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Leselupe.de > Kindergeschichten
Pico aus dem Nähkästchen
Eingestellt am 25. 07. 2003 15:20


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Silea
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Pico aus dem Nähkästchen


Ihr alle kennt vielleicht das Sprichwort „aus dem Nähkästchen plaudern“. Viele von euch wissen bestimmt auch, was es bedeutet.
Wisst ihr aber, woher es stammt? Nein? Macht nichts, fast niemand weiß es.
Jessi wusste es auch nicht. Bis zu dem Tag, an dem sie Oma besuchte und Pico traf. Und Pico, der kann euch wirklich ganz genau erzählen, woher das Sprichwort stammt.


An diesem Sonntag Morgen war Mama ganz erstaunt, dass Jessi Oma nicht besuchen wollte..
„Was ist nur los mit dir? Magst du Oma denn nicht mehr?“, fragte sie.
„Nein!“ sagte Jessi verstockt. Das stimmte natürlich nicht. Jessi liebte Oma. Und Opa auch. Aber sie konnte noch nicht so gut erklären, was sie empfand, und Erwachsene kapieren sowieso nie etwas. Also schwieg sie.
„Wir reden später darüber,“ sagte Mama. „Allein zu hause bleiben kannst du jedenfalls nicht den ganzen Sonntag. Also pack deine Spielsachen und komm!“

Als Jessi später mit ihrem Plüschdackel auf dem Schoß neben ihrer Schwester Maxi auf dem Rücksitz des Autos saß, zog sie immer noch ein langes Gesicht. An allem war nur der neue Fernseher schuld!
Das war nämlich so: Früher, da war der Sonntag der schönste Tag der Woche gewesen, weil Jessis Familie und die Familie von Mamas Schwester immer alle Oma und Opa besucht hatten.
Mama und Papa waren da, Jessi und Maxi, Tante Alex und Onkel Klaus, die Cousins Bastian und Dennis und das Baby Mona. Und natürlich Oma und Opa. Sie hatten alle gemeinsam zu Mittag gegessen und einen Spaziergang gemacht. Nach dem Spaziergang war Opa immer mit den Männern ins Wohnzimmer gegangen um Fernzusehen. Sie mussten nämlich dringend alle Sportsendungen ansehen.
Oma und die Frauen hatten immer im Esszimmer gesessen und Kaffee getrunken, mit dem Baby gespielt und sich unterhalten. Oma hatte dann immer ihr wunderbares hölzernes Nähkästchen herausgeholt und die leichteren Näharbeiten erledigt, die die Woche über so angefallen waren. Ihr wisst schon, Knöpfe und Borten annähen, Risse flicken, Löcher ausbessern und solche Sachen.
Dabei hatten sie sich über alles mögliche unterhalten.
Sie sprachen davon, wie es früher war, als Mama und Tante Alex noch Kinder waren. Wie es ganz früher war, als Oma noch ein kleines Mädchen war. Wer alles zur Familie gehörte und wie es allen ging. Jessi wusste über Tante Käthes Gallenoperation ebenso bescheid wie über Onkel Edgars Lottogewinn. Sie wusste warum Onkel Karl nie geheiratet hatte und von wem Tante Anne das feuerrote Haar hatte. Sie kannte den Namen der Stadt, in der Omas Brieffreundin lebte und die Vornamen der Schwestern ihrer Urgroßmutter. Jessi wusste sogar, was ihr Ur-Urgroßvater von Beruf gewesen war und wie die Stadt hieß, in der er aufgewachsen war. Das war alles immer brennend interessant und sie war sogar irgendwie ein bisschen stolz darauf. Denn welches Kind weiß heute noch so gut über diese Dinge bescheid?

Aber vor drei Wochen hatten sich Oma und Opa einen neuen Fernseher gekauft, der jetzt im Esszimmer stand. Seitdem redeten die Frauen am Sonntagnachmittag nicht mehr, sondern sahen sich Familienserien im Fernsehen an. Und Oma nähte auch nicht mehr, weil sie die Augen auf den Fernseher gerichtet hatte. Und dabei kann ja man nicht nähen, nicht wahr?

