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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Pilzkrimi
Eingestellt am 31. 03. 2016 14:06


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Morulf
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Registriert: Mar 2016

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Wie Schwester Annemarie Pilze suchte und wozu das fĂŒhrte
(Mit zwei unverzichtbaren Pilzrezepten)


Als Anna Maria Grossmann, Kampfname Schwester Annemarie, an jenem Montagmorgen ihren Dienst im Transplantationsklinikum rechts der Unstrut antrat, fĂŒhlte sie sich durchaus in der Lage, den Herausforderungen der kommenden Arbeitswoche erfolgreich entgegenzutreten.
Dies war auf den Umstand zurĂŒckzufĂŒhren, dass das Wochenende außerordentlich zufriedenstellend verlaufen war. Sie hatte nĂ€mlich in aller Ruhe ihrem Hobby, dem Pilzesuchen, frönen können. Am spĂ€ten Sonntagmorgen war sie nach einem krĂ€ftigen FrĂŒhstĂŒck bei wunderbarem Herbstwetter mit ihrem kleinen Auto aus dem StĂ€dtchen hinaus in ein Gebiet gefahren, das neu fĂŒr sie war, von dem aber ihr Onkel, ein wahrer Pilz-Aficionado, schon seit lĂ€ngerem geschwĂ€rmt hatte. Und in der Tat, bereits nach recht kurzer Zeit war ihr Korb nicht nur mit den ĂŒblichen Maronenröhrlingen, Steinpilzen und Pfifferlingen gefĂŒllt, sondern auch mit einem halben Dutzend junger Hexenröhrlinge und – was sie besonders gefreut hatte - mit drei Handvoll glĂ€nzend schwarzer Totentrompeten.
Den Blick auf den Waldboden geheftet, war sie dahingeschlendert, und als sie bereits daran dachte, langsam den RĂŒckweg anzutreten, wurde sie unversehens von einem Maschendrahtzaun aufgehalten, der ein GrundstĂŒck vom Umfang eines besseren Schrebergartens umschloss. Als sie zwischen den Maschen durchblickte, bemerkte sie einige mannshohe Fichten und eine Art Werkzeugschuppen auf dem GelĂ€nde. Genauer gesagt stand sie vor einer TĂŒr im Zaun, die von einem zwischen zwei Stangen befestigten geschweiften Brett ĂŒberspannt wurde. Anna Maria legte den Kopf in den Nacken, um lesen zu können, was darauf stand.
„Haralds Pilzfarm“ war in großen schwarzen Lettern in das Holz eingebrannt.
„Harald, das bin ich!“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum. Die Stimme kam von einem dunkelhaarigen jungen Mann mit, wie Anna Maria sogleich bemerkte, sanften braunen Augen unter einem ziemlich wirren Haarschopf.
„Sogar Hexenröhrlinge und Totentrompeten“, bemerkte der junge Mann mit einem anerkennenden Blick auf den wohlgefĂŒllten Korb. „Du scheinst dich auszukennen.“
„Guten Tag“, antwortete Anna Maria weniger schnippisch, als sie es wegen der unerwarteten, vielleicht sogar ungebĂŒhrlichen Form der Kontaktaufnahme eigentlich fĂŒr angemessen gehalten hĂ€tte. „Ich bin Anna Maria. Und du bist also Harald?“
„Ja, und das ist meine Pilzfarm. Willst du sie mal besichtigen?“
Nun hatte Anna Maria zwar schon viel von der Möglichkeit gehört, Pilze zu zĂŒchten und dann bequem in Mengen zu ernten, aber gesehen hatte sie eine solche Anlage noch nicht. Deshalb nahm sie, nach einem prĂŒfenden Blick in sanfte braune Augen, das Angebot an, und als Harald die TĂŒr aufschloss, folgte sie ihm neugierig.
„Naja“, meinte Harald, „Pilzfarm ist vielleicht etwas ĂŒbertrieben, vorerst zĂŒchte ich bloß StockschwĂ€mmchen.“
StockschwĂ€mmchen, das wusste Anna Maria, wuchsen an BaumstĂ€mmen und waren ziemlich selten. Normalerweise waren sie nur als Konserven oder tiefgefroren zu bekommen. Frische Pilze aber waren in der gehobenen KĂŒche sehr begehrt und wurden bevorzugt in Suppen verwendet.
„Einen Moment“, fuhr Harald fort, sperrte den Werkzeugschuppen auf und kehrte mit einem Spankorb in der Hand zurĂŒck. „Ich bin nĂ€mlich zum Ernten gekommen“, erklĂ€rte er. „Ich beliefere die ‚Rote MĂŒhle‘, das ist ein Sternelokal an der Landstraße einige Kilometer Richtung Stadt. Ich will die Pilze heute Nachmittag noch vorbeibringen, damit sie schon heute Abend auf die Speisekarte gesetzt werden können. Sie mĂŒssen immer ganz frisch sein, und deshalb liefere ich auch jeden Tag und immer nur kleine Mengen.“
Anna Maria nickte. Auf dem Herweg war ihr das prÀchtige Gasthaus aufgefallen.
Harald fĂŒhrte sie um eine weihnachtsbaumgroße Fichte herum, und dann bot sich Anna Maria ein Anblick, der jedem Pilzfreund das Herz höher schlagen lĂ€sst.
Denn vor sich sah sie eine Gruppe von schenkeldicken, etwa einen Meter hohen BaumstĂ€mmen, die ĂŒber und ĂŒber mit kleinen hellbraunen PilzhĂŒten von der GrĂ¶ĂŸe eines Euro-StĂŒckes bedeckt waren. Staunend stand sie davor
„Das macht wirklich was her“, meinte sie bewundernd. „Und wie funktioniert das?“
Daraufhin kam sie in den Genuss eines ausfĂŒhrlichen Referats ĂŒber die Zucht von Pilzen im Allgemeinen und die von StockschwĂ€mmchen im Besonderen, das von Impfung mit Pilzbrut, Feuchtigkeitsspeicherung, diversen Holzarten, pH-Werten des Bodens und anderem mehr handelte und mit bemerkenswertem Engagement vorgetragen wurde. Als Harald schließlich geendet hatte, schwirrte ihr der Kopf, und sie merkte, dass es Zeit wurde, den Heimweg anzutreten.
Sie bedankte und verabschiedete sich etwas hastig, allerdings nicht, ohne trotz der Eile anzudeuten, nÀchste Woche eventuell wieder vorbeizuschauen, worauf Harald darauf bestand, ihre Pilzernte durch eine ordentliche Handvoll StockschwÀmmchen zu ergÀnzen.
Zu Hause angekommen, kĂ€mmte sie sich diverse Fichtennadeln und Laubreste aus dem Haar und ließ die Badewanne ein. Dann holte sie ihr Pilzkochbuch aus dem Regal und schlug wĂ€hrend eines langen, erholsamen Bades diverse Rezepte fĂŒr StockschwĂ€mmchensuppe nach. Danach ging sie daran, den Höhepunkt des Tages vorzubereiten, das Abendessen. Es wĂŒrde zunĂ€chst StockschwĂ€mmchensuppe geben, und danach, begleitet von einem herzhaften trockenen Weißwein, Risotto mit Hexenröhrlingen und Totentrompeten.
(Amnerkung fĂŒr Pilzkenner: SelbstverstĂ€ndlich handelte es sich bei den Hexenröhrlingen um die flockenstielige, und nicht um die netzstielige Variante, da letztere bekanntlich nicht zusammen mit Alkohol genossen werden sollte.)

