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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Perlenlied
Eingestellt am 09. 06. 2003 08:34


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Volker Hagelstein
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Perlenlied
Die Flammen der Tischkerzen zuckten nerv√∂s und zwangen ihre Schatten zu einem atemlosen Tanz auf dem neogotischen Gew√∂lbe. Sie erweckten in mir den Eindruck, in eine H√∂hle zu schauen. Durch den Regen auf der Fensterscheibe wirkten seine Konturen eigenartig eckig und verzerrt, wie mit einem schlechten Graphikprogramm gezeichnet. Aber als ich die T√ľr √∂ffnete, zogen sie sich zu dem zurecht, den ich kannte: Latour, Mystiker und Psychotherapeut. Bei meinem Eintreten gerieten die Kerzenflammen in den Sog des Luftzuges und kr√ľmmten sich in meine Richtung. Fast schien es, als verbeugten sie sich vor mir. Aber verbeugt sich das Licht vor dem Schatten?
Nach wenigen Schritten war ich bei ihm. Aus der Nähe sah er sogar noch besser aus als bei seiner Lesung.
„Entschuldigen Sie ... aber, ... Sie haben ja selber gesagt, wie schwierig es ist, ehrlich √ľber seine Leidenschaften zu sprechen ....“
Die arrogante Handbewegung, mit der mich der Kellner, ein Tablett auf der rechten Handfläche balancierend, aus dem Weg schob, ärgerte mich, aber ich wagte nicht, etwas zu sagen.
Ich sp√ľrte Latours Augen wie den Strahl eines Leuchtfeuers √ľber mich hinweglaufen. Nach ein, zwei Sekunden sank sein Blick zur√ľck auf den Teller, auf dem eine Folienkartoffel lag. Die Art, wie sie geteilt war, erinnerte mich an die klaffende Wunde im Bauch eines kleinen Tieres, aus der Soure Cr√®me blutete. Mit chirurgischer Pr√§zision lie√ü er seine wohlgeformte rechte Hand die Gabel durch den Salat fahren, w√§hrend er mit der anderen wortlos auf den freien Stuhl wies.
"Vielen Dank, dass Sie die Zeit opfern möchten! Sie haben vorhin so beeindruckende Dinge gesagt ..."
"Ich hoffe, ich konnte Ihnen damit etwas geben!"
"Nun, sicher!" Um meine √úberraschung auszudr√ľcken, wandte ich den Kopf nach links und rechts. „Es wundert mich, dass Sie so allein ....“
„Wenn ich gesagt habe, was ich zu sagen habe, ist es am besten, die Menschen sich ungest√∂rt ihren Gedanken zu √ľberlassen!“
„Ah ja. Das verstehe ich! Diesmal werden sie so einiges zum √úberdenken haben. Wie Sie vorhin die alten Gnostiker, das Perlenlied, zitiert haben! Dass wir uns von den schweren bet√§ubenden Speisen trennen sollen, vom Konsum, vom oberfl√§chlichen Schein der Dinge, und daf√ľr eine leichtere, eine geistigere Kost zu uns nehmen sollen!“
Er tupfte sich die Lippen mit der Papierserviette ab.
„Sollen! Was hei√üt schon sollen? Alles liegt in Ihrer eigenen Entscheidung. Ich habe nur gesagt – und das aus meiner eigenen Erfahrung heraus – wer es tut, wird voraussichtlich √ľberraschende Dinge an sich erleben!“
„Die Perle?“
„Wenn Sie so wollen. Ja, die Perle! Ein wundervoll schlichtes Symbol der Seele. Ich verstehe zutiefst, warum es von so vielen Kulturen und spirituellen Schulen verwendet wurde!“
„Unsere S√ľchte, unsere Gier. Das meinten Sie mit den schweren Speisen?“
„Unter anderem. Die Illusion, und nichts anderes ist es, die Illusion, dass wir diese Dinge brauchen!“
„Illusion! Wenn Sie das sagen, klingt es so einfach, so ... leichth√§ndig!“
„Haben Sie Probleme mit den Leidenschaften, mit den Illusionen?“
„Machen Sie sich lustig √ľber mich? Schauen Sie mich doch an! An mir ist alles ein Problem! Das meiste ererbt! Ich ziehe es durch mein Leben wie eine Eisenkugel am Fu√ügelenk. Diese stolzen Einmeterf√ľnfundsechzig K√∂rperh√∂he, die X-Beine, die krummen Schultern!“
„F√ľhlen Sie sich unattraktiv?“
„Ich bin es doch einfach, oder? Leider sieht es in meinem Inneren auch nicht besser aus. Das Herz, die Bauchspeicheldr√ľse, ein paar andere Defekte. Ein Andenken meiner Mutter!“
Die Selbstverst√§ndlichkeit, oder sagen wir, die befehlsgewohnte Art, in der er mich mit einem schlichten Heben der Augenbrauen zum Weiterreden aufforderten, verbl√ľffte mich.
