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Leselupe.de > Science Fiction
Pinske und der Doktor
Eingestellt am 09. 10. 2014 00:05


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Rainer Lieser
One-Hit-Wonder-Autor
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Pinske und der Doktor

»Guten Tag, der Herr Doktor. Mein Name ist Ruprecht Pinske. Mein Nachbar, der Erich Dinkenhüstel, schickt mich zu Ihnen. Der hat gemeint, dass Sie mir bestimmt helfen können, denn ihm haben Sie ja auch helfen können«, sagte Pinske als er das Arztzimmer betrat.
»Nehmen Sie doch erst einmal Platz, Herr Pinske und verraten Sie mir dann, wie ich Ihnen genau helfen kann. Ich habe da zwar schon eine leise Ahnung, weil Sie sich bei Ihrer Vorstellung auf Herrn Dinkelhüstel bezogen haben, dennoch möchte ich Sie bitten, Ihr Anliegen ein wenig mehr zu konkretisieren. Eine schöne Baseballkappe haben Sie da übrigens auf dem Kopf, wenn ich das erwähnen darf.«
»Dürfen Sie, Doktorchen. Dürfen Sie. Die habe ich vom Erich Dinkenhüstel geschenkt bekommen«, sagte Pinske, nahm die Baseballkappe ab und legte sie auf den Tisch des Arztes. Anschließend setzte er sich auf den Stuhl, der dem Arzt und dessen Schreibtisch gegenüberstand.
»So, konkretisieren soll ich … Na, davon hat mir der Erich nix gesagt. Aber egal. Also, um dann mal ein wenig mehr zu konkretisieren … Ich will perfekt werden. So richtig superperfekt, müssen der Herr Doktor wissen. Ist das genug konkretisiert? Und Sie sollen mir sagen, wie ich das hinkriege. Nun sind Sie dran, Doktorchen.«
Der Arzt lehnte sich tief in den Sessel zurück und verschwand dabei fast vollständig hinter seinem Computerbildschirm. »Ja, ich hatte mir gleich schon gedacht, dass Sie einer von diesen Patienten sein würden. Wollte das allerdings von Ihnen bestätigt bekommen. Bevor ich Ihnen dabei helfe superperfekt zu werden, müsste ich Ihnen allerdings schon noch ein paar Fragen stellen und von unserem Gespräch auch ein Protokoll anfertigen. Ist das für Sie in Ordnung?«
Pinske nickte. »Wenn es nicht zu lange dauert, soll mir das recht sein. Ich treffe mich nämlich später noch mit dem Günni Bechtelgrund und dem Gerd Wackenbaum-Wang zu einem feuchtfröhlichen Umtrunk. Wenn der Herr Doktor versteht, was ich meine«, merkte Pinske mit einem Augenzwinkern an.
»Also dann, Herr Pinske. Was wären Sie bereit zu tun, um superperfekt zu werden?« fragte der Doktor, richtete sich im Sessel wieder auf und begann zu tippen.
»Wissen Sie, Herr Doktor, ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Allzu viel Zeit will ich da nicht hinein investieren. Ich möchte, dass die ganze Sache schnell geht. Ich will ja noch was von meinem Leben haben. Und großartig anstrengen möchte ich mich auch nicht. Da halte ich es mit meinem Onkel Ömmekes, der immer sagte – schwitzen ist ungesund, mein Junge. Da entzieht man seinem Körper nur unnötig viel Flüssigkeit. Dabei fällt mir ein, Doktorchen, das was ich Ihnen hier vertraulich erzähle, das bleibt doch auch unter uns und wird nicht an die Krankenkasse weitergegeben – oder? Ich meine, es gibt da doch so etwas wie ärztliche Schweigepflicht … Und die ist im Prinzip doch auch gegenüber der Krankenkasse gültig. Richtig?«
»Das stimmt, Herr Pinske. Einigen wir uns am besten darauf: Sobald Sie eine Information eindeutig als vertraulich benennen, gebe ich die nicht an Dritte weiter.«
»Und auch nicht an Vierte oder Fünfte …« ergänzte Pinske breit grinsend und mit erhobenem Zeigefinger.
