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Leselupe.de > Erzählungen
Pot au feu mit Maden - Als 18-Jähriger in französischer Kriegsgefangenschaft
Eingestellt am 05. 02. 2013 18:42


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HeidiS
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2012

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Diese Texte wurden über Jahre in Gesprächen aufgezeichnet und danach erst niedergeschrieben - leicht geschliffen, wobei ich bemüht war, die Balance zwischen Erzähl- und Schreibsprache zu finden. Und es hat Jahre gedauert, bis alle Erlebnisse komplett waren. Mein Vater, Jahrgang 1926, verstarb im September 2012.

Prolog

Als Kind hatte ich den sehnlichsten Wunsch: Fußball spielen, so oft es neben der Schule und der Landwirtschaft irgendwie möglich war – und wir spielten zusammen, Bauernjungen mit dem jungen Spross des Barons und mit dem Jungen, der Jahrzehnte später im Westen die Hotelkette Maritim gründete, beinahe täglich, auch wenn die Zeit dafür knapp bemessen war. Obwohl ich später, als ich aus der Gefangenschaft aus Frankreich zurück kam und inzwischen recht akzeptabel spielen konnte – als junger Mann sogar vom Fußballverein in der Kreis- und Bezirksstadt Cottbus angeworben wurde – wurde aus dem Traum, mich ganz dem Fußball widmen zu können, nichts; die Landwirtschaft musste weiter geführt werden und ich war der einzige Sohn, auf dem alle Hoffnungen ruhten. Die Leistungen in der Schule waren gut, aber selbst an den Besuch einer weiter führenden Schule war nicht zu denken – das alles hätte sich sicher mit dem Kicken besser vertragen, was aber wäre aus der Landwirtschaft geworden? Unvorstellbar, dass ein Junge zu meiner Zeit das Elternhaus verließ, um sein Leben zu leben, seinen Vorstellungen vom Leben nachzugehen. Ich war der Erbe des Hofes, und von mir wurde von Anfang an die Fortführung des landwirtschaftlichen Betriebes erwartet. Der Krieg sorgte dafür, dass ich doch entgegen allen Erwartungen für längere Zeit vom Elternhaus fort war; aber mit der Erfüllung eines Lebenstraums hatte das wenig zu tun – so hatte ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt, das ‘vielleicht einmal hinaus gehen in die Welt’. Dass dieser unbarmherzige Krieg mich dann auch noch in ein fremdes Land brachte – war zuerst immer noch kein Traum vom Leben in der großen weiten Welt, aber Erlebnisse, die mich mit meinen jungen achtzehn Jahren sehr bald erwachsen werden ließen, weit weg vom elterlichen Hof, weit weg vom heimatlichen 300-Seelen-Dorf im Spreewald. Ich konnte mir bis dahin nicht vorstellen, dass man so ganz anders leben konnte als es für uns zum Alltag gehörte. Wenn man von den gelegentlich stattfindenden Ausflugsfahrten, vom engagierten Lehrer Slomke organisiert, absieht, kam ein Junge wie ich ja kaum über den Kreis Cottbus hinaus. Und dann landete man in einer vollkommen anderen Welt, einer anderen Kultur, wo der Tisch anders gedeckt war als bei uns (was nichts mit der Fülle der Lebensmittel zu tun hatte, wirklich reichlich zu essen gab es auch dort nicht – aber man wurde satt) zuhause, das Essen allgemein, nicht nur das Brot, so ganz anders war, dass zum Essen Wein getrunken wurde, wenn auch mit Wasser verdünnt, und vor allem: dass ein Abendessen sich über Stunden hinziehen konnte; hierfür war immer Zeit, trotz der notwendigen Arbeit, die verrichtet werden musste. Die tägliche Arbeit musste auch dort getan werden – und sie wurde getan, nichts blieb liegen, das konnte man sich nicht leisten. Reich waren diese Bauern, bei denen ich unterkam, nicht. Denn auch bei unseren Nachbarn konnte man allein durch Arbeit nicht reich werden – man hatte keine Zeit dazu, man musste ja arbeiten. Heute kann ich sagen, dass mich diese Jahre dort um einige Erfahrungen reicher gemacht haben und dass ich weiß, dass ich meinen ‘Gastgebern’ in Frankreich unendlich dankbar bin für die menschliche Behandlung, die ich durch sie erfuhr und dass ich ihnen ganz sicher Zeit ihres Lebens in Erinnerung blieb und den jüngeren es noch heute bin – man hört noch von einander, sofern man noch unter den Lebenden weilt. Und: dort konnte ich, wenn auch selten, meiner Leidenschaft Fußball frönen, so weit es die Arbeit erlaubte, ja eigentlich lernte ich hier – hauptsächlich in den letzten Monaten der Gefangenschaft – erst die Feinheiten des Spieles, des taktischen Spielens, während ich als Kind eher spielte, um mich auszutoben, mich von der anstrengenden Arbeit etwas zu erholen. „Du hast doch hier auf dem Hof genug Arbeit, musst du da noch einem Ball hinterher laufen?“ war der Kommentar meines Vaters, ohne irgend eine Spur von Verständnis für meine Leidenschaft. Zurück in der Heimat, gehörte ich zu den besten Spielern der Region. Nach dem Krieg und nach der Zeit der Kriegsgefangenschaft war meine Jugend vorbei, ohne dass sie jemals unbekümmert war. Ich ging als Siebzehnjähriger, der bereits als Kind in der Landwirtschaft arbeiten musste (war in der Schule Nachsitzen angesagt, kam mein Vater persönlich und holte mich ab; ich würde auf dem Feld gebraucht und könne doch nicht in der Schule unnütz rumsitzen) und kam als junger Erwachsener zurück – die Pflicht wartete auch hier auf mich. Die einzige Möglichkeit, sich dieser ständigen Pflicht für kurze Zeit zu entziehen, war das Fußballspiel auf dem dorfeigenen Sportplatz. Zu dieser Zeit – in der sogenannten Nachkriegszeit – wurde ich Trainer für die Mädchen-Handballmannschaft im Dorf und trainierte zusätzlich die Fußballmannschaft der Jungen. Ein Junge aus dem Dorf lief nach meiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft die Straße entlang und rief: „Da ist einer, der ist aus Frankreich zurück gekommen, der kann vielleicht Fußball spielen!” Ich ließ die Trainierenden zu Beginn eines jeden Spiels nicht in Reih und Glied, sondern ließ sie im Kreis antreten. Alles, was man uns als junge Kerle einmal beibrachte, den Drill vor allem und alles, was auch nur daran erinnerte, wollte ich nicht mehr um mich haben, ich hatte endgültig genug davon – weil ich erlebt hatte, wohin dies alles geführt hatte. Man hatte uns Kinder belogen und betrogen – und nicht nur uns Kinder. Die Wolldecke, die ich im Rheinwiesenlager vom Roten Kreuz für mich an Land zog, hatte ich noch in Briesen, in meinem Elternhaus auf dem Dachboden, aufbewahrt. Die Decke mit den vier Löchern an den Ecken. Mit vier Stöcken aufgespießt war sie für mich damals für lange Zeit der einzige Schutz vor Regen und Wind, auch wenn er noch so dürftig – und nicht einmal wasserdicht war. Wir hatten jedenfalls das Gefühl, ein Dach über dem Kopf zu haben. Zu den vier Löchern an den Ecken kamen mit der Zeit noch ein paar Mottenlöcher dazu, aber die Decke wurde nicht weggeworfen – inzwischen ist sie aber verschollen, vielleicht haben die Motten sie ganz aufgefressen. Spätestens nach unserer Enteignung durch die SED – Mieter waren nach unserer Flucht in den Westen, im August 1961, in das Haus, inzwischen Eigentum des Volkes beziehungsweise der Gemeinde, eingezogen – wurde das Stück wohl weggeworfen, wie so vieles andere auch. Wir hatten keinen Anspruch auf unser Eigentum, das wir zurücklassen mussten, auch nicht auf persönliche Sachen. Selbst die Möbel wurden abgeholt – nicht einmal meine Eltern durften sie behalten. Und da wird man doch wohl nicht noch auf eine zerlumpte Decke geachtet haben. Es ist eine lange Zeit vergangen seitdem, und so sind es meist nur Bruchstücke, kurze Episoden von der Zeit des Krieges selbst und vor allem aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich, an die ich mich aber noch sehr genau erinnere. Und an sehr viele Geschichten erinnere ich mich sogar gern. Teilweise kann ich diese Bruchstücke zu einer vollständigen Geschichte zusammensetzen, mich in allen Einzelheiten an die Situation von damals genau erinnern. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der in jungen Jahren, im Alter von gerade achtzehn Jahren, nach dem Krieg auf einmal in eine andere fremde Welt geschickt wurde und dort lernen musste, zu überleben, durch Anpassung vor allem. Obwohl die Erlebnisse im Krieg selbst härter waren als das meiste, was danach kam, sind diese zum größten Teil aus meinem Gedächtnis getilgt – wohl eine Schutzmaßnahme, Verdrängung des Traumas, um einigermaßen normal weiter leben zu können. So ist es sicherlich bei den meisten der ehemaligen Soldaten gewesen, und auch nicht ausschließlich bei denen, die an der sogenannten Ostfront gewesen sind. Unbestreitbar war die russische Gefangenschaft die größte aller Höllen – aber niemand will hier irgendetwas gegeneinander aufwiegen, ich als letzter. Letztendlich müssen viele aus meiner Generation mit dem Kriegstrauma leben, ganz gleich, wohin sie letztendlich verladen wurden – nur wenige haben aber auch schöne Erinnerungen wie ich, Erinnerungen, mit dessen Hilfe es leichter fällt, mit dieser Phase der eigenen Vergangenheit weiter zu leben. Wenn nun der letzte an diesem Krieg auf irgend eine Art und Weise beteiligte Mensch nicht mehr da sein wird, werden die Menschen dann alle anders sein? Wird dann so etwas wie dieses Trauma ausgestorben sein wie ein Wesen aus der Urzeit? Etwas, wonach man später, wenn man etwas darüber erfahren möchte, wird graben müssen?

1

Der Krieg tobte bereits seit einem Jahr, als ich, 1940, in die achte Klasse der Volksschule in Briesen kam. Eine Zeitung, die uns vom Geschehen außerhalb des Spreewaldes informiert hätte, gab es hier nicht. Folglich bekam ich von diesem Krieg nur soviel mit, dass unsere heiß geliebte Turnhalle im Dorf – jeden Sonnabend hieß es für uns: antreten zum Sport, zum Schulsport – zu einem Gefangenenlager umfunktioniert wurde, ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun wurde um das Gelände errichtet, achtzig Betten wurden in der Halle aufgestellt, der Platzwart logierte in einen der beiden Räume, die zu dem Komplex gehörten. Ein Jahr lang waren polnische Gefangene dort untergebracht, danach waren es Franzosen, achtzig an der Zahl, die auch bis Kriegsende in Briesen einquartiert wurden. Auch auf unserem Hof arbeiteten ab und zu französische Kriegsgefangene; sie aßen auch mit uns am Tisch – obwohl es offiziell verboten war, sie hätten eigentlich an einem getrennten Platz ihre Mahlzeiten zu sich nehmen müssen. Für meine Mutter war es selbstverständlich, dass sie mit uns zu Tische saßen. „Sie arbeiten mit uns, dann werden sie auch mit uns essen.“ Zu der Zeit habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich einmal als Kriegsgefangener in Frankreich landen würde, dort für die Franzosen würde arbeiten müssen.
Unser Fußballplatz befand sich in Lagernähe, und ich hielt mich mit meinen Freunden nach der Schule und auch an Sonntagen dort öfter auf. Wir brachten den Gefangenen, den Franzosen, unser selbst gebackenes Brot, dunkles Roggenbrot mit Sauerteig gebacken, und erhielten dafür gute französische Blockschokolade, für uns etwas ganz Besonderes. Die Männer bekamen reichlich Pakete aus der Heimat, waren aber wohl auch für alles, was sie zusätzlich zur Lagerkost bekamen, dankbar. Nun hatte ich mir zu der Zeit eine Taubenzucht zugelegt. Anfangen hatte ich mit drei Paaren, angewachsen waren sie nach kürzester Zeit auf vierzig Stück. Mein ganzer Stolz waren diese Tauben;ich hegte und pflegte sie – und verkaufte ab und zu einige, mein Taschengeld verdiente ich damit. Nach und nach fand ich immer wieder ein totes Tier in dem Verschlag – mit jeweils abgebissenen Kopf – eine fremde Katze muss sich wohl an den Taubenschlag herangeschlichen haben, folglich musste ich eine Falle aufstellen, wenn ich nicht weiter mit ansehen wollte, wie ein Vogel nach dem anderen getötet wurde. Es gelang mir, die Katze mittels einer Tellerfalle einzufangen, nachdem sie noch kurz davor einer weiblichen Taube, die bei ihren Jungen hockte, den Kopf abgebissen hatte. Mit nur einer Pfote blieb sie in der Falle, aber dies genügte, um sie unschädlich zu machen. Ich erschlug die Katze – ich hatte immer wieder das Bild von der toten Taube ohne Kopf, neben ihren jungen Täubchen, vor mir. Diese Wut reichte aus, um die Katze zu töten. Ich vergrub den Kadaver in unserem Garten.
Erneut holte mein Vater französische Gefangene, die ihm diesmal helfen sollten, den Garten umzugraben. Ihnen erzählte ich von der toten Katze. „Wo?“, wo ich das Tier denn vergraben hätte. „Dort ungefähr“, und ich deutete auf eine Stelle im Garten. Die Männer ließen es sich nicht nehmen, die tote Katze auszubuddeln und nahmen ihren Fund mit ins Lager und – verspeisten ihn, wie sie mir später sagten. Eine ähnliche Geschichte ereignete sich, beinahe spiegelverkehrt, auf der anderen Seite der Geschichte, in Frankreich, in einem Gefangenenlager für deutsche Kriegsgefangene. Es war beinahe das Gegenstück hierzu.

