiderte Robert und versuchte sich aus seinem Sitz zu zwĂ€ngen, um Mark die TĂŒre zu öffnen, was ihm aufgrund seiner Statur nicht allzu leichtfiel.“
„Bitte bleiben Sie sitzen, es schĂŒttet ja wie verrĂŒckt.“
Robert drehte sich um und grinste Mark abermals an, diesmal allerdings direkt, anstatt im RĂŒckspiegel. Er streckte ihm die Hand entgegen: „War mir ein VergnĂŒgen“. Mark erwiderte den HĂ€ndedruck und lĂ€chelte Robert ein letztes Mal zu: „Gleichfalls“. Er richtete seine Krawatte, was weniger mit seinem Aussehen, sondern mehr mit einem einfachen Tick zu tun hatte, dann öffnete er die TĂŒre und drĂŒckte auf den Knopf, der den Regenschirm mit einem hörbaren Klick aus dem Phantom erscheinen ließ. Einer der GrĂŒnde, weshalb er unbedingt einen Rolls Royce haben wollte. Andere wĂŒrden ihn dafĂŒr vermutlich auslachen. Doch inzwischen war ihm sein blau-silbern glĂ€nzender Wagen ohnehin schon ans Herz gewachsen, egal ob mit oder ohne Schirm. „Bring ihn sicher heim!“, sprach Mark laut durch den Regen zu Robert. Dann schlug er die TĂŒre zu und spannte den Schirm auf. Er sah noch aus dem Augenwinkel, wie Robert ihm den Daumen nach oben zeigte und konzentrierte sich dann auf das GebĂ€ude, vor dem er stand.

Mark betrachtete die Fassade. Auf den ersten Blick ein ganz normales Wohnhaus, wie es sie in Manhattan zu hĂ€ufe gab. Sein Blick wanderte weiter nach oben. Er fragte sich, wie ihm der etwa fĂŒnfstöckige WĂŒrfel, der wie auf das GebĂ€ude aufgesetzt wirkte, bisher entgehen konnte. Er war ihm noch nie zuvor aufgefallen, doch die Gegend war ihm sehr wohl bekannt. Ein komplett verglaster WĂŒrfel, dessen Fenster den Blick nur von innen durchließen und das Mondlicht reflektierten. Mr. Sagits Penthouse.

Als Mark die wenigen Stufen zur TĂŒrschwelle hinaufschritt, wurde ihm die TĂŒr bereits durch irgendeine Form von Automatik geöffnet. Der Eingangsbereich war grĂ¶ĂŸtenteils leer. Lediglich ein Aufzug befand sich am hinteren Ende des Erdgeschosses. Der erste von drei AufzĂŒgen, wie er kĂŒrzlich herausfinden sollte. Mark betrat ihn und betĂ€tigte den Knopf fĂŒr die oberste Etage, welche der ersten Ebene von Mr. Sagits Penthouse entsprach. WĂ€hrend der Fahrt fragte er sich, wer wohl sonst noch in dem Haus leben wĂŒrde, oder ob die unteren Wohnungen ebenfalls zu Mr. Sagit gehörten. Möglicherweise wurden hier auch Akten, Dokumente oder sonstiges Zeug verstaut und mit Sicherheit war es nicht die einzige Bleibe des MultimilliardĂ€rs. Langsam steigerte sich die Spannung bezĂŒglich dem, was ihn oben erwartete. Als sich die AufzugtĂŒren öffneten, gaben sie den Blick auf einen roten Teppich frei, der einen kurzen Gang entlangfĂŒhrte und vor einer massiven StahltĂŒre endete. Vermutlich wĂŒrde das Wort „Tor“ sie noch treffender beschreiben. Zwei breit gebaute MĂ€nner im Anzug bewachten die Pforte. Einer von beiden hatte den Zeigefinger am Ohr und nickte Mark zu, als er sich dem Tor nĂ€herte. Mark nickte zurĂŒck und ihm wurde geöffnet.

