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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Piero
Eingestellt am 04. 08. 2001 17:01


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Silja
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Die Geschichte zwischen mir und Piero dauerte nur einen kurzen Winter. Die Wintermonate in Italien sind k├╝rzer als in Deutschland. Das war damals einer der Gr├╝nde, warum ich hierher gezogen bin. Aber genau genommen h├Ątte ich ├╝berall leben k├Ânnen. Ein Gef├╝hl wie Heimweh kenne ich nicht und es wundert mich immer wieder, Leute davon sprechen zu h├Âren. Manchmal h├Ątte ich es sogar gerne selbst gesp├╝rt. Wie es sich anf├╝hlt, einen bestimmten Ort Heimat zu nennen und sich an einem anderen fremd zu f├╝hlen. Vielleicht ist Heimweh ja sogar das Gegenteil von Einsamkeit.
Die Winter hier sind also k├╝rzer, wenngleich mich die kalte Jahreszeit in einem s├╝dlichen Land noch mehr deprimiert als anderswo. Sie entspricht nicht der Vorstellung, die man von dem fr├Âhlichen, regen 'la dolce vita' hat. Man hat die anma├čende Erwartung, dass die Sonne in allen Jahresperioden scheint und dass die W├Ąrme nie nachl├Ąsst. Aber so ist es nicht und mich deprimiert der Gedanke, dass nicht einmal die Natur ihre Versprechen einhalten will.
Die Sache zwischen mir und Piero dauerte genauso lange wie der nasse, kalte Winter im Jahre ÔÇÖ97.

Wir hatten uns an der Universit├Ąt in einer Vorlesung ├╝ber italienische Literatur kennen gelernt. Ich sa├č an jenem Tag in der ├╝berf├╝llten Aula auf den Stufen einer Seitentreppe und versuchte dem Vortrag des Professors zu folgen, der gerade eine Einf├╝hrung zu Leopardis Werk gab. Meine Italienischkenntnisse waren damals ziemlich d├╝rftig und ich hatte M├╝he, ├╝berhaupt etwas zu verstehen. Aber im Grunde genommen war mir das sowieso gleichg├╝ltig. Ich besuchte in dieser Zeit viele Vorlesungen und Seminare, ohne mich wirklich daf├╝r zu interessieren. Nur um etwas zu tun, was von au├čen gesehen sinnvoll erscheinen w├╝rde. Um keine Leere in meinem Kopf entstehen zu lassen, versuchte ich, ihn mit den Gedanken anderer Personen auszuf├╝llen. Manchmal blieben bestimmte S├Ątze in meinem Kopf h├Ąngen und wiederholten sich tagelang wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Der Junge, der damals neben mir auf der Treppe sa├č, war Piero. Er bemerkte schnell meine Unf├Ąhigkeit, dem Unterricht zu folgen. Nach einer Weile schob er mir seine Aufzeichnungen zu und meinte, wenn ich wolle, k├Ânne ich sie gerne kopieren. So haben wir uns kennen gelernt. Es war nicht aufregend, nichts Au├čergew├Âhnliches. Eine Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich zuf├Ąllig finden und eine Weile nebeneinander hergehen, ohne jemals wirklich miteinander. Dieser Anfang war so gew├Âhnlich, dass es mir fast widerstrebt, mit so einem banalen Einstieg unsere Geschichte zu beginnen. Aber so war es nun mal.