*

Nun also, an jenem Montagmorgen, saß Anna Maria im Stationszimmer bei der Übergabe des Dienstes.
Wie erwartet gab es viel zu tun. Bei zwei Patienten stand die Entlassung an, und drei weitere mussten auf Operationen vorbereitet werden. Außerdem war bei mehreren die Medikation geĂ€ndert worden, sodass sich die Routine beim Tabletten Zusammenstellen und beim Vorbereiten von Infusionen erheblich Ă€nderte. Anna Maria war gerade dabei, ihren Anteil am Stationsbetrieb in Gedanken durchzugehen, als ein Wort an ihre Ohren drang, das sie schlagartig aufschrecken ließ: Pilzvergiftung!
Wie sich herausstellte, war gestern am frĂŒhen Abend vom Notarzt ein Patient mit Verdacht auf Pilzvergiftung eingeliefert worden. Der Notarzt hatte ein baldiges Leberversagen befĂŒrchtet und ihn deswegen gleich beim Transplantationszentrum abgeliefert. Es handelte sich um einen Herrn Meier, und er lag in einem Einzelzimmer auf der Privatstation des Chefarztes, was bedeutete, dass Anna Maria nicht fĂŒr ihn zustĂ€ndig war. „Schade“, dachte sie und beschloss, sich diesen Herrn Meier trotzdem grĂŒndlich anzusehen. Außerdem wollte sie genau wissen, was hinsichtlich Diagnose und Therapie in den Unterlagen stand.
Drohendes Leberversagen nach Pilzgenuss, das wusste sie, deutete auf den tödlich giftigen KnollenblĂ€tterpilz hin, und den Verlauf einer solchen Vergiftung verfolgen zu können, interessierte sie verstĂ€ndlicherweise in höchstem Maße. Schließlich forderte der Pilz nahezu jedes Jahr mehrere Opfer, und erst kĂŒrzlich hatten sich ĂŒber ein Dutzend FlĂŒchtlinge aus Syrien schwere Vergiftungen mit selbst gesammelten Pilzen zugezogen, weil es dort offensichtlich einen essbaren Pilz gibt, der dem KnollenblĂ€tterpilz zum Verwechseln Ă€hnlich sieht. Seine Wirkung war bereits in der Antike bekannt, und ziemlich sicheren Quellen zufolge hatte die Kaiserin Agrippina, vierte Frau des römischen Kaisers Claudius, ihr Ehegespons mithilfe einer leckeren Mahlzeit aus KnollenblĂ€tterpilzen ins Jenseits befördert, um ihren Sohn Nero an die Macht zu bringen.
Doch Anna Maria fand keine Zeit, sich weiter mit der Angelegenheit zu beschÀftigen, denn die Arbeit rief, und das Pflegepersonal schwÀrmte aus, um seinen diversen Pflichten nachzugehen.

*


Mittagszeit.
Anna Maria war noch nicht dazu gekommen, sich die Unterlagen von Herrn Meier genauer anzusehen und rĂ€umte gerade Tabletts mit leerem Essgeschirr in einen Transportwagen, als sie Harald den Korridor entlang auf sich zukommen sah. Überrascht hielt sie inne, und gleich darauf stand er vor ihr.
„Ja hallo, was machst denn du hier?“, fragte Anna Maria,
„Ja hallo, was machst denn du hier?“, war die Antwort.
„Ich bin hier Krankenschwester.“
„Wirklich? Krankenschwestern habe ich mir immer anders vorgestellt. So feldwebelmĂ€ĂŸig, eher kompakt. Nicht so adrett wie du.“
Anna Maria lĂ€chelte dermaßen sĂŒĂŸ, dass ihr der Honig gewissermaßen von den Lippen tropfte. „Na gut“, flötete sie, „dann wollen wir den Feldwebel mal von der Leine lassen: Also hör zu! Wir sind hier auf einer Station mit Schwerstkranken, da kann nicht jeder einfach so einfach rumlaufen. Was willst du also hier? Antworte!“
„Jawoll, Frau Oberschwester!“ sagte Harald, und als er sie dabei unverschĂ€mt angrinste, verspĂŒrte Anna Maria ein leises, aber dennoch deutliches Kribbeln im RĂŒckgrat.
Doch dann wurde Harald ernst: „Ich will zu einem Herrn Meier. Ich soll ihn nĂ€mlich vergiftet haben.“
Anna Maria spĂŒrte, dass ihr der Mund offen stand, und nur mĂŒhsam gelang es ihr, ihn mit Hilfe eines bewussten Willensaktes wieder zu schließen. Aus diesem Grund klangen auch ihre folgenden Worte etwas undeutlich:
„Waschisch? Wie? Wasch? Wergiftet?“
„Naja, meine StockschwĂ€mmchen sollen es gewesen sein, was aber unmöglich ist, und da hab ich mir gedacht, ich schau‘ mir mein angebliches Opfer mal an.“
Anna Maria schluckte. UnwillkĂŒrlich legte sie die Hand auf den Magen.
„Ach du liebes bisschen!“, stieß Harald hervor, als er ihre Geste bemerkte. „Ich hab‘ dir ja welche mitgegeben! Aber keine Angst, da ist nichts! Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ehrlich! Ganz bestimmt nicht!
Anna Maria schluckte nochmals und fasste sich.
„Deine StockschwĂ€mmchen? Und ich dachte an KnollenblĂ€tterpilze! Aber nun mal langsam! Was ist los?“
„Naja, es gibt da einen gefĂ€hrlichen DoppelgĂ€nger, gleiches Gift wie der KnollenblĂ€tterpilz, aber der kann’s nicht gewesen sein, und eine Zweitbesiedlung kann ich auch ausschließen, und es muss eine normale Magenverstimmung sein, oder unter UmstĂ€nden eine allergische Reaktion, aber die kommt 

„Halt, halt!“, unterbrach ihn Anna Maria. „Das musst du mir in aller Ruhe erzĂ€hlen. Und außerdem: Zu Herrn Meier kann ich dich nicht so ohne weiteres lassen, der liegt beim Chefarzt. Kennst du die Schöne Helena?“
„Äh, nun ja, schon, aber nicht so direkt, wieso?“
„Das ist ein griechisches Lokal, in dem ich öfter bin. Ich schlage vor, dass wir uns heute Abend dort treffen, dann kannst du mir genau erzĂ€hlen, was los ist.“
Anna Maria gab Harald die Adresse der „Schönen Helena“ und sah ihm immer noch leicht verblĂŒfft nach, als er den Flur entlang zu den AufzĂŒgen ging.
Schon bald nachdem Harald dieStation verlassen hatte fand Anna Maria Gelegenheit, sich die Unterlagen von Herrn Meier anzusehen.
Der Patient war vom Notarzt direkt in das Transplantationsklinikum verbracht worden, weil der Verdacht auf Leberversagen vorlag. Die Aufnahme erfolgte um 19 Uhr 50 durch den Chefarzt.
Meier war 58 Jahre alt und EigentĂŒmer der „Spielzeugmeierei“, eines mittelstĂ€ndischen Betriebes, der Kinderspielzeug herstellte. Er war Privatpatient mit allen VergĂŒnstigungen.
Nach seinen Angaben hatte er in der „Roten MĂŒhle“ StockschwĂ€mmchensuppe gegessen, und danach war ihm ĂŒbel geworden. Sein Zustand hatte sich immer mehr verschlechtert, sodass schließlich der Notarzt gerufen wurde.
An Symptomen lagen vor: Erbrechen, Diarrhö, Blutdruckabfall und Pulsanstieg
Als Diagnose war angegeben:
Amanitin-Intoxikation, vermutlich durch den Genuss von GifthÀublingen (galerina marginata).
GifthĂ€ubling! Das musste der DoppelgĂ€nger sein, den Harald erwĂ€hnt hatte. Gleiches Gift, hatte er gesagt. Und Amanitin war bekanntlich das Gift des KnollenblĂ€tterpilzes, der mit wissenschaftlchem Namen Amanita phalloides hieß, PhallusĂ€hnlicher Wulstling. Ganz falsch hatte sie demnach mit ihrer Vermutung nicht gelegen.
Als Therapie wurde verordnet:
RegelmĂ€ĂŸige Gabe von Aktivkohle sowie Silibinin-Infusionen mit Elektrolyt-Ausgleich – also LeberstĂ€rkung durch Medikamente, verbunden mit FlĂŒssigkeitszufuhr wegen der Diarrhö.
Außerdem: tĂ€gliche Kontrolle der Blutwerte.
Aus der Anamnese ging weiterhin hervor, dass der Patient schon seit lÀngerer Zeit an einer chronischen Leberzirrhose litt, hervorgerufen durch eine Hepatitis-B-Infektion. Eine Lebertransplantation wurde perspektivisch ins Auge gefasst. Leiden war bereits benachrichtigt.
Nach Beendigung der LektĂŒre beschloss Anna Maria, ihre Absicht von heute Morgen wahrzumachen und sich Herrn Meier persönlich anzusehen. Sie ging zu ihm ins Zimmer und gab vor, die Durchlaufgeschwindigkeit der Infusion zu kontrollieren. Meier war wach, und als sie ihn fragte, ob er Schmerzen oder sonstige Beschwerden habe, veneinte er. Er wirkte voll orientiert, und die Übelkeit war offensichtlich auch abgeklungen. All dies ĂŒberraschte Anna Maria keinewegs, denn wie sie wusste, kam es bei Amanitin-Intoxikationen meistens zunĂ€chst zu einer scheinbaren Besserung, und tatsĂ€chlich waren Patienten deswegen schon irrtĂŒmlich entlassen worden. Ihre volle Wirksamkeit entfalteten solche Vergiftungen aber erst nach zwei bis drei Tagen, dann wurde die Leber zersetzt.