„Alkohol-Embryopathie. Meine Mutter konnte einfach nicht damit aufh√∂ren. Noch nicht einmal w√§hrend der Schwangerschaft. Nun ja! Bei dem einen sind es die Speisen, bei ihr war es der schwere, bet√§ubende Trank ....“
„Ich sehe einen wachen, intelligenten, vermutlich suchenden Menschen vor mir! Warum besch√§ftigen Sie sich nicht einfach lieber mit Ihrem Potenzial als mit Ihren Schw√§chen?“
„Jesus! Ihre Worte stechen in mein kaputtes Herz! Wie vorhin, als Sie das mit den Ufos sagten: dass wir Millionen und Milliarden ausgeben, um den Himmel nach den Radiowellen von Au√üerirdischen abzusuchen - und was es f√ľr einen unglaublichen Wirbel in den Medien g√§be, wenn wir wirklich Kontakt h√§tten. Aber dass das doch gar nichts w√§re gegen die Nachricht, dass zwei Menschen endlich echten, ehrlichen Kontakt zu einander gefunden h√§tten! Und wie Sie dann dieses Bild hochgehalten haben!“
„Das M√§dchen mit der Perle von Jan Vermeer. In der Tat mein Lieblingsgem√§lde!“
Ich beobachtete, wie geschickt er mit Messer und Gabel ein Salatblatt faltete, bevor er es zum Mund f√ľhrte - als w√§re es eine alttestamentarische Schriftrolle. Mit dem Kauen nahm er sich viel Zeit.
„Die Perle! Die Perle ist die Hauptsache! Sie befindet sich ziemlich nah im Bildmittelpunkt. Das kann kein Zufall sein. Es ist nicht nur dieses h√ľbsche, junge M√§dchen, das den Betrachter anblickt. Es ist ihre Seele. Das Bild gibt den Augenblick wieder, in dem sich zwei reine, offene Seelen begegnen. Offen wie der rezeptive Mund dieser Frau!“
„Der Moment, in dem sie Kontakt haben!“
„Wenn sie bereit werden, sich und andere zu erkennen. Der Moment der Erleuchtung und der Vereinigung! So lautet jedenfalls meine Interpretation.“
„Wie unglaublich sch√∂n!“
„Sie sprachen aber von mehreren Leidenschaften!“
„Oh ja! Ich .... nun, es sind Filme!“ Mein R√§uspern klang mit Sicherheit √§u√üerst nerv√∂s. „Ich bin ein wenig s√ľchtig nach Filmen. Filmen einer besonderen Art!“
„Erotischen Inhalts?“
„Ich ... nein, bitte, Sie gehen in die falsche Richtung!“
„Sondern?“
„Ja ... ich wei√ü noch nicht einmal, ob jemand wie Sie √ľberhaupt davon geh√∂rt hat. Sagt Ihnen der Ausdruck Splatter-Film etwas?“
Er sagte ihm nichts. Aber er hatte es noch nicht einmal n√∂tig, den Kopf zu sch√ľtteln.
„Es sind Filme, in denen es eigentlich nur um eines geht: Um das Zerlegen und Verst√ľmmeln von menschlichen K√∂rpern!“
Schon wieder die Augenbraue.
