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Peter Stamm: Ungefähre Landschaft
Eingestellt am 10. 01. 2002 10:28


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Frank Zimmermann
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Peter Stamm: "Ungefähre Landschaft"

Peter Stamms Prosa lässt mich an Tuschezeichnungen von Picasso denken. So wie der geniale Spanier mit nur wenigen Strichen und Umrissen die bewegte Welt des Stierkampfes abbilden konnte, so arbeitet Stamm mit der Sprache. Schon nach den ersten beiden Büchern, dem Erzählungenband "Blitzeis" und dem Roman "Agnes", sagte man dem 38 jährigen Schweizer nach, in seinen Büchern befinde sich kein Wort zuviel. Dieser Linie ist der Autor auch mit seinem zweiten Roman "Ungefähre Landschaft" treu geblieben. Bereits auf der zweiten Seite umreißt er mit einem einzigen Satz die Ausgangslage der Protagonistin:
"Kathrine hatte Helge geheiratet, sie hatte das Kind bekommen, sie hatte sich von Helge scheiden lassen."
Im folgenden Text wird nun das Leben der Zöllnerin Kathrine ausgebreitet: sie ist achtundzwanzig und die Mutter eines ungewollten Kindes. Aufgrund ihrer Arbeit hat sie ständig auf Schiffen zu tun und doch war sie noch nie südlich des Polarkreises. Ihre Existenz ist mit dem kleinen norwegischen Dorf, in dem sie schon immer lebt, aufs Engste verwoben und in ihrem Gemüt spiegelt sich die raue Landschaft ebenso wie das harte Klima und die diffusen Lichtverhältnisse ihrer Heimat. Nicht selten macht der Autor gewissermaßen Ausflüge in die Landschaftsmalerei, was aber nicht weiter verwunderlich ist, denn bereits auf Seite 29 erfährt der Leser, was es mit dem Titel auf sich hat, wenn Stamm schreibt: "Sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens." Sein Leben, das ist das Leben von Thomas, Kathrines zweitem Ehemann.

Kathrine (vom gr. katharós = rein) ist schuldlos in die Situation geraten, in der sie sich befindet. Sie trägt den Freiheitsdrang ihres Vaters in sich, eines Samen, der an seinem Traum von einer Existenz als unabhängiger Fischer scheiterte, ebenso wie die Verbundenheit mit ihrem Dorf, worin sie ihrer Mutter gleicht. Sie ist umgeben von einer dräuenden, verschlossenen Landschaft und doch ist der Küstenort auch von einem ständigen Kommen und Gehen der Fischer geprägt, von der traditionellen Offenheit der Grenzen. Kathrine hat nun keine geringere Aufgabe, als ihre eigene Mitte zu finden im Spannungsfeld dieser Polarität. Mit ihrem ersten Mann Helge erlebte sie, um eine Generation verschoben, das Schicksal ihrer Eltern, denn auch Helge scheitert als Fischer und endet in der Fischfabrik und im Suff. Doch Kathrine ist stark genug sich dieser Falle zu entziehen, sie lässt sich scheiden. Nur "das Kind" bleibt aus dieser ersten Ehe zurück. Eine Weile zieht Kathrines Leben dahin, ebenso wie die Jahreszeiten, so wie die Fischschwärme: in zyklischer Ordnung und ohne Höhen und Tiefen. Sie lernt Männer kennen, die vielleicht die Option einer neuen Beziehung bedeuten, doch ernst wird es erst mit Thomas. Er verkörpert einen scheinbar verlockend einfachen Weg: er ist ein Prachtexemplar von einem Mann, erfolgreich, sportlich, kinderlieb, kultiviert, gebildet, weit gereist und doch heimatverbunden. So fügt Kathrine sich in das Naheliegende und geht mit ihm eine Beziehung ein, auch wenn sie ihn nicht liebt, auch wenn ihr in Thomas Familie geradezu klaustrophobisch zu Mute ist. Sie akzeptiert diese neue Ordnung für ihr Leben, weil sie auf Thomas Liebe zu ihr hofft. Doch Thomas steht weniger für Liebe, als für eine spezielle Ordnung:
"Thomas hatte, nachdem er bei ihr eingezogen war, langsam von ihrem Leben Besitz ergriffen und von ihrer Wohnung. (...) Und jedesmal, wenn sie aufräumten - und Thomas wollte immer aufräumen -, jedesmal verschwand etwas, bis kaum mehr etwas übrig war. Staubfänger, sagte er."
Kathrine erträgt diese Absorption ihres Lebens, sei es aus Verzweiflung, sei es aus Hoffnung. Doch sie erhält sich einen Rest von Wachsamkeit und so gelingt ihr schließlich - mit der Hilfe ihres alten Schulfreundes Morten - der entscheidende Blick hinter Thomas perfekte Fassade. Diese Erkenntnis reaktiviert sie gewissermaßen. Sie verlässt Thomas, lässt das Kind bei ihrer Mutter und begibt sich auf eine Reise, nach Paris, südlich des Polarkreises. Sie reist Harald nach, auch eine jener männlichen Optionen. Doch auch bei ihm findet sie nicht das Erhoffte, als sie hinter seine Fassade blickt.
Aber der Abstand zu ihrem bisherigen Leben tut Kathrine gut. Hier, aus einer neuen Perspektive heraus, bekommt sie Dinge in den Blick, die bis dahin in der ungefähren Landschaft eingeebnet waren. So erfährt der Leser, nach etwa der Hälfte des Buches, den Namen und das Geschlecht von Kathrines Kind: Randy, ein Junge.
Kathrine probiert aus, wie sich andere Identitäten anfühlen: sie stellt sich vor Französin, Cathérine zu sein, eine kultivierte Großstadtdame, mit feiner Unterwäsche und erlesenem Parfüm. Doch gleichzeitig zieht es sie auch in der Fremde zum Vertrauten hin, zum Meer, zu den Fischen. Wie ein Fischer, wie Kapitän Alexander, der Russe, der ihr väterlicher Freund war, bis er eines nachts spurlos verschwand, wie ihr Vater, der Jäger und Angler, folgt sie dem Fisch(motiv). Aber diese Spur ist subtil und das Angebot der Großstadt ist sehr üppig, ergreift Besitz von ihr: "Kathrine war betrunken vom Wein und von allem." Und unter dem Eindruck dieses Rausches schämt Kathrine sich:
"Sie schämte sich für das T-Shirt, für ihre ganze Garderobe, für ihre Unterwäsche, dieselbe praktische Unterwäsche, die sie in Dreierpaketen kaufte und die wohl fast alle Frauen im Dorf trugen, die jungen und die alten. Sie schämte sich für ihr Dorf, für ihre Geschichten, für Helge vor allem, aber auch für Thomas, für ihre Mutter und das ungewollte Kind. Sie schämte sich für ihre Wohnung, ihre Bücher, dafür, daß sie nicht wusste, wie man Wein probierte, wie man Muscheln aß und Schnecken. Sie schämte sich für ihr ganzes Leben."