*


„Also hör zu!“, sage Harald. Die beiden saßen in der „Schönen Helena“, und jeder hatte ein Glas Landwein vor sich.
„Jawoll, Herr Oberpilzfarmer“, antwortete Anna Maria und versuchte sich an einem unverschĂ€mten Grinsen, worauf Harald einen ordentlichen Schluck nahm, bevor er berichtete, wie er in den Verdacht geraten war, giftige Pilze zu liefern.
„Der Wirt der ‚Roten MĂŒhle‘ ruft mich an“, begann er, „und bevor ich ein Wort sagen kann, legt er schon los. Ich hĂ€tte seine GĂ€ste vergiftet, und er könnte seinen Laden zusperren, und er wĂŒrde mich verklagen usw. usw. Ich war erst mal völlig baff, habe dann aber herausgebracht, dass euer Meier Stammgast bei ihm ist und eine StockschwĂ€mmchensuppe gegessen hat. Kaum hatte er sie ausgelöffelt, ist ihm so schlecht geworden, dass sie den Notarzt rufen mussten, und der hat ihn dann abtransportieren lassen.
Ich habe versucht, dem Wirt zu erklĂ€ren, dass StockschwĂ€mmchen in keinster Weise giftig sind, und dass es sich nur um eine Magenverstimmung handeln kann, die der Meier schon mitgebracht hat, weil die Pilze ja ganz frisch waren. Allerhöchstens kĂ€me noch eine allergische Reaktion in Frage, manche Leute reagieren schließlich auch allergisch auf Erdbeeren. Aber er bestand darauf, meine Giftpilze seien Schuld und legte auf.“
Harald schnaubte empört und nahm erneut einen krÀftigen Schluck.
„Aber“, gestand er dann, „einen gelinden Schrecken hat er mir schon eingejagt. Es gibt da nĂ€mlich diesen GifthĂ€ubling. Er wĂ€chst ebenso auf BaumstĂ€mmen, hat das gleiche Gift wie der bekannte KnollenblĂ€tterpilz, und man kann ihn nur am Stiel unterscheiden – vorausgesetzt man weiß genau Bescheid. Es kommt immer wieder zu Vergiftungen bei unvorsichtigen Pilzfreunden, und deshalb wird Hobbysammlern geraten, sich StockschwĂ€mmchen lieber als Zuchtpilze zu besorgen. Was den GifthĂ€ubling aber ganz besonders gefĂ€hrlich macht, ist die Tatsache, dass er sogar zusammen mit StockschwĂ€mmchen auf demselben Baumstamm vorkommen kann, in trauter Eintracht sozusagen!“
„Na sauber“, warf Anna Maria ein, „da sĂ€belt der Pilzfreund frohen Mutes seine StockschwĂ€mmchen ab, und dazwischen ist immer mal wieder so ein Giftling!“
„Eben! Und deswegen bin ich gleich mit der Taschenlampe in der Hand zur Farm gerast um nachzusehen. Zwar ist so eine Zweitbesiedlung Ă€ußerst selten, aber theoretisch hĂ€tten sich auf meinen StĂ€mmen ja GifthĂ€ublinge ansiedeln können, die rein zufĂ€llig irgendwo in der Umgebung vorkommen. Und ich denk‘ an nichts Böses und ernte sie in aller Unschuld mit!
„Das Problem kenne ich“, sagte Anna Maria. „Wenn wir in der Pflege Infusionen vorbereiten, besteht auch Verwechslungsgefahr, weil sich die Flaschen manchmal recht Ă€hnlich sehen. Da muss man die Vorschriften genau beachten und höllisch aufpassen. Aber hast du was gefunden?“
„NatĂŒrlich nicht! Alles in Ordnung! Weit und breit kein GifthĂ€ubling! Doch jetzt erzĂ€hl du mal.“
„Also hör
“, setzte Anna Maria an. aber noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, war bereits das „Jawoll Frau Oberschwester!“ da, begleitet von einem Grinsen, dessen UnverschĂ€mtheit das ihre von vorhin bei weitem in den Schatten stellte.
Auch Anna Maria gönnte sich einen krĂ€ftigen Schluck, und dann berichtete sie in allgemeinverstĂ€ndlichen Worten, was aus den Unterlagen von Herrn Meier zu entnehmen war. Auch die Funktion von Eurotransplant in Leiden als das europĂ€ische Zentrum fĂŒr die Verteilung von Spenderorganen erlĂ€uterte sie. So etwas wie Verschwiegenheitspflicht blendete sie dabei als nicht zielfĂŒhrend aus.
„Wie es aussieht, ist Meier tatsĂ€chlich mit GifthĂ€ublingen vergiftet worden“, sagte Harald nachdenklich, als Anna Maria geendet hatte. „Aber wie?“, fuhr er fort. „War es der Koch? Doch was sollte der fĂŒr einen Grund haben? Stellt der Meier am Ende als Spielzeug getarnte Waffen her? Die Plastik-Maschinenpistole ist gar nicht aus Plastik, funktioniert aber trotzdem nicht richtig, und deswegen hat ihm jemand im Vorbeigehen unbemerkt GifthĂ€ublinge ins SĂŒppchen gestreut. Ich glaube, so etwas wĂ€re nicht mal dem KGB oder der CIA eingefallen. Und außerdem, wenn es die gewesen wĂ€ren, wĂ€re der gute Meier sicher nicht mehr am Leben, die hĂ€tten eine hinreichende Dosis verabreicht. Das Einzige, was herausgekommen ist: seine Leber ist jetzt noch kaputter als vorher.“
Anna Maria richtete sich plötzlich auf. „Und wenn er es selber war?“
„Selbstmordversuch meinst du?“
„Das nicht, aber du hast ja gerade gesagt, was herausgekommen ist. NĂ€mlich, dass seine Leber noch mehr kaputt ist. Das bedeutet aber, dass er auf der Dringlichkeitsliste fĂŒr Lebertransplantationen nach oben rutscht.“
„TatsĂ€chlich?“
„Aber sicher! Sowas könnte ihm das Leben retten!“
„Ach, ich weiß nicht
 Da wĂ€re er ein enormes Risiko eingegangen! Er mĂŒsste schon genau wissen, wie der GifthĂ€ubling wirkt, und das ist meines Wissens noch gar nicht prĂ€zise erforscht. Es gibt ja verstĂ€ndlicherweise recht wenig FĂ€lle. Als tödlich gilt bei Erwachsenen eine Dosis von 80 bis 120 Gramm Frischpilz, und da die richtige Menge hinzubekommen, noch dazu, wenn die Leber sowieso schon kaputt ist 
 Dazu kommt noch, dass der Pilz je nach Standort einen unterschiedlichen Giftgehalt aufweisen kann.“
„Manche Menschen sind sehr tapfer und ertragen ihr Schicksal mit WĂŒrde“, meinte Anna Maria. „Ich denke da an eine Patientin auf unserer Station, ich nenne sie mal Frau Schmidt, die momentan an erster Stelle auf der Dringlichkeitsliste steht. Zweiundvierzig Jahre, Mann und zwei Kinder, und wenn da in den nĂ€chsten drei Wochen nichts aus Leiden kommt, sieht es ganz bitter fĂŒr sie aus. Andere Patienten aber fallen in tiefste Verzweiflung und greifen nach jedem Strohhalm. Sie wĂŒrden jedes Wagnis zur Erhöhung ihrer Chancen eingehen, vielleicht auch eine Selbstvergiftung.“
„Da ist sicher was dran, aber mit dem GifthĂ€ubling? Das liegt ja nicht gerade auf der Hand. Wer kennt den schon? Apropos GifthĂ€ubling, sag mal, wie ist dein Chef eigentlich auf den Pilz gekommen? Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat er ja die Diagnose gestellt. Kennt er sich mit Pilzen aus?“
„Nicht dass ich wĂŒsste. Aber du hast recht, wie kam diese Diagnose zustande?“
„Wahrscheinlich haben sie den Giftnotruf kontaktiert“, sagte Harald, „das ist bei Pilzvergiftungen die normale Routine.“
„Möglich. Aber davon steht nichts in den Unterlagen.“
Die beiden diskutierten noch eine Weile hin und her, und schließlich wurde vereinbart, dass Anna Maria nachforschen sollte, wie die Aufnahme von Herrn Meier genau vor sich gegangen war, besonders was die Diagnose betraf, wĂ€hrend Harald noch einmal mit dem Wirt der „Roten MĂŒhle“ reden sollte. Vielleicht hatte der sich inzwischen etwas beruhigt, und es war ihm etwas aufgefallen, wenn die Möglichkeit einer Selbstvergiftung ins Spiel gebracht wurde. Morgen Abend wollten sie sich wieder in der „Schönen Helena“ treffen, um das Ergebnis ihrer Nachforschungen zu besprechen, und als sie sich voneinander verabschiedeten, hatte Anna Maria, obwohl keine greifbaren Resultate zustande gekommen waren, das GefĂŒhl, schon lange keinen derartig anregenden Abend mehr verlebt zu haben.