„Erz√§hlen Sie!“
„Da gibt es zum Beispiel Klassiker wie Zombie. Eines sch√∂nen Tages steigen die Toten aus ihren Gr√§bern, und die n√§chsten eineinhalb Stunden handeln dann davon, wie die √úberlebenden bei ihrer Flucht diesen Zombies die K√∂pfe abschie√üen. Oder der Streifen, mit dem mehr oder minder alles anfing - zu Beginn der Sechziger. Blood Feast von Herschell Gordon Lewis! Die Inkarnation eines √§gyptischen Priesters, der seiner G√∂ttin Menschenopfer darbringt. Fein portioniert, versteht sich. Oder die etwas humoristische Variante: Bad Taste. Da landen Alien von einer interstellaren Fast-Food-Kette auf der Erde und stellen fest, dass Menschen auch ganz lecker schmecken. Wegen einer akuten Absatzflaute suchen sie n√§mlich dringend nach Produktinnovationen ...“
„Ein eigenartiges Hobby!“
„Wenn Sie so wollen! Ich habe eine spezielle Theorie dazu! Interessiert es Sie?“
„Nur zu!“
„Im Grunde geht es um Essgewohnheiten! Nein! Wie fange ich besser an? Vielleicht mit den Pflanzen. Pflanzen sind nat√ľrlich Heilige: Was brauchen sie schon? Ein bisschen Wasser und Mineralien aus dem Erdboden, ein wenig Kohlendioxid und nat√ľrlich Sonnenlicht – oh ja, Pflanzen lieben das Licht: Das war’s! Mehr verlangen sie nicht. Aber daraus erschaffen sie ihre gesamte Pracht – ob den Stamm einer Eiche oder die Bl√ľte einer Falterorchidee.
Sind die fleischfressenden Tiere im Vergleich dazu nicht geradezu d√§monisch? Alles, was wir an ihnen bewundern, ihre Kraft, ihre Schnelligkeit, ihre Eleganz, ihre scharfen Sinne – all das dient nur einem Ziel: m√∂glichst effektiv Beute zu stellen und zu erlegen. Die dann bei lebendigem Leib zerrissen wird: ein Brei aus Fetzen von Muskeln, Lunge, Darm und Blut, der durch den hungrigen Schlund gew√ľrgt wird. Denken Sie an all diese S√§fte und Enzyme, die darauf warten, ein St√ľck Leben in seine molekularen Einzelteile zu zerlegen.
Wasser, Licht, Mineralien – das gen√ľgt dem wilden Tier nicht, es muss t√∂ten. Und weil es t√∂ten muss, muss es ihm Spa√ü bringen. Sie leben von rohem Fleisch. Roh! K√∂nnen Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man sein Leben lang von rohem Fleisch abh√§ngig ist? Wenn das bittere Blut auf den Lippen noch warm ist, wenn einem das Splittern der fetten, markigen Knochen von innen ans Ohr dringt? Im ersten Moment eine widerliche Vorstellung. Aber entschuldigen Sie bitte, Sie essen!“
„Glauben Sie etwa, ich vertrage nichts?“ Sein Grinsen war √ľberraschend breit. „Ich h√∂re wirklich gern zu!“
„Daf√ľr bin ich Ihnen sehr ... oh, verdammt!“
Ich fuhr mit der Rechten an mein Gesicht, rieb mir mit Daumen und Zeigefinger die Augen und schob zwei Tr√§nen gegen den Nasenr√ľcken, die ich unter den Fingerspitzen zerdr√ľckte.
Als ich seine Hand meinen Unterarm t√§tscheln sp√ľrte, hatte ich die Empfindung, als glitten die Schuppen einer trockenen Schlangenhaut dar√ľber hinweg.
„Geht es?“
Ich hob die Hände.
„Es ist gut, es ist gut!“
„Wirklich?“
„Wirklich! Ich m√∂chte jetzt weiterreden!“
„Wenn Sie meinen ....“
Ich atmete zweimal tief durch, während ich beobachtete, wie er sich wieder der Kartoffel widmete.