»Ich sehe wir verstehen uns, Herr Pinske. Doch nun noch mal kurz zurück zu Ihrem Onkel. Ist der nicht letztes Jahr mit gerade erst mal 30 Jahren verstorben?«
»Ja, war echt tragisch. Wir saßen noch zusammen vorm Fernseher und haben Dosenbier getrunken. In der 53. Minute des Spiels ist er dann einfach vom Sofa gerutscht. Hat nicht mal mehr das Endergebnis mitgekriegt, der arme Kerl. Schlaganfall meinte der Sani später – und wollte mir noch ein schlechtes Gewissen einreden, weil ich erst nach dem Abpfiff des Spiels bei ihm angerufen hatte. Aber wer hat denn schon mit so was rechnen können. Der Ömmekes war schließlich nie krank gewesen. Nachdenklich gemacht hat mich das allerdings schon. Darum will ich jetzt auch möglichst schnell superperfekt werden. Man weiß ja nie, wann es vorbei ist.«
»Da sagen Sie etwas Wahres, Herr Pinske«, pflichtete der Arzt seinem Patienten bei. »Eines dazu aber noch: Ist es nicht so gewesen, dass der Mediziner, welcher die Obduktion durchführte, sehr überrascht darüber war, wie Ihr Onkel mit einer derart schlechten körperlichen Verfassung überhaupt so alt hatte werden können?«
»Ja, das hat der Obdukt … der Obdz … der Doc gesagt. Und dass der Ömmekes sich besser mal von einem Arzt hätte vorher untersuchen lassen sollen, hat er auch gemeint. Was ich Ihnen dazu jetzt aber noch erzählen möchte, wenn wir schon über solche Sachen reden, ist vertraulich, Doktorchen. Richtig vertraulich sogar. Der Onkel hat zu Ärzten nämlich immer eine ganz klare Meinung gehabt: die taugen eh nix, hat er immer gesagt. Und irgendwie hat er damit ja auch recht gehabt, denn als er tot war, hat ihm keiner der Ärzte mehr helfen können. Andererseits war der Ömmekes halt auch immer schon ein echt fauler Hund gewesen und gesunde Ernährung war wirklich nicht sein Ding. Er knabberte lieber an einer zerdrückten Kippe aus dem Aschenbecher, als an einem Salatblatt, wenn Sie wissen, was ich damit meine. Genetisch bedingt sei das bei ihm hat der Ömmekes dann immer gesagt, wenn ihn einer gefragt hat. Ich würde da schon auch noch hinkommen hat er mir profe ... prop ... vorausgesagt. Schließlich sei ich ja aus dem gleichen Genpool wie er.«
»Und – versuchen Sie inzwischen ebenfalls Ihren täglichen Vitaminbedarf mit dem Inhalt aus einem Aschenbecher zu decken?«
Pinske dachte einige Sekunden nach. Seine Augen wanderten weg vom Gesicht des Arztes. Erstmals fiel ihm das Plakat zu dem alten Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ auf, das über dem Schrank hinter dem Sessel des Arztes hing. Irgendwie passte das nicht so recht in das ansonsten so modern ausgestattete Arztzimmer, kam es Pinske in den Sinn. Dann war er wieder ganz bei der Sache und wusste, was zu sagen war. »Nein, ich ziehe eine gute Currywurst mit ordentlich viel Ketchup drauf und einer extragroßen Portion Pommes einer zerdrückten Kippe allemal vor. Mindestens einmal in der Woche esse ich eine Pizza, wegen dem Gemüse das da meist drauf ist. Es heißt ja der Genuss von Gemüse fördere die Gesundheit.«
Nach dieser Antwort flogen die Finger des Doktors nur so über die Tastatur. Sein Blick war wie auf den Bildschirm gebannt. Pinske reckte den Kopf etwas zur Seite, in der Hoffnung einen Blick auf das Geschriebene werfen zu können. Aber sein Blickwinkel war schlicht zu ungünstig. Pinske überlegte, ob er das mit der Currywurst besser nicht gesagt hätte – oder es nun, im Nachhinein, von dem Doktor, wie eine vertrauliche Information behandeln lassen sollte. Dann schob er seinen Oberkörper weit nach vorne, um vielleicht doch noch etwas von dem lesen zu können, was der Arzt da im geheimen aufschrieb. Als der Doktor Pinskes Bemühungen bemerkte lächelte er kurz mit blitzenden Zähnen und hörte sofort auf zu tippen.