*


Anna Maria öffnete den Mund. Harald ebenfalls. Anna Maria sagte „Also hör
“ Harald ebenfalls. Anna Maria prustete los. Harald ebenfalls.
Diese Kommunikationssequenz ereignete sich am Anfang ihres Treffens am folgenden Abend, genauer gesagt in dem Augenblick, als beide gleichzeitig und voller Eifer beginnen wollten, von ihren Nachforschungen zu berichten.
Nachdem sie ihre GesichtszĂŒge wieder in Ordnung gebracht hatten, sagte Anna Maria:
„Heute Nachmittag bin ich aufs Klo gegangen.“
„So so!“, anwortete Harald und presste sich die Hand auf den Mund, um nicht erneut loszuprusten.
„Also eigentlich nicht direkt“, versuchte Anna Maria zu retten, was nicht zu retten war, worauf Harald gequetscht- glucksende GerĂ€usche von sich gab.
Doch Anna Maria setzte einen gestrengen Oberschwesternblick auf, was Harald dazu brachte, sich augenblicklich zu beruhigen. Dann fuhr sie fort:
„Ich hab‘ nachgeprĂŒft, ob ich allein bin, denn schließich sollte mein TelefongesprĂ€ch niemand mitbekommen, und dann hab ich mich in eine Kabine gesetzt und mit meinem Handy eine Kollegin angerufen, die Dienst hatte, als Meier eingeliefert wurde.“
„Ich denke, Handys sind im Krankenhaus verboten“, warf Harald ein.
„Ja, schon, aber natĂŒrlich hĂ€lt sich keiner dran. Jedenfalls hat mir die Kollegin bereitwillig erzĂ€hlt, wie das mit Meier abgelaufen ist. Er ist im Liegen eingeliefert worden, mit einer kleinen PlastiktĂŒte auf dem Bauch. Er habe Suppe mit irgendeinem Stockpilz (so hat sich die Kollegin ausgedrĂŒckt) gegessen, hat er gesagt, und in der TĂŒte seien die ĂŒbrigen Giftlinge. Als der Chef mitgekriegt hat, dass ein Verdacht auf Pilzvergiftung besteht, hat er gemeint, dass er sich persönlich um diesen interessanten Fall kĂŒmmern will, so etwas sei ihm in seiner langen Karriere noch nicht untergekommen. Soviel er aber wisse, mĂŒsse man sich in solchen FĂ€llen mit dem Giftnotruf in Verbindung setzen, und er ist in sein BĂŒro gegangen, um zu telefonieren. Nach ein paar Minuten ist er wiedergekommen und hat gesagt, er sei mit einem Pilzexperten verbunden worden, und der hĂ€tte bei der ErwĂ€hnung dieser Suppe sofort auf einen DoppelgĂ€nger von diesem Stockpilz getippt und als Therapie die gleiche Prozedur wie bei einer anderen Pilzvergiftung durch irgendeinen Knollenpilz (so hat sich die Kollegin ausgedrĂŒckt) empfohlen. Dann hat der Chef eine ausfĂŒhrliche Anamnese gemacht, nach Vorerkrankungen und so weiter gefragt und die Therapie festgelegt. Die Pilze in der PlastiktĂŒte hat er an sich genommen und sichergestellt. Damit nichts damit passiert, wie er sagte. Das war alles.“
„Was hĂ€ltst du davon“, fragte Harald, „ist alles normal abgelaufen?“
„Es sieht so aus, wenn man einmal von der exklusiven Chefarztbehandlung absieht. Aber erstens ist Meier ja wirklich ein hochkarĂ€tiger Privatpatient, und zweitens ohne Zweifel ein interessanter Fall. Anamnese, Diagnose, Therapie, so lĂ€uft es gewöhnlich.“
„Eines wird aber immerhin klar“, sagte Harald, „nĂ€mlich, wie die Diagnose zustande kam. Anscheinend hat dein Chef tatsĂ€chlich den Giftnotruf eingeschaltet. Aber vielleicht ist es besser, wenn erst mal ich erzĂ€hle, was ich herausgefunden habe, bevor wir weiter spekulieren.
Anna Maria stimmte zu, und er begann:
„Ich hab‘ den Wirt angerufen und ihm zugeredet wie einem kranken Gaul, und als ich ihm geschworen hatte, dass es sich um Zuchtpilze handelte, ist auch ein MissverstĂ€ndnis herausgekommen. Er hat nĂ€mlich gemeint, ich stiefele durch den Wald und sĂ€ble die StockschwĂ€mmchen sozusagen in freier Wildbahn ab, wobei es zu Verwechslungen gekommen ist. Am Ende hat er dann eingewilligt, mich anzuhören, und ich hab‘ folgendes erfahren: Die ‚Rote MĂŒhle‘ macht um 6 Uhr abends auf, und Meier kam gleich danach. Er war der erste und auch der einzige Gast. Das GeschĂ€ft geht erst gegen 7 Uhr los. Er hat die ominöse Suppe bestellt, als Hauptgang ĂŒbrigens Waller im Wurzelsud und zum Nachtisch Kaiserschmarrn. Dann hat er das SĂŒppchen gelöffelt, den Waller und den Kaiserschmarrn verspeist und danach zu jammern angefangen.“
„Naja, wenigstens war die Mahlzeit leberschonend“, warf Anna Maria ein.
„Ohne Zweifel, aber als der Wirt dieses MenĂŒ erwĂ€hnte, ist mir eine Unstimmigkeit wieder in den Sinn gekommen, die mir in der ganzen Aufregung wieder entfallen war: Amanitin-Vergiftungen wirken normalerweise nicht auf der Stelle, es dauert einige Zeit, bis Symptome auftreten. Und zuerst hatte der Wirt ja behauptet, dass Meier sofort nach dem SĂŒppchen gejammert hat. Aber wie es jetzt aussieht, ist doch eine gewisse Zeit bis zur Wirkung vergangen. Und außerdem weiß ich jetzt, dass er schwer lebergeschĂ€digt ist.“
„Genau“, ergĂ€nzte Anna Maria, „da geht es sicher erheblich schneller!“
„Jedenfalls ist der Notarzt gekommen, und als der Meier abtransportiert werden sollte, hat er noch angeregt, die restlichen Pilze aus der KĂŒche zu holen und mitzunehmen.
Was die Selbstvergiftung angeht, hat der Wirt, obwohl er Meier selbst bediente, nichts AuffĂ€lliges bemerkt, aber er stand natĂŒrlich nicht immer neben ihm. Doch unzweifelhaft ist, dass Meier der einzige Gast war, und deswegen kann ihm auch niemand was ins SĂŒppchen praktiziert haben.“
„Also bleibt das alte Problem“, sagte Anna Maria. „Wie kam das Gift in Meier hinein? Er muss es ganz einfach selbst genommen haben, auch wenn der Wirt nichts gemerkt hat.“