„Das Raubtier…“, erleichtert stellte ich fest, dass mich meine Stimme nicht im Stich lassen w√ľrde, „das Raubtier lebt in einer Welt des Todes. Diese Kreaturen haben teilweise ein geradezu intimes Verh√§ltnis dazu. Wilde Braunb√§ren w√§lzen sich voller Hingabe im Aas. Niemand wei√ü, warum sie es tun, aber es scheint ihnen Spa√ü zu bringen. Aber ich sollte jetzt wirklich ....“
Nein, nein! Ich sagte doch ....“
„Gut! Sehr gut! Was ich sagen wollte ... Ja, genau! Der Mensch ist ja selber ein Fleischfresser. Die Anthropologen glauben, dass er damit als Aasverwerter angefangen hat. Verstehen Sie? Vor Millionen Jahren in der afrikanischen Steppe. An den Wasserstellen, wo immer viel verendetes Vieh zu finden ist. Die L√∂wen waren immer die ersten bei der Leiche, dann Hy√§nen und Geier und dann eben unsere affenartigen Vorfahren. Mit den ersten Steinwerkzeugen, die es √ľberhaupt gab, sollen sie die Knochen der toten Tiere zertr√ľmmert haben, um ans Mark zu kommen. Das! Das ist unsere Herkunft! Das bedr√ľckende Erbe unserer Natur!“
„Unsinn! Ich habe mein Leben daf√ľr gewidmet, diesen fatalistischen Unsinn zu bek√§mpfen! Was Sie da schildern, ist nur die k√∂rperliche Seite! Es gibt auch geistige Entwicklung! Es gibt ...“
„Wenn ich darf, m√∂chte ich jetzt meinen Gedanken weiterentwickeln!“
„Bitte!“
„Man redet ja nicht gern dr√ľber: Aber f√ľr einen Fleischfresser, f√ľr jemanden, dessen K√∂rper auf diese Kost angewiesen ist, sollte es doch nur konsequent sein, wenn er sich auch an seinen Artgenossen ... vergreift, oder? Viele Tierarten tun es, sogar die Schimpansen, unsere n√§chsten Verwandten. Nicht oft, aber sie tun es!“
„Und Sie glauben, auch wir tun es immer noch?“
„Ich glaube, wir haben nichts verlernt! Warum sollten wir ausgerechnet in diesem Punkt unsere Erblast abgesch√ľttelt haben? Es gibt eine ganze Reihe von Knochenfunden aus pr√§historischen Epochen. Ich glaube, Sie ahnen, was unsere fr√ľhmenschlichen Ahnen so alles zu sich genommen haben! Warum dann nicht auch in neuerer Zeit?“
Ich legte eine kurze Sprechpause ein, die vom Kratzen der Messer und dem Geklapper des Geschirrs an den Nachbartischen angef√ľllt wurde.
„Sogar Marvin Harris, der Kulturanthropologe, glaubt, dass die Azteken ihre Menschenopfer nicht einfach weggeworfen haben. Oh, nein! Nicht einfach weggeworfen! Und dann die vielen Berichte der fr√ľhen Afrikaforscher, von √§u√üerst glaubw√ľrdigen Zeugen ... mein Gott, was f√ľr Bilder m√ľssen sie gesehen haben!“
„Wie ich h√∂rte, erheben die Ethnologen dagegen aber doch erhebliche Einw√§nde...“
„Mag sein. Aber was gibt es f√ľr Einw√§nde gegen menschliches Muskeleiwei√ü in den √úberbleibseln von t√∂nernem Kochgeschirr? Wie bei den Anasazi-Indianern? Und was gibt es f√ľr Einw√§nde gegen dieselbe Eiwei√üart in mineralisierten Kotspuren an diesen Fundstellen?“
„Lassen wir die akademischen Details. Worauf wollen Sie hinaus?“
„Auf meine Theorie! Sie klingt zwar nicht sehr gebildet, daf√ľr ist sie aber ganz einfach: Ich will sagen, dass der Mensch schlicht und einfach deshalb Interesse an kannibalistischen Filmen hat, weil er selber ein Kannibale ist!“
„Du meine G√ľte! Da haben Sie sich aber ein geh√∂rig pessimistisches Weltbild zurechtgelegt!“
„Ja. Vielleicht! Aber ... aber inzwischen habe ich mich daran gew√∂hnt. Man kann es n√§mlich auch von einer anderen Warte aus betrachten. Eigentlich ist es ziemlich aufregend, in einer so unheimlichen Welt zu leben. Und am Ende f√§llt einem dann das Sterben m√∂glicherweise sogar leichter!“
„Voil√†! Streifen Sie bisweilen den Tiefsinn, junger Mann?“
„Vielen Dank!“
„Aber trotzdem simplifizieren Sie! Denken Sie nicht? Diese Filme sind das Hobby einer kleinen – sagen wir, ein wenig angespannten – Minderheit. Etwas Schock, etwas Adrenalin in einem unausgef√ľllten, langweiligen Leben.“
„Jetzt – jetzt sind wir eine Minderheit!“
„Soll hei√üen?“
„Im alten Rom hat die ganze Stadtbev√∂lkerung zugesehen. Gegen Eintrittsgeld. Das war live! Das war echt! Das war der absolute Stra√üenfeger!“
Mit Daumen und Zeigefinger beider Hände bildete ich einen imaginären, viereckigen Monitor.
