Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92228
Momentan online:
395 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
PhiloSofas Reise
Eingestellt am 04. 03. 2007 09:35


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Mariko
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

Werke: 6
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mariko eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Lupianerinnen und Lupianer,

ich arbeite gerade an folgendem Text. Habt Ihr ein paar Tipps und VerbesserungsvorschlĂ€ge fĂŒr mich?

Danke!


Philosofas Reise

223 Jahre. Die letzten 20 davon vergessen in der staubigen Ecke einer voll gestopften Garage. Ich dachte, ich komme hier nie wieder heraus. Und dann kam eines Tages dieser Typ, sagte die Oma sei gestorben und rĂ€umte die Garage leer. Na dann war jetzt wohl alles aus – ab zum SperrmĂŒll, verschrottet in einem jĂ€mmerlichen Dorf im sĂŒdlichen Sauerland. Er verfrachtete mich auf einen LKW und wir fuhren stundenlang durch die Gegend. Es ruckte und schĂŒttelte mich hin und her. Es regnete. Die LadeflĂ€che des LKW’s hatte kein Dach. Der Staub auf mir verband sich mit dem Regenwasser zu einem schmierigen Film auf meinen einst glĂ€nzenden Polstern.

Nach stundenlanger Tortour hielten wir endlich an einem zerfallenen Fachwerkhaus, fast so schlimm, wie meine Garage. Der Typ fasste mich beim Abladen nicht gerade mit Samthandschuhen an. Er stellte mich in einer Werkstatt ab. StĂŒhle mit abgebrochenen Beinen, Tische ohne Tischplatte und SchrĂ€nke ohne TĂŒren standen um mich herum. Ich hörte, wie er zu einem Ă€lteren Mann sagte: „Hier ist das Ding. Kannste da noch was draus machen?“ Der Alte grunzte nur und der Typ verabschiedete sich.

Vorsichtig, mit geĂŒbten Fingern untersuchte mich der Alte. Er prĂŒfte mein Holzgestell und die Federung, strich mit der flachen rauen Hand ĂŒber meinen zerschlissen Satinbezug bis er sich schließlich Ă€chzend aufrichtete und sagte: „Der Kern ist gut. Eine Schande ist das, was sie mit dir gemacht haben.“ Ja, wollte ich schreien, genauso ist es. Ich dachte ich geh’ kaputt! „Da steckt viel Arbeit drin“, redete der Alte weiter, „aber so ein SchĂ€tzchen wie dich findet man heute gar nicht mehr.“ Das war wie Balsam auf die Seele eines alten Sofas! Mit einem leisen Knarzen gab ich ihm Antwort und sah noch, wie ihm ein LĂ€cheln ĂŒber sein runzeliges Gesicht zog, bevor er zur TĂŒr ging, das Licht löschte und bis zum nĂ€chsten Morgen verschwand.

Die nĂ€chsten Tage und Wochen verbrachte ich mit Schmerzen und Staub. In den ersten Stunden hörte ich manchen Seufzer und laute FlĂŒche, doch der Alte gab mich nicht auf. Ich auch nicht. Ohne seine aufmunternden Klapse und Bemerkungen hĂ€tte ich die Prozedur allerdings nicht durchgehalten. Schließlich war es soweit: mein brauner Holzrahmen und die Beine waren frisch gebeizt und lackiert. SitzflĂ€che und RĂŒckenlehne waren neu aufgepolstert und hatten einen wunderschönen neuen Bezug. Der Alte sagte, er wĂŒsste nicht, wie er mich wieder hergeben soll, so sehr hatte er mich in sein Herz geschlossen.

Der Tag kam aber dann doch und er brachte mich zu meinem neuen Besitzer. Zuerst war ich sauer auf ihn, fĂŒhlte mich verraten, hab’ mich beim Transport so schwer gemacht, wie es nur ging. Dann hab’ ich gehört, wie er sagte, er mĂŒsse mich verkaufen, weil sein Enkel das Geld fĂŒr sein Studium braucht. Ich habe ihm verziehen.

Da stand ich dann in einem fremden Wohnzimmer. Der Alte strich mir noch einmal liebevoll ĂŒber meine RĂŒckenlehne, bevor er ging. Ich war allein mit meiner neuen Besitzerin, einer jungen Frau, die manchmal tagelang nicht nach Hause kam. Liebe auf den ersten Blick war das bei mir nicht, wurde es auch spĂ€ter nicht. Wir kamen miteinander aus aber es war langweilig, den ganzen Tag einsam herumzustehen. Sie ließ mich die meiste Zeit in Ruhe und ich sah gut aus, wenn GĂ€ste kamen. Die einzige Abwechslung war die Putzfrau, die einmal in der Woche kam und laut singend mich und die Wohnung sauber machte. Eines Tages zog ihr neuer Freund bei ihr ein. Alle Möbel in der Wohnung wurden umgestellt, die SchrĂ€nke aus und wieder eingerĂ€umt. Mich wollte er nicht haben. Er fand mich unbequem. „Man kann auf ihr gar nicht so richtig gemĂŒtlich vor dem Fernseher sitzen, immer stĂ¶ĂŸt man mit dem Kopf an das blöde Holzgestell“, hörte ich ihn sagen. Nach ein paar Wochen tauschten sie mich gegen eine moderne Ledercouch aus.