2

Ein angeborener Herzfehler, so schien es, würde mein Schicksal sein: Hitlers Militärmaschinerie wollte mich nicht haben, wegen eines angeborenen Herzklappenfehlers; die Ärzte bescheinigten, dass ich ‘nicht kriegstauglich’ sei – man war anscheinend wählerisch. Für meinen Vater war dies eine Katastrophe, dass alle jungen Männer aus dem Dorf das Vaterland verteidigten, während sein Sohn geschont wurde; vielleicht gab es auch die einen oder anderen Anspielungen oder auch sogar Vorwürfe aus der Nachbarschaft. Ich selbst hatte es nicht eilig, in den Krieg zu ziehen, erzählte doch mein Vater von seinen Erlebnissen aus dem ersten Weltkrieg: Zwei Brüder kämpften beide während des ersten Weltkrieges für das Vaterland in Frankreich; das Bataillon meines Onkels kämpfte ganz in der Nähe – durch Zufall hatte mein Vater davon erfahren und machte sich auf die Suche und hatte seinen Bruder doch wirklich gefunden, fand ihn im Schlaf vor, wollte ihn nicht wecken, sondern legte sich neben ihn und wartete, bis er aufwachte. Nach etwa einer Stunde Wiedersehens und Erzählen musste der Bruder zu einem neuen Angriff aufbrechen, und während dieses Angriffs ist er gefallen. Dies war dann das letzte Zusammentreffen der beiden, das letzte Mal, dass sie sich sahen. Einer der Brüder kehrte aus dem Krieg heim, der andere starb in diesem Krieg. Mein Vater wurde schwer verwundet – er wurde von einer Granate getroffen und hatte lange Zeit im Lazarett gelegen. Zahlreiche Narben an seinem Körper blieben. Insgesamt waren es sieben Jahre, die er ohne Unterbrechung Soldat war: 1912 bis 1914 musste er in der Armee dienen, gleich daran anschließend begann der erste Weltkrieg. So etwas erlebt doch kein Mensch, ohne in seinem späteren Leben nicht von Albträumen gepeinigt zu werden, man muss den Krieg doch verabscheuen. Preußisches Pflichtbewusstsein, das war für meinen Vater, für die, die den ersten Weltkrieg miterlebt haben, wohl über alles zu stellen.
Ich für meinen Teil hatte damals schon genug vom Krieg und vom Kämpfen, allein durch die Erzählungen meines Vaters, jedenfalls hatte ich es nicht eilig, eingezogen zu werden. Ich fuhr dann doch mit meinen siebzehn Jahren (es gab Dinge, für die war man schnell erwachsen genug, auch wenn man es eigentlich vom Gesetz her noch nicht war) nach Cottbus und meldete mich beim Wehrbezirkskommando persönlich – wann sie mich denn endlich einziehen würden, man würde im Dorf schon mit dem Finger auf mich zeigen, ich galt als Drückeberger. Nicht einmal drei Wochen später hatte ich den Stellungsbefehl im Briefkasten. Es war noch nicht die Zeit, in der bereits Kinder für die Schlacht als Kanonenfutter eingezogen wurden, aber man konnte wohl inzwischen jeden Kampfes fähigen brauchen, schließlich wollte man diesen Krieg gewinnen. Ich musste ins etwa dreißig Kilometer von Cottbus entfernte Spremberg, um mich dort in der Kaserne zu melden. Und dieser unbarmherzige Krieg dauerte schon einige Jahre, als ich zu guter Letzt nun doch noch einberufen wurde, als ich nochmals auf Herz und Nieren untersucht wurde, als ich doch noch meine Uniform anziehen musste. Ein bisschen stolz war ich schon auf diese Uniform und auf die warmen hohen Lederstiefel – so etwas hatte ich noch nie zuvor besessen, man ließ sich die Ausstattung der Soldaten etwas kosten. So gute Materialien wurden für unsere tägliche Kleidung zu Hause auf dem Bauernhof nicht verwendet. Wir Kinder liefen barfuß, höchstens ab und zu in Holzpantinen – richtige Schuhe, auch noch aus Leder, zu tragen war Luxus, eine Verschwendung. Ausnahme: im Winter. Ich wuchs also in jeder Hinsicht in diese Uniform hinein. In Spremberg begann meine Grundausbildung als Soldat, die insgesamt drei Monate dauerte; in dieser Zeit wurde ich zum Funker ausgebildet. Schießübungen vor allem standen auf dem weiteren Stundenplan. Wer sich dabei von der besten Seite zeigte, durfte sich umgehend in Gras legen und ausruhen, die anderen mussten notgedrungen nachexerzieren, nachsitzen. Nach guter Schießleistung (nach jahrelangen Schießen auf Spatzen zuhause war ich in Übung) wurde ich mit meinem ersten Ausgang belohnt. Zu dieser Zeit waren mein Leben und ich noch jung: ganze siebzehn Jahre jung – meinen achtzehnten Geburtstag feierte ich als Rekrut in dieser Spremberger Kaserne.
Ein Fußballspiel im Cottbusser ‘Stadion der Freundschaft’ nahm ich zum Anlass, meine Eltern zu verständigen, sie durften mich dort besuchen und ich war noch einmal für ein paar Stunden unbeschwert mit ihnen zusammen. Nach den drei Monaten härtester Ausbildung – Schikanen vom Stubenältesten waren das Los der jungen Rekruten – bekamen wir den sogenannten verkürzten Abstellungsurlaub. Von Fallingbostel aus durfte ich für kurze Zeit nach Hause, machte mich mit der Bahn auf den Weg. Ich war vollkommen übermüdet und schlief auf einer Bank im Bahnhof ein – als ich aufwachte, ruhte mein Kopf auf der Schulter einer jungen Frau; sie hatte mich nicht geweckt, sondern gewartet, bis ich von allein wach wurde. Ein schönes Erlebnis, und das am Rande eines Krieges. Nach drei Tagen Heimaturlaub bekam ich per Telegramm den schriftlichen Befehl, sofort zur Truppe zurück zu kehren. Nur sieben von insgesamt hundert Mann bekamen diese Aufforderung, die übrigen wurden an die Ostfront, nach Russland, geschickt; ich gehörte glücklicherweise, ein wirklich glücklicher Zufall, zu denen, die nach Fallingbostel in die Lüneburger Heide kamen – eine neue Waffe sollte von uns getestet werden, ein neu entwickeltes Nachtsichtgerät mit dem phantasievollen Namen ‘Uhu’.

3

Wir schrieben das Jahr 1944 und der Krieg wollte und wollte nicht enden. Wie eine Walze zogen Hitlers Armeen über das Land. Ein Besuch zu Hause in Briesen, einem kleinen Dorf im Spreewald, etwa 100 Kilometer südöstlich von Berlin gelegen, sollte der letzte Heimaturlaub für mich gewesen sein. Ja, man gestattete den Soldaten, in größeren Abständen die Familie zu besuchen.
Mit dem Zug fuhr ich von Leipzig nach Cottbus bis zum Fernbahnhof, dann ging es weiter mit der Kleinbahn (die Spreewaldguste – eine Lok davon steht heute im Verkehrsmuseum in Dresden) vom sogenannten Spreewaldbahnhof bis nach Briesen, das waren zirka zehn Kilometer. Bei der Rückreise von diesem Heimaturlaub sorgte mein kleiner Hund für Aufregung. Bekommen hatte ich diesen Hund (eine bodenständige Promenadenmischung: Spitz mit vielleicht etwas Schäfer- oder auch Hirtenhund, schwarz, eben ein Haus- und Hofhund) als Welpen, ich zog ihn allein groß – und ich war von Anfang an für ihn verantwortlich. Obwohl er irgendwann den elterlichen Hof bewachen sollte – es war mein Hund. Ich lehrte ihn, über ein Stöckchen, das ich dicht über den Boden hielt, zu springen und legte den Stab täglich einige wenige Zentimeter höher – und erlebte ein Wunder: mein intelligenter kleiner Hund meisterte jede Hürde spielend und sprang am Ende mit Leichtigkeit über das große hölzerne Hoftor – wo er eines Tages einem zufällig vorbei fahrenden Radfahrer auf den Kopf sprang und von diesem für den Leibhaftigen in Person gehalten wurde.
Dieser kleine Hund lief nun neben dem Bummelzug mit bis nach Cottbus, und als ich durch die Unterführung zum Großbahnhof lief, lief er mir auch hier hinterher. Ihn zurück schicken nützte nichts, so oft ich es auch versuchte – er kam nach einigen Metern wieder angelaufen. Er hatte mich lange Zeit vermisst und spürte vielleicht, dass ich nun wieder eine ganze Weile fort sein würde. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als ihn in einem der Kleinbahnwagen an einer Holzbank festzubinden und dem Schaffner zu sagen, er möge ihn in Briesen losbinden, nach Hause würde er allein finden. Und genauso geschah es dann auch – und ich kehrte doch noch zu meinem Regiment zurück, ich hatte ja keine Wahl. Man setzte uns bei Gefechten ein, die uns mit unseren jungen Jahren unser bisheriges kurzes Leben bereits an uns vorüber ziehen ließen. Auch ereilten uns Schießbefehle, die aber zumeist ignoriert wurden, nicht nur von unserem Offizier, auch von uns – wir sollten zusehen, wie wir uns davonstehlen konnten, unser Leben retten. Warum sollten wir, so auch unsere Ahnung, unser Leben aufs Spiel setzen für einen Krieg, der sowieso bald zu Ende sein würde? Irgendetwas sagte uns, wir sagten uns, dass dieser Krieg seinem Ende zugeht. Es war nur so ein Gefühl, vielleicht, weil wir es so wollten.

4

Und wirklich – es kamen die letzten Kriegstage (ich wusste damals natürlich noch nicht, dass es die letzten waren), es war April 1945, ich war in der Nähe von Bebra bei Fulda stationiert. Es wurde ausgeladen, was soviel bedeutete wie das Abladen der Panzer nach längeren Transporten mit der Bahn von den Waggons und deren Transport zur nächsten Front. Man hörte die Schreie der Soldaten von überall her: „Der Ami ist hinter uns her!“ „Der Ami kommt.“ – Wir, das heißt ich und noch eine Hand voll Kameraden, liefen hinter dem Panzer her, wollten um jeden Preis mit ihm mitkommen: nichts wie weg hier, Hauptsache: am Leben bleiben; ein Panzer verhieß Schutz und Sicherheit. Der Rückzug erfolgte sogleich in einem Panzerspähwagen. Dann geschah etwas, was mir das erste Mal in dieser Endphase des Krieges wirklich das Leben rettete: es gab einen Unfall, bei dem der Wagen – es befanden sich zu der Zeit acht bis zehn Soldaten darin – in den nächsten Schrebergarten steuerte. Vielleicht die Hälfte der Insaßen sprang gerade noch rechtzeitig heraus, bevor die Amerikaner diesen Panzerspähwagen unter Beschuss nahmen, und versteckte sich im Graben, die anderen Hälfte – die, die nicht schnell genug reagierten, nicht sprangen – verbrannten bei lebendigem Leibe in diesem Panzer. Schreie, aber keiner hörte so richtig hin, jeder war mit sich selbst beschäftigt.
Sekunden entschieden darüber, ob ich am Leben bleiben oder verbrennen würde – ich sprang und überlebte. Nebenbei hinterließ dieser Unfall ein bis auf die Grundmauern zerstörtes Haus und einen verwüsteten Garten, aber es war ja Krieg, da sah es überall so aus wie hier nach diesem Zwischenfall. Was ist da schon ein zerstörtes Einfamilienhaus und ein ruinierter Garten in solch einem Krieg? Wir versteckten uns auf einem nahe gelegenen Gutshof, vergruben uns dort in einem Strohhaufen. Dass das Stroh am nächsten Tag auf einen Leiterwagen geladen wurde, bedeute für uns, dass das Fliehen und Verstecken ein Ende hatte; wir stellten uns den Amerikanern, die inzwischen das Bürgermeisteramt besetzt hatten – und vielleicht auch schon auf uns warteten. Die Amerikaner nahmen uns gefangen und ließen uns – Schikane, Dumme-Jungen-Streich, Rache? – auf der Kühlerhaube ihres Jeeps sitzen, ohne jede Sicherung, ohne Halt – dass niemand von uns während der Fahrt herunterfiel, war auch schon fast ein Wunder. Gelenkt wurde der Jeep von drei schwarzen Soldaten – fremd anmutende Gestalten, wenn man solch einen Menschen niemals zuvor zu Gesicht bekommen hatte – die das Fahrzeug trotz der drei ‘Kühlerfiguren’ einigermaßen sicher durch die Gegend steuerten. Dann hieß es für uns: umsteigen auf einen Sattelschlepper, auf dem etwa hundert Mann Platz hatten, wenn man das so nennen kann: Wir standen dicht beieinander, Mann neben Mann. Da kam es schon mal vor, dass jemand buchstäblich seinen Kopf verlor, wenn er beim Fahren unter starkem Geäst hindurch nicht rechtzeitig denselbigen einzog. Unser Ziel war ein allererstes Sammellager. Verpflegung? Die gab es für uns jedenfalls erst einmal nicht. Erinnern kann ich mich aber an einen Handwagen, vollgepackt mit Pellkartoffeln, gezogen von einer alten Frau, die diese Pellkartoffeln (wusste sie, dass an dieser bestimmten Stelle Gefangene vorbei fahren würden? war sie zufällig in der Gegend, auch noch mit gekochten Kartoffeln?) an uns verteilte – zwei davon ergatterte ich und dies war für eine sehr lange Zeit meine letzte richtige Mahlzeit. Mahlzeit! Was für ein Wort! Gehungert hatten wir bis dahin mehr als genug, aber es ergab sich immer eine Gelegenheit, etwas zu Essen zu organisieren. War man auf dem Land, bekamen wir als Soldaten von den Bauern Lebensmittel zugesteckt, stopften uns die Taschen mit Brotresten voll und versorgten uns mit Essbarem von den Feldern; Rüben, Kartoffeln und Kohl gab es hauptsächlich, seltener ein Stück Speck.