„Ich sehe es geradezu vor mir – erst das wei√üe Rauschen, dann die Streifen, aber langsam stabilisiert sich das Bild. Circus Maximus in Schwarzwei√ü! Die kleinen grauen H√§uflein, das sind die Leichenteile. Christen, vermute ich. Die schwarzen kontrastreichen Flecken drum herum m√ľssten das Blut sein. Aber was haben die hektisch hin und her springenden Schemen zu bedeuten – sind das die Raubtiere? Wenn man ganz nah rangeht, kann man raten, ob Tiger oder L√∂we. Wie schwarz ihre M√§uler sind! √úber Schilder, Speere und Schwerter der Wachen glei√üt das Licht der Sonne – oder das der Scheinwerfer. Sie verstehen, diese verr√ľckten psychedelischen Effekte bei TV-Reportagen aus den Sechzigern! Und im Hintergrund braust, durch R√ľckkopplungen verzerrt, der Applaus der Massen. Tiere haben doch ein Gesp√ľr f√ľr so etwas! Ob sie das anspornt?“
Ich löste den imaginären Bildschirm auf, legte die Handflächen auf die Tischplatte und beugte mich vor.
„Oh, wir sind ja jetzt so gel√§utert! Haben wir nicht etwa die UN-Menschenrechtscharta? Glauben Sie mir! Wir sind R√∂mer! Nach wie vor! Das Interesse – oder soll ich sagen, der Markt – w√§re da! Es hat sich nichts ge√§ndert. Fragen Sie sich nicht manchmal, was f√ľr eine tr√ľbe Sippschaft Sie da eigentlich zur Erleuchtung f√ľhren wollen? Verstehen Sie mich richtig! Ich halte den Menschen eigentlich nicht f√ľr b√∂se. Vielleicht muss er es ja nicht machen. Vielleicht reicht es ja, wenn er es auf Video sieht. Jedenfalls meistens!“
Ich hatte ihn f√ľr einen Augenblick sprachlos gemacht. Diese Gelegenheit musste ich nutzen.
„Lesen Sie keine Zeitungen? Sehen Sie nicht, wie oft der kultivierte, gek√§mmte, frisch abgeschrubbte Mensch sein wahres Ich verr√§t? Diese Berichte von Flugzeugabst√ľrzen in den Bergen, von Hungerkatastrophen in der Ukraine? Diese eigenartigen Obsessionen von Serienkillern? In den USA ist fast jeder vierte Mord das Werk eines Serienm√∂rders. Haben Sie nie davon geh√∂rt, wie sie die Leichen manipulieren? Teile der Genitalien, ein Finger hier, ein Zeh dort? Und was sie damit machen? Sie erlauben?“
Ich griff nach einer Olive in seinem Salat. W√§hrend er mir beim Kauen zuschaute, konnte ich beobachten, wie sich in seinen Gesichtsz√ľgen die gewohnte Souver√§nit√§t zugunsten einer gewissen Entgeisterung zur√ľckzog.
„Es w√§re schrecklich, wenn Sie Recht behielten!“
„Leider neige ich dazu, Recht zu haben. Jemand wie ich hat viel Zeit zum Nachdenken!“
Der Ger√§uschpegel wurde h√∂her, zum Klappern des Geschirrs gesellte sich das TV-Ger√§t √ľber dem Tresen der Cocktailbar. Irgendein Tennisstar wurde beim Matchball vom Publikum angefeuert.
Latour st√ľtzte das Kinn auf die Kn√∂chel seiner rechten Hand.