„Ich schlage vor, wir lassen das mal beiseite. Mir kommt da ein anderer Gedanke. Deine Kollegin hat erzĂ€hlt, dass euer Chefarzt den Meier sofort unter seine Fittiche genommen und ihn isoliert hat, und du hast gesagt, dass das doch irgendwie auffĂ€llig war. Außerdem haben wir gestern darĂŒber gesprochen, wie gefĂ€hrlich es wĂ€re, wenn der Meier sich auf eigenes Risiko hin vergiftet hĂ€tte. Kannst du dir vorstellen, dass man das sozusagen unter Ă€rztlicher Aufsicht macht, um auf dieser Dringlichkeitsliste nach oben zu rutschen? Da fĂ€llt mir ein: ist es da nicht erst kĂŒrzlich zu BetrĂŒgereien gekommen, was diese Liste angeht? Das hab‘ ich jedenfalls in der Zeitung gelesen.“
„Stimmt. Da haben Ärzte Unterlagen gefĂ€lscht und bestimmte Patienten bevorzugt. Manche haben sogar Geld dafĂŒr genommen, und das nicht zu knapp. Deshalb werden jetzt strenge Kontrollen durchgefĂŒhrt.“
Anna Maria unterbrach sich.
„Trotzdem, da könnte was dran sein!“, fuhr sie aufgeregt fort. „Wenn jetzt bei einem Patienten plötzlich eine Verschlechterung eintritt und eine Transplantation dringend erforderlich wird, dann wird natĂŒrlich ganz genau kontrolliert, ob es damit seine Richtigkeit hat. Aber wenn eine Pilzvergiftung der Grund dafĂŒr ist, dann ist die Sache ja klar. Da schaut keiner mehr genau nach.“
„Und die Vergiftung unter Ă€rztliche Aufsicht“?
„Auch das könnte ich mir vorstellen“, meinte Ana Maria. „Eine bekannte Dosis Gift, stĂ€ndige Kontrolle der Blutwerte und Verabreichung leberstabilisierender Medikamente, sodass die SchĂ€digung gerade groß genug ist. Aber dann mĂŒssten unser Chefarzt und der Meier ein richtiges Komplott geschmiedet haben.“
„Was ist euer Chef denn fĂŒr einer?“, fragte Harald. „Beschreib ihn doch mal.“
„Naja, er ist noch nicht lange bei uns, ein sogenannter Quereinsteiger. Unser alter Chef ist vor einem halben Jahr in Pension gegangen, was alle schade gefunden haben, richtig traurig hat uns das gestimmt! Das war ein Arzt, sag ich dir, da kann man bloß davon trĂ€umen! Wir haben ihn geliebt, und
“
„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche“, sagte Harald, „aber du wolltest von dem Neuen erzĂ€hlen.“
„Du hast ja recht“, meinte Anna Maria und schĂŒttelte den Kopf, als wolle sie ihn wieder klar bekommen. „Aber wenn ich an unseren alten Chef denke, gerate ich immer ins SchwĂ€rmen. Doch zu dem Neuen: Er ist ohne Zweifel eine KoryphĂ€e auf seinem Gebiet, also Organtransplantationen, besonders Leberverpflanzungen. Manche von uns meinen jedoch, sie hĂ€tten das GefĂŒhl, als ob die Patienten fĂŒr ihn eine bloße, wenn auch außerordentlich interessante Ansammlung von biochemischen VorgĂ€ngen seien.“
„Hm..., was Besonderes fĂ€llt mir da nicht auf. Aber gehen wir doch mal davon aus, dass es sich tatsĂ€chlich um ein Komplott handelt. Wie könnte das denn aussehen?“
Anna Marias Blick wendete sich nach innen, so, als ob sie ein Geschehen vor ihrem geistigen Auge ablaufen ließe.
„Also gut! Irgendwie besorgt sich Meier GifthĂ€ublinge. Um die Vergiftung plausibel zu machen und als UnglĂŒcksfall darzustellen, isst er außer den Pilzen noch diese Suppe.“
„Die Suppe!“, warf Harald ein. „Er hat es so eingerichtet, dass er der einzige Gast war. Niemand außer ihm hat StockschwĂ€mmchensuppe gegessen, und deshalb konnte er sie fĂŒr die Vergiftung verantwortlich machen. WĂ€re sie auch an einem anderen Tisch serviert worden, hĂ€tte das seinen Plan zunichte gemacht. Aber allzu schlimm wĂ€re auch das nicht gewesen, denn er hĂ€tte eine solche Bestellung ganz sicher mitbekommen, und dann wĂ€re er eben an einem anderen Tag wieder erschienen und hĂ€tte einen neuen Versuch gestartet.“
„Genau! Aber wenn es klappte, konnte er sozusagen beruhigt auf die Symptome warten. Die treten ein, und der Notarzt kommt und nimmt ihn mit – na klar – wenn der auch nur einigermaßen auf Draht ist, steuert er gleich die gĂŒnstig gelegene Spezialklinik an und liefert Meier bei uns ab. Und selbst wenn er ihn in ein anderes Krankenhaus hĂ€tte bringen lassen, hĂ€tten die ihn bei der Sachlage sofort zu uns weitergeleitet. Der Chef persönlich nimmt Meier in Empfang und legt ihn zu sich auf die Privatstation. So weit so gut. Aber ein Problem bleibt trotzdem, auch wenn wir es vorhin beiseitegeschoben haben! Wie kommt Meier denn an GifthĂ€ublinge? Geht er heimlich auf die Suche, oder lĂ€sst er suchen? Oder stiefelt mein Chef im Wald herum, auf der Suche nach dem Giftpilz? Woher wissen die beiden ĂŒberhaupt, dass es ihn gibt?“
„Du, da kommt mir ein Gedanke! Die brauchen ĂŒberhaupt keine HĂ€ublinge. Schließlich hat unser HĂ€ubling das gleiche Gift wie der KnollenblĂ€tterpilz. Ein einfacher Knolli genĂŒgt! Der ist bekannt und kommt auch ziemlich hĂ€ufig vor.“
„Und nicht einmal das!“, fĂŒhrte Anna Maria den Gedanken fort, „Das Gift ist das weithin bekannte Amanitin, und möglicherweise gibt es das auch synthetisch oder als PrĂ€parat. Dann könnte man es genau dosieren, und als Chefarzt kann man sich das sicher unauffĂ€llig besorgen.“
Anna Maria lehnte sich zurĂŒck. „Das klingt alles recht abenteuerlich, aber irgendwie passt es zusammen. Nur, was machen wir jetzt?“
„Überlegen wir mal. Wenn tatsĂ€chlich ein Komplott existiert, mĂŒssen dein Chef und der Meier sich kennen. Und außerdem mĂŒsste Amanitin als PrĂ€parat verfĂŒgbar sein. Kannst du das nachprĂŒfen?.
„Ich denke schon. Aber wie bringen wir heraus, ob die beiden sich kennen?“
„Da hab‘ ich eine Idee! Heutzutage haben doch Hinz und Kunz und Kreti und Pleti eine eigene Homepage, wo stolz jeder Furz prĂ€sentiert wird, den die Betreffenden fĂŒr wichtig halten. Ich werde mal das Internet anwerfen, vielleicht finde ich was.“
„So machen wir’s!“, sagte Anna Maria und leerte ihr Glas. Harald tat desgleichen und bestellte noch zwei Landwein - und diesmal hatte Anna Maria bereits bevor sie sich voneinander verabschiedeten das GefĂŒhl, einen außerordentlich anregenden Abernd zu verleben,

