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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 09. 04. 2004 15:03


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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Mit der Post kam heute ein Paket, ein gelbes, es stand ÔÇ×PostÔÇť darauf.
Du hast es mir geschickt, mein Freund, und darin liegen:
ein Physikheft
ein Videofilm
ein Kochrezept
eine Armbanduhr
eine Sonnenblume
ein Geldschein
ein Kerzenstumpf
eine Fotofilmdose
ein Foto
ein Blister mit Tabletten
ein W├Ârterbuch
eine Brille
und ein Brief: nur ein gefalteter Zettel, auf dem mein Name steht.

Wir haben die Physikkladde damals zusammen voll geschmiert, als das Schicksal uns bescherte, dass ich, als neuer Sch├╝ler in der Klasse, neben dir sitzen musste, durfte. Meist waren es obsz├Âne Comics, in denen die Lehrerschaft eine tragende Rolle spielte. Von Physik wusste nach diesem Jahr keiner von uns etwas, aber wie gut du dich schon damals mit der weiblichen Anatomie auskanntest, erstaunt mich heute noch!

Dann kamen die Videos, ja, dar├╝ber sind wir uns eigentlich erst nahe gekommen. Es ist ein Film aus unserer Videothek, ich kenne ihn auswendig, wie ich jeden Film dieser Videothek auswendig kannte. Wir haben vor dem Fernseher deiner Eltern, sp├Ąter bei mir zuhause rumgehangen, billiges Ges├Âff in uns hinein gesch├╝ttet und versucht, mehr Zigaretten und Drogen zu konsumieren als die Jungs in unseren Filmen. Das war manchmal hart, aber es ist uns glaubÔÇś ich gelungen. Soll ich den Film jetzt zur├╝ck bringen? Wird bestimmt teuer, aber das war dir schon immer egal.

Kochen konnteste wie ein Weltmeister, jedenfalls zwei oder drei Gerichte. Das Rezept ist nat├╝rlich von dir, und es ist nat├╝rlich einem Film nachempfunden. Sowas haste meistens gekocht, wenn viele Leute da waren. Wir haben dann den Film gesehen und das passende Essen genossen, an diesen Abenden immer mit Unmengen Rotweins, das war ne Stilfrage. Normalerweise haben wir uns dann noch eine Woche lang von den Resten ern├Ąhrt. Kann mich noch gut an die abgelederte Couch erinnern, die du dann hattest, an die Jungs und M├Ądchen, die sich darauf fl├Ązten und dich anstaunten, weil du dich getraut hast zu leben, wie sie es sich vielleicht ertr├Ąumten. Gut, es hat dir ja auch einiges eingebracht im zwischenmenschlichen Bereich, wenn ich mir auch nicht in jedem Fall sicher bin, ob es bei dir nicht h├Ąufig mehr zwischen als menschlich war.

Die Armbanduhr... eine sch├Âne, mechanische Uhr. Wann hast du das Paket gepackt? Der Sekundenzeiger bewegt sich noch im Puls der Zeit, aber er dreht sich nicht mehr, wackelt nur noch auf der Stelle. War immer deine gr├Â├čte Angst, dass die Zeit weg laufen k├Ânnte, dass es zu viel zu erleben gibt in dieser kurzen Spanne namens Jugend, dass du Dinge nicht sehen konntest, die du aber unbedingt gesehen haben musst! Das hat zu einer Mischung aus Hektik und Phlegma gef├╝hrt, je nachdem, ob du gerade alles auf einmal machen wolltest oder dich resigniert f├╝r Wochen zur├╝ck gezogen und die Hoffnungslosigkeit deiner Lage beklagt hast. Alberner Kerl, der du bist.
Kann mich erinnern, dass wir eines Tages, im Zivi, alle Uhren im Krankenhaus umgestellt haben, damit der Dienst sp├Ąter beginne und die Nacht l├Ąnger sei. Ich glaube, das hat dir viel mehr bedeutet, als ich damals dachte.

Sonnenblumen, das waren mal deine Blumen, ich wei├č. Ist eigentlich nicht gut, dass du sie mir jetzt schickst, und dass diese Blume in voller Pracht hier vor mir liegt. Hattest fr├╝her die ganze Wohnung voll stehen mit Sonnenblumen, das war ein Fest f├╝r die Augen und verschiedenste Ungeziefer. Doch der Tag, an dem du ausgerastet bist, ich wei├č nicht mehr warum, an dem du dich gegen jede Wand deiner Wohnung geworfen hast, an dem du alle Sonnenblumen aus ihrer Erde gerissen und gefressen hast, bis du dich ├╝bergeben musstest, nach dem nie wieder eine Blume deine Wohnung versch├Ânte und belebte; das ist einer der schw├Ąrzesten Tage, die es f├╝r mich gab. Stand nur daneben oder versuchte dir auszuweichen in deinem heiligen Zorn, deinem furchtbaren Ungl├╝ck, deinem h├Âllentiefen Leid, das mir unbegreiflich schien und doch da war. Irgendwann bin ich dann gegangen, und ein paar Tage sp├Ąter haste angerufen und geklungen, als sei nichts passiert.
Nur, da waren nie mehr irgendwelche Blumen.