„Aber ich wei√ü immer noch nicht, was Sie mir mit all dem sagen wollen!“
„Vielleicht will ich gar nichts sagen? Vielleicht will ich Sie ja blo√ü warnen?“
„Warnen? Wovor?“
Ich machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Lassen wir das! Die Leute vorhin – sie waren fasziniert! Auch die jungen Damen. Es waren ja √ľberhaupt ganz √ľberwiegend Frauen anwesend. Wie ihre h√ľbschen Augen gegl√§nzt haben, als Sie das mit dem Gro√üen Kontakt vortrugen! Ich muss sagen: Das hat mir einen kleinen Stich versetzt. Ich beneide Sie!“
„Nun, bitte! Das bedeutet mir nicht allzu viel ...“
„Schade. Dann werden Sie sich vielleicht gar nicht mehr erinnern k√∂nnen! Vor etwas mehr als zwanzig Jahren, es muss einer Ihrer ersten Auftritte gewesen sein, sa√ü einmal eine ganz spezielle Verehrerin unter Ihren Zuh√∂rern. Sie war genauso h√ľbsch und rezeptiv wie die anderen. Nur vielleicht etwas blasser, etwas trauriger. Vielleicht hatte sie dunklere Ringe unter den Augen. Wie gesagt: Es war vor etwas √ľber zwanzig Jahren – diese eigenartige Zeit, als die Hoffnung auf die gro√üe Umw√§lzung wieder gegangen war, die Drogen aber zur√ľckgelassen hatte. Mein Vater hat mir von alldem erz√§hlt!“
„Ich beginne zu verstehen ...“
„Gerade als sie damit besch√§ftigt war, ihre Heroinsucht mit Valium und einer Flut von Landwein zu bek√§mpfen, erreichte sie die Nachricht ihrer Schwangerschaft. Der Arzt hatte sie gewarnt, wollte sie in eine psychiatrische Station einweisen. Vielleicht hatte sie ja Angst vor dem kalten Licht der Flure, vor den Schreien, der Einsamkeit. Jedenfalls wandte sich das M√§dchen lieber an einen Therapeuten. Der ihr riet, sich nicht in die H√§nde kalter, n√ľchterner Technokraten zu begeben, sondern nach den Kr√§ften in ihrem eigenen Inneren zu suchen. Nach Kr√§ften, die anscheinend wohl doch nicht vorhanden waren!“
Ich beobachtete, wie er f√ľr den Bruchteil einer Sekunde ein √ľberraschend linkisches Hohlkreuz bildete, als er versuchte, seine K√∂rperhaltung zu straffen.
„Waren Sie sich Ihrer Sache wirklich so sicher? Oder hatten Sie wenigstens etwas Angst um Sie? Sie haben ihr geraten, nicht ins Krankenhaus zu gehen. Weil Sie etwas viel Besseres wussten! Sie sollte sich in ihrem Zimmer hinsetzen und meditieren. Und dabei ein Bild von Ihnen betrachten. Oh, nein! - haben Sie ihr versichert – das hatte nat√ľrlich nicht das Geringste mit irgendeiner Eitelkeit zu tun. Es sollte ihr nur helfen, sollte eine greifbare Darstellung liefern, eine Art Archetypus des liebevollen Meisters!“
Ich sah, wie m√ľhsam er schlucken musste.
„Das M√§dchen hat es mit Ach und Krach geschafft. Ein paar Jahre blieben ihr danach noch. Auch das Neugeborene √ľberlebte, aber es trug Sch√§den davon ....“
„Es tut mir leid! Was soll ich sagen? Fehler geschehen, es kann ...“
„Nein! Bitte! Sie brauchen mir nichts zu erkl√§ren! Wirklich nicht! Ich kann mich mittlerweile mit vollem Recht als Kenner Ihrer Lehren bezeichnen! Ich verstehe Sie! Sehen Sie!“
Mit diesen Worten griff ich in die Innentasche meiner Nylonjacke und warf einen Stapel bedruckter Kärtchen vor ihm auf den Tisch.
„Das sind Eintrittskarten. Ich habe keine Ihrer Veranstaltungen ausgelassen. Seit eineinhalb Jahren nicht! Hochachtung! Ihnen scheint tats√§chlich kein Anfahrtsweg zu weit zu sein. Eigentlich bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet. Durch Sie lerne ich mein eigenes Land erst so richtig kennen!“
Er schob den Stapel mit dem rechten Zeigefinger auseinander. Irgendwie schien er froh zu sein, dass er dadurch seinen Blick von mir abwenden durfte.
„Und immer ist es dasselbe! Diese Begeisterung in den Augen Ihrer Zuh√∂rer! Viele sehen wirklich leidend aus. Es muss ein gro√üartiges Gef√ľhl sein, so viel Hoffnung zu belohnen! Ich sitze immer ganz hinten, damit ich wirklich alle beobachten kann. Darum haben Sie mich wohl auch nicht erkannt.“
Schwer atmend lehnte er sich in seinem Stuhl zur√ľck. Er war blasser geworden.
„Warum?“
„Bitte?“
„Warum haben Sie mir das erz√§hlt? Das mit dem Kannibalismus, meine ich!“
„Ich wollte mich austauschen, deshalb!“
„Austauschen? Ha!“
Latour betupfte einen Speicheltropfen, der sich an seinem Mundrand gebildet hatte.