Sch├Ân war Piero nicht. Er war klein und eher mager. Seine Brille schien zu gro├č geraten f├╝r sein schmales Gesicht und rutschte h├Ąufig widerspenstig in Richtung Nasenspitze. Heute frage ich mich manchmal, was mich an ihm fasziniert hat. Aber diese Frage steht immer nur f├╝r einen kurzen Moment im Raum. Dann fallen mir wieder die Begegnungen zwischen uns ein, Bewegungen und Gesten, S├Ątze, die in der Luft vibrierten, so leicht waren sie vor Sch├Ânheit und Erotik. Seit Piero bin ich davon ├╝berzeugt, dass eigentliche Erotik vielmehr in Worten zu finden ist als in ├Ąu├čeren Erscheinungen.
Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der fremden Sprache. An seinen Worten, von denen ich so viele nicht kannte, und die f├╝r mich fremd und exotisch klangen. Laute, die sich weich und rund zu W├Ârtern formten, so sch├Ân, dass es mir fast frevelhaft erschien, sie im Kopf ins Deutsche zu ├╝bersetzen.
Ich erinnere mich, dass Piero einmal feststellte, die deutsche Sprache w├╝rde f├╝r ihn klingen, als ob Eisw├╝rfel in einem leeren Glas hin und her geschwenkt w├╝rden.
Klick, klack, klick, klack. Klirrend, kalt und hart. Sein Italienisch hingegen schien auf einer weichen Welle aus Vokalen und Konsonanten zu schwimmen und ich mochte es, mich treiben zu lassen in diesem Fluss aus vollen, runden T├Ânen. Es h├Ârte sich an wie Musik und ich verstand zum ersten Mal, warum die bedeutendsten Opern in italienisch gesungen werden. Es war mir gleichg├╝ltig, dass ich nur die H├Ąlfte von Pieros Geschichten verstand. Ich lachte, wenn es mir angebracht schien, verzog das Gesicht, wenn er es tat und stellte ihm Fragen, nur um ihn weiterreden zu h├Âren.

Unsere gemeinsamen Abende begannen stets in einer Kneipe. In einer, in der man mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Freunde oder Bekannte sto├čen w├╝rde, die sp├Ąter Fragen stellen k├Ânnten und auf Erkl├Ąrungen aus waren. Wie sollten wir ihnen Erkl├Ąrungen geben, wenn wir uns selbst keine geben wollten? Ich erinnere mich gerne an diese langen Abende in den kleinen verrauchten Bars, an das Vorspiel auf den eigentlichen Hauptakt. An das Wortgepl├Ąnkel, die Blicke zwischen uns, an die leise Jazzmusik im Hintergrund. Wir rauchten und tranken Bier, solange bis die Gedanken z├Ąh wie Kaugummi wurden und uns der schale Beigeschmack dieser N├Ąchte gleichg├╝ltig geworden war. Die N├Ąchte verbrachten wir in meiner Wohnung. Wir liebten uns auf dem kalten, harten Steinfu├čboden in der K├╝che, im Wohnzimmer auf dem kleinen Sofa, im engen Badezimmer zwischen Waschbecken und Wanne, ├╝berall. Nur nicht in meinem Bett. In einem Bett k├Ânnen sich nur Paare lieben. Und deswegen war es, als ob das Bett tabuisiert w├Ąre und keiner von uns wollte der erste sein, der es wagte, dieses Tabu zu brechen.
Mit Piero zu schlafen war unkompliziert. Als ob sich unsere K├Ârper seit langem kennen w├╝rden, nur wir selbst waren noch wie Fremde. Piero hatte eine Art, mit seinem K├Ârper umzugehen, die ich bewunderte. Er besa├č diese Unbeschwertheit, sich nackt vor mir zu zeigen, ohne dass es peinlich oder eitel wirkte. Einmal stolzierte er nur mit seiner Brille bekleidet durch das Wohnzimmer und imitierte einen Professor unserer Fakult├Ąt, indem er dessen n├Ąselnde Stimme und affektierte Gestik nachahmte. Er rezitierte mit ├╝bertrieben ernster Miene aus einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe. Ich sa├č vor ihm auf dem Sofa und lachte Tr├Ąnen ├╝ber diese kabarettistische Darbietung.