Wie mit Blumen und mit Zeit bist du mit Geld umgegangen. Hast es geliebt, aber mit Freuden vernichtet, ich wei├č. Dass sich daraus gewisse Probleme ergeben k├Ânnten, musste ich dir st├Ąndig ans Herz legen; du hast nur gelacht und mich zum Essen eingeladen, nat├╝rlich dahin, wo es stank vor D├╝nkel. Und wenn gar nichts mehr da war, das kam immer ├Âfter vor, hast du dann munter weiter gelebt und dich einen Schei├č darum gek├╝mmert, wie du denn leben sollst? Nein, haste nicht. Dann haste dich mies gef├╝hlt, ein Leben in Armut an dir vor├╝ber ziehen lassen, deine Verantwortungslosigkeit bejammert und mit Tr├Ąnen in den Augen um ein Darlehen gebeten. Sch├Ân, dass du nun beginnst es zur├╝ck zu zahlen, aber ich m├Âchte doch dein Geld gar nicht.

Die Kerze hab ich dir geschenkt, als dein Herz gebrochen war. So wie du lieben konntest, konntest du auch leiden, und gelitten hast du, gelitten hast du. Bin damals ja nochmal fast bei dir eingezogen, hab Urlaub genommen und dich wochenlang umsorgt, als du ganz sicher warst, dass nun die Welt untergegangen ist.
Ich hab dir dann diese Kerze, und die war mal stolz und gro├č, hingestellt. Habe dir gesagt, jedes Mal, wenn du um das M├Ądchen trauerst, wenn du glaubst, es nicht mehr aushalten zu k├Ânnen vor Sehnsucht und Schmerz, wenn du glaubst, es gebe nichts auf dieser Welt als sie, dann z├╝nde die Kerze an und lass die Flamme brennen, bis es wieder besser ist. Und ich hab gesagt, es wird vor├╝ber sein, noch bevor sie runter gebrannt ist. Hast sie ja fast verbraucht, mein Lieber. Wann brannte sie das letzte Mal?

Ich ├Âffne die schwarze Fotodose und erwarte, einen Film zu finden. Doch es steckt eine kleine Figur darin, ein Playmobilm├Ąnnchen. Ich wei├č, was du willst. Hat sich ja alles so entwickelt, nein, du hast dich so entwickelt. Konntest oder wolltest dich nicht dagegen wehren, dass um dich herum alles immer schw├Ąrzer schien, dass du dich gefangen f├╝hltest in einem Loch aus Dunkelheit, dass dir die Luft zum Atmen fehlte. Du hast dir selbst die Kehle zugedr├╝ckt, es aber immer auf die H├Ąnde geschoben, die sich da um deinen Hals legen. Oh ja, du warst gefangen in diesem Verlies, und das, obwohl es doch gar kein Verlies gab, oder? Oder?

Sch├Ânes Foto, das du mir da schickst, Freund. Es zeigt uns beide, und wenn ich es jetzt sehe, kann ich die Tr├Ąnen doch nicht mehr zur├╝ck halten. Muss kurz nach der Schule gewesen sein, und das ist inzwischen verdammt lang her. Ich sitze auf diesem seltsamen Denkmal im Stadtpark und du stehst drunter und tust nichts, als mit deiner Zigarette auf mich zu weisen und dich schlapp zu lachen. Mann, ich seh ja auch l├Ącherlich aus, und dann diese Klamotten! Mal abgesehen davon, dass du ebenso fragw├╝rdig gekleidet bist. Was aber wie aus einer ganz fernen Welt her├╝ber kommt, das ist dieses Lachen, und es ist das Strahlen deiner Augen. Hab das zu lang nicht mehr gesehen.

Das f├╝hrte ja dann zu den Tabletten. F├╝hrte dazu, dass du dich selbst mit Pillen eingedeckt hast, die dich irgendwie fr├Âhlicher machen sollten, und ich erkenne diese Tabletten, dein ganzer Schrank war mal voll damit, und mit aufgeklebtem Lachen hast du sie mir gezeigt. Hohl bist du geworden, gleichg├╝ltig, stumpf. Dein blitzgescheiter Geist, deine rhetorische Spitzfindigkeit, dein neugieriger Blick, deine wilde Streitlust waren einem samtenen, verst├Ąndnislosen, mit dem Funktionieren der Vitalfunktionen schnell zufriedenen verzerrten Grinsen gewichen, und deine Trauer schien so nur noch gr├Â├čer.