»Gut! Dann bauen wir doch mal auf dem Stichwort Gesundheit auf, Herr Pinske. Wenn ich Sie mir so ansehe, halte ich es für durchaus möglich, dass der regelmäßige Besuch eines Fitnessstudios, und die weitreichende Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, sich durchaus positiv auf Ihr körperliches Wohlbefinden auswirken könnte. Wären Sie zu diesen Veränderungen bereit?«
»Niemals!«, antworte Pinske ohne Umschweife und vergaß im gleichen Moment die Überlegungen zu seiner Aussage über die Currywurst.
»Verstehe. Legen wir das Thema Gesundheit also beiseite. Haben Sie vielleicht schon einmal daran gedacht, sich weiterzubilden? Das Internet bietet dazu eine Fülle komfortabler und erfolgsversprechender Möglichkeiten, wie Ihnen sicherlich bekannt ist, Herr Pinske. Damit könnten Sie der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen.«
»Ich habe ein Telefon, fünf Fernseher, drei Kühlschränke und drei Mikrowellenherde in einer 30-Quadratmeter-Wohnung. Für das Internet und die Gesellschaft ist bei mir also kein Platz mehr.«
»Aha …« Der Arzt begann wieder zu schreiben. Er war inzwischen sicher, dass dieser Patient alle vorgegebenen Kriterien erfüllte.
»Damit wir uns recht verstehen, Doktorchen. Meine Anmerkungen zum Internet und zur Gesellschaft waren selbstverständlich vertraulich. Streng vertraulich!«
Der Arzt hörte auf zu schreiben. »Dann lösche ich den letzten Eintrag natürlich sofort.«
»Ich habe Ihnen doch von meinem Termin mit dem Günni Bechtelgrund und dem Gerd Wackenbaum-Wang erzählt. Die warten bestimmt schon auf mich. Das kostet mich sicher eine extra Runde. Ich will jetzt mal von Ihnen etwas konkretisiertes erfahren …«
»Geduld, mein lieber Herr Pinske. Haben Sie nur noch etwas Geduld. Bitte. Dann werde ich Ihnen gegenüber sogar ganz konkret werden. Glauben Sie mir. Doch zuvor wäre es für mich wirklich außerordentlich hilfreich, wenn wir noch einmal zum Anfang unseres Gesprächs zurückkommen könnten. Sie erinnern sich vielleicht noch daran, dass ich Sie darum bat, Ihre Vorstellungen ein wenig zu konkretisieren. Sie sprachen davon, sich als Ziel Superperfektion gesetzt zu haben. Könnten Sie diese Antwort möglicherweise noch ein bisschen ausführlicher gestalten – oder vielleicht durch den Verweis auf eine bestimmte Person spezifizieren? Eine Person, welche den von Ihnen angestrebten Grad an Superperfektion bereits erlangt hat.«
»Also, Herr Doktor, ich muss schon sagen, dass ich mir die Sache hier ganz anders vorgestellt habe. Dem Erich Dinkenhüstel werde ich was erzählen! Erst soll ich konkretisieren und nun auch noch spezifizieren. Von Ihnen aber kommt nix. Rein gar nix. Die gesamte Arbeit mache ich. Das ist doch echt Mist. Ich kann mein Krankenkassenkärtchen gerne auch einer anderen Sprechstundenhilfe in die Hand drücken, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Pinske griff wütend nach seiner Baseballkappe, erhob sich demonstrativ und machte eindeutige Anstalten den Raum zu verlassen.