Als sie an diesem Sonntag Vormittag aus dem Auto stiegen, merkte Oma auch gleich bei der Begrüßung, das mit Jessi irgendwas nicht in Ordnung war. Aber Oma war zu klug, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Sie ließ Jessi in Ruhe. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte sie.
Als das Essen und der Spaziergang vorüber waren und die Frauen im Esszimmer saßen, Kaffee tranken und fern sahen, verspürte Jessi plötzlich eine brennende Sehnsucht nach dem hölzernen Nähkästchen.
„Oma“, fragte Jessi, „darf ich mit deinem Nähkästchen spielen?“
Oma war ein wenig erstaunt, erlaubte es aber trotzdem. „Hol es ruhig. Es steht ganz unten im Schlafzimmerschrank.“, sagte sie.
„Darf ich alles anfassen, was drin ist?“, frage Jessi weiter.
„Ja, Liebling, du darfst. Spiel schön!“, sagte Oma.
Jessi ging ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Dann holte sie das Kästchen aus dem Schrank und stellte es vor sich auf den Fußboden. Sie war immer noch traurig. Wie oft hatte sie für Oma das Maßband aufgerollt und die Stecknadeln auf dem Nadelkissen geordnet. Wie oft hatte sie die bunte Nähseide, die glänzenden Knöpfe und die Nadeln, Magneten und Kreidestifte im Kreis ihrer Familie ehrfurchtsvoll betrachtet. Und nun saß sie hier ganz allein mit ihnen auf dem Fußboden.
Ein ganz langer, ganz leiser Seufzer drang an Jessis Ohr. Das war doch nicht ich, dachte Jessi erstaunt. Das hätte ich doch gemerkt. Artur, der Hund ihrer Freundin, machte manchmal so, wenn er schlief. Aber Oma und Opa hatten keinen Hund. Jessi sah sich im Zimmer um.Woher kam nur dieses Geräusch? Hier konnte sich niemand verstecken. Außerdem war das Geräusch von unten gekommen. Vom Fußboden. Vielleicht Mäuse unter den Dielen, dachte sie. Aber Mäuse seufzen doch nicht!
Da war es wieder! Und es klang, als ob es aus dem Nähkästchen käme! Es war auch kein Seufzen, sondern jetzt, wo Jessi die Ohren spitzte und den Kopf ein wenig nach unten neigte, hörte sie ganz deutlich, das jemand ihren Namen rief!
Ganz, ganz leise und als wäre er am Ende seiner Kräfte, rief jemand kaum hörbar: „Jessi!“
Jessi legte sich auf den Bauch, um mit dem Gesicht so nah wie möglich am Kästchen zu sein. Sie nahm die Lupe heraus und hielt sie darüber. Und jetzt sah sie es: Ein kleines Männchen, durchsichtig wie Glas, klein wie ein Gummibärchen, lag rücklings über einer Spule Nähseide wie auf einem Bett und hatte die Arme nach ihr ausgestreckt. „Hilf mir, Jessi!“, hauchte es.
„Wer bist denn DU?“, fragte Jessi erstaunt. „Und wie kann ICH dir helfen? Und woher kennst du überhaupt meinen Namen?“
Das Männchen antwortete nicht, sondern hauchte: „Schnell, erzähl mir was.“
Jessi staunte nicht schlecht. Was sollte das denn helfen? Und was sollte sie erzählen?
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte sie, nicht unfreundlich, aber ratlos. „Soll ich dir vielleicht von Omas neuem Fernseher erzählen? Oder davon, wie Mama heute morgen sauer auf mich war, weil ich nicht herkommen wollte? Oder von Mona, die kriegt nämlich gerade einen Zahn und der Kinderarzt hat gesagt, wenn sie nachts schreit, Frau Schreiber, dann geben sie ihr Nox, das beruhigt das Zahnfleisch. So was in der Art?“
Ein seltsames Geräusch drang aus dem Nähkästchen, so wie jemand, der lange die Luft angehalten hat und jetzt wieder einatmet.
Das Männchen bekam leicht gerötete Wangen. Aber Jessi war sich nicht sicher, weil es doch so klein war. Vielleicht waren sie auch vorher schon gerötet gewesen.
Das Stimmchen klang aber ganz bestimmt deutlicher, als es jetzt sagte: „Ja, genau solche Sachen. Von Hans und Helga, von Käthe und Karl.“
„Wie?“, entfuhr es Jessi. „Die kennst du alle? Oma und Opa, Tante Käthe und Onkel Karl?“
„Erzähl!“, bat das Männchen eindringlich.