„Gut! Wie Sie wollen! Aber mit Ihrer Erlaubnis komme ich zu ganz anderen Schl√ľssen. Da verfolgt mich jemand jahrelang.“
Mit einem kalten, sp√∂ttischen L√§cheln beugte er sich √ľber den Tisch.
„Jemand mit angeborenen Defekten wohlgemerkt, die wahrscheinlich auch das Hirn in Mitleidenschaft gezogen haben. Ein fremder Jemand, der davon faselt, wie man Menschenk√∂rper zerlegt! Und dann will er sich nur mit mir austauschen!“
„Mit wem denn sonst?“
„H√∂ren Sie zu, Freundchen! Sie sagten, Sie hatten viel Zeit zum Nachdenken. Dann verraten Sie mir doch einmal, was das f√ľr Einrichtungen waren, in denen es so unerh√∂rt viel Zeit gab! Haben die Schreie sehr gest√∂rt?“
Er griff nach dem Messer und deutete damit auf mich.
„Ich kenne euch! Jemand wie ich, jemand, der in der √Ėffentlichkeit wirkt, der kennt euch leider nur zu gut! F√ľr mich seid ihr nichts anderes als j√§mmerliche W√ľrmer! Kleine, psychopathische W√ľrmchen! Eure Krankheit hat sich durch alle Winkel eurer Hirne gefressen, aber ihr denkt, es sei eine Botschaft!“
In Zickzackbewegungen ließ er das Messer in meine Richtung vorschnellen.
„Neid! Das ist es! Ihr beneidet die, die im Licht stehen – weil die √∂ffentlich sagen d√ľrfen, was sie denken. Aber ihr Durchgedrehten, ihr Zerfressenen, ihr d√ľrft das nicht. Das findet ihr ja so unglaublich gemein! Dabei habt ihr √ľberhaupt nichts zu sagen! Nichts als euer debiles, abgehacktes `Aga-aga-aga-aga!¬ī √úberall m√ľsst ihr euch in den Vordergrund spielen. Ihr kaspert rum, ihr ruft dazwischen, ihr sto√üt Drohungen aus! Und ein paar von euch sind mit Sicherheit krank genug, die Drohungen wahr zu machen!“
„Aber wann habe ich Sie jemals bedroht?“
„Wann? Wann Sie mich bedroht haben? Verwechseln Sie meine Gutm√ľtigkeit nicht mit Dummheit! Was haben Sie die ganze Zeit √ľberhaupt anderes getan? Ich wei√ü, was Sie vorhaben! Und es macht Ihnen Spa√ü, es mir vorher zu sagen! Um meine Qualen zu vergr√∂√üern! Sie gottverdammter Sadist! Aber das verbiete ich Ihnen. Ich habe hier noch viel zu erledigen!“
„Was um Himmels Willen soll ich mit Ihnen vorhaben?“
„Ich soll Ihnen sagen, was Sie ....? Na gut! Sie wollen es aus meinem Munde h√∂ren? Bitte! Sie wollen mich foltern! Ja, das haben Sie vor! Genau das! Dann werden Sie mich t√∂ten! Und dann – dann werden Sie mich .... auffressen! Jawohl!“
„Jetzt √ľbertreiben Sie! Ich bin doch so etwas wie Ihr Sohn! Oder besser gesagt: Ihr Wechselbalg! Bin ich Ihnen jetzt etwa zu h√§sslich?“
Sein Aufschrei klang irgendwie w√ľtend, vor allem aber ziemlich infantil. Er sprang auf und stach √ľber den Tisch hinweg zu. Als die Messerspitze meinen Oberarmknochen touchierte, hatte ich das Gef√ľhl, dass mein Innerstes ber√ľhrt worden sei.
Latour lie√ü sich auf den Sitz zur√ľckfallen. Von einem der Nachbartische h√∂rte ich eine hohe Frauenstimme schreien. Als ich meinen Arm in Augenschein nahm, erkannte ich, dass das Messer noch immer drin steckte. Aber es war eine eher dunkle, tr√∂pfelnde Blutung. Nichts Wichtiges schien verletzt. Ich schloss die Augen, k√§mpfte gegen den Drang zu l√§cheln an und sank ein wenig im Stuhl zusammen.
Auch an den entfernteren Tischen schien das Klappern des Geschirrs zu verstummen. Zun√§chst war die Stille z√§h und erstickend, aber dann h√∂rte ich hastige Rufe, Schritte, die sich n√§herten, Gemurmel. Ich f√ľhlte H√§nde auf meiner Schulter und unterhalb der Wunde. Dazwischen Latours Gebrabbel.