Wir setzten unsere Liaison den ganzen Winter hin├╝ber fort. Es war eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen uns, dass wir uns nur abends trafen. Als h├Ątte die Nacht eigene Spielregeln f├╝r uns aufgestellt, die man bei Tageslicht unm├Âglich einhalten konnte. Trafen wir uns tags├╝ber zuf├Ąllig auf der Strasse, entstanden nur nerv├Âse, oberfl├Ąchliche Gespr├Ąche. Jeder in seiner eigenen Welt, zu der der andere keinen Zutritt haben durfte. Erst in der Nacht konnten wir uns ohne Scham in die Augen sehen. Wir waren wie zwei Taucher unter Wasser, die hinabtauchten in eine dunkle, stille Welt, in der die Dinge an der Oberfl├Ąche keine Bedeutung mehr hatten. Zwei Taucher, die in einer Zeichensprache miteinander kommunizieren mussten, da Reden unm├Âglich geworden war. Die Nacht war eine Unterwasserwelt, in der die Ger├Ąusche und Lichter vom Ufer her nur noch ged├Ąmpft durchdrangen und je tiefer wir tauchten, um so mehr verloren sie an Bedeutung.

Es war einen Monat nach unserer ersten Begegnung. Piero lag neben mir im Bett und schlief. Seine Gesichtsz├╝ge wirkten v├Âllig entspannt. Die langen, schwarzen Wimpern hingen an den fest verschlossenen Augenlidern, so als wollten sie sich nie mehr ├Âffnen. Ich legte mich ganz nah zu ihm, so dass sich unsere Nasenspitzen fast ber├╝hrten. Sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Ich h├Ârte eine Weile seinen regelm├Ą├čigen, tiefen Atemz├╝gen zu. Seine halbge├Âffneten Lippen waren eine einzige Aufforderung zum K├╝ssen. Dann zog ich meinen Kopf ein wenig zur├╝ck und sein Gesicht stellte sich scharf.
Und auf einmal war dieser Gedanke in meinem Kopf, der sich nicht mehr vertreiben lie├č: Er hatte ├ähnlichkeit mit einem schlafenden Kind. Mehr noch, er sah genauso aus.
Aus irgendeinem unerkl├Ąrlichen Grund wurden meine Augen feucht. Ich sp├╝rte ein seltsames, altbekanntes Gef├╝hl in der Magengegend. Dieselbe Empfindung, die mich manchmal ├╝berkommt, wenn ich einen alten Mann sehe, der sich an einem Gehstock m├╝hsam die Stra├če entlang bewegt oder wenn ich jemanden beobachte, der versucht, seine Ungeschicktheit und Sch├╝chternheit zu ├╝berspielen. Und ich wei├č, dass sich diese Dinge nie ├Ąndern werden, denn es muss die Verlierer geben, um das gro├če Spiel funktionieren zu lassen.
Urpl├Âtzlich hatte ich das Bed├╝rfnis, Piero zu umarmen, festzuhalten und zu besch├╝tzen. So wie man ein verletztes Tier versorgt oder ein schutzbed├╝rftiges Neugeborenes im Arm h├Ąlt.
Dann regte er sich im Schlaf. Ich r├╝ckte von ihm ab, stand auf und ging ins Badzimmer. Ich zog mich aus und stieg in die Badewanne, deren Emailleschicht durch die vielen Jahre an einigen Stellen bereits por├Âs geworden war. Die Innenseiten meiner Schenkel klebten noch von Piero. Meine ganze Haut, jede einzelne Pore roch nach ihm. Das Wasser rann in einem d├╝nnen, schwachen Strahl ├╝ber mein Gesicht, meine Schultern, Arme und Beine und nahm Schwei├č und Sperma mit sich in Richtung Ausguss, wo es sich mit den winzigen wei├čen Emailleteilchen vermischte, die von der Badewanne absplitterten. Aus dem Abfluss str├Âmte leicht der Geruch der Kanalisation. Einen Moment lang hatte ich das Gef├╝hl, mich ├╝bergeben zu m├╝ssen. Das Wasser war hei├č und stieg wie Nebelschwaden in Richtung Decke auf. Als ich mich abtrocknete, war der Spiegel mit einer undurchl├Ąssigen Schicht aus feinsten Wassertr├Âpfchen ├╝berzogen, so dass ich mein Gesicht nicht sehen konnte.
In dieser Nacht schlief ich auf dem Sofa. Weit weg von Piero und seinem kindlichen Atem.