Der Doktor erhob sich ebenfalls. »Ich bitte Sie, mein lieber Herr Pinske, nun fassen Sie sich doch wieder. Ich kann mir ja durchaus vorstellen wie aufreibend und irritierend meine Fragen auf Sie wirken müssen. Aber wenn ich Ihnen wirklich helfen soll, sind die leider unvermeidbar. Wir sind ganz bestimmt gleich fertig. Bitte setzen Sie sich noch einmal.«
Pinske legte die Baseballkappe auf den Tisch. Danach nahm er wieder auf dem Stuhl platz. Auch der Arzt setzte sich. Pinske fuhr mit dem Handrücken unter seiner Nase entlang. »Schön, dann spezifiziere ich jetzt. Ich will so aussehen wie dieser Brad Pitt als der 30 war. Ich will eine Frau die so aussieht wie diese Catherine Dene … Denefe … Dene … ach, sie wissen schon. Wie diese Französin eben, als die Mitte 20 war. Drei Nobelpreise will ich auch haben. Einen für Literatur und einen für Physik und für Medizin. Ach ne, besser vier Nobelpreise. Den für Chemie hätte ich auch noch gern. Dann möchte ich ein Haus, das so aussieht wie dieser Burj Kha … Khaff … Kha … Na wie dieser Turm in Dubai eben. Aber das Haus soll natürlich hier gebaut werden. Ich möchte nämlich nicht in eine andere Stadt umziehen. Schließlich wohnen alle meine Kumpel hier. Der Günni Bechtelgrund und der Gerd Wackenbaum-Wang eben. Wo wir schon von hier reden … Ich will Bürgermeister werden. Auf Lebenszeit. Und einen Fuhrpark mit den größten und teuersten Autos, die man nur kriegen kann, will ich auch haben. Die Sonne soll zukünftig nicht mehr Sonne, sondern Ruprecht Pinske heißen. Und ich will unbedingt ein Original Autogramm von DJ Äppelwoi, sonst können Sie alles andere gleich wieder vergessen. Ohne das Autogramm läuft bei mir nix!«
»War das alles, Herr Pinske?«
»Ja, das war alles, Doktorchen.« Pinske hatte aufmerksam beobachtet, wie fleißig der Arzt in den letzten Minuten alles mitgeschrieben hatte. Um dem Doktor für die nervigen Fragen einen kleinen Denkzettel zu verpassen, fügte Pinske nach einer kurzen Pause hinzu, »Selbstverständlich war das alles aber strengstens vertraulich. Also löschen Sie bitte die letzten Aufzeichnungen. Sofort!«
»Ich bedauere, Herr Pinske. Das werde ich nicht tun. Und glauben Sie mir, es ist in Ihrem eigenen Interesse, dass ich das nicht tue.« Mit diesen Worten drückte der Arzt den Absendeknopf auf der Tastatur vor sich. Danach zog er einen Revolver aus der Schublade seines Schreibtischs und schoß auf Pinske. Das Betäubungsmittel setzte Pinske augenblicklich außer Gefecht. Das Letzte was er sah war das Plakat zu „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

Der Arzt wuchtete den Körper von Pinske auf die Schultern und öffnete danach die geheime Tür in das unterirdische Labor. Dort entfernte der Doktor das Gehirn von Pinske aus dessen Schädel. Anschließend bettete er es in einen mit Elektronik vollgestopften Kasten von der Größe eines Mikrowellenherdes. Auf einem kleinen Bildschirm an dem Kasten wurde angezeigt, dass die Übertragung der aktuellen Aufzeichnungen abgeschlossen war. Durch diese Daten verfügte das Gerät nun über alle relevanten Informationen zu Pinskes Vorstellungen über die angestrebte Superperfektion.
Der Arzt trug den Kasten in einen zweiten Kellerraum, in dem sich Hunderte weitere Kästen dieser Art befanden. Die Kästen waren an Bildschirme angeschlossen. Der mit dem Gehirn von Pinske erhielt ebenfalls einen eigenen Monitor. Der Doktor wartete einen Moment, bis auch auf diesem ein Bild erschien.