Ihre Scham, ihre Selbstzweifel lassen Kathrine Inventur machen: nackt steht sie vor dem Badezimmerspiegel und begreift sich selbst als die Keimzelle ihrer Existenz.
Das ist der Wendepunkt der Geschichte, die Rückreise bahnt sich an, die Rückkehr in das Dorf nördlich des Polarkreises. Doch es kehrt eine veränderte Kathrine zurück und somit verändert sich auch ihr Leben. Sie findet zu Morten, "Morten war ihr ältester Freund, ihr einziger wirklicher Freund.", der ebenfalls samischer Abstammung ist.

Das Ende sei an dieser Stelle nicht verraten. Es ist ein Ende, dass zu Kathrine passt, aber auch zu Peter Stamm und seinem Stil. Kein Hollywoodzuckerguss, keine Effekthascherei.
So kann man den Roman als die Geschichte einer Identitätssuche lesen. Einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Es geht um Authentizität, um das Wünschenswerte und das Mögliche. Peter Stamm bietet eine mögliche Antwort, die sicherlich auch einen Bezug zu seiner eigenen Identität hat, wohnt er doch, nachdem er eine Weile die Welt bereist und in Paris, New York und Skandinavien ansässig war, in Winterthur, einem 90.000 Seelen Ort im Kanton Zürich.
"Ungefähre Landschaft" bietet eine Möglichkeit der Identitätsfindung an, die sich auf die Wurzeln besinnt. Leben und Landschaft sind aufs Engste miteinander verwoben (schon im Titel) und ob man das Stamms Lösungsangebot mag oder nicht, sagt wohl mehr über einen selbst aus, als über den Text. Ganz zweifellos stellt es aber eine Alternative dar, zu der hektischen Sinnsuche, zur Identitätskonstruktion mittels Marken und Statussymbolen, wie sie zum Beispiel von den Popliteraten zelebriert wird. Womit ich wieder beim Vergleich mit der bildenden Kunst angelangt bin: wenn Popliteratur wie grelle Acrylfarben auf Leinwand ist, dann ist Stamms Prosa wie Tusche auf Papier.

Frank Zimmermann

__________________
fz

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