5

Im Mai 1945 kam ich in das erste auf die Schnelle, zuerst provisorisch eingerichtete Gefangenenlager der Amerikaner, meine Heimstatt für die nächsten Monate, wie sich etwas später herausstellen sollte. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich jetzt für längere Zeit hier bleiben würde – ich hätte ihm gesagt: „Du spinnst, das kann nicht sein, hier kann kein Mensch so lange Zeit überleben, nicht unter diesen Bedingungen.“ Es war ein relativ kleines Lager bei Heiligenhaus (zwischen Düsseldorf und Mühlheim/Ruhr gelegen, in Rheinnähe), zu dem wir Gefangene gebracht wurden. Alles, was wir hier neben der mehr als kärglichen ‘Verpflegung’ bekamen, waren ab und zu ein paar gekochte Kartoffeln, die von der Zivilbevölkerung über den Lagerzaun geworfen wurden, trotz Androhung von Strafe. Aber dies alles war nur ein Vorgeschmack auf das, was uns noch erwarten sollte. Die unvorstellbar großen Gefangenenlager der Amerikaner am Rheinufer entlang, Sinzig, Remagen und Andernach, die sogenannten ‘Rheinwiesenlager’, ließen uns jeden Tag aufs Neue mit uns selbst kämpfen, um nicht zum Tier zu werden. Nicht nur Mensch zu bleiben, sondern auch Kameradschaft aufrecht zu erhalten, auch den eigenen Lebensmut nicht zu verlieren – was soviel hieß wie: hart werden, ohne seinen Nächsten neben sich zu vergessen, der das gleiche Schicksal erdulden musste wie man selbst. Und sich selbst dabei natürlich auch nicht zu vergessen.
Diese Lager erstreckten sich etwa über zehn Kilometer am Rhein entlang. Mehr als 100.000 Gefangene waren hier zusammengepfercht, rund um die Uhr strengstens bewacht von den Amerikanern. Wir wurden wie Vieh gehalten – diese Lager waren das, was die Siegermacht in so kurzer Zeit im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Boden stampfen konnte. Nicht einmal die Konventionen des Roten Kreuzes wurden eingehalten – wie ich später, viel später, erfuhr –, nachdem den Kriegsgefangenen ein Minimum an Rechten und Würde zugestanden werden musste, auch ein Minimum an Verpflegung. Ein Minimum an Menschenwürde eben. Es gab jeden Tag an die tausend Tote unter uns. Das Lager bestand zu Anfang nur aus mit einfachem Stacheldraht eingezäunten Feldern direkt am Rheinufer. Später wurden Pfähle eingelassen und die Umgrenzung des Lagers auf diese Weise regelrecht perfektioniert. Wir dachten nun: Das ist nun wohl für längere Zeit. Außerdem wurden nach und nach Wachtürme gebaut, und zwar an jede Ecke des Lagers, und wer bis an den Zaun kam, wurde erschossen. Selbst wenn sich jemand von den Zigarettenkippen, die die Amerikaner (achtlos?) wegwarfen, anlocken ließ, das heißt eben zu nah an den Zaun heran kam, wurde erschossen. Ausnahmslos.
Grausam waren auch die Tiefflüge der Amerikaner;immer und immer wieder flogen Flugzeuge direkt über unsere Köpfe hinweg. Wir duckten uns in den schlammigen Boden, um dem Lärm etwas zu entkommen – was natürlich nicht möglich war. Man konnte diesem Höllenlärm nicht entkommen, selbst wenn man sich die Ohren zuhielt, es war unbeschreiblich laut. Und sie schienen diese Tortur nicht abbrechen zu wollen. Geplante Schikane, kein Ausreißer eines Soldaten, kein Einzelfall, sondern Vorfälle, wie sie immer und immer wieder passierten.

6

Das erste dieser ausgebauten Lager befand sich bei Andernach, es wurde aber schon nach kurzer Zeit aufgelöst. Sinzig und Remagen waren danach die größten ‘Hungerlager’. Eine ganze Woche hatten wir als Kriegsgefangene nichts zu essen erhalten; drei Wochen nicht ‘austreten’ können, drei Wochen nicht ‘auf die Toilette’. Für eine Tasse Wasser wurde schon einmal eine Armbanduhr hergegeben, wenn man nicht eine ganze Nacht nach ein bisschen Wasser anstehen wollte an den Kilometer langen Schlangen – alles, wirklich alles wurde versucht, um in dieser Schlange etwas schneller weiter zu kommen. Es gab Leitungswasser aus Leitungen, die allein für das Lager gebaut wurden, aber es floss aus nur zwei Wasserhähnen für das kilometerlange Lager insgesamt – man kann sich also gut vorstellen, wie lang die Schlangen vor den Wasserstellen waren. Weiter war eine zirka zwanzig Quadratmeter große Fläche zum Wasserlassen vorgesehen – ein Becken, so tief wie breit. Wer abgerutscht ist, ist abgesoffen, konnte nicht mehr herausgeholt werden, wie denn auch?. Und ‘Donnerbalken’ nannten wir den schmalen Graben fürs ‘große Geschäft’, schmale Gräben, über die man gerade so sitzen bzw. hocken konnte. viele erkrankten an der Ruhr, was letztendlich den sicheren Tod bedeutete, denn auf medizinische Behandlung durfte man nicht hoffen.
Bei jedem Versuch, aufzustehen, wurde es schwarz vor Augen. Man musste sich folglich mehrmals ganz, ganz vorsichtig erheben und sich immer wieder setzen, aufstehen, setzen, bis der Kreislauf einigermaßen in Ordnung war, bis der Kreislauf wieder in Gang gekommen war. Zwei der Soldaten, die anfangs bei mir waren, sind nach kurzer Zeit gestorben; immer nur auf der Erde gehockt, angeschlagen, keine Kraft mehr, da verließ manchen der Mut – vielleicht war das einfach der Grund, vielleicht konnten oder wollten sie nicht mehr weiter leben. Ich aber wollte weiter leben, wollte überleben. Ich war noch jung, ich hatte doch das ganze Leben noch vor mir. Ich würde es schaffen. Ich wollte es schaffen. Niemand würde mich klein kriegen.

7

Mehrmals täglich ging ich, wohl um nicht völlig abzustumpfen und so vielleicht auch den Lebensmut zu verlieren, ans Lagertor; ich brauchte ein noch so kleines bisschen Hoffnung – auch wenn sie noch so gering war – ich brauchte Beschäftigung, ich brauchte Ablenkung. Es wurden immer und immer wieder Leute für Arbeiten außerhalb des Lagers benötigt - ich wollte einfach nur irgend etwas zu tun, nur irgend etwas, ganz egal was. Die dreckigste, anstrengendste Arbeit war mir willkommen, Hauptsache Beschäftigung.
Ein schwarzer Amerikaner kam ins Lager – er brauchte zehn Leute; ich bin gerade noch als zehnter durchgerutscht – reine Glückssache. Wir sollten Lastwagen ausladen oder sonst was; war ja auch egal, so war ich wenigstens einmal draussen. Angst vor Lagerkoller? Ganz sicher hatte ich Angst vor Lagerkoller! Die Plackerei war aufs Erste meine Rettung. Arbeit lenkt ab. Aber an Flucht war nicht zu denken, es war alles strengstens bewacht. Im Mai endlich – ich war noch achtzehn (ich weiß es noch genau: es war kurz vor Pfingsten 1945) mussten wir zum Putzdienst an einer Schule antreten. Wie es genau dazu kam, weiß ich heute nicht mehr in allen Einzelheiten: aber ich entdeckte in diesem Schulgebäude den Keller. Die Amerikaner hatten keine Mülltonnen, also wurde alles, was von ihren Care-Rationen aus Übersee übrig blieb, einfach in den Keller geworfen. Ex und hopp. Manchmal wurden gar nur die Zigaretten aus den Paketen genommen, der Rest wurde weggeworfen, einfach weggeworfen, wie Müll eben. Diese Pakete waren von unterschiedlicher Farbe, je nach Funktion dadurch gekennzeichnet: Frühstückspakete, Mittagspakete und Abendpakete, jeweils in einer anderen Farbe. Das weiße Brot, das reine Weizenbrot, das die Amerikaner aßen, war für mich etwas ganz, ganz Besonderes. Ich kannte es nicht als alltägliches Brot – bei uns zuhause war dunkles Roggenbrot das tägliche Brot, Roggenbrot mit Sauerteig und mit einer dunklen Kruste, nach Wochen auch schon mal angeschimmelt. Auf dem spreewälderischen Ackerboden gedieh Roggen besser als Weizen, der doch etwas anspruchsvoller war und bei uns nur in geringen Mengen angebaut wurde. Weizenbrot ließen wir in meinem Heimatdorf nur für besondere Anlässe, Familienfeiern zum Beispiel, beim Bäcker zwischen dessen eigenen Broten mit backen. In den Paketen der Amerikaner waren neben dem Brot: Streichhölzer, auch noch kleine Schachteln Zigaretten (vier oder fünf Stück pro Packung), Kekse, Corned Beef – jeweils eine Tagesration von allem. Mir ging bei diesem Anblick folgendes durch den Kopf: gegen Menschen, die so gut mit Lebensmitteln versorgt waren, konnten wir doch keinen Krieg gewinnen – wir haben als Landser nichts als Kohldampf geschoben, und dann sah ich das. Es kam mir fast verschwenderisch vor, so viele Lebensmittel für ein paar Soldaten. Dort, im Keller der Schule, stopfte ich mir die Hosen- und Jackentaschen voll – und habe mich damit auf einer Toilette eingeschlossen; ich aß, soviel ich in dieser Zeit essen konnte, bis jemand an die Tür klopfte und ich die Toilette räumen musste. Mein Bauch war nach langer Zeit wieder gut gefüllt. Ich war noch einmal richtig satt geworden – hatte ich doch schon fast vergessen, was das heißt, durfte es aber noch einmal auskosten.

8

Aus den Paketen der Amerikaner hatte ich jetzt Streichhölzer, die für mich wie bares Geld waren. Es ergab sich, dass ich eines Tages in einer Küche den Abwasch machen musste; ich wurde der Küche zugeteilt, ohne dass ich mich darum hätte extra bemühen müssen. Zufall, Glück? Ein schwarzer amerikanischer Soldat, seiner Uniform nach zu urteilen wohl höheren militärischen Ranges, wollte eine Zigarette rauchen und hatte kein Feuer – aber ich! Also gab ich ihm Feuer. Ich glaube, er konnte einfach nicht begreifen, dass ein Weißer – auch wenn es ein Gefangener war und dazu noch ein deutscher Gefangener – einem Schwarzen Feuer gibt. Er hatte sich jedenfalls so über meine Geste gefreut, hat sich verbeugt und: er hatte mich von da ab merkwürdigerweise ständig im Visier gehabt. Machte ich vielleicht etwas falsch, warum beobachtete er mich? Er rief mich zu sich und gab mir eine Schachtel Zigaretten; diese konnte ich wieder gegen etwas anderes eintauschen, gegen etwas Essbares, gegen Schokolade zum Beispiel. Wer Zigaretten hatte, war wirklich reich, er hatte nun ein Tauschmittel in der Hand.
In dieser Küche stand ein 200-Liter-Fass mit schwarzem Tee, eiskalt, das heißt, eigentlich ideal zum Trinken, wenn man bis dahin nur lauwarmes und abgestandenes Wasser getrunken hatte und jede Abwechslung willkommen war. Wir wollten aber den Tee nicht, wir wollten den Zucker, der sich am Boden des Fasses abgesetzt hatte. Wir kippten den Tee in den Küchenausguss! Jeder von uns hatte ständig einen Löffel und eine Konservenbüchse dabei, für alle Fälle – man konnte ja nie wissen, wozu man das einmal brauchen würde. Ich füllte meine Büchse mit Zucker und mit der kam ich nun ins Lager. Zu dritt – wir hatten uns in Dreiergruppen zusammen geschlossen – hatten wir nun eine Dose voll Zucker, der wurde natürlich geteilt: für jeden von uns gab es täglich einen Löffel Zucker, nicht mehr. Man musste wirklich einen sehr, sehr eisernen Willen haben: ausgehungert, wie man war, und trotzdem rationieren, auch wenn es nur Zucker war. Das Rationieren sicherte das Überleben. Das hatten wir bis dahin gelernt. Und auch dies hielt uns am Leben.