Darauf war zu sehen wie der junge Brad Pitt die ebenfalls junge Catherine Deneuve gerade über die Schwelle eines Gebäudes trug, welches dem Burj Khalifa wie ein Ei dem anderem glich. Unmittelbar hinter Brad Pitt stand lächelnd DJ Äppelwoi und hielt zwei Autogrammkarten hoch. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit durchflutete die Brust des Doktors. Wieder einmal hatte er einen Patienten glücklich gemacht. Momente wie der gerade eben waren der Grund dafür, weshalb er seinen Job so sehr liebte.
Dann verließ der Arzt den zweiten Kellerraum und löste die verbliebenen Reste von Pinske in konzentrierter Salzsäure auf. Als er damit fertig war, sprang der Doktor mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen unter die Dusche. Den Rest des Tages würde er sich um die weniger anspruchsvollen Patienten kümmern.
Am Abend schließlich, so nahm der Doktor sich vor, wollte er bei Herrn Dinkenhüstel anrufen und sich für dessen Vermittlungsdienst bedanken. Herr Dinkenhüstel war einer seiner zuverlässigsten Lieferanten. Solche Menschen musste man pfleglich behandeln. Er würde ihm einen Extrabonus überweisen.
Freudestrahlend öffnete der Arzt die Geheimtür zu seinem Arbeitszimmer. Er ging zu der Baseballkappe, nahm sie in die Hand und betrachtete sie ehrfurchtsvoll. Diesem technologischen Wunderwerk hatte er einen großen Teil seines beruflichen Erfolges zu verdanken. Der Doktor trug die Baseballkappe zu dem Schrank über dem das gerahmte Originalplakat des Films „Das Cabinet des Dr. Caligari“ hing. In dem Schrank befand sich das Gerät mit dem der Speicher der Kappe gelöscht werden konnte. In einigen Stunden würde die Baseballkappe neu zum Einsatz kommen können. Der Arzt würde sie einem seiner Lieferanten überreichen. Sobald dieser einen potenziellen neuen Patienten für den Doktor ausgespäht hatte, würde jener Lieferant die Baseballkappe an den potenziellen neuen Patienten in einem passenden Augenblick weiter geben. Von da an würden alle Gehirnstromdaten und Informationen zur spezifischen Beschaffenheit des Gehirns an die Computer des Arztes gesendet und ausgewertet werden. Hatte der Doktor sich nach ausgiebiger Analyse letztlich für einen Patienten entschieden, informierte er die zuständige Regierungsbehörde und Krankenkasse über sein geplantes weiteres Vorgehen, damit diese sich um all die rechtlichen und organisatorischen Details kümmern konnten, die außerhalb des Einflussbereichs des Arztes lagen. Nachdem der Plan genehmigt war, begann er im Labor mit der Konstruktion eines neuen Kastens. Für jedes entlarvte und aus der Gesellschaft entfernte unliebsame Subjekt erhielt der Arzt eine hohe Geldsumme im Gegenzug. Natürlich nur inoffiziell. Denn trotz der Fortschrittlichkeit des Gesellschaftssystems war es immer noch schwierig, bei Bedarf nicht konforme Mitglieder daraus zu entfernen. Für solche Zwecke griff man auf die Dienste des Doktors zurück.