„Tja, was soll ich sagen? Tante Käthe ist grad operiert worden, und sie hat sich geärgert, weil der Hausarzt viel zu lange gewartet hat, bevor er sie ins Krankenhaus geschickt hat. Onkel Josef , du weißt schon, Opas Bruder, der ist jetzt umgezogen, weil der Vermieter der alten Wohnung sich geweigert hat, das neue Waschbecken zu bezahlen. Und Onkel Josef hat nicht eingesehen, das er es bezahlen soll. Oma sagt, das hat mit Geiz nichts zu tun, es geht hier ums Prinzip. Der Vermieter hat seit Jahren nichts renovieren lassen. Und eine Erdgeschoßwohnung ist für Onkel Josef in seinem Alter sowieso besser. Vor allem, weil sie direkt neben der Polizeiwache liegt und eine Bushaltestelle in der Nähe hat.
Dennis hat eine fünf in Mathe, und Onkel Klaus hat jetzt eine Studentin bestellt, die ihm Nachhilfe geben soll. Weil er selber keine Zeit dazu hat und Tante Alex in Mathe eine Flasche ist. Hat sie jedenfalls gesagt. Und dass er jetzt nicht mehr so oft Computer spielen darf.“
Sie betrachtete das Männchen. Sein Gesicht hatte jetzt eindeutig eine Farbe, ebenso wie seine Hände und Füße, ein ganz blasses Beige, und sein Haar nahm eine leichte gelbe Färbung an. Sein Hemd und seine Hose waren von ganz hellem Nebelgrau. Er sah sie bittend an. Sie verstand zwar nicht, was vorging, aber sie beeilte sich, weiter zu erzählen.
„Die neue Nachbarin von Oma hat ein Windspiel am Küchenfenster hängen, und Opa ärgert sich, weil es so laut bimmelt wenn der Wind geht. Er will im Wohnzimmer in Ruhe lesen können, und bei dem Krach kann er das nicht. Außerdem klaut sie Stachelbeeren. Sagt Opa.
Papa hatte einen Blechschaden am Auto, und die Werkstatt hat die Fahrertür im falschen Farbton lackiert.“
Jessi hielt erschöpft einen Augenblick inne.
„Sag mal, wieso kriegst du Farbe, wenn ich erzähle?“, fragte sie.
Der kleine Kerl blinzelte mit seinen strahlend blauen Augen. „Weil ich Pico bin und ich bin ein Nähkastenkobold.“, flüsterte er heiser.
Jessi starrte ihn verblüfft an. Ein Kobold? Natürlich! Wer sonst wäre so klein wie ein Gummibärchen?
„Was machst du in Omas Nähkästchen?“, wollte sie wissen.
„Ich wohne hier.“ Pico lächelte lieb. „Deshalb kenne ich doch alle.“
„Aber nein!“, rief Jessi ungläubig aus. „Das kann doch nicht sein! Oma hat das nie erzählt, und ich habe dich auch noch nie gesehen!“
Pico lächelte geheimnisvoll. „Man sieht uns und man hört uns nicht. Normalerweise zeigen wir uns nicht. Aber wir können es, wenn wir wollen. Und darum siehst du mich. Weil das jetzt ein Notfall ist. Helga hat Sonntags immer das Nähkästchen herausgeholt und genäht. Jetzt näht sie nur noch, wenn sie alleine ist.“
„Ja, natürlich.“, sagte Jessi. „Weil sie Sonntags fern sehen muss. Da näht sie unter der Woche, und da ist sie freilich allein.“
Pico schüttelte betrübt den Kopf. „Das ist nicht gut für Kobold.“, sagte er traurig. „Gar nicht gut.“
„Erklär's mir.“, forderte Jessi ihn auf. „Wieso ist es so wichtig, ob sie alleine näht oder nicht? Und wieso ist das hier ein Notfall?“
„Letzte Chance.“, sagte Pico mit schiefgelegtem Kopf. „Pico verhungert. Erzähl Pico etwas. Bitte!“
„Soll ich dir nicht lieber was zu essen bringen? Wenn du solchen Hunger hast?“ Jessi kratzte sich an der Nase.
„Nein! Kein Essen. Kobold braucht Geschichten.Geschichten sind das Essen für uns. Nähren uns. Kleiden uns. Leuchten uns im Dunkeln. Nähkastenkobolde wohnen in Nähkästen seit alters her. Wurde viel geredet beim Nähen. Jetzt nicht mehr.“ Eine winzige Träne lief Pico die Wange hinab.
„Wird nicht mehr viel geredet.“
Jessi runzelte die Stirn. „Was wäre, wenn du dich im Fernseher einquartierst?“, wollte sie wissen. „Oder im Radio? Da wird furchtbar viel geredet, und du hättest genug zu essen.“
Pico wich entsetzt einen Schritt rückwärts und verfing sich mit dem Fuß im Griff der Nähschere. Er stolperte, fiel auf den Hintern und blieb sitzten.
„Fernseher, Radio sind keine echten Geschichten. Nicht gut. Wie Plastikessen für dich. Nicht gut. Brauche Geschichten von echten Leuten. Von MEINEN Leuten. Jessi muss mir helfen.“
„Oh, je!“ Jessi seufzte tief. „Soll ich dir denn jeden Sonntag Geschichten erzählen? Würde das helfen?“
Pico schütelte den Kopf. Er machte mit beiden Armen eine weit ausholende Bewegung.