Er betrachtete nun eine prunkvolle Halle. Allein die Einrichtung musste mehrere Millionen gekostet haben. Alles war von einem leicht dĂ€mmrigen Licht erfĂŒllt, welches in Kombination mit der Aussicht auf Manhattans GebĂ€ude, die Halle in eine angenehme Abendstimmung hĂŒllte. Der Smooth Jazz, der leise aus den in die Decke eingearbeiteten Lautsprechern ertönte, komplimentierte das Ambiente nur umso mehr. Zur Linken befand sich eine Bar, die sich fast ĂŒber die halbe LĂ€nge der untersten Ebene zog, gefĂŒllt mit allen erdenklichen Sorten von Whiskey, Vodka, Gin und Rum. Hier konnte man wahrlich die Zeit vergessen. „Mark!“, die Stimme ĂŒbertönte Boney James‘ „Hold on Tight“, der Song der gerade im Hintergrund spielte. Mark, der seine Augen auf die Bar gerichtet hatte, drehte sich um und sah einen Mann, etwa zehn Jahre Ă€lter als er, die Ă€sthetische Glastreppe hinuntersteigen, die in die nĂ€chste Etage fĂŒhrte. Die Hand fest am GelĂ€nder. Mark adjustierte erneut seine ohnehin schon perfekt sitzende Krawatte: „Mr. Sagit, es ist mir eine Ehre.“
„Das VergnĂŒgen ist ganz meinerseits, Mark.“ FĂŒr Mark war es vollkommen in Ordnung, dass er hier mit seinem Vornamen angesprochen wurde. Mr. Sagit durfte ihn nennen wie er nur wollte. Mr. Sagit war nun bei den letzten Stufen angelangt und Mark konnte ihn nĂ€her begutachten. Seine 56 Jahre sah man ihm an, aber er wirkte auch kein Jahr Ă€lter. DafĂŒr hatte er irgendetwas mystisches an sich. Er sah aus wie jemand, bei dem man sich nicht sicher war, ob man ihm trauen konnte, jedoch wollte man sich keinesfalls mit ihm anlegen. Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen und die daraus resultierenden Falten erstreckten sich augenscheinlich vorbei an seiner Nase, zu den Augen, die hinter dicken BrillenglĂ€sern und umso dickeren TrĂ€nensĂ€cken versteckt lagen, bis hin zu seiner glĂ€nzenden Glatze. Sie schĂŒttelten HĂ€nde und Mr. Sagit umfasste mit seiner linken Hand zusĂ€tzlich die BegrĂŒĂŸungshand von Mark. Ein klares Zeichen von Dominanz. „Freut mich Sie endlich persönlich kennenzulernen“, fĂŒgte Mark hinzu und setzte ein lĂ€cheln auf. „Ich bitte Sie, fĂŒhren wir unser GesprĂ€ch doch bei einem Essen fort, seien Sie mein Gast“, erwiderte Mr. Sagit und brachte Mark zu dem zweiten Aufzug, der sie zu einem gedeckten Tisch brachte. „Das beste Sushi, das man in New York bekommen kann, zusammen mit dem besten Sake aus Japan“, sprach Mr. Sagit stolz, nahm Platz und deutete auf einen Sessel gegenĂŒber von ihm, auf den sich anschließend Mark niederließ.

Das ganze Essen ĂŒber war Mark angespannt. Es wurde viel ĂŒber die Firma gesprochen und was Mark schon fĂŒr sie getan hatte, aber er hatte nicht das GefĂŒhl, dass er zu dem Pool gebracht werden wĂŒrde. Mr. Sagit machte keine Anstalten ĂŒber eine Beförderung zu sprechen, oder deutete er das nur falsch? Das Sushi war tatsĂ€chlich exzellent, aber Mark konnte es nicht wirklich genießen.
„Ich schĂ€tze, Ihre Arbeit, Mark. Und natĂŒrlich weiß ich was Sie sich von heute erwartet haben.“ Mark verschluckte sich fast an seinem Maki. Mr. Sagit grunzte, um nicht zu lachen und fuhr fort: „Seien Sie unbesorgt. Sie werden ihn sehen. Sobald Sie hier fertig sind fahren Sie in den letzten Stock, das heißt der letzte Stock, den dieser Aufzug erreicht. Dort erwartet Sie eine Masseuse, sowie Badehose und Bademantel und schließlich der Aufzug, der Sie in den letzten Stock bringt. Ich erwarte Sie dort.“ Mit diesen Worten erhob sich Mr. Sagit vom Tisch und entfernte sich von dem Essbereich, bevor Mark seinen Dank in Worte fassen konnte. Am liebsten wĂ€re er sofort losgerannt und hĂ€tte die Massage ĂŒbersprungen, aber so viel Anstand hatte er dann doch noch. Er war schon so lange geduldig gewesen, da konnte er die letzten Minuten auch noch aushalten.