Nach ein paar schmerzhaften Beziehungsversuchen in den letzten Jahren hatte ich nur noch kurze, fl├╝chtige Aff├Ąren. Aff├Ąren haben den Vorteil, weder Verpflichtungen noch Forderungen zu implizieren. Jeder l├Ąuft weiterhin auf seiner eigenen, gutbekannten Stra├če durchs Leben und die kurzen Stunden, die man miteinander teilt, sind intensiv, bet├Ąubend und gedankenverloren. Aber man muss wissen, wann es aufzuh├Âren hat. Die Geschichte mit Piero h├Ątte da enden sollen, als ich das erste Mal Mitleid mit ihm, mit dem schlafenden Kind, bekam. Mitleid bringt mein inneres Gleichgewicht durcheinander wie kein anderes Gef├╝hl. Es f├╝hlt sich an wie ein falsch platziertes Lachen in einem traurigen Film. Es gibt nichts Schwierigeres als eine Beziehung zu beenden, wenn neben dem ├╝blichen Trennungsschmerz noch Mitleid im Spiel ist.

Ich erinnere mich an einen bestimmten Abend, als wir nach einem der obligatorischen Kneipenbesuche zu mir nach Hause gingen. Es war kalt, nicht so wie in Deutschland, aber ich geh├Âre zu den Menschen, die st├Ąndig frieren. Manchmal friere ich sogar im Sommer. Als wenn sich in meinem Inneren ein Eisschrank bef├Ąnde, dessen T├╝r ab und zu von selbst aufspringt. Wir gingen eine schmale Gasse namens Via Martino entlang. Meine Schuhe hallten auf dem Kopfsteinpflaster, das dunkel und nass vom Regen gl├Ąnzte, der eine kurze Pause eingelegt hatte. Im Winter schneit es in Italien zumeist nur in den Bergen, in den St├Ądten regnet es daf├╝r h├Ąufig und lange. Kein erfrischender, befreiender Platzregen wie nach einem schw├╝len Sommertag, sondern kontinuierlich nasskalter Regen. Das Abwassersystem kann diesen Wassermassen oft nicht standzuhalten, was dazu f├╝hrt, dass die Abfl├╝sse ├╝berlaufen und einen modrigen, fauligen Geruch verstr├Âmen, der sich ├╝ber der ganzen Stadt ausbreitet. Es riecht dann wie abgestandenes Wasser aus einer Vase mit welken Blumen. Regen deprimiert mich. Ich f├╝hle mich dann wie in einem Gef├Ąngnis.
Als ob sich die Regentropfen zu einem undurchl├Ąssigen Gitter formen und mich dahinter einschlie├čen.
Piero bemerkte, dass ich zitterte und legte mir seinen dicken grauen Wollschal um den Hals. ÔÇ×Man m├Âchte nicht glauben, dass du eine Deutsche bist. Du bist so verfroren. Dabei ist es doch in dem Land, aus dem du kommst, noch viel k├Ąlter als hier.ÔÇť Ich l├Ąchelte nur, was er nicht sehen konnte, da die H├Ąlfte meines Gesichts unter dem Schal verschwunden war. Er erz├Ąhlte mir, der Schal sei ein Geschenk von einer Exfreundin. Eine, die ihn ebenso wenig frieren sehen wie ich seinen schlafenden Anblick ertragen konnte. Seltsam, dass ich mich an solche Augenblicke so gut erinnere und nicht an die zahllosen N├Ąchte mit ihm.

