Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5382
Themen:   90217
Momentan online:
475 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Populist + soziale Medien = Untergang
Eingestellt am 04. 01. 2017 11:50


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Schreibensdochauf
???
Registriert: Dec 2011

Werke: 41
Kommentare: 72
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

oder „wie WIR postfaktisch“ wurden

Erst durch Mobilisierungsmedien wie Facebook, konnten Bewegungen wie AFD oder Pegida breite Aufmerksamkeit erzielen und eine große MitlĂ€uferschar generieren, die wie ein explodierendes Schrapnell große StĂŒcke aus der Gewissheit reißen, die wir mal hatten: In einem liberalen, offenen Staat zu leben.

Ergo: Keine sozialen Medien, kein Aufstand der Irren.

So stellen wir uns das vor. Das WIR werde ich kurz beschreiben und dies beschreibt auch schon das Dilemma. 2017 ist es nicht mehr möglich, fĂŒr Alle zu schreiben, ganz sicher war es das nie, doch diese Illusion hatten WIR. WIR, das ist eine große, wahrscheinlich die grĂ¶ĂŸte Menschenschnittmenge in Deutschland, jedenfalls die, die bislang die Deutungshoheit hatte. Also liberal gesinnte Menschen, die ihr Auskommen haben und mehr oder weniger davon ĂŒberzeugt sind, dass es wichtig ist, dass eine gewisse Chancengerechtigkeit aller herrscht. Wie weit sich die RealitĂ€t bereits oder schon immer von unserem WunschgefĂŒhl entfernt hat, gilt es noch zu untersuchen. Doch dies war unser Narrativ. Im schlimmsten Fall ein „postfaktischer“ wie es jetzt immer so schön heißt.

ZurĂŒck zur Formel. Von Jesus oder Mohammed, ĂŒber Luther oder Lenin, bis hin zu Hitler oder Gandhi. Immer schon haben es Populisten geschafft, ĂŒber drĂ€ngende Themen Massen zu mobilisieren und Systeme zum Einsturz zu bringen. Das sogar ganz ohne Facebook, zu Beginn sogar ohne Massenmedien. Die Populisten waren immer nur Leuchtfackeln einer Stimmung, die vom vorherrschenden Narrativ ĂŒbersehen oder ignoriert wurde.

Es muss demnach noch etwas anderes sein, was die RĂ€nder von einer als weitgehend homogen empfundenen Gesellschaft zunĂ€chst abtrennt, dann aber doch so gestĂ€rkt zurĂŒckkehren lĂ€sst, dass der Kern der Gesellschaft entweder infiltriert oder so stark verunsichert wird, dass der Narrativ schleichend ein anderer wird.

Egal ob Ägypter, Alexandriner, Römer, Mongolen oder Habsburger oder gar 1000jĂ€hrige. Unbezwingbar scheinende Reiche kamen und gingen. Nach 1945 schienen wir einiges verstanden zu haben. Im Großen wie im Kleinen. Dies war jedenfalls der vorherrschende Narrativ im Westen. Zivilisierte GroßbĂŒndnisse ermöglichten ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Die Zauberformel lautete Demokratie, wörtlich Herrschaft des Volkes, ergĂ€nzt durch die „soziale Marktwirtschaft“.

Dass die Akzeptanz dieser Herrschaftsform seit Jahren rĂŒcklĂ€ufig ist und zwar in dem Maße wie die Verteilungsgerechtigkeit und die Teilhabechancen abnehmen, ist in jeder Umfrage nachzulesen und wird doch im letzten ignoriert, weil es nicht zum vorherrschenden Narrativ passt. Auch das ist postfaktisch. Es ist nicht so, dass nicht zahlreiche Programme aufgelegt wĂŒrden. Doch diese gehen nur insoweit an die Symptome, Ă€hnlich den windigen AutoverkĂ€ufern der 1950iger Jahre, die mit Holzmehl versuchten die mahlenden GerĂ€usche in defekten Getrieben zu dĂ€mmen.