*


Am nĂ€chsten Tag verschlechterte sich Herrn Meiers Gesundheitszustand dramatisch. Der Chefarzt war nahezu stĂ€ndig bei ihm, und als es Anna Maria am spĂ€ten Nachmittag gelang, einen Blick in die Unterlagen zu werfen, konnte sie feststellen, dass die kritischen Blutwerte extrem erhöht waren und der Quick-Wert als Maß fĂŒr die FunktionsfĂ€higkeit der Leber völlig aus dem Ruder gelaufen war.
Außerdem fand sie folgende Eintragungen:
Phalloides-Syndrom Schweregrad 4.
MELD-Score 30.
Weiter ging aus den Aufzeichnungen hervor, dass der Chef eine Lebertransplantation fĂŒr dringend erforderlich hielt und Leiden entsprechend informiert hatte.
Den MELD-Score kannte Anna Maria. Ein Wert von 30 bedeutete, dass Meier nur noch eine Chance von rund 40% hatte, die nĂ€chsten drei Monate zu ĂŒberleben.
Was es jedoch mit dem Phalloides-Syndrom auf sich hatte, war ihr fremd. Sicher hatte die Bezeichnung etwas mit dem KnollenblĂ€tterpilz zu tun, denn der hieß wissenschaftlich schließlich Amanita phalloides. Anna Maria ging zum Computer und loggte sich in eine medizinisch orientierte Suchmaschine ein. Schnell hatte sie herausgefunden, dass „Phalloides Syndrom“ eine Bezeichnung fĂŒr die KollenblĂ€tterpilzvergiftung war, und bei einem Schweregerad 4 war die Leber bereits stark zersetzt.
Wenn das von ihr und Harald vermutete Komplott tatsĂ€chlich existierte, hatte es seinen Zweck erreicht, denn Meier war an Frau Schmidt vorbei an die erste Stelle der Dringlichkeitsliste gerĂŒckt - allerdings mit erheblichem Risiko, denn ob der kritische Zustand Meiers so lange stabil gehalten werden konnte, bis Leiden eine geeignete Leber schickte, schien Anna Maria durchaus fraglich.
Deshalb ließ sie die Suchmaschine gleich offen und forschte nach, ob Amanitin als exakt dosierbares PrĂ€parat existierte.
Als sie in die „Schöne Helena“ kam, war Harald schon da, und bereits aus seiner Miene konnte sie entnehmen, dass er etwas Wichtiges herausgefunden hatte.
„Sie kennen sich!“, sagt er anstatt einer BegrĂŒĂŸung.
„Du hast zwar das ‚Also hör zu!‘ vergessen“, antwortete Anna Maria und setzte sich. „Aber ich hör dir trotzdem zu.“
„Sie kennen sich“, wiederholte Harald. „Und zwar vom Lions Club her.“
„Aha! Ist das ein Fußballverein?“
„Nein, nein! Der Lions Club ist eine durchaus ehrenwerte Gesellschaft, mit dem ‚ehrenwert‘ ohne AnfĂŒhrungszeichen. Der Chef meiner Mutter war auch drin, daher kenne ich den Verein. Es ist eine Vereinigung einflussreicher und begĂŒterter Herrschaften die sich WohltĂ€tigkeit auf die Fahnen geschrieben haben und außerdem die Verpflichtung eingegangen sind, sich gegenseitig zu unterstĂŒtzen, falls ein Mitglied in Not gerĂ€t. Aber jetzt zu deinem Chef: Auf seiner Homepage wird sein Engagement fĂŒr edle Zwecke herausgestellt, und da steht eben auch, dass er Mitglied im Lions Club ist! Und Meier ist auch drin.“
„Also doch ein Komplott!“
„Bestimmt! Vielleicht ist auch die falsch verstandene Verpflichtung dabei, einem kranken Clubmitglied zu helfen, aber jedenfalls sieht es so aus, als ob sich der Meier unter Aufsicht deines Chefs selbst vergiftet hĂ€tte.
Doch da war noch was: Dein Chef ist auch förderndes Mitglied der Naturhistorischen Gesellschaft. Sowas macht schließlich ebenfalls Eindruck, man will ja etwas fĂŒr die Umwelt tun! Heute Nachmittag bin ich ...“, fuhr er fort, wurde aber durch ein sĂŒffisantes „So so!“ von Anna Maria unterbrochen.
„Heute Nachmittag bin ich also“, ließ Harald sich nicht beirren, „in die StadtbĂŒcherei gegangen. Bloß so, auf Verdacht, und siehe da...!“ Mit diesen Worten griff er neben sich auf die Sitzbank, holte eine Zeitschrift hervor und warf sie auf den Tisch.
„Neues vom GifthĂ€ubling“ prangte als Schlagzeile auf dem Titelblatt. Unterlegt war die Schrift mit der Fotografie eines Baumstammes, der ĂŒber und ĂŒber mit kleinen braunen PilzhĂŒten bedeckt war. Das Foto hĂ€tte durchaus aus Haralds Pilzfarm stammen könne
„Das ist die Zeitschrift der Naturhistorischen Gesellschaft“, erlĂ€uterte er. „Ich hab mir gedacht, ich schau mal nach, was die so schreiben, und in der StadtbĂŒcherei haben sie natĂŒrlich die Publikationen der NHG. Die Zeitschrift erscheint monatlich, dieses Heft ist vor drei Monaten erschienen, und ich hab es mir ausgeliehen. Als förderndes Mitglied kriegt dein Chef die Hefte selbstverstĂ€ndlich regelmĂ€ĂŸig zugestellt.
Anna Maria nahm das Heft zur Hand und betrachtete das Titelblatt nachdenklich. „Das ist es!“, sagte sie. „Damit wĂ€re geklĂ€rt, wie die beiden auf den GifthĂ€ubling kommen konnten.“
„Allerdings, das scheint mir auch so. Doch nun zu dir. Hast du etwas ĂŒber Amanitin als PrĂ€parat herausgefunden?“
„Teilweise. Amanitin kann tatsĂ€chlich gezielt eingesetzt werden, allerdings nur bei MĂ€usen mit BauchspeicheldrĂŒsenkrebs. Es ist so prĂ€pariert, dass es nur die Krebszellen angreift und sonst nichts. Das ergibt aber bei Meier keinen Sinn.“
Dann berichtete Anna Maria von der dramatischen Entwicklung, was Meiers Gesundheitszustand betraf.
„Also doch GifthĂ€ublinge!“, sagte Harald. „Es ist zum Verzweifeln!“
„Aber woher hat er sie bloß?“
Dann folgte Schweigen, denn keinem der beiden fiel mehr irgendetwas VernĂŒnftiges ein, und auch das in ihren Köpfen herumspukende UnvernĂŒnftige, völlig Abstruse und Abwegige, nahm niemals soweit Form an, dass es als Beitrag zur Lösung des Problems hĂ€tte in Worte gefasst und verstanden werden können.