So ging ich wieder auf die Reise und landete bei seiner alten Mutter, die mich mit einem „Ach, ist die sĂŒĂŸâ€œ empfing, als sei ich ein SchokoladenhĂ€schen. Nun war es vorbei mit der Ruhe und der Langeweile. Ich erlebte das wöchentliche KaffeekrĂ€nzchen drei munterer alter Damen mit SchwarzwĂ€lder Kirsch und KĂ€sesahnetorte. Ich erfuhr in allen spannenden Einzelheiten, wann Frau Sauerwein, die Nachbarin, wieder einen neuen Freund hatte, dass Herr Brechstein, der Apotheker, und seine Helferin Frau Meierkord sich stĂ€ndig laut vor der Kundschaft stritten, dass die junge Frau in der Wohnung unter uns ein uneheliches Kind bekam und dass im Haus gegenĂŒber ein junger TĂŒrke eingezogen war, der nicht regelmĂ€ĂŸig die Treppe putzte. Auch ĂŒber die aktuellen Themen der Apothekenumschau war ich stets genauestens informiert. Nach dem Kaffeeklatsch wurde bis tief in die Nacht mit einem Glas Cognac oder auch zwei oder drei ... beim Kartenspielen ordentlich gezockt und gemogelt.
Der widerliche Pekinese, der von meiner Besitzerin zĂ€rtlich Pinky gerufen wurde und alles durfte, pinkelte mir dreimal in die Polster, bevor sie es merkte. Sie ließ mich reinigen und mit einer durchsichtigen Schutzfolie ĂŒberziehen. Plastik! Igittigitt. Ich bekam keine Luft – aber immer noch besser als Hundepippi.

Nach dem Tod der alten Dame kam ich zu einem jungen Ehepaar. Die beiden liebten AntiquitĂ€ten und ich stand am hellen Wohnzimmerfenster zwischen schönen alten SchrĂ€nken und Kommoden. Die Plastikfolie wurde endlich entfernt. Ich war glĂŒcklich, konnte wieder aufatmen und mein Leben genießen. Bei meinen neuen Besitzern erlebte ich die wahre junge Liebe. Bei romantischem Kerzenlicht, Schmusemusik von Smokie, Elvis oder den Beatles und Fernsehfilmen von Rosamunde Pilcher wurde gekuschelt, gestreichelt und geknutscht. An vielen Abenden lagen die beiden sich auf mir stundenlang nur still in den Armen. Mir wurde ganz warm und feucht auf den Kissen und in den Federn, wenn nach und nach die WĂ€schestĂŒcke auf meinen Armlehnen landeten. Aber bevor es richtig spannend wurde, trug er sie halbnackt ins Schlafzimmer. Das große Finale habe ich dann leider nur noch durch lautes Stöhnen und Bettknarren aus der Ferne mitbekommen. Ach, es war eine schöne und romantische Zeit bei den beiden. Eines Mittags stand dann so ein wichtiger BĂŒromensch mit einer großen schwarzen Aktentasche im Wohnzimmer. Er schaute sich mit prĂŒfendem Brillenblick die Einrichtung an und klebte den SchrĂ€nken und mir so einen kleinen hĂ€sslichen Aufkleber auf. Meine Besitzerin stand laut heulend daneben und bettelte den Typen an, ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gĂ€be, als die Möbel zu pfĂ€nden. Aber der BĂŒromensch ließ sich nicht erweichen. Als der Ehemann dann abends nach Hause kam, gab es einen Riesenkrach. Er hatte ihr verschwiegen, dass er beim Zocken in der Spielbank eine Menge Schulden gemacht hatte.