9

Zurück zum Feldlager, Pfingsten anno 1945. Nach etwa vierzehn Tagen begannen wir, uns im Lager einzurichten, so gut es eben ging.
Zu allererst hatten wir uns ein Loch gebuddelt – wie, weiß ich bis heute nicht mehr, ich nehme an, mit Konservenbüchsen, vielleicht lag auch irgendwo noch ein Spaten herum. Jedenfalls war das Erdloch so beschaffen, dass wir uns hineinsetzen konnten, zu dritt sogar, und auch ein klein wenig windgeschützt war es dort für uns.
Wie vom Himmel geschickt fuhr ein Lastwagen vom Roten Kreuz ins Lager und verteilte ein paar Wolldecken. Und da ich noch verhältnismäßig kräftig war, hatte ich irgendwann einen Zipfel von einer Decke in der Hand und ließ ihn nicht mehr los, gerade so, als würde mein Leben an diesem Zipfel hängen – ich hatte wirklich eine Wolldecke ergattert. Wir bauten mit Hilfe von vier Stöcken ein Dach, aber es war natürlich nicht wasserdicht, es regnete durch. Des Nachts sollte jeweils einer von uns mit einer Konservenbüchse Wasser auskippen, aber alle drei waren wir vollends erschöpft eingeschlafen, und am nächsten Morgen saßen wir im Wasser. Von unten durchnässt, von oben klitschnass, und dann noch ohne Mantel, jeweils nur mit Hose und Jacke bekleidet – ich hatte wenigstens das warme Fliegerhemd zusätzlich, aber das war inzwischen ebenfalls durchnässt. Die Lagerführung (jeweils zwei Mann für eine Hundertschaft abkommandiert, von den Amerikanern für diese Aufgabe bestimmt) hatte sich aus Lehm einen regelrechten kleinen Bunker gebaut; das Wasser lief ab, als der Lehm trocken war. Beneidenswert, aber für uns nicht durchführbar. Ich für meinen Teil war jedenfalls nach der einen verregneten Nacht durch und durch nass bis auf die Haut und dachte, dass ich die nächste Nacht wohl nicht überleben werde; ich bekam Schüttelfrost, wurde von allerlei schwarzen Gedanken und sonst was heimgesucht. Zum ersten Mal war ich wirklich im wahrsten Sinne des Wortes am Boden, ich war mutlos, wollte nicht mehr weiterleben. Ich ging zur Lagerführung und sagte ganz ruhig: „Kaputt gehen kann ich auch bei euch hier, ich gehe hier nicht mehr weg. Ich will was Anständiges zum Anziehen.“ Man gab mir eine lange warme Unterhose – wohl übrig geblieben von den Rot-Kreuz-Spenden – die war so groß, dass ich sie fast bis unter die Achseln hoch ziehen konnte, und dann die nassen Sachen wieder drüber. Mir war so wohl, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Nach zwei oder drei Tagen in Regen und im Schlamm kam die Sonne heraus, alles trocknete und dann – wurden Läuse gesucht. Wir haben bei jedem einzelnen vielleicht zwanzig Läuse gefunden, nur: nach zwei Tagen waren wieder genau so viel da. Tage später sprühten die Amerikaner uns mit einem desinfizierenden Pulver ein, in die Ärmel und sonst wohin, die Läuseplage hörte endgültig auf. Man fühlte sich vorübergehend ein klein wenig als Mensch, man bekam wieder seinen Lebensmut zurück – und seinen Wunsch, nicht aufzugeben. Man hatte ein Ziel, nämlich weiterleben. Wie ein bisschen Sonne die Lebensgeister wieder erweckt. Sogar den Hunger konnte man vorübergehend vergessen; wir tankten ein kleines bisschen auf – wohl für das, was uns noch erwartete.

10

Unsere Verpflegung, wenn man es so nennen will, sah in diesem Lager mit der Zeit folgendermaßen aus: wir bekamen ein paar Weizenkörner, die wir in einer Dose zerstampften, mit etwas Wasser zu einem Brei verrührten und daraus eine Suppe kochen konnten. Mit zwei Steinen haben wir uns hierfür eine notdürftige Feuerstelle gebaut. Abends sah man überall auf den Feldern kleine Feuerstellen, die wie Kerzen schienen; überall wurde auf diese Art und Weise etwas gekocht. Wir bekamen inzwischen pro Tag und pro Person fünf bis sechs trockene Kekse, einen Esslöffel Eipulver, einen Esslöffel Milchpulver und einen Esslöffel Zucker – den Zucker aus dem Teefass hatten wir inzwischen aufgebraucht. Diese Zuteilung war kalorienmäßig so berechnet, dass man gerade am Leben blieb, aber zugleich nie richtig satt wurde, man hatte ständig Hunger, ständig ein Loch im Bauch. Und: es gab keine warmen Speisen – keine Kartoffeln oder ähnliches - doch, es gab Trockenkartoffeln, die wir in Wasser einweichen und danach kochen konnten. Die Wasserstellen waren später auch so reichlich und damit auch nah, dass man den Weg schaffen konnte ohne sich tage- und nächtelang anzustellen. Wir konnten uns sogar ab und zu waschen – welch ein Luxus. Als ich mich das erste Mal nach langer Zeit gewaschen hatte, haben die Kumpel um mich herum mich nicht mehr wieder erkannt. „Bist du neu hier?“ „Ach was, ich bin genau so lange hier wie ihr.“ Wir hatten uns gegenseitig nicht wiedererkannt, waren bis dahin dermaßen verdreckt gewesen. All die Wochen zuvor hatte ich mich ja niemals gewaschen. Das bisschen Wasser, das man nach dem Schlange stehen ergattert hatte, war viel zu kostbar, als es für so etwas Nebensächliches wie Waschen zu verschwenden, gerade in der Anfangszeit des Lagerlebens, welche die schlimmste Zeit war. April, Mai, dauernd Regen. Im Regen draußen stehen, Tag und Nacht. Ich kann heute überhaupt nicht verstehen, wie man so etwas überstehen konnte. Wir waren immer heilfroh, wenn wieder eine Nacht vorbei war, wenn wir sie obendrein noch überstanden hatten. Im Stehen haben wir meistens geschlafen, uns gegenseitig abgestützt, damit wir nicht umfielen. Man konnte sich nicht hinlegen, es war ja alles klitschnass, aufgeweicht und matschig. Aprilwetter eben, was wollte man da anderes erwarten?

11

Es war Ende Juni, als wir erneut verladen wurden, und wir bildeten uns wirklich ein, wir würden entlassen. Ob wir schon so weit waren, dass wir jeden Realitätssinn verloren hatten und schon phantasierten – ich weiß es nicht. Wir träumten, wie nur jemand träumen kann, der so ausgemergelt war wie wir, der nur noch aus Haut und Knochen bestand.
Wir fuhren in offenen Waggons, hätten jederzeit unterwegs abspringen können. Aber warum sollten wir das tun: „Wir werden ja sowieso entlassen, warum sollen wir runterspringen?“ Bloß kein Risiko eingehen, so kurz vor der Freiheit. Wenn die Freiheit zum Greifen nahe war... Uns fiel jedoch auf, dass wir linksrheinisch fuhren und fragten Passanten, wo’s über den Rhein geht. Alle Brücken wären kaputt, rief man uns zu und: „Ihr seid ja schon bald in Belgien. Hier geht es nach Lüttich.“
Bei diesen Transporten – Fahrten oder Reisen konnte man das ja nicht nennen – im offenen Waggon waren wir eine bequeme Zielscheibe für die belgische und später französische Zivilbevölkerung; man bewarf uns von Brücken aus mit den unmöglichsten Gegenständen, mit Stöcken, mit Steinen, eben was man gerade am Wegesrand fand – oder was man ganz gezielt mitbrachte, wenn man eben mal wieder auf eine strategisch günstige Brücke ging. Wir waren diesem Mob ausgeliefert, es wurde zumindest in Kauf genommen, sonst hätte man diesen Transport wohl anders geplant. Wir waren insgesamt drei Tage unterwegs, bis wir letztendlich in Paris ankamen. Drei Tage in Waggons zusammen gepfercht, ohne Essen. Wir entdeckten, als wir einige Stunden darauf warteten, was nun mit uns geschehen würde, auf einem Nebengleis einen Güterwaggon, in dem wohl Lebensmittel transportiert wurden – wir hatten so eine Vermutung, vielleicht Hoffnung, das es so wäre; diesen Waggon konnten wir ohne besonders große Anstrengungen aufbrechen. Nicht alles war bewacht, wir konnten es wagen – und die Mühe hatte sich gelohnt, es fanden sich wirklich Reste von Essbarem darin. Für uns war das wie in einer gut gefüllten Speisekammer gelandet zu sein. Fieberträume. Die Träume von Ausgehungerten und dem Tode sich nahe fühlenden eben. Menschen, denen alles egal zu sein schien. Man fühlte sich seinem Schicksal gnadenlos ausgeliefert. Ein klein wenig war uns alles egal, wenn wir schon auf dem Boden eines leeren Waggons kriechend nach ein paar Krümeln suchten …

12

In Grenoble, nach einer weiteren Fahrt – oder vielmehr nach einem weiteren Transport – durften wir endlich aus dem Waggon klettern, wurden wir endlich ausgeladen; es war Juli 1945, kurz vor meinem neunzehnten Geburtstag. Wir marschierten los, in Dreierreihen mitten durch die Stadt. Auf der Hut mussten wir sein, dass wir nicht zu nahe am Bürgersteig entlang gingen; Franzosen traten nach uns, bewarfen uns mit Steinen und mit Stöcken, spuckten uns an. Ich sah zu, dass ich beim Marschieren ins Lager in der Mitte dieser Dreierreihen ging, da war es ein bisschen sicherer. Wir waren die Nazis, Unmenschen, alles Mörder, alle. ‘Boche’ (in der französischen Sprache umgangssprachlich und geringschätzig, nein: abschätzig, für den Deutschen gebraucht). Ausnahmslos. Beinahe wie eine Erlösung kam es uns vor, als wir nach dem unendlich langen Marsch in große Baracken untergebracht wurden. Ein Kamerad sagte zur mir: „Du, wir werden ja gar nicht mehr nass. Stell dir vor, es regnet und wir haben ein Dach über dem Kopf.“ Anfangs hatten wir sogar etwas Angst, in die Baracke hineinzugehen, zögerten, wie Vieh, das zu lange im Freien war und jetzt auf einmal in den Stall sollte.
Meinen neunzehnten Geburtstag am 10. Juli 1945, meinen ersten Geburtstag in Kriegsgefangenschaft, wollte ich hier auf eine ganz besondere Art und Weise feiern: ein kostbares Stück Brot, obwohl nur trockenes Brot, war das Besondere dabei. Statt Geburtstagstorte: mein Geburtstagsbrot. Wir wurden in einem Lager in Grenoble einquartiert, es war erst der 5. Juli 1945, aber ich plante bereits für meinen Geburtstag. Jeden Tag bekamen wir pro Mann ein Stück Brot zugeteilt. Ich wollte an dem Tag vor meinem Geburtstag, am 9. Juli, meine Brotration nicht essen – ich wollte sie aufheben, damit ich an meinem Geburtstag zwei Stücke haben würde, und dann wollte ich einmal merken, dass ich wirklich etwas gegessen habe, einmal merken, dass ich etwas im Bauch hatte. Ich habe mit dem Stück Brot unter meinem Kopf geschlafen, voller Erwartung auf den nächsten Morgen. Was dann geschah, hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können: Mir wurde das Stück Brot während der Nacht unter meinem Kopfkissen weggeklaut, von einem Kameraden! Geklaut! Ich hätte heulen können vor Wut! Habe ich wohl auch getan. Das war kein schöner Geburtstag. Diese bittere Erfahrung hatte mich gelehrt, das Brot, das ich zugeteilt bekam, immer gleich aufzuessen und auch sonst nie mehr etwas für später aufzuheben. Von dem Tag an lebte ich buchstäblich von der Hand in den Mund. Ich wollte kein Risiko mehr eingehen. Essen, wenn es etwas zu essen gab, hungern, wenn es mal nichts zu essen gab. Dann würde ich eben verhungern. Dann wäre zu verhungern mein Schicksal gewesen. Ich war für eine gewisse Zeit mutlos geworden. Ja, ich war zwischenzeitlich auch einmal des Kämpfens und des Überlebenwollens um jeden Preis müde. Gleichgültigkeit machte sich breit, Mutlosigkeit war es natürlich auch, Angst davor, wie es weitergehen würde und wie lange ich das noch würde aushalten, ob mich nicht auch bald eine Krankheit niederstrecken würde.

