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Leselupe.de > Humor und Satire
Pisa-Salat
Eingestellt am 03. 12. 2003 22:46


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Tapir
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Sie glauben nicht, da├č es einen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Pisa-Studie und dem Salatb├╝ffet in unserer Firma gibt? Es gibt einen: Pisa ist n├Ąmlich ├╝berall, selbst in unserer Kantine. Eines der Hauptergebnisse der Studie war doch, da├č die Kreativit├Ąt in unserem Schulsystem zu wenig gef├Ârdert wird. Was das Schulsystem anbetrifft, kann ich das nicht beurteilen - dazu bin ich schon viel zu lange von der Schule weg. Aber da├č auch in Unternehmen kreativen Entwicklungen ein Riegel vorgeschoben wird, davon konnte ich mich letzte Woche selbst ├╝berzeugen.
Vor einem Jahr wurde in unserer Kantine das Salatb├╝ffet eingef├╝hrt. Die kleine Salatsch├╝ssel - als Beilage - kostete eine Mark, der gro├če Salatteller drei Mark f├╝nfzig. Diese Preise waren immer gleich, unabh├Ąngig davon, wieviel man sich auf den Teller h├Ąufte. Und genau da war der Startpunkt f├╝r eine kreative Leistung, die sp├Ąter eine ungeahnte Dynamik entwickeln sollte.
Der Grosse Salatteller ist n├Ąmlich an sich ein flacher Glasteller - keineswegs eine Sch├╝ssel mit hohen R├Ąndern, wie man sie manchmal auf B├╝ffets von Autobahnrastst├Ątten sieht. Auf so einem flachen Teller eine gro├če Menge Salat unterzubringen, ist gar nicht so einfach. Zuerst machten viele Kollegen hier noch typische Anf├Ąngerfehler. Legten beispielsweise gro├če Eisbergsalatbl├Ątter auf einen bereits geh├Ąuften Salatteller mit dem Effekt, da├č die Salatbl├Ątter entweder herunterzurutschen drohten, oder aber zumindest auf diese Salatbl├Ątter nichts mehr hinaufzulegen war, weil die in ihrer schr├Ąg angestellten Position f├╝r weitere Salate die Funktion einer Rutschbahn bekamen. Das gleiche gilt f├╝r Chicoree, den gibt es aber selten.
In den ersten Wochen war bereits eine gewisse Lernkurve erkennbar. Da├č man - um m├Âglichst viel auf den Teller zu bekommen - mit Salaten von geringem spezifischem Gewicht anf├Ąngt, um dann in einer zweiten Schicht spezifisch schwerere Salate wie Kartoffelsalat nimmt, um die erste Schicht zu verdichten und so eine stabilere Grundlage f├╝r eine dritte Schicht zu schaffen, geh├Ârte bald zu den Grundlagenkenntnissen jedes Salatessers. Auch da├č Oliven nicht erst zum Schluss, wie man aus dekorativen Erw├Ągungen heraus vielleicht annehmen k├Ânnte, sondern ganz zu Beginn auf den Teller geh├Âren - sie werden dann vom Nudelsalat auf dem Teller gehalten und k├Ânnen nicht herunterkullern - machte bald niemand mehr falsch.
Den wahren Salatk├╝nstlern war auch bald die segensreiche Wirkung der verschiedenen Salatso├čen nicht mehr fremd, die je nach Aufbaustatus unterschiedlich gut geeignet sind, eine tragende, weil zusammenpappende Wirkung zu erzielen. So wie schlie├člich der moderne Hochhausbau auch nicht mehr ohne die Skelettbauweise auskommt, eignen sich zeltf├Ârmig angeordnete Pepperonischoten zur vertikalen Stabilisierung des Salatgeb├Ąudes. Die horizontale Stabilisierung l├Ą├čt sich in kritischen Bereichen mit einer - allerdings aufpreispflichtigen - Bulette erreichen. Turmhohe, pyramidenf├Ârmige Bauwerke bildeten sich heraus, an den Seiten mit Krautsalat verputzt.
Nach einem dreiviertel Jahr war die empirische Phase vorbei. Die gewonnenen Erkenntnisse mu├čten in ein theoretisches Modell transformiert werden. Nach Feierabend entstanden auf den Hochleistungsrechnern des Entwicklungszentrums erste Simulationsmodelle nach der Finite Element-Methode. Schon bald war es m├Âglich, das Verhalten von Gem├╝semais unter Druckbelastung zu simulieren, ebenso die Flie├čeigenschaften und Viskosit├Ąten von Joghurtso├če gegen├╝ber Essig-├ľl und den Taumelfaktor von geviertelten Tomaten. Rechenmodelle wurden getauscht, optimiert und wieder verworfen.
Erkenntisse der Chaos-Forschung flossen ein, da sich das Salatangebot t├Ąglich ├Ąnderte und so nie von standardisierten Bedingungen ausgegangen werden konnte. Mit besonders ausgekl├╝gelten Systemen gelang es schlie├člich, bis zu 2 Kilo Salat auf einem Teller unterzubringen und diese auch ohne Besch├Ądigung zum Kassenbereich zu transportieren.
Bis letzte Woche.
Denn Freitag letzter Woche gab es einen Aushang in der Kantine, auf dem zu lesen stand, da├č der Salat in Zukunft nach Gewicht bezahlt werden soll. Dazu seien an den Kassen eigens Waagen angebracht worden. Das Entsetzen in der Kantine war physisch sp├╝rbar. Bezahlen nach Gewicht - wo ist da der Reiz? Wertlos auf einmal alle Programme, die auf CD-ROM gebrannt, hin- und hergetauscht wurden. Unbelohnt pl├Âtzlich das unerm├╝dliche T├╝fteln, eingeschr├Ąnkt durch ein starres, b├╝rokratisches Regelwerk, das jeglichen Freiraum f├╝r kreative Leistungen im Keim erstickt.
Ich bef├╝rchte ernsthaft, da├č wir auch in dieser Disziplin international den Anschlu├č verlieren.