„Leer!“, sagte Harald schließlich und blickte betrĂŒbt auf sein Weinglas nieder. Mit einem „Nix drin!“ bekrĂ€ftigte er diese profunde Feststellung.
„Leer!“, pflichtete ihm Anna Maria mit Blick auf ihr Glas bei.
„Leer! Nix drin!“, sagte Harald plötzlich mit deutlich erhobener Stimme.
„Ich komm‘ ja schon!“, antwortete die Bedienung.
„Ich glaub‘ ich hab’s!“, rief Harald und lenkte mit dieser Äußerung endgĂŒltig die Aufmerksamkeit des Lokals auf sich.
„Gratuliere!“, ertönte eine Stimme aus der GĂ€steschar.
Verlegen blickte Harald um sich, senkte den leicht erröteten Kopf und wandte sich wieder Anna Maria zu.
„Nix drin! Du, ich glaub‘ ich hab‘s wirklich! Leer! Was ist, wenn Meier leer ist, wenn er gar kein Gift intus hat? Wenn alles bloß geschauspielert ist? Könnte das gehen?“
Anna Maria richtete sich kerzengerade auf.
„Wir haben doch darĂŒber gesprochen“, fuhr Harald fort, „dass es in letzter Zeit in Zusammenhang mit dieser Dringlichkeitsliste zu massiven FĂ€lschungen gekommen ist, und
“
„Und wenn kein Gift da ist,“ unterbrach ihn Anna Maria, „wĂ€re das ganze Problem mit Überwachung und Risiko bei einer echten Vergiftung erledigt. Einen Moment, lass mich mal nachdenken!“
Sie lehnte sich zurĂŒck und runzelte die Stirn.
„Wie könnte das laufen?“, fragte sich sie selbst und antwortete gleich darauf:
„Die Blutwerte mĂŒssten gefĂ€lscht werden. Als Chefarzt kein Problem, das ist durch die bisher bekannten FĂ€lle klar geworden. Dann mĂŒsste Meier sozusagen geschult werden, damit er sich ĂŒber die richtigen Symptome beklagt. Auch nicht kompliziert. Aber Symptome wie erhöhter Blutdruck und erhöhter Puls mĂŒssten wirklich vorhanden sein, schließlich misst und dokumentiert das Personal diese Werte. Doch mit geeigneten Mittelchen lĂ€sst sich das ganz leicht gefahrlos erzeugen. Das gleiche gilt fĂŒr Durchfall. Außerdem braucht Meier ja nur zu behaupten, er hĂ€tte einen solchen. Es ist ja niemand dabei, wenn er auf dem Klo sitzt. Was die Medikation angeht, Aktivkohle schadet nicht, und Silibinin-Infusionen werden bei LeberschĂ€den sowieso verordnet. Und weiter 
 und weiter fĂ€llt mir medizinisch gesehen eigentlich keine Klippe mehr ein, die umschifft werden mĂŒsste.“
„Gehen wir die Sache doch einmal von Anfang an durch“, sagte Harald.
„Warum der Meier so frĂŒh im Lokal war, haben wir bereits geklĂ€rt; er speist also und beginnt zu jammern. Bevor er abtransportiert wird, regt er so nebenher an,die nicht verwendeten Pilze mitzunehmen, sonst hĂ€tten sie ja im Nachhinein untersucht werden können.“
„Das passt! Mein Chef hat sie dann sichergestellt, selbstverstĂ€ndlich nur, um Schlimmeres zu verhĂŒten.“
„Aber eines passt trotzdem nicht. Dein Chef setzt sich mit dem Giftnotruf in Verbindung, da hĂ€tte das Komplott doch leicht auffliegen können. Beispielsweise hĂ€tten die einen Pilzexperten vorbeischicken können, und der hĂ€tte nichts Giftiges gefunden.“
„Ja, das stimmt. Aber die Kontaktaufnahme mit dem Giftnotruf ist, wie du schon gesagt hast, Routine bei Verdacht auf Pilzvergiftung. Der Chef war gewissermaßen verpflichtet, dort anzurufen, und es hĂ€tte schon sehr seltsam gewirkt, hĂ€tte er es nicht getan.“
„Moment mal! Wie war das mit dem Giftnotruf? Was hat deine Kollegin darĂŒber gesagt, als du sie angerufen hast?“
„Dass der Chef in sein BĂŒro gegangen ist 
 natĂŒrlich! Der hat ĂŒberhaupt nicht angerufen!“
„Puh!“, schnaufte Harald, „das wird ja immer raffinierter!“
„Allerdings, aber das Wichtigste fehlt noch. Wenn alles so abgelaufen ist, wie wir vermuten, dann mĂŒsste der Meier mopsfidel in seinem Bett liegen und sich eins Grinsen. Naja, mopsfidel ist vielleicht ĂŒbertrieben, denn eine dicke Leberzirrhose hat er ja immer noch, aber auf alle FĂ€lle kann nicht die Rede sein von Phalloides-Syndrom Stufe vier und einem MELD-Score von 30!“
„Von was?“
„Da erklĂ€re ich dir spĂ€ter, vorerst aber lass mich den Plan beschreiben, der mir gerade eingefallen ist. Wir mĂŒssen uns schließlich ĂŒberlegen, wie wir das alles beweisen wollen, was wir gerade zusammenspekuliert haben.“
„Allerdings! Schieß los!“
„Also erstens könnte ich mir vorstellen, dass ein gewisser Pfleger Harald vom Transplantationsklinikum rechts der Unstrut beim Giftnotruf anruft und darum bittet, mit dem Pilzexperten verbunden zu werden, der am vergangenen Sonntagabend um Auskunft wegen einer StockschwĂ€mmchensuppe gebeten wurde. Es hĂ€tten sich da noch einige Unklarheiten ergeben usw. usw. Zweitens könnte ich mir vorstellen, dass eine gewisse Schwester Annemarie ganz unschuldig zum Patienten Meier geht und ihn herzlich um Entschuldigung dafĂŒr bittet, dass es leider notwendig geworden sei, noch einmal Blut abzunehmen. Und dass besagte Schwester die Blutprobe unter einem Phantasienamen ganz normal ins Labor gibt und dann den Ausdruck mit den Werten an sich nimmt. Morgen Abend treffen wir uns dann wieder hier. Was hĂ€ltst du davon?“
„Genial! Das ist ja sowas von Plan! Aber auf zwei Dinge möchte ich im Vorfeld seiner Verwirklichung keinesfalls verzichten“, meinte Harald und grinste mit einer UnverschĂ€mtheit, die Anna Maria echte Bewunderung abnötigte. „NĂ€mlich auf ein wohlgefĂŒlltes Glas Landwein und auf den sanften Klang deiner Stimme, wenn du mir erklĂ€rst, was es mit diesem Mehl-Score und insbesondere mit diesem Phallussyndrom auf sich hat.“