12

In Grenoble waren die ehemaligen Kasernen der Franzosen als Unterkünfte für uns bestimmt. Jeder von uns Gefangenen hatte seinen zugeteilten Platz, ein mal zwei Meter, und damit war die Halle auch schon mehr als gut gefüllt; es wurden zusätzlich metallene Doppelstockbetten aufgestellt und es blieb auf diese Weise zwischen den einzelnen Betten etwas mehr Platz. Jeder hatte so sein eigenes Revier zugeteilt bekommen. Diese ehemaligen Kasernen lagen mitten in der Stadt und blieben unser Stammlager für eine mehr oder weniger lange Zeit. Nach zwei, drei Wochen – vielleicht wartete man solange, weil man uns erst ein wenig aufpäppeln musste; wir waren ja nur noch lebende Skelette, wer würde solch einen klapprigen und dürren Mann als Arbeitskraft haben wollen? – sprachen Franzosen, meist Bauern aus der Gegend um Grenoble, bei der Lagerleitung vor und fragten nach Arbeitskräften. „Was könnt ihr?“ Eigentlich alles, jedenfalls waren wir bereit, alles zu tun, denn wir wollten und konnten zupacken. Uns war es egal, wo wir hinkamen – natürlich wäre ein Bauernhof, wo es ganz bestimmt genug zu essen geben würde und auch genug Arbeit, damit die Zeit verging, das beste. Wünsche wurden nicht entgegengenommen, aber wir hofften, beteten vielleicht auch noch. Und wir wurden erhört. Und schon nach drei, vier Wochen, im August 1945, wurde ich für meinen ersten Arbeitseinsatz abgeholt.
Ich wurde einem Bauern in St. Egrève bei Grenoble zugewiesen. Ohne auch nur ein Wort französisch zu sprechen oder auch zu verstehen, fuhr ich mit dem Bauern mit, voller Erwartung und Neugier. Endlich würde das Hungern ein Ende haben, sagte ich mir. Man zeigte mir meinen Schlafplatz auf dem Dachboden – eine Kammer, klein, aber warm und trocken, die für die kommenden Monate mein persönliches Reich sein sollte.
Dieser Bauer, bei dem ich die kommenden Monate leben und arbeiten sollte, verkaufte sein angebautes Obst und Gemüse auf dem Markt, ja sogar bis nach Grenoble. Er nannte insgesamt vier Kühe sein eigen, ansonsten besaß er nur noch ein paar Ziegen und auch ein paar Hühner. Und er hatte noch eine weitere Arbeitskraft, einen jungen Mann aus der Psychiatrie zum Kühe hüten. Der junge Mann saß auf der Holztreppe, die zu meinem Kämmerchen führte und rief mir zu, als ich auf den Weg zu meinem Zimmer an ihm vorbei musste: „Heil Hitler“. Was blieb mir anderes übrig, als ihn zu ignorieren und einfach an ihm vorbei zu gehen. Ich ging eines Tages die Straße im Dorf entlang, nichts ahnend, und ein Zivilist marschierte mit einem Stock als Gewehr über der Schulter hinter mir her: „Boche“ – da war es wieder, das für einen Deutschen als übles Schimpfwort benutzte Wort in der französischen Sprache; das, so hatte ich gespürt, waren seine Worte. Ich spürte, dass nichts Nettes gemeint sein konnte. Nichts Gutes war damit gemeint, zweifellos. Manchmal versteht man ja die Sprache der anderen, ohne dass man wirklich ein Wort versteht.
Ich musste mich in den ersten Wochen auf dem Bauernhof mit Gesten verständlich machen, lernte aber auch, die Gesten der anderen, meiner Gastgeber, zu deuten. Die Verständigung in französischer Sprache klappte von Tag zu Tag besser. Ich unterhielt mich draußen mit dem Nachbarn, ebenfalls einem Bauern, und die Bäuerin hatte in der Zeit schon den Tisch gedeckt: mit knusprigem weißen Brot, mit reichlich selbst gemachtem Käse, einer halben Flasche Wein. Während sie sich anschließend im Hof lange Zeit mit einer Nachbarin unterhielt, aß ich fast den ganzen Tisch leer, weil ich zu der Zeit noch ziemlich ausgehungert war und etwas nachzuholen hatte. Man ließ mich essen, aber die Bäuerin hatte sich trotzdem so erschrocken, weil das alles so schnell ging – ein halbes Brot habe ich auf einmal verdrückt, nichts konnte mich davon abhalten, zuzulangen. Meine Gastgeber hatten sicher gedacht: der isst uns arm, wenn das so weiter geht. Folglich bekam ich dann, ab dem nächsten Tag, nur noch eine Scheibe Brot pro Mahlzeit zugeteilt. Einer der beiden Söhne saß nun aber beim Abendessen neben mir. Er brach sich ein Stück Brot ab, so wie die Franzosen das beim Essen eben machen, legte das restliche Stück Brot neben seinen Teller – und ich nahm es mir. Und als sein Stück Brot weg war, brach er sich ein neues Stück ab. Und so konnte ich mich nach und nach auch mehr als satt essen. Es schien niemandem aufzufallen, vielleicht, weil man sich beim Abendessen recht angeregt unterhielt. Der Alte rauchte ab und zu, mir wurde aber keine Zigarette angeboten. Ich kann auch nicht sagen, ob ich das wirklich vermisst habe, es fiel mir nur auf. Sicher wäre es mir nicht gut bekommen, also war es schon besser so. Vielleicht hätte ich eine Zigarette bekommen, wenn ich danach gefragt hätte.

14

Bei der Bäuerin hinterließ ich wohl den Eindruck eines nicht ganz Gescheiten, weil ich ihre Sprache nicht verstand; sie rief ständig „huhuhuu“ und wirbelte dabei mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. Ich dachte: Wenn du wüsstest, wer ich bin. Wart’s ab, irgendwann wirst du mich noch kennen lernen. Meine Chance wird schon noch kommen. Morgens, zum Wecken, schlug sie mit einer lange Holzstange gegen mein Fenster – so begannen meine Tage. Arbeit. Essen. Arbeit. Essen. Schlafen. Zum Abendessen war der Tisch wie immer reichlich gedeckt – und es gab sogar Walnüsse. Nüsse zum Abendessen, dabei war es nicht einmal Weihnachten, denn Nüsse gab es bei uns zu Hause nur zu Weihnachten, auf dem bunten Teller und nicht, wie hier im Nachbarland, als Nahrungsmittel beinahe täglich. Ich wollte nach dem Abendessen eine Hand voll Walnüsse mit auf mein Zimmer nehmen. Da nahm sie mir doch wirklich die Nüsse weg: „Die isst man mit Brot“, sagte sie in einem barschen, unfreundlichen Ton. Ich hatte mich in diesem Moment sehr über diese Frau geärgert. Nahm die mir doch allen Ernstes die Nüsse weg. Einfach so. Aber dann entdeckte ich eines Abends auf dem Dachboden zwei Holzkisten, randvoll gefüllt mit Walnüssen, wohl der Vorrat bis zur nächsten Ernte; ich hatte die ganze folgende Nacht Nüsse geknackt. Sie waren eine willkommene Abwechslung auf dem Speisezettel, denn nach und nach wurde ich fast etwas wählerisch – vielleicht ging es mir inzwischen zu gut. Ich war neugierig, was dieses Land noch alles für mich bereit halten würde. Weißes Brot, Käse aus Ziegenmilch, dazu Nüsse und auch noch Rotwein – so viel Unbekanntes, aber Gutes.
Morgens war ich Tag für Tag in der Früh der erste auf dem Feld, und zwar bereits kurz nach Sonnenaufgang. Ich nahm mir die Melonen, auf denen kleine Schnecken krochen, denn ich wusste: das waren die wirklich reifen Früchte, die süßen. Danach musste ich jede Stunde auf die Toilette, denn mit den vielen Melonen nahm ich auch viel Wasser zu mir, was mir erst später bewusst wurde. Der Eimer, der oben in meinem Zimmer stand, reichte bald nicht mehr aus.
Ich hatte hier noch eine weitere merkwürdige Begegnung mit der Küche dieses Landes. Es wurde ein Zicklein geschlachtet, und ich sah, wie in einer Schüssel Blut und Innereien gesammelt wurden. Man rief mich herbei, ich sollte die Schüssel wohl in die Küche bringen – und man war sich sicher, dass ich das auch tun würde – wohin hätte ich sonst solche Dinge wie die Innereien einer Ziege bringen sollen? Jedenfalls deutete man mit allen verfügbaren Händen in Richtung Küche. Ich nahm die Schüssel und kippte den Inhalt auf den Misthaufen, der sich auf den Weg zur Küche befand, denn ich hielt das alles für Abfall (bei uns zu Hause wurde längst nicht alles gegessen, was ein Tier hergab). Das Geschrei war groß; die Bäuerin war fast verrückt geworden vor Zorn. Wie kann man solch einem blöden Kerl nur die Schüssel anvertrauen! Ich dachte nur: So etwas werdet ihr doch wohl nicht essen! Ich bin nach diesem Vorfall hoch auf meine Bude und habe mich den restlichen Tag nicht sehen lassen. Die Bäuerin schrie noch eine Stunde später. Zwei Dumme hatte sie, da-mit waren sie genug gestraft, jammerte sie. Aber sie beruhigte sich wieder.
Eine kleine Ziegenherde besaß diese Bauernfamilie, hauptsächlich wegen der Milch, und die Milch war hauptsächlich für den Käse bestimmt. Direkt vor dem Hof befand sich ein felsiger, ziemlich steiler Berg, vielleicht sechs- oder siebenhundert Meter hoch. Die Ziegen wurden auf diesen Berg gejagt; nach zwei Tagen etwa kamen sie wieder herunter, und zwar sobald sie gerufen wurden. Sie wurden abgemolken und dann wieder weggescheucht. Das Melken der Tiere übernahm die Bäuerin selbst – vielleicht hatte sie Angst um sie, wenn sie dies einem unerfahrenen Lümmel auftrug. Da gab es doch genug anderes, was ein junger Kerl wie ich ihr an Arbeiten abnehmen konnte. Sie bekamen in der Zeit nach dem Krieg Lebensmittelkarten, auch für mich bekam die Familie welche. Zucker war zum Beispiel auf diesen Karten; die Franzosen bekamen Zucker, Kriegsgefangene bekamen Süßstoff. Ich habe dort mein erstes rohes Ei getrunken, das hatte ich früher nicht fertig gebracht; hier brachte mich der Hunger nach Nahrhaftem dazu, so etwas einmal zu probieren oder vielmehr runter zu würgen. Aber eigentlich war da ja nicht viel zu würgen, es flutschte fast allein herunter.
Der ältere Sohn der Familie, Offizier in der französischen Armee, kam für nur einen Tag zu Besuch. An diesem Tag deckte die Bäuerin einen kleinen Tisch für mich in der Küche – es war einem französischen Offizier verboten, mit einem deutschen Kriegsgefangenen an einem Tisch zu sitzen – ähnliche Vorschriften kannte ich ja bereits aus der Heimat während des Krieges. In einer gusseisernen Pfanne wurden frische Crêpes in Butter gebacken, zum Wenden der Pfannkuchen kam die Bäuerin in die Küche, ließ sich hierfür aber auch schon mal etwas mehr Zeit, hielt ein Schwätzchen hier und dort. Als sie bemerkte, dass das Backen der Crêpes bei mir in guten Händen war, ließ sie sich noch mehr Zeit, so viel Zeit, dass ich zwischendurch ein paar von den frischen Pfannkuchen essen konnte, ohne dass der Verlust bemerkt wurde. Bis zu ihrem nächsten Erscheinen in der Küche hatte ich die Pfanne längst mit frischem Teig aufgefüllt. Ich saß in der Küche, achtete auf die Crêpes und sah, wie die Bäuerin in die Speisekammer neben der Küche ging und eine Flasche Wein holte. Es wurde geredet und geredet;ich nutze die Gelegenheit und füllte mir von jeden der vier Flaschen, die in einem Korb standen, eine kleine Menge in meine Tonflasche und füllte die Weinflaschen mit Wasser auf, verdünnte ihn also. Ich selbst hingegen trank den puren Wein. So etwas wie diese Aktion war aber die Ausnahme – in der Anfangszeit der Gefangenschaft in Frankreich war ich ausgehungert und nahm jede Gelegenheit war, etwas außerhalb der Reihe zu mir zu nehmen, alles war mir willkommen, was meinen Speisezettel erweiterte und mich zusätzlich sättigte. Ich würde meine Kräfte noch brauchen.

15

Bis November 1945, also drei Monate, hatte ich bei diesem Bauern in St. Egrève gearbeitet, dann war die Arbeit, für die er mich aus dem Lager holte, erledigt, und er musste mich wieder zurück bringen. Ich kam zurück in mein Stammlager nach Grenoble und ein anderer Bauer sprach im Lager vor, ein Franzose italienischer Abstammung aus La Monta, eigentlich ein Holzfäller, mit Namen Antoine Alborghetti, wollte mich als Arbeiter mitnehmen.
Meine Eltern hatten übrigens zu der Zeit noch nichts von mir gehört; wo ich war, wie es mir geht, ob ich überhaupt noch lebte. 1946 – der Krieg war schon über ein Jahr zu Ende – dachten sie sicher, ich sei irgendwo in der Fremde gefallen. Sollte mich das trösten? Meine Briefe, verschickt als Gefangenenpost, kamen nicht an. Vorgeschrieben war hierbei für einen Brief nicht mehr als eine Seite – ich hielt mich strikt daran – und trotzdem kam die Post in der sowjetischen Zone nicht an. Das vermutete ich jedenfalls, denn ich bekam ja keine Antwort. Ich habe vom Holzhändler Alborghetti aus einen Brief als Privatpost verschickt, die ihr Ziel er-reichte. Meine Schwester Marianne hatte mir geantwortet, und diesen allerersten Brief, den ich überhaupt in der Gefangenschaft erhielt, hatte ich jeden Tag, einen ganzen Monat lang, gelesen, immer und immer wieder gelesen. Ich hatte das Gefühl, ich konnte mich mit jemandem unterhalten, über alles, was so passiert ist bei mir zuhause in Briesen. Ein paar Worte in meiner Muttersprache, geschrieben von einer mir vertrauten Person. Es war unbeschreiblich. Dieses Erlebnis baute mich etwas auf nach so langer Zeit in der Fremde. Und ich hatte wieder Hoffnung, doch irgendwann wieder nach Hause zu kommen. Ich wusste, dass ich wieder nach Hause kommen würde. Nicht wann, aber irgendwann.
Beim ersten Zusammentreffen mit dem Holzhändler machte dieser eine etwas abschätzige Bemerkung über meine Kleidung. Und, was war damit nicht in Ordnung, was hatte er an meiner Kleidung auszusetzen? Ich trug meine Panzeruniform aus Deutschland, die mit den Buchstaben ‘PG’ für ‘Prisonnier de Guerre’ – ‘Kriegsgefangener’ mit weißer Farbe gekennzeichnet war, auf der Hose und auf dem Rücken der Jacke, für jeden gut sichtbar, so war es Pflicht. Monsieur Alborghetti war es nicht recht, dass ich so herum lief, er gab mir andere Kleidung für die Arbeit, wohl Kleidungsstücke von einem seiner Söhne. Diese Zivilkleidung war von da an meine tägliche Kleidung, zum Arbeiten und auch in der Freizeit trug ich sie.
Sehr anstrengend war die neue Arbeit in den Bergen, auch ungewohnt für mich. Der Holzfäller Alborghetti hatte einen großen Teil des Berges von der Stadt gekauft, allein zum Abholzen. Das gute Kastanienholz wurde für Weinfässer gebraucht, es war von bester Qualität, weil ohne Äste. Ein bisschen etwas verstand ich von Forstwirtschaft – wir hatten zuhause einige Waldstücke, hauptsächlich Kiefern- und Birkenwälder, aber auch einige Eichen und Buchen, in denen der eine oder andere Baum irgendwann sorgfältig ausgewählt und gefällt wurde. Hier würde das Abholzen im großen Stil erfolgen. Es kam zuerst eine regenreiche Zeit, und bei Regen konnten wir nicht im Wald arbeiten. Alborghetti hatte sich eine Lagerhalle gebaut und stellte darin eine Kreissäge auf; die bis dahin bereits angefallenen Stämme wurden hier zu Brettern zersägt und anschließend nach Grenoble geliefert. Drei Tage hatte es in diesem Sommer fast ohne Unterbrechung geregnet. Ich hatte mich, als die Arbeit getan war, in einer Ecke der Küche auf einen Stuhl gesetzt, bin nur zum Essen aufgestanden und habe mich danach wieder hingesetzt. Es war ein Regentief im doppelten Sinne. Kinder aus dem Dorf kamen, um zu sehen, wie ein Deutscher aussieht. Sie starrten mich an. Kinder können grausam sein – ich kam mir vor wie ein zur Schau gestelltes Tier.
Eine Frau kam zu Besuch, eine Nachbarin, die sehr gut deutsch sprach, erstaunlich gut sogar. Wenn man nach so langer Zeit nicht mehr in der Muttersprache geredet hatte, wusste man gar nicht, wie man eine Unterhaltung beginnen sollte. Ich selbst wusste ja zuerst nicht, dass sie deutsch sprach, aber irgendwie, im Laufe des Gesprächs, kam es nach und nach heraus. Und diese Frau sagte nun zu mir: „Wenn Sie einmal einsam sind, kommen sie doch zu uns. Ich habe auch Kinder.“ Sie erzählte, dass sie einst als Magd bei einem Bauern im Elsass arbeitete und ihr Mann, ein Russe, hatte ebenfalls dort gearbeitet, und er konnte übrigens, wie sie sagte, auch deutsch. Ihn hatte sie dort kennen gelernt. Ihren Sohn hatte sie verloren, aber es gab noch eine Tochter, Olga, 15 Jahre alt, und einen zweiten Sohn, Michel, der damals gerade einmal 13 Jahre alt war. Diese Familie wurde so etwas wie eine Ersatzfamilie für mich, hauptsächlich wegen der deutschen Sprachkenntnisse, die Vertrautheit bedeuteten, doch auch die Atmosphäre dort war mit bald vertraut – ich fühlte mich wohl. Das Heimweh ließ etwas nach. zeitweise vergaß ich sogar, dass ich überhaupt jemals welches hatte. Ob es etwas zu bedeuten hatte? Was es ein gutes Zeichen?