Das W├Ârterbuch sagt mir eigentlich nichts. ÔÇ×DankeÔÇť hast du als Widmung hinein geschrieben. ÔÇ×DankeÔÇť wof├╝r? F├╝r die Worte, die wir gewechselt haben? Daf├╝r habe ich dir zu danken, und ja, auch du mir. Eigentlich ÔÇô fr├╝her ÔÇô warst du immer der, der das gro├če Wort geschwungen hat. Ich habe mich daran gefreut, dir zuzuh├Âren und einzuschreiten, wenn du aus dem Ruder zu laufen drohtest. Als es dann bergab ging mit dir, als du nur noch diesen Schlund gesehen hast, der dich aufzufressen droht, da habe ich geredet, da habe ich verzweifelt versucht, in dir etwas zu wecken, was einst nur allzu wach gewesen war, da habe ich beruhigt und geschrieen und diskutiert. Hatte aber nie das Gef├╝hl, dass es allzu lange hilft. Und nun schickst du mir ein W├Ârterbuch. Gibst du mir meine Worte zur├╝ck, Freund? Ist es das? Ist es so weit?

Das ist deine Brille, die da liegt, hat dicke Gl├Ąser inzwischen. Mensch, ohne diese Brille kannst du doch gar nichts mehr sehen, noch weniger als sowieso, ohne dieses verfickte, bescheuert teure Gestell bist du doch lebensunf├Ąhig, Mann!

Ich wei├č, was passiert ist. Ich brauche den Brief nicht mehr zu lesen, warum soll ich das... mir noch antun?
Und warum hast du das getan, du Arschloch, warum.... Das h├Ąttest du nicht tun d├╝rfen.

Warum hast du das getan?

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Larissa
Guest
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Lieber AlexanderrednaxelA,
das muss wohl Gedanken├╝bertragung sein, denn gerade, als ich auf deine Geschichte eingehen wollte, ersp├Ąhte ich deinen Kommentar zu "Die Spieluhr". Na ja, egal, antworte ich trotzdem zuerst hier.
Mich hat deine Geschichte n├Ąmlich wirklich vom Hocker gehauen. Zuerst sa├č ich nach dem Lesen minutenlang erstarrt da und lie├č die Worte auf mich wirken, dann ├╝berfiel mich eine f├╝rchterliche G├Ąnsehaut, und nun bin ich immer noch ganz ersch├╝ttert. Aber ich glaube, diese Reaktion hast du wohl bereits bei deinen Lesern vorausgesehen.
Etwas Sch├Âneres kann einem Schreiber ja nicht widerfahren, als die Menschen zu ber├╝hren. Und das ist dir total gelungen.Super!

Liebe Gr├╝├če und frohe Ostern!
Larissa

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Stoffel
gesperrt
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Registriert: Jun 2002

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verdammt..verdammt..traurig..

aber Klasse!
lese ich auf jeden Fall morjen nochmal.
(kommt selten vor)

lG
Stoffel

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arle
Routinierter Autor
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acht von zehn

Lieber Alexander,

eine winzige Kritik: Texte, die mich ber├╝hren, lese ich meistens laut vor mich hin. Und dabei hat mich pers├Ânlich der immer wieder auftauchende Ausdruck "haste" statt "hast du" jedesmal ein bisschen ins Stolpern gebracht. Er passt f├╝r mich nicht so recht zu den atemberaubenden Worten, die du gefunden hast. Dies nur als kleine Anregung.

Ansonsten: Bravo!
__________________
Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

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AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 17
Kommentare: 13
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Erstmal allen vielen Dank f├╝r die warmen Worte.

Liebe arle, als ich die Geschichte gestern oder vorgestern noch mal durchlas, habe ich mich, genau wie Du, an einer zeitweiligen H├Ąufung dieser Kurzform gesto├čen. Ich stand dann vor dem Problem, dass ich das einzelne "haste" jeweils schon nachvollziehen konnte und daher nicht genau wusste, welches ich denn nun einfach ersetzen soll.

Derart verstrickt, ├╝berlege ich noch, ob und gglfs. wie ich das ├Ąndern werde und gr├╝├če Dortmund und den Rest der Welt!

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Stoffel
gesperrt
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Registriert: Jun 2002

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Kommentare: 8220
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Hallo,

hab doch noch was...
aber vielleicht willst Du ja auch gar nichts daran mehr machen.

"Du, mein Freundhast es mir geschickt, und darin liegen: "

"Dann kamen die Videos.."
Was h├Ąlst du von "Dann kam das mit den Videos"?

"und es ist nat├╝rlich einem Film nachempfunden"
Du meinst so.....
"Du hast Dir f├╝r jeden Film, den wir gemeinsam oder mit Freunden, ansahen..immer etwas passendes dazu einfallen lassen.."

"Sonnenblumen"
"das waren immer deine Lieblingsblumen"

Sas mit dem "kannste..haste" st├Ârt mich nicht so. Es gibt noch etwas mehr Intimit├Ąt, so wie sie wohl miteinander redeten dr├╝ckts f├╝r mich besser aus.

├ťbrigens..erst meine Tochter hatte, wie aus der Pistole geschossen..gesagt..
Du, dem seinen Namen kann man auch r├╝ckw├Ąrts lesen

lG
sch├Ânen Ostertag Euch
Stoffel

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