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Leselupe.de > Humor und Satire
Pino Spaghetti (Zweite Fassung)
Eingestellt am 09. 04. 2002 23:11


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Antaris
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Pino Spaghetti

Im Grunde genommen ist Pino Spaghetti ein richtig netter Kerl, ruhig, freundlich und hilfsbereit. Jeder im Haus mag ihn, nicht einmal die Hauswirtin findet etwas auszusetzen an ihm, nur ich mag ihn nicht.

Manchmal komme ich mir deswegen schĂ€big vor wenn er mir gut gelaunt im Hausflur begegnet. NatĂŒrlich heißt er nicht wirklich Pino Spaghetti, aber wenn ich den klanvollen Namen an seiner TĂŒrklingel nenne, wird bestimmt irgendein Idiot herunterrennen und ihm brĂŒhwarm erzĂ€hlen was ich von ihm halte. Ihn einfach so zu nennen ist ebenso unfair wie ihn nicht zu mögen. In den beiden Jahren seit er hier wohnt habe ich nie mitbekommen, dass er Vorlieben fĂŒr die mediterrane KĂŒche hegt. „Mein Großvater ist hierher gekommen und wurde Bauhilfsarbeiter, mein Vater ist hier geboren und Facharbeiter bei Ford. Ich verstehe ungefĂ€hr so viel Italienisch wie mein Großvater Deutsch kann“, erzĂ€hlte er in original kölschem Zungenschlag ein paar Wochen nach seinem Einzug. „Nun hoffe ich dass ich hier wohnen bleibe bis ich mein Studium durch gezogen habe. Nenn mich einfach Pino.“

Nett, nicht wahr? Einen so liebenswĂŒrdigen Kerl wie diesen angehenden Bauingenieur muss einfach jeder mögen. Auch Sabine mag ihn sehr gerne, und genau das ist mein Problem. Sabine zog im vergangenen Herbst in Pinos kleine Zweizimmerwohnung, und mir blieb fast das Herz stehen als ich ihr zum ersten Mal an der HaustĂŒre begegnete. „Das ist Sabine“, sagte Pino, den ich bis dahin neben dieser Klassefrau gar nicht bemerkt hatte.

Dabei war es kein spektakulĂ€r aufgebretzeltes Erscheinungsbild welches mir bei Sabines Anblick die Sprache verschlagen hat. NĂŒchtern betrachtet mag sie vielleicht sogar unscheinbar wirken, aber mir gefielen ihre lebhaften Augen und ihre zierliche, tĂ€nzerinnenschlanke Figur auf Anhieb.

Sie sieht richtig klug aus, dachte ich als ich nachts nicht schlafen konnte, was findet sie ausgerechnet an einem Typen wie Pino, diesem typischen Hochparterremieter? Echte Kerle legen sich Dachgeschossgaleriewohnungen zu, mindestens im vierten Stock ohne Aufzug. Ich versuchte, eine Bilanz aufzustellen. Einen halben Kopf kleiner als ich, schmale SchreibtischtĂ€terschultern, bĂŒroklammersilberne Pilotenbrille, braune Haare, die ein wenig stumpf ungefĂ€hr wie ein Kuhfell schimmerten, addierte ich auf Pino Spaghettis Habenseite. Gut, dachte ich, aber vielleicht fĂ€llt das Aussehen nicht so sehr ins Gewicht. Seit Computer mehr Alltagsprobleme verursachen als SĂ€belzahntiger stehen starke MĂ€nner nicht mehr ganz so hoch im Kurs, behaupten die modernen Frauen, denen ich normalerweise aus dem Weg gehe, weil sie gemeinhin Emanzen genannt werden.

Gar nicht gut, dachte ich dann, also weiter im Text. Fleißig ist der gute Pino, aber bestimmt kein intellektueller Überflieger. Geld hat er auf keinen Fall im Überfluss, er besitzt nicht einmal ein Auto. Nett ist er natĂŒrlich, aber bin ich etwa nicht nett? Was hat er ĂŒberhaupt, was ich nicht habe? Ich drehte mich von einer Seite auf die andere und wieder zurĂŒck. Das Kopfkissen rutschte auf den Teppichboden. Sabine hat er, sonst nichts.

Diese Erkenntnis machte mein Leben auch nicht einfacher. Anfangs hielt ich alles noch fĂŒr eine TĂ€uschung meiner Wahrnehmung. Wenn ich abends an Sabine dachte rechnete ich fest damit, am nĂ€chsten Morgen aufzuwachen, und nichts als irgendeine Frau zu sehen wenn ich ihr begegnete.

Mit schwungvollen Schritten kommt Sabine jeden Werktag mittags die Stufen herunter, stĂ¶ĂŸt die HaustĂŒr auf, und wenn sie dann das Briefkastenfach öffnet, bin ich ĂŒberzeugt, dass niemand sonst auf der Welt einen SchlĂŒssel mit einer annĂ€hernd grazilen Bewegung umdrehen kann.

Leuten wie dem ewig nörgeligen Radke, dessen Beobachtungsgabe sich in der Kontrolle nachlĂ€ssig geputzter Treppenstufen erschöpft, mĂŒssen solche Feinheiten zwischenmenschlicher Anziehungskraft verborgen bleiben. Vielleicht bin ich der einzige im Haus, der Sabine so sieht, ausgenommen Pino.

Möglicherweise gibt es irgend einen verborgenen Zauber an Pino Spaghetti, den niemand außer Sabine finden kann. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los, und ich beschloss, ihm nach und nach die Dinge zurĂŒck zu geben, die ich mir im Laufe der Zeit geliehen hatte.

So sehr ich mich bemĂŒhte, ich konnte keine VerĂ€nderung an Pino Spaghetti entdecken. „Iss ein StĂŒck Kasseler mit. Meine Schwester hat viel zu viel von dem Zeugs vorbei gebracht“, forderte er mich in seiner immer schwerer zu ertragenden Freundlichkeit auf als ich mit dem SchlĂŒsselsatz in der TĂŒr stand. „Und mache dir keine Sorgen wegen dem Akkuschrauber. Nichts hĂ€lt ewig.“

Hunger hatte ich bestimmt nicht. Als ich gehen wollte legte Sabine wie selbstverstĂ€ndlich ihre Arme um Pino, den selben Pino wie immer, und streichelte den Nacken seines zu kurz geratenen Halses. „FĂŒr nĂ€chsten Monat haben wir eine kleine Verlobungsfeier angesetzt“, sagte sie. „Du bist auch eingeladen wenn du magst.“

Ich schĂŒttelte nur meinen Kopf, und ich hĂ€tte schreiend aus dem Haus rennen können, um schnurstracks in die nĂ€chste Buchhandlung zu marschieren und den neuesten Ratgeber zum Thema ‚Frauen verstehen leicht gemacht’ zu erwerben. GenĂŒtzt hĂ€tte es mir nichts, denn das Problem liegt wohl eher bei mir. Ich mag Pino Spaghetti nicht. Ich kann ihn nicht vor Augen sehen, aber ich verspreche, ihm die restlichen Kleinigkeiten wie die KreissĂ€ge, den Bohrhammer und das NivelliergerĂ€t gleich nach seiner Scheidung zurĂŒck zu geben.


__________________
Esel sei der Mensch, störrisch und klug

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