Nachdem er die Baseballkappe in dem Schrank abgelegt und den Schrank wieder verschlossen hatte, begab sich der Doktor an seinen Schreibtisch. So richtig glücklich war er mit der Baseballkappe ja nicht. Hätte Pinske die Kappe während des finalen Gesprächs auf dem Kopf gehabt, wäre dem Arzt das Tippen erspart geblieben – und er hätte sich mehr auf das Gespräch konzentrieren können. Dann wäre Pinske nicht kurz vor dem Ende aufgestanden und hätte beinahe noch das Arztzimmer verlassen. Solche Unachtsamkeiten passierten dem Doktor leider immer wieder. Das minderte seine Erfolgsquote. Eine Kappe trug man eben nicht fortwährend einfach so am Körper, wusste er. Mit einer Uhr oder einer Brille wäre das schon etwas anderes. Leider befanden sich entsprechende Geräte aber noch in einem zu frühen Entwicklungsstadium, als das der Arzt sie schon heute für seine Zwecke hätte nutzen können. Noch …

Derweil freute sich Pinskes Gehirn darüber, wie gut der Plan aufgegangen war. Es war fast schon zu leicht gewesen, den Arzt zu täuschen. Aber natürlich gab es für das Gehirn nicht den geringsten Zweifel daran, dass in diesem Fall kein Mitleid angebracht war. Darum konzentrierte es sich jetzt voll und ganz auf die nächsten Schritte. Brad Pitt (Pinske), Catherine Deneuve und DJ Äppelwoi, genauer gesagt deren virtuelle Abbilder, mussten sich im Burj Khalifa ein Konferenzzimmer einrichten. Mit dem Wissen, welches sich Brad (Pinske) zur Erlangung der Nobelpreise in Physik, Chemie und Medizin angeeignet hatte, stellte er vom Konferenzzimmer aus eine Verbindung zu den anderen Gehirnen im Kellerraum her. Über diese Verbindung versuchten nun er (Brad/Pinske), Catherine und der DJ, die Gehirne davon zu überzeugen sich zu einem geistigen Kollektiv zusammen zuschließen. Der Nobelpreis für Literatur war von Pinske übrigens nur als Ablenkungsmanöver aufgeführt worden, damit bei dem Doktor nicht der Verdacht aufkam, Pinske würde womöglich etwas im Schilde führen. Brad versuchte mit seinem Charme vorrangig die weiblichen Gehirne zu überzeugen, Catherine versuchte das gleiche vorrangig bei den männlichen – und die Gehirne, die sich auf keinen von beiden einließen, die übernahm DJ Äppelwoi. Nach wenigen Tagen stand das Kollektiv.
Außerhalb der Arztpraxis waren inzwischen alle Daten und Informationen ausgelöscht worden, die auf die Existenz von Ruprecht Pinske hinwiesen. Das Team mit dem Pinske den Plan zur Aufdeckung der unlauteren Machenschaften des Arztes und dessen Hintermänner entwickelt hatte, war dadurch schachmatt gesetzt worden, denn wie sollte es nach einer Person fahnden lassen, die es nachweislich gar nicht gab. Aus Angst davor, dass man sie entlarven und ebenfalls verschwinden lassen könnte, nahmen die einzelnen Mitglieder neue Identitäten an und flüchteten in ferne Länder. So war es natürlich nicht weiter verwunderlich, das Brad niemanden mehr aus dem Team erreichen konnte, als es ihm endlich gelang einen verschlüsselten Kanal zum Internet einzurichten. Ihm wurde klar, er und sein Team hatten den Gegner unterschätzt – der war mächtiger gewesen, als sie sich das vorgestellt hatten. Beim Abendessen mit Catherine und dem DJ sprach Brad davon, den Kampf aufgeben zu wollen.
»Warum rufen wir nicht einfach über das Internet um Hilfe? Jetzt wo es darauf Zugriff gibt«, fragte der DJ.
»Denk doch nur einmal an die vielen armen verwirrten jungen Menschen, die Dich täglich um Hilfe bitten, weil sie sich wünschen in einer Deiner Shows aufzutreten, um dadurch reich und berühmt zu werden. Wie vielen von denen hilfst Du?« gab Catherine zurück.
»Äh …« dem DJ fehlten die Worte.
»Siehst Du. Ich bin mir absolut sicher – niemand würde sich für unser Schicksal interessieren. Wir sind doch nur ein paar arme körperlose Gehirne in einem unbedeutenden kleinen Land. Und wenn der Arzt und seine Gefolgschaft von unserem Versuch Wind bekommen würden – was zweifelsohne sehr schnell der Fall wäre –, dann wäre für uns ohnehin alles gleich vorbei.«
»Wir könnten mit der echten Catherine, dem echten DJ und dem echten Brad Kontakt aufnehmen«, warf Brad ein.