16

Das erste Weihnachtsfest in Gefangenschaft verbrachte ich bei der Familie Alborghetti. An diesem Heiligabend ging die Bauernfamilie um Mitternacht in die Kirche, in die katholische Christmette. Heiligabend wurde in der Wohnstube gefeiert, ich verbrachte diesen Abend allein auf meiner Stube, wurde am späten Abend wach vom lauten Gerede, vom Gesang und vom anschließenden Motorgeheul auf dem Hof. Auf einmal war es totenstill – ich verließ meine Kammer und ging die Holztreppe nach unten. Ich fand die Wohnstube leer vor, aber der Tisch war noch gedeckt, mit Resten zwar, aber mit reichlich Resten; ich setzte mich an die gedeckte Tafel und schlemmte nach Herzenslust. Es war kurz nach Mitternacht, vielleicht halb eins. Ich hatte mich satt gegessen und mindestens eine Flasche Rotwein dazu getrunken. Ich weiß, dass der Bauer nichts gesagt hätte, wenn er mich dabei entdeckt hätte. Hatte er mir doch gesagt, dass ich essen und trinken könnte, so viel ich möchte – ich sollte nur nichts zu den Kumpanen tragen, nicht stehlen, nichts ins Lager schmuggeln. Ich könnte mir auch jederzeit eine Konserve von den Vorräten nehmen – was wollte ich mehr. Ich hatte doch fast alles, was mein Herz begehrte.
Nach und nach erzählte der Holzhändler mir von seinem schweren Los: Seine Frau war kurz zuvor gestorben. Er klagte mir sein Leid, erzählte, dass sie beim Umgraben im Garten auf einen rostigen Nagel getreten, die Verletzung jedoch nicht weiter beachtet hatte; diese Leichtsinnigkeit wurde ihr zum Verhängnis, sie starb letztendlich wohl an einer Blutvergiftung. Nach dem Tod der Ehefrau war er mit den Kindern Jean, 15, und Pascal, 13 Jahre alt, allein. Das war alles wohl ein bisschen viel für ihn und er war froh, eine Hilfe im Haus und auf dem Hof zu haben. Jemanden, der zupacken konnte. Und dem man nicht ständig Anweisungen geben musste, was er wie zu tun hat. Die Zusammenarbeit klappte wirklich gut, und der Bauer wusste, dass er sich auf mich verlassen konnte. Vielleicht hatte er sich lange Zeit so auf niemanden verlassen können.

17

Trotz des inzwischen eingetretenen Winters wurde das Wetter auch wieder besser, jedenfalls für unsere Arbeit im Wald. Ich sollte zusammen mit dem älteren Sohn, der trotz seiner fünfzehn Jahre fast so kräftig war wie ich (ich trug ja seine abgelegte Kleidung – und sie passte mir), eine Schneise in den Wald schlagen, damit man später das Holz ohne weitere Probleme abseilen konnte. Das Seil musste aber erst einmal auf den Berg getragen werden – auch für zwei kräftige Jungs war das keine leichte Arbeit. Ein Seil, das heisst ein Paket, wog zirka 40 Kilogramm. Jeder von uns ist etwa zehn Meter gegangen, das Seil auf der Schulter, gepolstert mit einem kleinen Kissen, und damit den Berg hoch gekraxelt, bis zur Hälfte und dann die andere Hälfte runter zur Straße. Das Seil wurde jeweils nach einem halben Jahr etwas versetzt, so bald alles Holz an einer Stelle geschlagen war. Wir beide jedenfalls sollten diese Schneise schlagen. Wir hatten ein kräftiges Messer, eine Art Buschmesser, für die kleineren Äste und eine große Axt für die Baumstämme zur Verfügung, eine Säge gab es nicht – da kann man wirklich Holzfäller sagen. Ich hörte einst, wie Pascal zu Jean sagte: „Hast du nicht Angst, mit dem Deutschen allein im Wald, der hat doch eine Axt und könnte dich jederzeit töten.“ Kindern wurde in der Schule beigebracht, dass alle Deutschen Mörder seien und dass ihnen auf keinen Fall zu trauen sei. Mit der Zeit hatte aber auch Jean Zutrauen zu mir gefasst; schließlich war auf mich Verlass: ich arbeitete in der Küche, machte den Abwasch. Sie hatten ja keine Mutter mehr, und jemand musste doch für Ordnung sorgen. Und das tat ich. Sie wussten auch, dass es für den Vater allein zu viel war. Alles in allem war ich wohl jemand, zu dem man Vertrauen haben konnte.
Beide Jungen waren oft allein, der Vater immer wieder betrunken – er trug übrigens ständig eine Pistole bei sich. Für mich, im nach hinein betrachtet, eine eher unsichere Situation. Es blieb mir aber nichts anderes übrig, als auch damit zu leben. Und es gelang mir auch.
Nach einem knappen Jahr bei der Familie Alborghetti hatte dieser wieder geheiratet. Dann kochte seine neue Frau, erledigte den Abwasch, und wir jungen Leute brauchten das nicht mehr zu tun. Zu essen gab es dann abends zum Beispiel eine Suppe, selbstverständlich Brot dazu, und am nächsten Morgen kamen die Reste der selben Suppe wieder auf den Tisch. Und das jeden Tag – aber wir wurden satt. Manchmal, wenn auch selten, wurde Fleisch auf den Tisch gebracht, dazu gab es Polenta, für mich etwas ganz Neues. Mais für die menschliche Nahrung – er wurde bei uns im Spreewald allerhöchstens in Form von Futtermais ans Vieh verfüttert. Dass man damit auch wohl schmeckende Sachen zaubern kann, das lernte ich hier. Zum Beispiel Polenta zuzubereiten. Die wiederum als Beilage zu den leckersten Gerichten diente – aber meistens allein auf den Tisch kam, nicht weniger wohl schmeckend.
Eine neue Ehefrau im Haus, das bedeutete aber auch Eifersuchtsanfälle des Mannes, immer und immer wieder. Meistens, wenn er betrunken war. Die Kinder verkrochen sich dann, ich verkroch mich, solange es notwendig war. Wenn der Hausherr wieder nüchtern war, ging alles seinen gewohnten Gang. Tag für Tag. Woche für Woche, Monat für Monat.

18

Etwa ein Jahr, nachdem ich sie kennen gelernt hatte, lud mich die Magd ein; ich möchte doch mit ihr und im Kreis ihrer Familie Weihnachten und, wenn ich es wollte, auch Silvester feiern. Das zweite Weihnachtsfest in Gefangenschaft war ich also bei ihr und ihrer Familie; eine ganze Woche blieb ich dort, ich habe selbstverständlich auch dort übernachtet, in einem kleinen Gästezimmer. Die Hausherrin hatte allerdings aufgepasst, dass ich nicht zu ihrer Tochter Olga laufe, immerhin war das Mädchen schon sechzehn Jahre alt. Jedenfalls war diese Familie die einzige Gelegenheit für mich, in der Gefangenenschaft deutsch zu sprechen. In dem Haus dieser Magd und ihrem russischen Ehemann gab es eine Ziehharmonika – und ich musste unbedingt spielen. Ich konnte spielen, weil ich zuhause selbst eine Ziehharmonika hatte und schon als Kind auf ihr zu spielen lernte. Ich stand im Mittelpunkt, den Gastgebern gefiel mein Musizieren, ich wurde gelobt. Ich war für kurze Zeit wirklich glücklich, auch wenn ich weit weg von zu Hause war, auch wenn ich in der Fremde war. Auch wenn es Weihnachten war und ich lieber zu Hause bei meiner Familie in Briesen wäre.
Nach den Feiertagen ging ich zurück zum Holzhändler Alborghetti: Wenn dieser mit dem Holzverkauf ein gutes Geschäft gemacht hatte, fuhren wir zu dritt – drei Personen konnten im Lkw vorn sitzen – in die Stadt. Ich bekam Papiergeld, eine Art Notgeld, und konnte es bei Bedarf im Lager umtauschen in echtes französisches Geld. Nun wollte ich immer schon eine Armbanduhr haben. Ich fragte also Monsieur Alborghetti, ob er mir eine kaufen würde, ich wollte ihm von meinem Geld geben und würde es dann später im Lager umtauschen, um ihn das richtige Geld zu geben. Daraufhin sagte er, zu meiner Überraschung: „Ist schon gut, dieses wertlose Papier will ich nicht haben.“ Er schenkte mir die Armbanduhr. Ohne besonderen Grund, einfach so. Oder auch als kleine Anerkennung für meine geleistete Arbeit. Denn als Anerkennung deutete ich es – so genau weiß ich es nicht mehr. Ich freute mich jedenfalls wahnsinnig über das Geschenk und über so viel Großzügigkeit.

19

Der Winter zog sich endlos hin. Es hatte geschneit und ich tobte mit den beiden Jungs im Schnee. Eine kleine Unvorsichtigkeit – und ich blieb an dem spitzen Eisenzaun hängen und zog mir eine mittelschwere Verletztung zu. Ein paar Tage fiel ich so als Arbeitskraft aus – und ich konnte mich einmal richtig ausruhen, auch wenn ich verletzt war und Schmerzen hatte, mich anfangs kaum bewegen konnte. Ein paar Tage Ruhe in meiner kleinen gemütlichen Stube taten mir gut; an den ersten Tagen bekam ich sogar das Essen ans Bett gebracht. Ansonsten waren es eben nur ein paar Tage Urlaub, so würde ich es heute bezeichnen, Ferien. Die beiden Jungs kamen zu mir ans Bett und erzählten, was sie so den Tag über alles getrieben hatten. Die Verständigung klappte inzwischen hervorragend – man lernt schnell, in jeder Hinsicht. Ich besaß hier noch meine Panzeruniform: schwarze Hose, schwarze kurze Wolljacke, einen dunkelblauen Rollkragenpullover. Das war ja damals mein einziger Ausgehanzug. In meiner anderen, alltäglichen Zivilkleidung fuhr ich eines Tages mit der Straßenbahn bis nach Grenoble – von dem kleinen Ort La Monta/St.Egrève aus bis in die Großstadt. Ich fiel unter den Einheimischen nicht auf, niemand sah in mir den deutschen Kriegsgefangenen und erst recht nicht den ‘Boche’. Das war schon ein eigenartiges Gefühl, gerade so, als ob ich von den Franzosen aufgenommen worden bin. Als ob ich dazu gehörte. Als ob ich einer von ihren geworden wäre. Es war noch nicht so viel Zeit vergangen seit dem Marschieren durch die Stadt, beworfen mit Stöcken und Steinen, angespuckt, getreten und beschimpft. Diese Erlebnisse waren noch nicht ganz vergessen, aber es ging mir nun gut, Anerkennung tut gut.