Einmal, als er schlief, versuchte ich, ihm so etwas zu sagen wie ÔÇ×Ti amoÔÇť. Ich wollte wissen, wie sich das anf├╝hlt, wenn man jemandem diese gro├čen, bedeutungsaufgeladenen Worte sagen w├╝rde. Aber es ist mir nicht gelungen. Es h├Ątte sich nur abgestanden und phrasenhaft leer angeh├Ârt. Seitdem habe ich es nicht mehr versucht. Ich habe einmal einen Satz gelesen ├╝ber die Liebe, der sich mir immer wieder aufdr├Ąngt: ÔÇ×Liebe bedeutet, sich dem anderen auszuliefern, und zwar ohne die M├Âglichkeit, sich zu verteidigen.ÔÇť Ich habe mich Piero nie ausgeliefert, genauso wenig wie er sich mir. Au├čer wenn er schlief. Es ist ein gro├čer Unterschied, mit jemandem zu schlafen oder bei jemand zu schlafen. Ich glaube, Piero war das nie bewusst. Er blieb, auch nachdem wir uns geliebt hatten, stets bei mir. In der ersten Nacht hat mich das verwundert, weil ich glaubte, er w├╝rde sich danach anziehen und gehen. Stattdessen blieb er. Es war ein seltsames, fast unangenehmes Gef├╝hl, neben diesem Jungen zu schlafen, den doch nur mein K├Ârper kennen gelernt hatte. Ich drehte ihm den R├╝cken zu und versuchte ihn nicht zu ber├╝hren. Trotzdem blieben unsere K├Ârper irgendwie die ganze Nacht in Kontakt, so als h├Ątten sie sich verselbst├Ąndigt und meiner widersetzte sich trotzig meinem Willen.
Ich habe in den gemeinsamen N├Ąchten mit Piero so gut wie nie geschlafen. Wenn mich die M├╝digkeit ├╝berkam, legte ich mich auf das kleine, unbequeme Sofa im Wohnzimmer und schlief dort. Ich h├Ątte den Gedanken nicht ertragen, dass Piero mich w├Ąhrend des Schlafes beobachten k├Ânnte und dieselben Gef├╝hle h├Ątte wie ich bei seinem schlafenden Anblick.

Ende Februar stellte ich fest, dass ich schwanger war. Wir hatten uns zu oft sorglos geliebt, ohne ├╝ber irgendwelche Folgen nachzudenken. Nach dem positiven Ergebnis des Schwangerschaftstests rief ich meine ehemalige Mitbewohnerin an und lie├č mir die Nummer von einem nahe gelegenen Krankenhaus geben. Sie hatte dort vor zwei Jahren einen Abbruch vornehmen lassen und mir erz├Ąhlt, dass dies dort ohne gro├če Komplikationen m├Âglich sei. Vorraussetzung sei ein kurzes Beratungsgespr├Ąch, das aber nur pro forma abgehalten w├╝rde. Ich bekam einen Termin f├╝r die kommende Woche. W├Ąhrend dieser einen Woche tat ich nichts anderes als zu warten. Piero sah ich nur einmal. Er kam eines Abends vorbei und wollte mit mir schlafen. ÔÇ×Heute nicht, Piero.ÔÇť ÔÇ×Warum? Was ist los?ÔÇť ÔÇ×NichtsÔÇť, antwortete ich. Er fuhr mit seiner Hand langsam zwischen meine Beine und versuchte mich zu k├╝ssen. Ich wurde w├╝tend auf ihn. W├╝tend dar├╝ber, dass ein Kind vor mir sa├č, das unbedingt das Erwachsenen-Spiel spielen wollte. Aber ich wollte diese Spiele aufgeben, weil ich sie nicht mehr verstand. Oder vielleicht auch nicht mehr verstehen wollte. Irgendwann lie├č er es sein und legte seinen Kopf auf meinen Bauch. ÔÇ×Du riechst so gut.ÔÇť ÔÇ×Wonach?ÔÇť ÔÇ×Ich wei├č nicht, nach einer Blumenwiese oder so, und irgendwie nach Unschuld.ÔÇť ÔÇ×Piero, niemand ist wirklich unschuldig. Au├čer vielleicht Neugeborene oder kleine Kinder.ÔÇť Er sah mich an und fing an zu lachen.