┬ę by Stefan Schrahe, Juli 2002

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Edgar G├╝ttge
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Tapir,

pr├Ązise beobachtet, konsequent durchdacht, n├╝chtern formuliert, eine am├╝sante Alltagssatire.
Eines ist mir allerdings - auch schon bei Aldi S├╝d - aufgefallen. Kurz vor Schluss verliert der Text ein wenig seine Dynamik. Hier an der Stelle mit dem Aushang. Es w├Ąre vielleicht eine ├ťberlegung wert, den letzten Absatz etwas umzustrukturieren. Ungef├Ąhr so: erst ein Hinweis, dass wir in dieser Disziplin international endlich mal absolute Spitze sind - dann vielleicht jemand, der problem- und risikolos einen Salat in der Form des Turms von Pisa jongliert - und im letzten Satz die Pointe: 12,50 ÔéČ. Haben Sie denn den Aushang nicht gesehen? Ab heute wird nach Gewicht bezahlt. Ausformulieren kannst du das sicherlich viel besser als ich.
Insgesamt hat es mir sehr gut gefallen.

Gru├č
Edgar

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Tapir
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Hallo Edgar,
vielen Dank erstmal f├╝r Deinen Kommentar. Es freut mich, da├č Dir meine Texte gefallen.
Ich habe "Aldi-S├╝d" und "Pisa-Salat" schon sehr oft - unter anderem bei Poetry-Slams - vorgelesen und jedesmal festgestellt, da├č der Aufbau so, wie er ist, ganz gut funktioniert. Du hast recht, da├č die Dynamik am Schlu├č etwas drau├čen ist, aber in beiden Texten ist das eigentlich die Vorbereitung f├╝r die Schlu├čpointe. Ich hab┬┤ mal in meinen anderen Texten nachgeschaut und festgestellt, da├č die nach dem gleichen Muster gestrickt sind.
Gru├č
Stefan

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