20

Zu der Zeit kehrten deutsche Kriegsgefangene aus Amerika zurück – die aber nicht gleich nach Deutschland entlassen wurden, sondern die noch einige Zeit in Frankreich arbeiten mussten, sozusagen hier Zwischenstation machten, zwangsweise. Sie kamen mit voll bepackten Seesäcken – und die guten Stücke, die sie noch behalten hatten, hätten sie gerne verkauft. Als Zivilarbeiter, der außerhalb des Lagers arbeitete und schlief, verfügte ich über ein wenig eigenes Geld. Die Sachen, die ich von den aus Amerika kommenden Kriegsgefangenen kaufte, verkaufte ich mit einem kleinen Zwischengewinn wiederum an Franzosen, denn diese kauften gern die amerikanischen Schuhe, Hosen, Hemden oder auch Jacken und sogar Mäntel, gute stabile Wollmäntel und zu guter Letzt Wolldecken, die von allen deutschen Kriegsgefangenen und auch Franzosen – sehr begehrt waren. In ziviler Kleidung – ich unterschied mich ja so gut wie gar nicht von den Einheimischen – ging ich zurück ins Lager, ohne dass die Wachposten Notiz von mir nahmen; ständig gingen Franzosen im Lager ihren Geschäften nach, es fiel also nicht auf. In die andere Richtung, als ich wieder heraus wollte, war es etwas komplizierter; man wollte meinen Ausweis sehen, verständlicherweise, und ich wurde als Gefangener erkannt, konnte also nicht mehr so einfach aus dem Lager marschieren. Ich wurde ins Büro gebracht, musste meinen Ausweis vorzeigen, den ich nicht dabei hatte. Was ich denn im Lager wollte, fragte er mich. „Ich bin Gefangener, un prisonnier.“ Das wäre wohl immer schöner, dass ein Gefangener so einfach allein in sein Lager reinkommen könnte, und das noch in zivil. Mein Chef, der Holzhändler, der Franzose, müsste mich persönlich zurückbringen und alles hätte wieder seine Richtigkeit.
Die Lagerleitung brachte mich zu Monsieur Alborghetti zurück. Von diesem unangenehmen Vorfall im Lager hatte ich ihm nichts erzählt. Es war im Dezember 1946. Etwa eine Woche später erhielt dieser jedoch einen Brief von der Lagerleitung, er müsse mich so schnell wie möglich ins Lager zurück bringen, zur Strafe sozusagen, weil ich als Zivilist in meinem Lager aufgegriffen wurde und dass er geduldet hätte, dass ich in ziviler Kleidung herumlief. Erst in diesem Brief erfuhr Alborghetti, dass ich als Zivilist im Lager erschienen bin, was nicht in Ordnung war. Korrekt wäre gewesen, wenn ich zumindest das Abzeichen mit der Abkürzung ‘PG’ für ‘prisonnier de guerre’ an meiner Kleidung gehabt hätte, wie es sein sollte. Alborghettis Reaktion auf diesen Brief, an mich gewandt: „Jetzt bringe ich dich nicht zurück, du hast das ganze Jahr bei uns gearbeitet, keinen Urlaub gehabt und nichts, die Feiertage bleibst du noch bei uns.“ Er hatte also versucht, mich noch etwas länger bei sich zu behalten, brachte dem Lagerkommandanten Holz, hatte es so mit Bestechung versucht, um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen – was er sicherlich auch in seinem eigenen Interesse tat. Es schien zu funktionieren, denn dieser Lagerkommandant sagte, dass er sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen wollte, er sähe da wohl eine Möglichkeit, ihm entgegen zu kommen. Nun wurde der Kommandant aber von einen Tag auf den anderen ausgetauscht, der neue bestand darauf, dass der Holzhändler mich spätestens Anfang des neuen Jahres zurück bringen sollte, was dieser auch zusagte. Am 7. Januar 1947 dann brachte mich Alborghetti persönlich ins Lager – hätte er es nicht getan, wäre ich abgeholt worden. So war es Gesetz.

21

Meine Zeit beim Monsieur Alborghetti war abgelaufen. Etwas Neues sollte mich erwarteten, ich würde andere Menschen kennen lernen. Also war zuerst wieder für längere Zeit das Lager mein Zuhause. Hier traf ich, welch Wunder, meinen Kriegskameraden Fritz wieder, mit dem ich bereits unter den Hunderttausenden im Rheinwiesenlager war. Er war in diesem Lager direkt neben mir in einem kleinen Zelt untergekommen, während ich im Erdloch hauste. Wie er damals an das Zelt gekommen war? Danach habe ich ihn nie gefragt. Beide hatten wir alles Mögliche unternommen, um immer wieder mal aus dem Lager heraus zu kommen, zum Arbeiten oder zum Essen organisieren oder um beides gleichzeitig zu tun. Wir unterhielten uns über die verflossene Zeit; es gab viel zu erzählen, was der eine oder andere bis dahin erlebt hatte. Und auch davon, was wir beide in den Lagern der Amerikaner zusammen erlebt haben. „Weisst du noch, als wir das Schiff ausgeladen haben, wie schwer wir da geschleppt haben, und das alles nur, um ein bisschen mehr zu Essen zu kriegen?”
Der Bürgermeister von Vourey brauchte von einen Tag auf den anderen zwei verlässliche Arbeitskräfte für die Landwirtschaft, und wir wurden ausgewählt. Beide kamen wir nach Vourey, hatten also die Möglichkeit, uns immer wieder zu treffen. Und es gab auch aus der Zeit nach den Rheinwiesenlagern viel zu erzählen.
Ich wurde also erneut einer einheimischen Bauernfamilie, der Familie Clement, zugeteilt, diesmal etwa fünfundzwanzig Kilometer vom Lager entfernt, nach Vourey eben. Dieser Bauer war sehr, sehr krank, hatte Krebs im Endstadium, der ihm bereits einen Teil des Gesicht zerstört hatte. Es war schlimm anzusehen. Und dreckig war es dort in diesem Haus, wahrscheinlich wurde schon wochenlang nicht saubergemacht. Die Kühe standen im Dung, der schon fast bis an die Decke des Stalls reichte – allerdings war diese Decke nicht sehr hoch. Niemand brachte den Dung raus, die Frau hatte stets nur das Allernotwendigste gemacht, für mehr blieb keine Zeit, wohl auch keine Kraft – offensichtlich wurde hier wirklich jemand gebraucht, der zupacken konnte. In den ersten vier Wochen hatte ich nur Dung rausgefahren, die Kühe sauber gemacht, das Pferd geputzt. Nicht nur die Ställe waren voll Jauche – im Hof musste man auf der Hut sein, wollte man nicht in eine entsprechende Pfütze treten; irgendwo musste sich die Jauche ja sammeln. Draussen hatte ich einen großen Misthaufen angelegt, mit einer Fläche von fast zwanzig Quadratmetern. Den Dung aus den Ställen habe ich auf den Haufen gepackt und dann immer und immer wieder das Pferd auf diesen Dunghaufen gelassen, zum Festtreten. Man weiß ja: umso besser verwest der Haufen – er hätte sonst durch die Hitze, die mit der Zeit entstand, schnell in Flammen aufgehen können. Die Leute im Dorf hatten sich sehr gewundert, „was der da so alles macht”.
Die Ställe waren hier Hochställe, bestehend aus Beton – zuhause hatten wir Erde, die die Jauche aufnahm. Und die konnte man auch besser säubern. Da hier alles betoniert war, konnte auch nichts abfließen – und die wenigen Abflüsse, die vorhanden waren, waren obendrein noch verstopft. Ich säuberte die Kanäle und die Jauche floss wieder ab. Jeden Tag wurde ausgemistet, jeden Tag neu und frisch eingestreut, für mich der normale Arbeitsablauf, wenn man einen Stall zu versorgen hatte.
Ich beobachtete weiter, wie die Bäuerin immer und immer wieder hinter einen Vorhang trat, um dort einen Eimer mit Essenresten auszukippen. Was befindet sich wohl da hinter diesem Vorhang? Ich wurde neugierig, sah mir das Ganze an: da war doch wirklich ein Schwein, das stand bis zum Bauch in der eigenen Jauche. Normalerweise fühlen sich Schweine im Dreck wohl, aber dies hier war auch für ein Borstenvieh dieser Art zuviel. Dieser Verschlag wurde wohl auch nie sauber gemacht, es wurde immer nur von oben Futter nachgekippt, und das Schwein hatte kaum noch etwas gefressen. Ich habe zuerst einmal den Stall sauber gemacht, die Futterkrippe ausgewaschen, frisch eingestreut. Nach zwei Tagen kam die Bauersfrau zu mir. Sie schien sehr aufgeregt und auch besorgt: Seit zwei Tagen frisst das Schwein schon nicht, „mon dieu, le cochon est malade.“ Sie dachte, das Schwein sei krank. Ich beruhigte sie: „Das Schwein ist nicht krank, es will nur endlich einmal richtig schlafen.“ Nachdem es sich in der Jauche nicht hinlegen konnte, wollte es jetzt erst einmal nur noch schlafen, schlafen, schlafen, kroch ins Stroh und hatte sich sauwohl gefühlt – und schlief ein, nachdem es sich vorher satt gefressen hatte.
Ich hatte auf diesem Hof nach und nach so ziemlich alles in Ordnung gebracht, was in Ordnung zu bringen war – und wollte nun unbedingt wieder ins Lager zurück. Ich musste mich dafür krank melden, dann hatte ich die Chance, wieder ganz wo anders hinzukommen. Nach vier Wochen etwa bin ich zum Bürgermeister gegangen und sagte ihm, er solle mich ins Lager zurück schicken, ich wäre krank. Darauf antwortete er mir: „Du bist nicht krank, ich weiß, dass es dir dort zu dreckig ist. Wir kennen die Familie sehr gut. Wir wissen auch, dass der Mann Krebs hat – und das ist alles nicht sehr einfach auszuhalten.“ Er brachte mich aber trotzdem auf meinen hartnäckigen Wunsch hin ins Lager. Dort bekam jeder, der sich krank meldete, erst einmal eine Spritze ins Gesäß, die zwei Tage lang richtig weh tat. Gedacht war dies zur Abschreckung – Krankmelden sollte die Ausnahme bleiben und selbst dann sollte man es sich sehr gut überlegen, ob man das Risiko eingehen wolle. Ich war überzeugt davon, dass ich das schon noch überstehen würde.
Etwa zehn Tage nach der Krankmeldung musste ich im Lager bleiben. Ich machte zu der Zeit die Bekanntschaft eines Mitgefangenen, der doch wirklich aus meinem Nachbardorf im Spreewald, aus Sielow, kam. Ein Mann in meinem Alter, dem ich in der Heimat nie zuvor begegnet bin, hier in einem Gefangenenlager in Südfrankreich, kreuzten sich unsere Wege. Wie wir uns miteinander bekannt gemacht hatten? Es war mehr oder weniger Zufall, dass wir ins Gespräch kamen. Er saß auf dem oberen Bett eines Doppelstockbetts, hatte Nadel und Faden in der Hand – und nähte. Auf meine Frage, was er da mache, antwortete er, er nähe Hosen aus den Wolldecken der Amerikaner, die auf abenteuerliche Weise ihren Weg hier ins Lager fanden – wohl durch die üblichen Tauschgeschäfte. Auf meinen Wunsch arbeitete er auch an solch einer Hose aus dem begehrten Wollstoff für mich; hierfür nahm er Maß, der Rest war nur noch Routine für ihn. Bezahlen konnte ich die Hose nicht, weil er plötzlich nicht mehr da war, wir hatten uns aus den Augen verloren, jeder landete woanders, von einen Tag auf den anderen war er fort. Nach der Gefangenschaft, wieder zu Hause, traf ich ihn zufällig in Sielow bei einer Geburtstagsfeier. Er saß auf einer Bank am Kachelofen und wärmte sich. Ich erkannte ihn natürlich sofort wieder und begrüßte ihn. Erst da erfuhr ich seinen vollen Namen. Wenn ich den in Frankreich schon gewusst hätte, hätte ich ihn sicher gesucht, so blieb mir nur der Zufall. „Fritz, hier sehe ich dich, du hast mir doch damals in Grenoble die Hose genäht!” „… aber bezahlt hast du sie noch nicht.” Auf diese Weise erinnerte er mich an das Geld für die Hose, das ich ihm bis dahin noch schuldete;ich beglich meine Schuld bei ihm mehr als ausreichend mit Kaffee, Schokolade und sonst was, die üblichen begehrten Artikel aus Westdeutschland, die ich ihn, als ich Anfang der sechziger Jahre nach Westdeutschland flüchtete, per Pakete zukommen ließ.
Zurück zum Lager, zurück zu meiner Krankmeldung. Nach zwei oder drei Wochen sprach der Bürgermeister persönlich im Lager vor und verlangte nach mir. Er sagte, dass die Bauersfrau immer und immer wieder zu ihm käme und immer und immer wieder fragte, wann ich denn endlich zurück käme. Das war 1947 – da konnte ich schon fast so gut französisch sprechen wie ein Einheimischer, konnte mich also gut und sicher verständigen. Der Bürgermeister redete auf mich ein, sagte zu mir, dass der Bauer höchstens noch zwei, drei Wochen leben würde. Er würde sich quälen und irgendwann verhungern, weil er keine Nahrung mehr aufnehmen konnte. Eine Kuh hätte ihn mit dem Horn unter das Auge geschlagen; das Auge hatte sich entzündet und dieses Geschwür fraß sich im Gesicht fort und das sah eben nicht schön aus und war wohl auch sehr schmerzhaft. Ich habe mich überreden lassen und bin dann doch zu der Familie zurück gegangen; die Beerdigung des Mannes bekam ich mit, da war es bereits Januar, 1947. Der Vater der Bauersfrau, zu der Zeit etwa sechzig Jahre alt, kam zu Besuch. Dieser Mann und ich, wir beide unterhielten uns ausgiebig, auf französisch natürlich. Und er erzählte mir, dass vor vier Wochen ein Gefangener hier war, der auch gut war und gut arbeitete. Der hatte den Stall sauber gemacht, die Kühe sauber gemacht, ein fleißiger Mensch sei der gewesen: er hatte von mir gesprochen. Ich sagte ihm aber nicht, dass ich der selbe war. Ich habe ihn reden und reden lassen, von mir. Und ich hörte ihm interessiert zu, dachte, dass die Zeit hier doch eigentlich eine sehr sinnvolle Zeit war – wenn ich bedachte, was ich geschafft hatte.