An diesem Abend sah ich Piero das letzte Mal. Zwei Tage sp├Ąter ging ich in die Klinik. Der Eingriff war schmerzhaft und dauerte lange. Viel l├Ąnger als ich dachte. Ich hatte das Gef├╝hl, dass mit diesem fremden Leben, das sich in mir eingenistet hatte, auch der Teil der Unschuld herausgeschabt wurde, von der Piero gesprochen hatte. Man schob mich in einen Aufwachraum, in dem ich zwei Stunden lag und an die wei├če Decke starrte, an der an einigen Stellen der Putz abzubr├Âckeln begann. Ein Ventilator ├╝ber mir kreiste ununterbrochen, surrend wie ein weit entferntes Propellerflugzeug. Mein Kopf war v├Âllig leer. So als h├Ątte ich endlich einen Schalter gefunden, diesen unentwegten Stromkreis aus Gedanken und Empfindungen zu unterbrechen. Ich glaube, es war Giacomo Leopardi, bei dem ich vor einigen Wochen den Satz fand: ÔÇ×Alles ist r├Ątselhaft, au├čer unserem Schmerz.ÔÇť Sp├Ąter kam der diensthabende Arzt und versicherte mir, der Eingriff sei gut verlaufen und sp├Ątestens in einer Woche w├╝rde ich nichts mehr sp├╝ren. Ich dachte blo├č, dass ich meinen K├Ârper schon jetzt nicht mehr sp├╝rte.

Drei Wochen sp├Ąter habe ich die Stadt verlassen. Es war einfacher als anfangs angenommen. Ich zog vor├╝bergehend zu Freunden nach Mailand, von denen einer mir eine Anstellung in einer gro├čen Import-Exportfirma vermittelte. Wenige Monate sp├Ąter lernte ich Marcel kennen, einen Deutschen, der vor ein paar Jahren aus beruflichen Gr├╝nden nach Italien gekommen war. Es dauerte nicht lange und wir wurden ein Paar. Es geschah auf so nat├╝rliche Art und Weise, dass ich mich nicht mal dagegen wehrte. Ich war gl├╝cklich mit Marcel, der in seinem Auftreten, seinem Umgang mit mir so anders war als die M├Ąnner, mit denen ich zuvor zusammen war.

In den Wochen vor dem Umzug nach Mailand habe ich Piero nicht mehr angerufen. Ein paar Mal sprach er auf meinen Anrufbeantworter, verwirrt ├╝ber das pl├Âtzliche, unvorbereitete Ende unseres Spiels. Dann h├Ârte ich nichts mehr. Doch jeden Winter, wenn der Regen einsetzt und die Tage sich grau f├Ąrben, muss ich an ihn und an seinen schlafenden Anblick denken. Und jedes Mal bekomme ich ein merkw├╝rdiges Ziehen im Bauch, so als ob sich in meinem Inneren ein Geschw├╝r befindet, das sich langsam und stetig durch meine Eingeweide frisst und mich von innen her aush├Âhlt.


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Marc Mx
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2000

Werke: 3
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Gerade bei so einem langen Text ist der Spannungsbogen das A&O einer Geschichte... Deine "Schreibe" finde ich gut lesbar... Den Inhalt, naja... ist nicht gerade neu...
Hier ein paar konkrete Kommentare zu Deinem Text:

1. Das Wort "Geschichte" ist an dieser Stelle mMn viel zu allgemein. Warum sagst Du es nicht konkreter?
2. Du beginnst weiter mit allgemeinen Feststellungen... Warum steigst Du nicht erstmal klassisch mit einer Aktion in Deine Geschichte ein? Handlung ist das Zauberwort, was den Leser fesselt! (Nat├╝rlich nicht nur...)
3. Wenn Du im ersten Absatz Worte wie "Heimweh" und "Einsamkeit" benutzt, mu├čt Du Dir im klaren dar├╝ber sein, da├č sie oft Langeweile beim Leser ausl├Âsen... und wenn dann noch so ein Wort wie "depremiert" auftaucht, h├Âren viele sofort auf zu lesen... Wer will sich schon von einem Text deprimieren lassen...