Die Massage war fantastisch. Fast ließ sie ihn vergessen, weshalb er gekommen war, doch als ihm die Masseuse Bademantel und -hose in die Hand drĂŒckte, ihm den Weg zu dem letzten Aufzug deutete und den Raum verließ, stieg die NervositĂ€t und die Vorfreude wieder an. Er ließ den Spa-Bereich hinter sich und stand nun vor dem letzten Lift. Die letzte TĂŒr, die ihn von der letzten Ebene trennte und somit dem Pool trennte. Und somit auch allem was es mit sich brachte, wenn man den ihn gesehen hatte. Mark war bereit. Und wie er bereit war. Sein ganzes Leben arbeitete er auf diesen Moment hin. Er drĂŒckte den Knopf und die TĂŒren des Lifts öffneten sich.
 
Es war der schönste Aufzug, den er je gesehen hatte. Nicht allzu groß, aber er war ja auch nicht dafĂŒr entworfen viele Personen zu transportieren und fĂŒr eine reichte der Platz völlig. Er war komplett vergoldet und mit Saphiren besetzt. Der Boden war aus Marmor. An der Decke war eine Malerei zu sehen, die eine Quelle zeigte, die aus einem Berg entsprang und hinĂŒber zur rechten Wand des Aufzugs verlief, an der dann, und das war das Highlight, tatsĂ€chlich Wasser hinunterlief, quasi ins Nichts. Es war der perfekte Übergang zwischen der Malerei und der RealitĂ€t. Vermutlich floss das Wasser durch eine kleine Öffnung im Aufzugboden und wurde dann irgendwo unten im Schacht aufgefangen und wieder nach oben gepumpt, aber Mark wollte sich damit gar nicht beschĂ€ftigen und es stattdessen einfach genießen. Ähnlich, wie wenn man von einem Magier gar nicht den Trick erklĂ€rt bekommen möchte, um die Illusion aufrecht zu erhalten. Mark betrat den Aufzug. Es gab einen einzigen, unbeschrifteten Knopf an der Seite. Nicht einmal die sonst immer vorhandene Notruftaste war hier zu finden. Vermutlich hatte sie dieser Lift gar nicht notwendig.

Mark atmete nochmals tief durch, drĂŒckte den Knopf und schloss vorfreudig die Augen. Der Druck, der auf ihm lastete fiel mit einem Mal ab. Stattdessen malte er sich aus, welcher Anblick ihn nun erwartete und wie dieser den prunkvollen Aufzug noch ĂŒbertreffen konnte.

Als Mark seine Augen wieder öffnete, waren die AufzugtĂŒren bereits wieder zur Seite gewichen und gaben den Blick in die oberste Etage preis. Beton. Nichts als ein riesiger Raum aus Beton, gestĂŒtzt von einigen Pfeilern aus Beton. Einige halbzerrissene Plastikplanen waren an manchen Fenstern und auf Teilen des Bodens mit Klebeband befestigt. Der Raum war noch komplett unter Konstruktion. Kein Pool war zu sehen, nicht mal im Ansatz. Er musste im falschen Stockwerk sein, oder zumindest hĂ€tte er das gedacht, wĂ€re da nicht noch ein wichtiges Detail gewesen: Mr. Sagit saß ihm gegenĂŒber, auf einem Klappstuhl von der Art, auf der man sonst einen Regisseur erwarten wĂŒrde. Ironischerweise wirkte das Ganze tatsĂ€chlich wie ein schlechter Film. Links und rechts von ihm standen zwei typische Baulichter. LED-Strahler auf gelbem Teleskop-Stativ, die Mark genau ins Gesicht leuchteten, weshalb er von Mr. Sagit nur die Silhouette ausmachen konnte. Zwei weitere Dinge fielen ihm allerdings trotzdem sofort auf: Mr. Sagit war immer noch in seinem Anzug, anstelle von Bademantel und er hatte eine Pistole direkt auf Mark gerichtet. Er hatte keine Möglichkeit zu entkommen.