Unsere Art zu leben und zu agieren wird in Frage gestellt. Nicht nur, wie so viel geschrieben, vom IS und anderen von uns einst gepĂ€ppelten oder unterdrĂŒckten BarttrĂ€gern. Nicht nur von Donald Trump oder Wladimir Putin oder Xi Jinping. Sie wird von all denen in Frage gestellt, bei denen zu wenig von dem ankommt, was wir behaupten. Bei denen, die aufgrund eines fremd klingenden Namens keine Lehrstelle bekommen. Bei denen die aufgrund des „falschen“ Aussehens stĂ€ndig von der Polizei kontrolliert werden. Bei denen, die aufgrund ihres Elternhauses weniger Chancen auf Bildung haben. Bei denen, die trotz eines arbeitsreichen Lebens, als Rentner kein Geld fĂŒr den Theaterbesuch haben. Bei all denen, die oft von uns zu hören bekommen, sie seien EinzelfĂ€lle oder denen, ĂŒber die wir gar nicht mehr berichten, wenn es zu viele werden, die wir dann aus den von uns gemachten Statistiken rausrechnen.

Dies erzeugt eine Stimmung und diese Stimmung bricht sich Bahn. Ob auf der Straße oder in den sozialen Medien. Und diese Stimmung bekommt Gesichter durch Menschen, die wir dann wiederum als Populisten diffamieren, obwohl sie nichts anderes wollen, als die aktuell Herrschenden, nĂ€mlich gestalten. WĂ€hrend die aktuellen Politiker den status quo gestalten oder verwalten wollen, wollen die anderen die VerĂ€nderung gestalten. Und diesem VerĂ€nderungswillen haben unsere Politiker wenig mehr als Beschwichtigungen entgegen zu setzen und die Massenmedien folgen, da der Fisch im Aquarium per Seinszustand nicht in der Lage ist, von außen auf das Aquarium zu schauen. Manche bezeichnen das Aquarium auch als Filterblase.

Kein Politiker agiert neutral. Er hat immer eine Hypothese von RealitĂ€t und nennt diese „Das Wohl des Volkes“. Dazu kommen Berater und Lobbyisten. Es ist an der Zeit zu ĂŒberlegen, ob wir gut beraten waren mit diesen Beratern und den Lobbyisten, bzw. ob wir nicht ganz schnell weitere Berater und Lobbyisten ins Boot holen oder ihnen stĂ€rker zuhören sollten. Denn alles was uns heute Kopfzerbrechen bereitet, ist von irgendwem und irgendwo bereits vor Jahrzehnten prophezeit worden. Doch waren deren Stimmen offenbar nicht laut genug, deren Argumente nicht ĂŒberzeugend oder deren Einfluss zu gering, bzw. der anderer grĂ¶ĂŸer.

Jetzt zittern WIR uns in 2017 hinein. Völlig verunsichert und aus dem HĂ€uschen. WIR, das sind die westdeutschen weißen MĂ€nner und Frauen, die noch nie echte Not leiden mussten und nie auf die Idee kamen, das System grundsĂ€tzlich zu hinterfragen oder beim „Marsch durch die Institutionen“ abgeschliffen wurden. Zu sehr hingen wir am kölschen Grundgesetz § 1 Et is wie et is und § 3 Et hĂ€tt noch immer jot jejange. Zu wenig haben wir uns vielleicht mit dem echten Grundgesetz auseinandergesetzt, wo es um die WĂŒrde des Einzelnen oder das Eigentum, was verpflichtet, geht. WIR haben bestimmt, was WĂŒrde ist und auf die runtergeschaut, die ihre WĂŒrde mĂŒhsam aufrecht zu erhalten suchten.

Political correctness gegenĂŒber wenigen war uns oft wichtiger, als die erlebte Ausgrenzung so Vieler wahrzunehmen und zu bekĂ€mpfen.

Was es jetzt braucht sind Menschen und Medien, die nicht beschwichtigen, sondern die Angebote machen, eine Gesellschaft wiederzubeleben oder zu entwickeln, die echte Chancengerechtigkeit bietet, die den an sich nicht schlechten Narrativ einer weltoffenen, liberalen Gesellschaft ernst nehmen. Eine erste Aufgabe ist die Bereitschaft zu erkennen, dass ein kapitalistisches System mit einem schwachen Staat eben nicht die Probleme automatisch löst. Es braucht selbstbewusste soziale Politikerinnen und Politiker, die sich mit den Menschen im In - und Ausland zusammentun, die an ein gerechtes Zusammenleben der Völker glauben. Die bereit sind, neue Fakten zu schaffen.

Wir erleben gerade, wie sich eine TĂŒr nach der anderen schließt. Noch sind aber genĂŒgend TĂŒren geöffnet. Wir mĂŒssen nur hindurch gehen.

__________________
"Die grĂ¶ĂŸten Kritiker der Elche waren frĂŒher selber welche". Alt und wahr.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!