*


„Ich kann’s kurz machen“, sagte Harald, als sie am folgenden Abend wieder in der „Schönen Helena“ saßen. „Der Giftnotruf weiß von nichts, und der zustĂ€ndige Experte ist eine Expertin, nĂ€mlich die Vorsitzende des örtlichen Vereins fĂŒr Pilzkunde. Die habe ich auch angerufen, und sie weiß auch von nichts.“
„So etwas habe ich erwartet, und ich mach’s auch kurz“, entgegnete Anna Maria und zog ein Blatt Papier aus ihrer Handtasche. Es war mit Buchstabenkombinationen und Zahlen bedeckt, und manche Stellen waren gelb oder rot unterlegt. „Das sind die Blutwerte unseres Herrn Meier. Die farbig unterlegten Stellen weisen auf problematische bis gefĂ€hrliche Werte hin, aber insgesamt gesehen entspricht das Blutbild zwar dem eines schwer Leberkranken, doch ist der Zustand bei weitem nicht so kritisch, dass eine Transplantation unumgĂ€nglich wĂ€re. Damit wĂ€re unser Fall gelöst.“
„Das denke ich auch“, sagte Harald. „Doch was machen wir jetzt? Da sitzen wir stolz auf unseren schönen Untersuchungsergebnissen, aber irgendwie schauen wir doch ziemlich dumm drein. Sollen wir zur Polizei gehen? Doch wenn du mit deinem Blutbild kommst und ich mit meinen gefĂ€hrlichen DoppelgĂ€ngern des StockschwĂ€mmchens, den GifthĂ€ublingen, die allerdings in diesem Fall gar nicht existieren 
 ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass da viel herauskommt.“
„Da hast du wahrscheinlich recht“, stimmte Anna Maria zu. „Ich könnte zur Pflegedienstleitung gehen, aber wenn da so ein kleines Schwesterchen daherkommt und eine KoryphĂ€e von Chefarzt anschwĂ€rzt ... “
Nachdenklich nahm sie einen Schluck Wein, doch plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf.
„Mir ist was eingefallen! Ich gehe morgen zum alten Chef! Der hört mich bestimmt an, und den kann ich auch fragen, was wir machen sollen.“
Zwei Tage spĂ€ter erschien der ehemalige Chefarzt auf Anna Marias Station und sagte ganz unschuldig, er wolle sich nur einmal erkundigen, wie der Betrieb so laufe. Außerdem habe er von einem hochinteressanten Patienten mit Pilzvergiftung gehört, und den wolle er sich unbedingt einmal genauer ansehen.

*

So kam es, dass sich der neue Chefarzt auf unbestimmte Zeit krank meldete und der alte die Leitung kommissarisch ĂŒbernahm, Herrn Meier zur ĂŒberraschenden Besserung seines Zustandes gratuliert wurde und seine sofortige Entlassung erfolgte, Frau Schmidt eine Woche spĂ€ter eine neue Leber bekam und Harald, vorausgesetzt, er brachte sein Essen selbst mit, von Anna Maria fĂŒr das nĂ€chste Wochenende auf ein StockschwĂ€mmchensĂŒppchen eingeladen wurde.





Zwei wesentliche Rezepte aus Anna Marias pilzkundlichem Werdegang

Dieses Risotto bildete den krönenden Abschluss eines zufriedenstellenden Wochenendes:

FĂŒr zwei Personen nehme man (bei einer Person die HĂ€lfte):
300g Totentrompeten und Hexenröhrlinge
200g Risottoreis
2 Schalotten
œ Bund Petersilie
1 Knoblauchzehe
40g Butter
100ml Weißwein
400ml HĂŒhner brĂŒhe
50g Parmesan, frisch gerieben
Olivenöl, Salz, Pfeffer (weiß), Muskat

Zubereitung:
ZunĂ€chst die Pilze putzen (nicht waschen!). Die Totentrompeten im Ganzen lassen, bzw. die grĂ¶ĂŸeren Exemplare ein- bis zweimal der LĂ€nge nach auseinanderreißen. Die Hexenröhrlinge in daumennagelgroße, etwa 5mm dicke Scheibchen schneiden.
Dann eine Schalotte und den Knoblauch schĂ€len, fein hacken und in 1 EL Butter in einem Topf andĂŒnsten und den Reis kurz mitdĂŒnsten. Das Ganze mit Weißwein ablöschen. Wenn die FlĂŒssigkeit fast verkocht ist, nach und nach die HĂŒhnerbrĂŒhe zufĂŒgen, den Reis etwa 10 Minuten schwach kochen lassen und dabei in kurzen AbstĂ€nden umrĂŒhren. Danach den Topf vom Herd nehmen.
WĂ€hrend der Reis vor sich hin köchelt, in den RĂŒhrpausen das Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und zuerst die Hexenröhrlinge zusammen mit der zweiten fein gehackten Schalotte so lange erhitzen, bis das blau angelaufene Pilzfleisch wieder gelb geworden ist. Danach die Totentrompeten dazugeben und die Pilze noch etwa 5 Minuten dĂŒnsten.
Sodann die Pilze unter das Risotto heben und das Gericht noch einmal etwa 5 Minuten schwach kochen lassen. Falls die FlĂŒssigkeit nicht ausreicht, BrĂŒhe oder Wasser zugeben. Abschließend die restliche Butter und den Parmesan darunter rĂŒhren und alles mit Salz, Muskat und Pfeffer wĂŒrzen.


Dieses SĂŒppchen kochte Anna Maria fĂŒr Harald:

FĂŒr zwei Personen nehme man:
250g StockschwĂ€mmchen (nur die HĂŒte verwenden!)
1 Zwiebel
50g gerÀucherten Bauchspeck
2 EL Butter
1 EL Mehl
500ml RinderbrĂŒhe
etwas gehackte Petersilie
Salz, Pfeffer

Zubereitung:
Den klein gewĂŒrfelten Speck mit etwas Butter in einer Pfanne auslassen und mit den gehackten Zwiebeln leicht anrösten. Dann die Pilze dazugeben, 6 bis 8 Minuten mitdĂŒnsten lassen, salzen und pfeffern.
WĂ€hrend die Pilze dĂŒnsten in einem extra Topf Butter zerlassen und mit dem Mehl eine helle Schwitze herstellen. Dann mit der kalten(!) RinderbrĂŒhe aufgießen und alles gut verrĂŒhren. Die Pilze mit dem Speck und den Zwiebeln zugeben und nochmals kurz mitkochen lassen. Nach Bedarf mit Salz und Pfeffer wĂŒrzen, und vor dem Servieren mit der Petersilie bestreuen.

__________________
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jon
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aligaga
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Das ist eine hĂŒbsch ausgedachte, sauber recherchierte Geschichte, die sich gut liest und bei der man bis zum Ende dranbleibt, weil man hofft, dass es noch eine ĂŒberraschende Wendung gibt - schließlich fehlt ja eine Leiche. Ein bisschen zu redundant, vielleicht; ein wenig straffen könnte nicht schaden. Eine richtige "Pointe" hat die Nummer nicht.

Im Hinblick auf unsere inzwischen sehr durchorganisierte Lebensmittelhygiene, verbunden mit strengen staatlichen Kontrollen insbesondere der GaststĂ€tten, ist kaum denkbar, dass man nach der Meldung, ein Gast habe sich in einem Restaurant an einem PilzsĂŒppchen vergiftet, nicht sofort einen ganzen ABC-Zug in Marsch gesetzt und alles in der besagten KĂŒche beschlagnahmt hĂ€tte, was ausgesehen hĂ€tte wie ein Schwammerl.

Jeder, aber wirklich jeder, der in dem Krankenhaus mit dem Fall zu tun hatte (auch und vor allem der an der Einlieferung beteiligte Notarzt!) hĂ€tte Alarm geben mĂŒssen. Es wĂ€re nicht nur die RestaurantkĂŒche auf den Kopf gestellt worden, sondern auch die "StockschwĂ€mmchenzucht" des Zulieferanten mit der Lupe untersucht worden.

TTip, lieber @Morulf: Die Protagonisten weniger Wein schlĂŒrfen lassen und stattdessen von einer (erfolglosen) "Pilzrazzia" berichten.

Heiter immer weiter

aligaga

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