Eine Weile sagten beide nichts und starrten sich einfach nur an. Mark war entweder unter Schock, hatte die Situation noch nicht ganz verarbeitet oder war schlichtweg zu verwirrt, um einen Satz zu formulieren. Er stand nur da und blickte Mr. Sagit starr in die Augen, welcher sich nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit nun endlich zu Wort meldete: „Hast du eine Ahnung wie viele Leute schon mit den höchsten aller Erwartungen in diesem Aufzug standen? Die sich versuchten etwas auszumalen, das sie noch nie zuvor gesehen hatten? Den schönsten Pool der gesamten Welt?“ Mr. Sagit klang entspannt und wenn Mark es richtig erkennen konnte, war ihm ein kleines LĂ€cheln ins Gesicht geschrieben. Er wirkte ruhig und dezent amĂŒsiert, doch ernst zugleich. „Es ist doch witzig, wie viele Menschen hier hochgekommen, sind um den Pool zu sehen, wenn der Pool doch nicht einmal existiert. Jeder einzelne, der sich seinen Arsch abgearbeitet hat, getrieben von etwas nicht Existentem. Der Pool existiert nicht, Mark!“. Das LĂ€cheln verschwand aus seinem Gesicht und er machte eine kurze Pause, möglicherweise um gesagtem mehr Gewicht zu verleihen. Er schĂŒttelte langsam den Kopf und zog ein trauriges Gesicht wĂ€hrend er fortsetzte: „Kein Pool in der letzten Etage dieses GebĂ€udes. Es hat es nie gegeben. Es ist nur ein Traum. Scheiße, dieses Stockwerk ist noch nicht mal vollstĂ€ndig fertiggebaut.“ Das LĂ€cheln war zurĂŒck. Diesmal deutlich. „Es ist nicht fertiggestellt, Mark. Es wird niemals fertig sein.“
„
Ich hab’s verstanden“. Mark unterbrach seinen Monolog. Und er tat es tatsĂ€chlich. Seiner Stimme war ein Gemisch von EnttĂ€uschung, Wut und Akzeptanz zu entnehmen. „Klar hast du das, Jeder versteht es. Denn wenn du ehrlich bist hast du es schon immer gewusst, nicht wahr?“, fragte Mr. Sagit. Mark starrte als Antwort den Marmorboden des Aufzugs an. „Nun“, fuhr Mr. Sagit fort: „Wie auch jeden anderen, stelle ich dich nun vor die Wahl. So oder so, jetzt ist Payoff.“
„Payoff“, murmelte Mark zurĂŒck. Seine Stimme war nun verĂ€rgerter, jedoch gleichzeitig besorgt. Mr. Sagit setzte fort: „Du kannst erneut den Knopf drĂŒcken und wieder zurĂŒck nach unten fahren, oder du wĂ€hlst die Kugel“. Mr. Sagit wedelte mit der Waffe. Dann stand er auf, platzierte sie behutsam auf dem Stuhl, drehte sich weg von Mark und ging gemĂŒtlich, aber bestimmt auf die hintere Fensterreihe zu, die HĂ€nde in den Hosentaschen. Als er sie erreichte, nahm er sich einen Moment, um die Aussicht zu bewundern, bevor er wieder zu sprechen begann, noch immer in die Ferne blickend, herab auf die Skyline von Manhattan. Seine Blicke waren Mark komplett abgewandt, schenkten ihm nicht mal mehr einen Funken von Beachtung. Mark starrte auf die Pistole. Sie rief nach ihm. Sie lag einfach da auf dem Klappstuhl, als wĂ€re kein Gegenstand der Welt bedeutungsloser. Nichts hĂ€tte ihn davon abhalten können die Waffe auf Mr. Sagit zu richten. Nichts. Doch Mr. Sagit schien dies keine Bedenken zu machen. „Ich verrate dir etwas, Mark“, fĂŒgte dieser hinzu: „Es hat noch nie jemanden gegeben, der nicht den Abzug gedrĂŒckt
“
PENG! Der Schuss fiel, noch bevor Mr. Sagit aussprechen konnte. FĂŒr einen kurzen Moment war das Gesicht von Mr. Sagit erneut von einem Grinsen gekennzeichnet. „Und es gab nur einen, der sich keine Kugel in den Kopf jagte“, beendete er fast schon flĂŒsternd seinen Satz, aber nun mehr zu sich selbst sprechend, als zu Mark.

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DocSchneider
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