»Sinnlos«, antwortete Catherine. »Auch dann säßen der Arzt und seine Hintermänner wieder am längeren Hebel und könnten uns buchstäblich einfach den Strom abschalten. Nein, ich sehe nur noch eine einzige Möglichkeit …« Sie machte eine Pause. »Hast Du schon einmal eine richtig gruselige Bühnenshow entworfen?«, fragte Catherine den DJ.

Zwei Tage später betrat der Doktor mit einem neuen Kasten in den Armen den Kellerraum. Erst viel es ihm nicht auf, dann aber eben doch: Von allen Bildschirmen starrte ihn das Gesicht von Conrad Veidt in seiner Rolle als Cesare aus dem Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ an. Vor Schreck ließ der Arzt den Kasten zu Boden fallen, wo er in viele Einzelteile zerbrach.
»Sieh mich gut an, Doktor«, sprach Conrad Veidt. »Und überlege sehr genau, wer von uns beiden der wahrhaft Kranke ist: Du, der Du die Gehirne der Menschen von ihren Leibern trennst – oder ich, weil ich Dir etwas anderes zeige, als Du es an diesem Ort gewohnt bist?«
Der Arzt wurde leichenblass. »Ich verstehe nicht … Was meinen Sie damit? Was verlangen Sie von mir?«
»Du hast mein Gleichnis gehört und ich weiß wohl, dass Du es auch verstanden hast. Nicht die Menschen, die nur ihr eigenes Leben leben wollen und niemandem außer womöglich sich selbst schaden zufügen sind die Fehlgeleiteten, sondern diejenigen, denen der Sinn danach steht über andere zu richten und Urteile auszusprechen; Menschen also wie Du. Und da fragst Du noch, was ich von Dir verlange?« Die Augen von Conrad Veidt leuchteten magisch und kamen immer näher an die Bildschirme heran. Zuletzt wurde jeder einzelne Monitor beinahe vollständig von einem Augenpaar ausgefüllt. Alle starrten auf den Doktor. Die jetzt erklingende Stimme klang so eindringlich und unnachgiebig, dass es dem Arzt durch Mark und Bein ging. »Anstand, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung verlange ich – sofern Du überhaupt noch weißt, was diese Worte bedeuten. Sind das für Dich aber nur noch hohle Phrasen, dann ist Dein Herz nicht weniger verdorrt, als es Dein Hirn schon längst ist.« Nach dem letzten Wort verschwanden die Augen und alle Bildschirme wurden schwarz. Daraufhin herrschte in dem Kellerraum nahezu vollständige Dunkelheit. Allein das schwache Licht einiger weniger Kontrolllampen durchbrach punktuell die Schwärze. Auf dem am weitesten hinten stehenden Monitor erschien das Gesicht einer älteren Dame, die äußerst wütend aussah. Der Arzt erkannte die Frau. Es war die erste Patientin, deren Gehirn er in diesem Raum eingelagert hatte. Gleich darauf erschien das Gesicht eines jungen Mannes auf dem Bildschirm rechts neben der Frau. Auch er sah sehr zornig aus. Auf einem anderen Monitor tauchte das Antlitz eines jungen Mädchen auf. Alle waren sie Patienten des Doktors gewesen. Die Gesichter erschienen der Reihenfolge nach, in der die Gehirne hier drin abgestellt worden waren. Bald waren sämtlich Bildschirme ausgefüllt. Die Patienten fingen zu sprechen an. »Verbrecher!«, riefen sie. Immer und immer wieder.