„Familie!“, rief er aus. „Alle sollen zusammen sitzen. Reden! Geschichten erzählen! Vor vielen Jahren waren wir noch viele. In jedem Nähkästchen lebte ein Kobold. In manchen sogar mehrere. Es wurde gehäkelt, gestrickt, genäht, gestickt. Es wurde erzählt. Ach, was waren das für Kobold herrliche Zeiten! Leben wie im Himmel! Mit Familien! Sag Helga, Helga soll erzählen! Helga!“, rief Pico weinerlich, als hätte er schreckliche Sehnsucht nach Oma.
Jessi zweifelte. „Ich soll das Oma sagen? Die glaubt mir nicht! Keiner glaubt mir das. Sie würden mich zum Doktor schleppen. Und dann wäre gar niemand mehr da, der dir Geschichten erzählt. Ja, was kann man da tun?“
Jessi setzte sich auf und streckte ihre eingeschlafenen Beine aus. Pico hatte jetzt eine viel bessere Gesichtsfarbe und sein Haar war goldblond. Er lächelte. „Reiss deinen Knopf ab!“, sagte er.
„Meinen...! Aber natürlich!“ Jessi verstand. Sie zog ihr Hemd mit der einen Hand vom Körper weg und riß mit der anderen einen Knopf ab. Mit einem Ruck!
„Oh, Pico! Jetzt sieh nur! An der Stelle, wo der Knopf war, ist jetzt auch noch ein Loch!“
„Gut!“, sagte Pico lächelnd. „Bring Helga Hemd. Bring Helga Korb.“
„Warte!“ Jessi war jetzt voll Eifer. „Mein Strumpf rutscht auch. Wenn ich den Bund nur noch ein kleines Bisschen dehne, reißt vielleicht das Gummi. So!“
Zufrieden betrachtete sie ihren traurig über dem Knöchel zusammengeschrumpelten Strumpf.
Die Hosentasche war auch ein wenig lose. Sie riß daran, und die Tasche hing nach unten.
„Jetzt bring ich dich hinüber. Bist du dann wieder unsichtbar?“, wollte sie wissen. Pico nickte. Er sagte: „Bin unsichtbar in der Familie. Jessi kann mich aber trotzdem sehen. Schau auf den Fingerhut. Wenn Pico glücklich ist, sieht Jessi das am Fingerhut.“
Jessi verstand das zwar nicht. Aber sie vertraute Pico. Sie hob das Nähkästchen auf und ging damit zu Oma.
„Oma, mein Knopf ist abgerissen!“, sagte sie.
Oma wandte ihren Blick vom Fernseher, dann schob sie ihre Kaffeetasse beiseite. „Gib mal her, Liebling. Gib mir dein Hemd, so und den Knopf auch. Setz dich so lange hier hin. So hat deine Mutter das auch immer gemacht, als sie noch klein war. Die Kinder hatten nicht so viel zum Anziehen wie ihr heute. Es gab auch nicht jeden Tag Kaffee, der war viel zu teuer. Die Knöpfe waren damals nicht aus Plastik, es waren meistens Hornknöpfe oder welche aus Holz. Alex, mach doch bitte mal den Fernseher aus! Monika, kämm deiner Tochter doch mal das Haar, sie ist ja ganz zerzaust! Ja, Liebling, deine Mutter hatte genau solches Haar wie du. Tante Alex hat ja mehr das glatte, seidige Haar wie Opa es hatte. Aber Moni und du, ihr habt diese wilde Krause, die immer aussieht als wäret ihr nicht gekämmt. So, der Knopf ist dran. Hier, zieh es wieder an.“
Oma reichte Jessi das Hemd.
„Oma, meine Hosentasche ist auch abgerissen!“
Während Oma die Hosentasche nähte, saß Jessi auf dem Stuhl neben ihr und warf einen verstohlenen Blick auf das Nähkästchen. Pico war nicht zu sehen. Aber der Fingerhut wackelte. Es wirkte, als ob jemand darin läge und vor lauter Freude so lachte, dass er sich von oben bis unten schütteln musste.
„Eigentlich ist es so viel gemütlicher.“, sagte Mama. „Nicht, Mutti? Wenn wir so erzählen, das ist viel schöner als fernzusehen. Das können wir die ganze Woche über auch machen, wenn wir alleine sind.“
„Ja.“, sagte Oma. „Wir haben ihn auch nur angeschafft, damit ich abends etwas anderes ansehen kann als Hans. In all den Jahren konnten wir uns nie auf eine Sendung einigen. Aber am Sonntag muss man nicht auch noch fernsehen. Kinder, lasst uns in Zukunft wieder plaudern, so wie früher. Plaudern und nähen.“
Oma hatte es ausgesprochen! Pico war gerettet! Ach, was war Jessi froh! Sie blickte in das Nähkästchen. Der Fingerhut wackelte und klirrte leise gegen die Stricknadeln. Und ganz, ganz leise vernahm Jessi, wie darin jemand sagte: „Danke dir!“
__________________
Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum verwechseln ähnlich
(Joachim Ringelnatz)