„Er wollte mich umbringen. Ja! Der Schurke wollte mich ...Lassen Sie mich doch los! Wissen Sie, was er ist? Er ist ... Ich musste es tun! Warum verstehen Sie das nicht?“
Vorsichtig √∂ffnete ich die Augen und erkannte, wie er von einem Kellner und zwei G√§sten auf seinem Sitzplatz zur√ľckgehalten wurde. Eine junge Frau, der ihr glattes blondes Haar in die Stirn fiel, hatte sich neben mich gekniet und betrachtete meine Wunde. Ich hatte die Kontrolle √ľber das L√§cheln verloren.
„Wir sind uns begegnet, Latour! Ich habe Sie erkannt. Wir hatten Kontakt!“
Er starrte mich mit seinem offenen Mund an, einer klaffenden g√§hnenden √Ėffnung, die geradewegs in ein unterirdisches Labyrinth zu f√ľhren schien.
„Ich habe Sie die ganze Zeit betrachtet, Latour. Aber ich habe sie nicht gesehen – Ihre Perle!“
Ich musste lachen.
„Sie haben da √ľbrigens so eine kleine, unattraktive Warze am Ohr!“

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strumpfkuh
???
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perlenlied

Lieber Volker,
eine psychologisch ausgefeilte, interssante und gut geschriebene Geschichte!
Gr√ľ√üe
Doro

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Matsu
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Registriert: May 2003

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Perlienlied

Hochinteressant!
Allerdings kommt das Spannendste am Text recht sp√§t und geht dann fast unter - der "Kontakt", der Moment, in dem die Protagonisten sich unverstellt gegen√ľberstehen, ihre Masken fallen lassen. Dann wird auch klar, warum der Dialog vorher so drastisch war: Die Figuren mussten aus der Reserve gelockt werden. Ich sehe die Gefahr, dass der Leser nicht bis zum Schluss dranbleibt.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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...unkonstruktiver gl√ľckwunsch...

hallo volker hagelstein,

obwohl es auf grund ihrer länge vielleicht nicht die klassische kurzgeschichte an sich ist, möchte ich kein wort missen. wunderbare dialoge, in denen latour langsam abbröckelt, fast durchsichtig wird - handwerklich sehr geschickt gemacht.
obwohl ein vorkommentator die l√§nge der "einf√ľhrung" bem√§ngelte, und auch ich bef√ľrchte, da√ü manche zwischendrin entnervt aufgeben werden, die art der "beweisf√ľhrung" verlangt in meinen augen die von dir gew√§hlte form. einzig einige adjektive finde ich √ľberdenkenswert (z.b. die wohlgeformte rechte hand u.√§.), ihre bedeutung ist mir momentan nicht ersichtlich. wenn sie optisch-beschreibenden charakter haben w√ľrde ich sie herausnehmen, weil der gedankenflu√ü dann nicht mehr durch nebens√§chlihkeiten (entschuldigung) behindert wird.

gr√ľ√üe

rainer



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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Volker Hagelstein
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Ich gebe zu: Der Beschleunigungswert meiner Story ist nicht gerade beeindruckend. Auch ist mir durchaus der Rat bekannt, mit einem Erdbeben zu beginnen, um die Spannung dann langsam zu steigern. Nun ist es aber so, dass ich auch als Rezipient (von Texten genauso wie von Filmen) vor allem die langsamen, atmosph√§rischen und r√§tselhaften Einstiege mag. Ich sehe die Risiken – trotzdem m√∂chte ich lieber auf diesem Gebiet meine Erfahrungen und ggf. meine blauen Augen sammeln, als auf „todsichere“, daf√ľr aber etwas ausgelatschte, Strategien umzusteigen.
Die wohlgeformte Hand ist sicher ziemlich klischeehaft. Damit wollte ich vor allem unterstreichen, dass sich die Leute besonders gern von √§u√üerlich beeindruckenden Propheten einwickeln lassen. √úberhaupt tragen die Verf√ľhrten bei solchen Sachen ja auch immer eine erhebliche Mitschuld. Das Ganze ist nat√ľrlich auch ein Spiel mit dem Gegensatz „sch√∂ner Schein“ vs. „h√§ssliche Wahrheit“.
Gruß Volker

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