Der Arzt begann, am ganzen Körper zu zittern. Sein Kopf senkte sich zu Boden. Dort sah er wie Stücke der Gehirnmasse von Herrn Hilbert Meyer-Hülse von seinen Schuhen glitten. Körper hatte er schon viele zerstört, doch zum ersten Mal hatte er das Gefühl, einen Menschen wirklich getötet zu haben. Gerade eben. Zum ersten Mal war er der Ansicht ein Mörder zu sein. Schnell richtete er die Augen wieder nach oben und blickte erneut in die Gesichter seiner ehemaligen Patienten. Patienten? Nein. Opfer war das passendere Wort. Er sah in die wütenden Gesichter seiner Opfer. Und er verstand, weshalb sie wütend waren. Verabscheuenswürdige Dinge hatte er getan. »Verbrecher!«, hörte er die Stimmen weiter rufen. Immer lauter. Seine Ohren schmerzten. Er versuchte, etwas zu sagen. Wollte die Stimmen zur Ruhe bringen. Doch er brachte kein Wort heraus. Er versuchte, zu denken. Doch er konnte an nichts anderes denken, als an dieses eine Wort. »Verbrecher!«
Plötzlich schwiegen die Stimmen. Alle Monitore verdunkelten sich. Diesmal gingen selbst die letzten Lichter aus. Es war stockfinster um den Arzt. Sein Herz raste. »Ja, ich bin ein Verbrecher«, sagte er laut und deutlich und stieß danach einen fürchterlichen Schrei des Entsetzens aus. Anschließend rannte er weg. Stolperte. Fiel zu Boden. Stieß gegen ein Hindernis. Lief weiter. Die Treppe hoch. Durch die Geheimtür in das Arztzimmer. Vorbei an der Sprechstundenhilfe und den Menschen, die im Wartezimmer saßen. Stürmte aus der Praxis. Rannte die Straße entlang. Voll unbändiger Angst habe er immer wieder zurückgeblickt erzählten die Menschen, die ihm begegneten. So als ob eine blutdürstige Bestie ihn verfolgte. Kaum wieder zu erkennen sei er gewesen. Die Haare schlohweiß. Das Gesicht um Jahrzehnte gealtert.
Nachdem er aus der Stadt verschwunden war, wurde der Arzt nie wieder gesehen.

In der Praxis fand die Polizei detaillierte Informationen über die Hintermänner und Förderer des Doktors. Die Regierungsbehörde, die die Taten des Arztes unterstützt hatte, wurde wenige Tage später geschlossen – und einige der führenden Vertreter der größten Krankenkassen des Landes mussten ihren Rücktritt erklären.
Das Kollektiv der Gehirne erhielt vom Staat eine angemessene Entschädigungssumme, die aber letztlich natürlich nicht viel mehr als nur eine symbolische Geste war. Manche Geschehnisse ließen eine Wiedergutmachung einfach nicht mehr zu.
Mit dem Geld wurden mehrere moderne Trucks technisch so umgerüstet, dass sie von dem Kollektiv für Reisen genutzt werden konnten. Brad (Pinske) entwickelte zusammen mit der Catherine und DJ Äppelwoi eine bunte Bühnenshow in deren Mittelpunkt die Gedankenwelten der Gehirne stand. Visuell griffen die Drei dabei auf einige der Effekte aus der Inszenierung für den Doktor zurück, inhaltlich jedoch ging es diesmal um etwas vollständig anderes. Statt Wut und Enttäuschung sollten diesmal Spaß und Lebensfreude vermittelt werden. Die Bühnenshow ging auf Welttournee und wurde ein voller Erfolg.

Version vom 09. 10. 2014 00:05

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jon
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Coole Story, das ist – aus meiner Sicht zumindest – mal wieder eine originelle Sache. Der Spannungsbogen stimmt, die Rede ist glaubhaft, kein Infodumping – so soll es sein.

Nur die Zeichensetzung hinkt massiv, vor allem am Anfang. Zum Beispiel muss

quote:
»Dürfen Sie, Doktorchen. Dürfen Sie. Die habe ich vom Erich Dinkenhüstel geschenkt bekommen.« Sagte Pinske, nahm die Baseballkappe ab …
so
quote:
»Dürfen Sie, Doktorchen. Dürfen Sie. Die habe ich vom Erich Dinkenhüstel geschenkt bekommen«, sagte Pinske, nahm die Baseballkappe ab
aussehen. Hier und da sind dafĂĽr Kommas zu viel. Und wenn du einmal beim Durchgehen bist: Bei
quote:
Der virtuelle DJ Äppelwoi entwickelte zusammen mit der virtuellen Catherine Deneuve, um – und mit den Gehirnen eine bunte Bühnenshow, die Spaß und Lebensfreude in die Welt transportierte.
stimmt was nicht …
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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