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Tanja_Elskamp
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Hallo, Silea!

Eine schöne und sehr sinnvolle Idee, eine Geschichte rund um zu massiven TV-Konsum zu schreiben und eine ebenso niedliche Idee, einen Nähkastenkobold zu erfinden!
Die Beschreibung des Kobolds selbst und seinen Farben finde ich ebenso gut gelungen, ebenso wie einige eingestreute Ideen (im Radio einquartieren etwa).

Aber...

Die Geschichte ist zum einen sehr absehbar und zum anderen nicht wirklich logisch.
Man kann nicht nähen, wenn man fern sieht, soweit so gut. Aber man kann durchaus reden. Außerdem ist ja nicht die Oma allein für die Unterhaltung zuständig.
Der Kobold ist gar kein wirklicher Nähkastenkobold, sondern wohl viel mehr ein im Nähkasten lebender Geschichtenkobold, denn genäht wird in der Woche ja nach wie vor. Er jedoch ernährt sich von Erzählungen, nicht von der Schönheit genähter Sachen, gestopfter Socken oder sowas.

Ein wenig mehr achten solltest du auf die letztlich tatsächliche Koboldsprache - erste oder dritte Person? Besser wäre, es nicht beides zu nutzen.

Das "Erwachen" der Oma ist ein bisschen viel des Guten. Durch den langen Monolog entsteht der Eindruck, als habe sie gerade erst ihre Sprache wiedergefunden, außerdem spricht sie ja sogar optische Sachen an (unordentliche Haare), die sie im mindesten bereits bei der Begrüßung registriert haben muss. Hier finde ich das Ganze also ein wenig sehr dick aufgetragen.

