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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Perspektiven
Eingestellt am 05. 10. 2001 13:45


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anderermartin
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 5
Kommentare: 18
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Er f├╝hlt sich wie im Kino. Die Szenen auf der Leinwand scheinen sich durch nichts von den zahlreichen Katastrophenfilmen zu unterscheiden, die er im Lauf der Jahre gesehen hat. Im D├Ąmmerlicht sieht er die anderen Zuschauer ungl├Ąubig starren. Ob ihre Gesichter Entsetzen oder Faszination ausdr├╝cken, vermag er nicht zu beurteilen. Unwillk├╝rlich versp├╝rt er Lust auf Popcorn und Cola und im selben Moment sind ihm seine Gel├╝ste ebenso r├Ątselhaft wie die Bilder, die er sieht. Sogar der Moderatorin fehlen bisweilen die Worte. Wenn sie spricht, dann von einem Ungl├╝cksfall, von einer Trag├Âdie unmenschlichen Ausmasses, von einem unerkl├Ąrlichen Flugzeugabsturz. Ihre S├Ątze klingen hilflos und er kann ihre Best├╝rzung f├Ârmlich durch die Mattscheibe hindurch sp├╝ren. Die Nachrichten sind heute gef├╝hlsecht, realistischer als Kino. Godzilla und die Marsianer h├Ątten kein beeindruckenderes Loch in den Tower rei├čen k├Ânnen. Dennoch ist er noch nicht so weit, den Bildern zu glauben. Je mehr er sich ihrer Wahrhaftigkeit bewu├čt wird, desto weniger ist er gewillt, sie zu akzeptieren. Er mu├č sich zwingen, den Blick vom Fernseher loszurei├čen, dem er wenigstens noch mi├čtrauen kann. Es kostet ihn alle ├ťberwindung, den unentrinnbaren Beweis anzutreten, indem er einfach nur seinen Kopf zur Seite dreht. Dort, im Fensterrahmen, pr├Ąsentiert sich ihm die schonungslose Wahrheit und verbietet jede Hoffnung auf einen Irrtum. Der Nordturm steht in Flammen. Leugnen hat keinen Zweck, er kann ihn sehen, er mu├č zuschauen, wie der dichte schwarze Rauch aus den Eingeweiden des Kolosses hervorquillt, um seinen Zwilling in die Arme zu schlie├čen.

Er war in Gedanken noch ganz bei seiner Familie, als er vor einer halben Stunde das B├╝ro betrat. Beim Fr├╝hst├╝ck hatten sie Pl├Ąne f├╝r das Wochende entworfen. Ein Ausflug? Wir k├Ânnten Oma besuchen oder unsere Freunde mit einem ├ťberraschungsbesuch ├╝berfallen. Seinem Sohn waren alle Vorschl├Ąge recht, wenn sie nur wie versprochen zusammen ins Kino gehen w├╝rden. Ins Kino... er sitzt wieder vor der Leinwand, diesmal Frau und Kind neben sich. Der Lichtkegel wirft heile Welt auf die Wand, sie lachen und reichen die T├╝te mit dem Popcorn hin und her.

Krach und Klirren holen ihn zur├╝ck. Das M├Ądchen, das morgens immer die erste Kafferunde verteilt, steht in einer Mischung aus brauner Fl├╝ssigkeit und bunten Scherben. Ihre H├Ąnde greifen vor ihrem K├Ârper in die Luft, als halte sie ein Tablett. Ihr Mi├čgeschick scheint niemanden zu interessieren, das ganze B├╝ro hat sich auf den Fernseher reduziert. Seltsam, denkt er sich, warum zieht Ihr die Berichterstattung dem Blick aus dem Fenster vor? Ihr braucht doch nur nach drau├čen zu schauen. Als er den starren Blicken auf die Mattscheibe folgt, sieht er den zweiten Turm brennen. Der feurige Nachhall einer Explosion regnet auf die Stra├če hinunter. Er wendet seinen leeren Kopf zur├╝ck zu dem M├Ądchen und wieder f├╝hlt er die Kinoatmosph├Ąre. Gerade zeigen sie in Zeitlupe, wie das M├Ądchen ohnm├Ąchtig in sich zusammensackt, wie ihr zu Butter gewordener K├Ârper zu Boden gleitet. Die unendlich langsame Bilderfolge setzt sich fort, immer gleiche Aufnahmen von offenen M├╝ndern, ungl├Ąubig aufgerissenen Augen folgen aufeinander, bis die Gestalten wieder lebendig werden, um in hektische und dann panische Bewegungen wie in einem zu schnell gespulten Film ├╝berzugehen. Das Rufen und Schreien w├╝rde ihn aus seiner Letargie rei├čen, wenn sein Verstand nicht vorher aufg├Ąbe und er nicht dem M├Ądchen bei seiner Flucht in die Bewu├čtlosigkeit folgte.

Bei der R├╝ckkehr ist ihm hei├č. Sein erster Blick f├Ąllt auf den Fernseher. Das mu├č der Rauch sein, denkt er. Die Moderatorin ist zwischen den dichten Schwaden nicht zu erkennen, das Bild gleicht dem Schnee, den er fr├╝her nachts beim Aufwachen auf der Mattscheibe gesehen hat. Fr├╝her, bevor sie die ganze Nacht durchsendeten, bevor sie einen Katastrophenfilm nach dem anderen zeigten. Ja, es raucht immernoch, der Bildausschnitt im Fensterrahmen zeigt ihm nach wie vor den brennenden Nordturm. Und die Zeitlupe geht weiter. Er beobachtet nun so etwas wie einen Raketenstart aus n├Ąchster N├Ąhe. Der Nordturm scheint sein Triebwerk zu z├╝nden und f├╝r ein oder zwei Sekunden sieht er ihn unter unwiderstehlichem Tosen Etage f├╝r Etage nach oben an sich vorbeiziehen. Dann ist es f├╝r ihn vorbei.

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