Also den ganzen ersten Absatz k├Ânntest Du streichen und wenn ├╝berhaupt, einzelnes nur in einem kleinen Einschub erw├Ąhnen - dann, wenn Du den Leser am Haken hast!

"...Dieser Anfang war so gew├Âhnlich, dass es mir fast widerstrebt, mit so einem banalen Einstieg unsere Geschichte zu beginnen. Aber so war es nun mal..."

Was ist denn das??? Also, wird das ein Tagebuchbericht, oder eine Geschichte?
Entscheide Dich!!!!!!!!!!!!!!!
Wenn es ein Tagebuchbericht wird, stell Dich darauf ein, da├č es keiner Lesen wird...
oder willst Du doch eine Geschichte daraus machen???

Soweit erstmal...
Gru├č
MarcPlanet.de

P.S. Wenn Du bisher noch nicht viel geschrieben hast, tr├Âste Dich, ich habe schon ├╝ber 100 Kurzgeschichten geschrieben, davon sind h├Âchstens zehn lesenswert und nur f├╝nf wurden ver├Âffentlicht... Aller Anfang... Du wei├čt schon...

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Silja
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 1
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Hi MarcPlanet, erstmal danke f├╝r deine Verbesserungsvorschl├Ąge. Konstruktive Kritik ist immer willkommen.

Nun zu ein paar deiner Kritikpunkte:
1.) Mir ging es bei der Geschichte weniger darum, ein ├Ąu├čeres Geschehen darzustellen als vielmehr die Unf├Ąhigkeit zweier Menschen miteinander zu kommunizieren. Hier treffen zwei Figuren aufeinander, die sich zwar k├Ârperlich sehr nahe kommen, jedoch nicht miteinander reden k├Ânnen. Beispielsweise stellt sich f├╝r die Ich-Erz├Ąhlerin gar nicht die Frage, ob sie Piero von der Schwangerschaft erz├Ąhlen soll (obwohl es ihn ja auch betreffen w├╝rde).
2.) Den ersten Absatz werde ich noch mal ├╝berarbeiten. Allerdings war mir wichtig, den Leser daraufhin zu f├╝hren, dass die Geschichte in Italien spielt. Und zwar nicht in einem Italien wie es die Touristen aus ihrem 4w├Âchigen Sommerurlaub kennen, sondern einem Land, das auch seine "dunklen" Seiten hat (aber nat├╝rlich sollte es nicht zu deprimierend wirken - da hast du schon recht). Das Kommunikationsproblem zwischen der Ich-Erz├Ąhlerin und Piero ist also doppelt gegeben: zu einen auf der emotionalen Ebene, zu anderen auf der sprachlichen.
3.) Das Thema "Aff├Ąre, ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung" ist nat├╝rlich nicht neu, aber darum geht es mir auch nicht. Es geht darum, dass sich zwei Menschen nicht aufeinander einlassen wollen. Dass sie ihre Beziehung von Anfang an als Aff├Ąre definieren, die letztendlich scheitern muss, da irgendwann Gef├╝hle aufkommen. Die Ich-Erz├Ąhlerin spricht zwar nur von "Mitleid", aber vielleicht ist es ja auch etwas anderes (das sei der Phantasie des Lesers ├╝berlassen).
4.) deine Kritik an "Dieser Anfang war so gew├Âhnlich, dass es mir fast widerstrebt...": den Satz werde ich streichen. Denn dass es nach Tagebucheintrag klingt, will ich auf jeden Fall vermeiden.

gr├╝├če, Silja

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