Also wurde ich versteigert und landete im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Hier wurde ich Zeugin der dunkelsten Pfade menschlicher Seelen. „Der Gedanke an mein Herz reicht schon, es zum Rasen und zum Stolpern zu bringen. Ich werde bestimmt bald an einem Herzinfarkt sterben“, behauptete ein Ă€lterer Herr vehement, wenn er sich auf mir ausstreckte. Er konsultierte deswegen in 5 Jahren schon mehr als 50 Ärzte, aber 35 EKG’s dokumentierten, dass er kerngesund war. Ich hatte großes Mitleid mit einer jungen Krankenschwester, die wegen ihrer unglĂŒcklichen Liebe schon zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte und litt mit einem gestressten Immobilienmakler unter heftigem Verfolgungswahn. Meine Polster fĂŒllten sich mit dem Schweiß seelischer Schwerstarbeit und den TrĂ€nen der Erinnerung und Verzweifelung. Ich lernte, dass der Mensch nicht Herr seiner selbst ist, sondern dass das Ich, das Überich und das Es ihn bewusst und vor allem unbewusst antreiben, dass es fĂŒr das Wohlergehen der menschlichen Seele Ă€ußerst wichtig ist, sich auszusprechen und VerdrĂ€ngtes bewusst zu machen und vor allem die Erlebnisse in der Kindheit das spĂ€tere Leben prĂ€gen. Ich freute mich darĂŒber, dass mein Therapeut es nach einigen Wochen tatsĂ€chlich fertig brachte, die Krankenschwester wieder auf den rechten Weg zu fĂŒhren. Der herzkranke Hypochonder wollte aber doch lieber einen weiteren Facharzt aufsuchen. Zu gerne hĂ€tte ich erfahren, was aus dem verfolgten Immobilienmakler geworden ist, aber leider wurde ich vor Abschluss der Behandlung wieder mal verkauft und landete diesmal in einer Familie mit drei Kindern.

Es war einfach schrecklich dort und ich sehnte mich zu meinem Therapeuten zurĂŒck, der mir sicher seelischen Bestand gespendet hĂ€tte, wenn er gewusst hĂ€tte, wie ich leide. Ich habe bestimmt nichts gegen Kinder, aber diese Exemplare waren einfach unertrĂ€glich. Sie sprangen und tobten mit Schuhen auf mir herum, bis meine Federn vor Schmerzen quietschten. In meinen schokoladenverschmierten Polstern pieksten die KekskrĂŒmel und ĂŒberall, auf und unter mir lag das Spielzeug herum. Ich sah aus, wie bei Hempels. Und dazu dieser ohrenbetĂ€ubende LĂ€rm! Die Eltern sagten kein Wort dazu und ließen alles geschehen. Erst am Abend, wenn die Kinder im Bett lagen, konnte ich etwas aufatmen und mich erholen mit dem Gedanken daran, wie ich den nĂ€chsten Tag durchstehen sollte. Eines Tages passierte es dann. Als eins der kleinen Monster mich gerade wieder als Trampolin benutzte, riss ein StĂŒck von meinem Sitzpolster ein und mein linkes hinteres Beine brach ab. Die Armlehnen waren schon seit geraumer Zeit wackelig und so landete ich schließlich ziemlich lĂ€diert am Straßenrand beim SperrmĂŒll. Na das war es dann ja wohl endgĂŒltig. Mein Lebensende nahte.

Nach einer kalten Nacht an der Straße traute ich am frĂŒhen Morgen meinen Augen nicht. Plötzlich hielt ein Lieferwagen neben mir und heraus sprang der Alte, der mich vor ein paar Jahren schon einmal restauriert hatte. Hilfe, wollte ich ihm zurufen, bitte hilf mir, ich will noch nicht sterben. Als hĂ€tte der Alte meinen Hilferuf gehört, kam er auf mich zu und ging um mich herum. „Dich kenne ich doch“, murmelte er. Ja, ja ich bin es, wollte ich schreien. „Wer hat dich denn bloß so ĂŒbel zugerichtet“, hörte ich ihn fragen. Er griff in seine Hosentasche und holte sein Handy heraus. Ich hörte, wie er mit jemanden telefonierte und nach einer Weile brauste ein Motorrad heran. Zu zweit hievten sie mich auf die LadeflĂ€che des Lieferwagens und ab ging es in die kleine Werkstatt. Ich war heilfroh, wieder hier zu sein, dem sicheren Tod noch einmal entgangen.

Der Alte kĂŒmmerte sich um mich. Er reparierte mein Bein und meine Armlehnen. Ich bekam einen funkelnagelneuen Bezug. Dann fotografierte er mich und bot mich ĂŒber e-bay im Internet an. Es dauerte nicht lange, bis sich eine Interessentin meldete. Sie kaufte mich und ich wurde in einen kleinen Buchladen gebracht.

Hier stehe ich nun ganz stolz und glĂŒcklich. Vor mir steht ein Tisch mit vielen neuen BĂŒchern und oft setzen sich nette Menschen auf mich, um einfach ein wenig zu verweilen und in den BĂŒchern zu blĂ€ttern. Keiner tobt und krĂŒmelt auf mir herum! Ab und zu treffen sich abends nette Frauen in dem Buchladen. Sie nennen es Salonabend. Sie lesen dann aus interessanten BĂŒchern, stellen berĂŒhmte und weniger berĂŒhmte Frauen der Geschichte vor, plaudern und diskutieren ĂŒber viele spannende Themen. Es geht mir sehr gut bei ihnen und sie mögen und pflegen mich sehr. Sogar einen Namen haben sie mir gegeben: PhiloSofa werde ich genannt. So hat meine Reise hier vorerst ein glĂŒckliches Ende genommen.



__________________
Viele GrĂŒĂŸe, Mariko

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!