Abschließend noch einige konkrete Anmerkungen:

quote:
Oma und die Frauen hatten immer im Esszimmer gesessen
Eine Oma ist doch auch eine Frau?

quote:
Aber Oma war zu klug, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

Aha, also hat sie es bemerkt! Aber die Stelle ist überflüssig, denn die Oma kommt ja gar nicht mehr darauf zurück und macht sich auch keine weiteren Gedanken - unerheblich für die Geschichte.

quote:
„Darf ich alles anfassen, was drin ist?“, frage Jessi weiter.
Ja klar....Nähnadeln, Sicherheitsnadeln, Radel, Trenner, Scheren...wie sagt man? Messer, Gabel, Schere, Licht...

quote:
„Wir haben ihn auch nur angeschafft, damit ich abends etwas anderes ansehen kann als Hans. (...) Aber am Sonntag muss man nicht auch noch fernsehen. Kinder, lasst uns in Zukunft wieder plaudern, so wie früher. Plaudern und nähen.“
Aber in der Woche hält der Fernseher die Oma ja auch nicht vom Nähen ab?
Zudem fehlen mir all die anderen Figuren ziemlich - sie alle nähen ja nicht, ist ja keine Tradition wie ein Quilt vorhanden oder so. Besser wäre, wenn dann alle nähen, wobei sich dann wieder die Frage stellt, wieso alle damit aufhören würden, ohne dass jemandem auffällt, dass nur noch der Fernseher läuft.

Ein Großteil deiner Geschichte verliert sich im übrigen in Erzählungen über Dritte. Hier würde ich drastisch kürzen, nur wenige Beispiele belassen (bzw. nur bei Jessi und Pico und selbst dort evtl. weniger) und ansonsten erzählend schildern, wie man sich im Familienkreis eben unterhält. Das sind alles unnötige Längen, die der Geschichte nicht weiterhelfen.

Wie gesagt eine ansonsten aber wirklich nette Idee,
Tanja

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Silea
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Hallo, liebe Tanja,

zuerst einmal vielen Dank für deine Antwort.
Hast schon recht, Pico ist eher ein Geschichtenkobold. Deshalb gedeiht er ja ausgerechnet im Nähkästchen so gut.
Das Problem mit „beim fernsehen reden“ ist, dass manche Leute wie hypnotisiert vor der Kiste sitzen, und Anwesende, die sich evtl. gerne unterhalten würden, dürfen keinen Mucks machen. Habe ich selber so erlebt, und das war es, was ich beschreiben wollte. Oma merkt so einiges, aber es kommt ihr dann wieder aus dem Sinn, und erst als man sie mit einem Ruck aus der „Hypnose“ reißt, hat das Leben sie wieder. Die Töchter wagen dann erst einen Einwand. Vorher hätte sie eh nicht zugehört.
Und natürlich ist Oma eine Frau. Durch das extra-nennen wollte ich nur ihre Funktion als Familienoberhaupt, zumindest der weiblichen Liga, hervorkehren. Du siehst, wir haben hier eine ziemlich dominante Oma.
Während der Woche näht sie natürlich nachmittags, und fernsehen wird sie abends.
Was den Kobold betrifft: Er redet gar nicht in der dritten Person. Wenn er sagt: Nicht gut für Kobold, dann meint er damit sein Volk. Er meint also: Nicht gut für einen Kobold, oder: Nicht gut für Kobolde.
Aber, da stimme ich dir zu, woher soll der Leser wissen, wie ich das gemeint habe?
Was die Erzählungen über dritte angeht, die sind halt das Futter für den Kobold.
Und wie immer das alte Problem: Meine Geschichten sind zu lang! Diesmal dachte ich wirklich, sie wäre kurz genug.
Mir ist im Nachhinein selber etwas unlogisches aufgefallen: Oma hebt sich die Näharbeiten für Sonntags auf. Aber wo in einem Haushalt mit zwei Erwachsenen hat man schon jede Woche so viel zu nähen?
Ich werde mich bessern!

Es grüßt ganz herzlich

Silvia

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Tanja_Elskamp
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Hallo, Silvia!

Ich sehe durchaus, welches Problem du mit der Geschichte ansprechen willst (s.o. massiver TV-Konsum") und finde das auch ebenso wenig falsch wie diesen Kobold. Meine Kritik bezieht sich eher auf das Missverständliche der Darstellung, auch der des Kobolds.
Und Länge an sich ist nicht schlimm - wenn sie sich aus durchweg relevanten Dingen zusammensetzt

All deine Erklärungen also selbsterklärend durch das Lesen der (korrigierten) Geschichte und - perfekt!

Lieben Gruß,
Tanja

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