22

Frühjahr, der Wein musste geschnitten werden. Ende Januar, Februar war es höchste Zeit dafür. Mit dem Bruder des Verstorbenen erledigte ich diese Arbeit im Weinberg. Ich könne doch dort arbeiten wie ich wollte, ich könnte mein eigener Herr sein, keiner würde mich herum kommandieren, ich sollte doch dankbar sein. Ich konnte mit einer Sense umgehen, auf dem Hang ging das Mähen mit der Sense sehr gut, obwohl es nicht einfach war. Bäume mussten gefällt werden und der Mann war erstaunt darüber, wie gut ich mit der Axt umgehen konnte – schließlich hatte ich eineinhalb Jahre als Holzfäller gearbeitet. Er war erstaunt, in wie kurzer Zeit ich einen Baum unten hatte. Bis zum Herbst 1947 war ich bei dieser Familie. – Ich hätte dort bleiben sollen, aber es kam alles ganz anders. – Ich hatte damals die gesamte Ernte eingebracht, hatte das Vieh gefüttert, mit der Dreschmaschine (mit der ich ja umgehen konnte – ich hatte es zuhause schon als kleiner Junge gelernt) das Getreide, hauptsächlich Weizen, gedroschen. Ich hatte außerdem noch die Weinlese mitgemacht, das war etwas wirklich Neues für mich. Wir bauten in Briesen zwar auch in geringen Mengen Wein an, hatten aber keine Weinberge – wir hatten ja nicht einmal Berge – sondern mussten uns mit einigen Weinstöcken begnügen, die wir an der einzigen wirklich sonnigen Giebelwand hochranken ließen. Für alles andere war die Sonne zu spärlich in unseren Breitengraden. Von den Resten der Weinlese wurde hier schließlich noch Schnaps gebrannt, eine Art Tresterschnaps. Der Zoll ging von Hof zu Hof, es musste für den Gebrannten bezahlt werden, dann erst war er Eigentum des Bauern. Es wurden dann auch schon mal mehrere Zwanzig-Liter-Flaschen im Heu versteckt, ein regelrechtes Lager wurde dadurch angelegt. Beim Kühe füttern am Sonntagvormittag stieß ich mit der Heugabel auf eine Korbflasche. Ich trank etwas von dem Schnaps, vielleicht etwas zu viel, so viel, dass es wohl auffiel – jedenfalls waren am nächsten Tag die Korbflaschen versteckt, aber ich hatte sie wieder gefunden. Ich musste hierfür gar nicht großartig suchen. Bei der Gelegenheit hatte ich mir gleich einige Flaschen abgefüllt und auf meiner Bude versteckt. Wenn ich mal Besuch bekäme, könnte ich immerhin etwas anbieten. Direkt unter meiner Schlafkammer befand sich der Weinkeller dieser Familie. Die Tür war so verschlossen, dass auf einer Seite eine Stange davor gestellt war, auf der anderen Seite war die Tür mit einem gewöhnlichen Schloss versehen. Wenn ich nur ein bisschen an der Stange rüttelte, ging das Schloss auf. In diesem Weinkeller waren schätzungsweise mindestens 10.000 Liter Wein gelagert. Von dem Weißwein zapfte ich mir ein paar Flaschen ab, danach stellte ich den Stock wieder an die Tür, zog sie zu und die war dann auch wieder zu. Dabei bin ich im nach hinein ziemlich sicher, dass der Bauer mir, wenn ich darum gebeten hätte, mir auch Wein gegeben hätte. Da ich ja sowieso die ganze Arbeit dort gemacht hatte, dachte ich auch, steht mir etwas davon zu.
Die ganze Arbeit, ja, aber die Kühe melken, das durfte ich nicht - ansonsten war ich für alles zuständig. Die Bäuerin ging morgens um sechs Uhr zur Beichte in die Kirche, wenn sie um sieben Uhr zurückkam, ging sie in den Stall, um zu melken. Erst dann bin ich aufgestanden. Leute aus dem Ort standen am Wegesrand, wenn ich mit den Kühen aufs Feld fuhr, sie staunten, wie sauber die Tiere doch waren. Vorher voll von Dreck – und dann das. Bei allen Kühen ist bis zum Winter Gott sei Dank das Fell wieder nachgewachsen, denn ich musste, als ich die Kühe sauber machte, manchmal bis zur Haut den Dreck runterkratzen, ihr Fell hatte ich regelmäßig mit der Bürste gründlich gestriegelt. Mit diesen Kühen fuhr ich regelmäßig bei einer alten Frau vorbei; sie wollte mir ein Paar Socken stricken, für den kommenden Winter sollten sie fertig sein. Jedes Mal, wenn ich an ihrem Haus vorbei kam, zeigte sie mir, wie weit sie mit den Socken schon war.
Der Junge, fünf Jahre alt, wollte auf jeden Fall mit mir aufs Feld. Wenn ich doch einmal etwas früher losfuhr als gewöhnlich, kam er hinterher gelaufen, rief, ich sollte auf ihn warten, er wolle doch mitkommen. Eines Tages setzte ich ihn in einen Korb aufs Fahrrad und fuhr mit ihm die fünfundzwanzig Kilometer nach St. Egrève, um Monsieur Alborghetti zu besuchen.
Ein Bruder des Bauern, bei dem ich nun untergebracht war, lebte ganz in der Nähe, fast um die Ecke sozusagen; mit ihm hatten wir viel zusammen gearbeitet, die Mähmaschine zum Beispiel wurde gemeinsam genutzt. Er hatte Ochsen und ich hatte Kühe. Das Pferd wurde nur für kleinere, leichtere Arbeiten wie Eggen eingesetzt. Schwere Arbeiten wie Pflügen wurden mit den Kühen bzw. Ochsen erledigt. Mir kam es vor, als würde ich die Zugtiere regelrecht quälen, weil sie alles mit dem Kopf zogen - bei uns zu Hause zogen sie mit dem Körper. Die hier konnten sich mit dem Kopf so ja nicht einmal die Fliegen weg scheuchen. Die beiden Tiere, die jeweils zusammen eingespannt wurden, waren so miteinander verbunden, dass eine Kuh nur das machen konnte, was die andere tat, synchron sozusagen, weil sie mit dem Geschirr zusammen verbunden waren. Wenn man rechts abbiegen wollte, rief ich den Namen der linken Kuh, diese lief dann schneller, lief einen leichten Bogen, so kriegte man die Kurve. Und nach der Arbeit, am Nachmittag, waren die Kühe sicher sehr froh, den Kopf wieder frei bewegen zu können. Und ich war auch froh darüber, dass ich ihnen das Geschirr abnehmen konnte. Es war auch für mich immer eine Erleichterung.

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Beinahe regelmäßig trafen wir uns, fünf Kriegsgefangene aus dem gleichen Lager in Genoble, meistens zum Kartenspielen. Es tat gut, sich in der vertrauten Sprache auszutauschen, gelegentlich gab es auch etwas zu trinken – Rotwein natürlich. Unsere Treffen fanden in einem Haus, das eher einem Turm glich, an der Ortseinfahrt nahe der Bahnlinie, statt. Hier konnten wir immer wieder für kurze Zeit ganz ungestört sein, niemand fragte nach uns – wann wir uns zur Arbeit zurück melden mussten, wussten wir selbst, und in unserem eigenen Interesse hielten wir unsere Pflichten ein. Zwei von uns, Fritz und ich, hatten inzwischen eine Freundin, mit der wir uns regelmäßig trafen. Wir bekamen einen Wink, dass die Frauen, unsere Freundinnen, an einem Sonntagnachmittag mit dem Fahrrad eine bestimmte Straße entlang kämen und ließen es uns nicht entgehen, ihnen am Fenster aufzulauern und ihnen zuzuwinken. Es sollte eine Überraschung sein, und das war es dann auch, als plötzlich vier junge Männer die Vorhänge zur Seite zogen, das Fenster öffneten und winkten, ihnen dabei laut zuriefen. Ein kleiner Flirt am Rande, mehr war es nicht. Fritz, der Mitgefangene aus dem Rheinwiesenlager, hatte Alice, immerhin achtunddreißig Jahre alt, zur Geliebten – meine Freundin war sechsundzwanzig.
Alice, deren Ehemann als ehemaliger Kämpfer bei den Partisanen zuvor von den Deutschen erschossen wurde, erweckte den Beschützerinstinkt des Bürgermeisters – vielleicht spielte es dabei eine Rolle, dass er nicht noch eine Tragödie im Dorf wollte, nämlich dass ihre Liaison mit einem deutschen Kriegsgefangenen entdeckt werden könnte - und dies bedeutet hätte, dass vielleicht wieder jemand erschossen würde. Es solle im Dorf nicht noch einmal jemand exekutiert werden, es wäre bereits genug Blut geflossen. Fritz war zu der Zeit gerade einmal einundzwanzig, also nur ein wenig älter als ich. Er ging in bestimmten Abständen mehr oder weniger heimlich zu Alice, gab sich im Dorf als jemand aus, der geschickt Fahrräder reparieren konnte. Fritz war ein gefragter Mann, im ganzen Ort sogar. Es kam vor, dass Alice einen Fahrradschlauch mit dem Messer zerschnitt, nur, um ihren Liebhaber bei sich zu haben. Er kam in solchen Fällen sofort – und blieb auch gern über Nacht. Eine Tochter hatte Alice bereits zu der Zeit, fünfzehn Jahre alt, als Fritz ständig bei ihr war. Als Leute aus dem Ort die beiden zusammen im Kino beobachteten – wie man weiß, waren Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und deutschen Kriegsgefangenen bei Strafe verboten – wollten sie erreichen, dass sie diese Treffen ein Ende fanden. Alle wussten sie, dass sie beide in höchster Gefahr waren. Alice drohte zumindest das Kahlscheren des Kopfes, die übliche Strafe für eine Frau in solcher Situation, neben der persönlichen Ächtung, die sie zusätzlich noch über sich ergehen lassen müsste. Fritz würde vielleicht von den Dorfbewohnern erschlagen, erschossen, erwürgt, erhängt oder was man sich für solch eine Situation da sonst noch alles würde ausdenken. Auf Deutschen, die sich eine Einheimische zur Geliebten nahmen, drohte der ganze Volkszorn niederzuprasseln. Er kam ein letztes Mal zu ihr, sie öffnete die Tür nur einen kleinen Spalt, sagte ihm, sie dürften sich nicht mehr sehen, auf keinen Fall. Ein allerletztes Treffen gab es noch, bei dem Fritz die Nacht bei ihr verbrachte. Er wurde, noch mitten in der Nacht, von Kumpanen aus ihrem Bett geholt, ein anderer wurde an seine Stelle gelegt, diesem hatte man einen Zettel mit seiner Adresse in die Hand gedrückt. Die Aktion geschah zum Schutz beider.
Alice wurde schwanger und war damit zusätzlich noch gefährdet. Sie brachte ihr Kind allein zur Welt, Fritz erfuhr davon nichts. Im Dorf hielt sich aber von Anfang an das Gerücht, dass Christian, 1948 geboren, das Kind eines Deutschen ist. Aber dieses Gerücht reichte aus, dass Christian zu Geburtstagen und zu Weihnachten nicht einmal von seinen Verwandten Geschenke bekam – er war der Bastard, den man in der Familie nicht anerkennen wollte. Als das Kind etwa zwei Jahre alt war, verließ Alice das Dorf und ließ sich in La Rochelle nieder, dort fühlte sie sich sicher, weil man sie dort nicht kannte und auch ihre Vorgeschichte nicht. Auch hoffte sie, dass Christian in einer anderen Stadt besser und sicherer aufwachsen konnte, sie zog ein Leben in der Anonymität einer Großstadt vor. In La Rochelle starb sie auch, im Alter von etwa fünfundfünfzig Jahren an Krebs. Ihr Grab bekam sie neben dem ihres Mannes in der Nähe von Vourey, dafür sorgte ihre Familie noch. Christians ältere Schwester, beim Tod der Mutter dreißig Jahre alt, wurde für ihn, der bei dem Tod der Mutter fünfzehn Jahre alt war, die Mutter, und sie blieb bis dahin seine einzige Familie.

24

Ich beging einen schweren Fehler, als ich vom Wohlstand ins Elend lief. Niemand sagte uns, wann wir entlassen werden, doch von einen Tag auf den anderen hieß es: Entlassung für Kategorie I: Das waren Ältere, die verheiratet waren und Kinder hatten. Ich als junger Mann ohne Familie wäre als letzter an der Reihe gewesen: Kategorie X. Das würde mindestens zwei weitere Jahre dauern, bis ich an die Reihe käme und ich sagte mir: wenn ich jetzt, 1947, immer noch nicht wusste, wann ich nach Hause käme, haute ich einfach ab. Vielleicht braucht man für ein solches Vorhaben Kraft, die ich erst jetzt hatte, nach der Zeit guter Ernährung, zu der Zeit, als es mir eigentlich gut ging. Ungeduldig war ich geworden und wollte so schnell wie möglich nach Hause. Notwendige Zivilkleidung für solch eine Flucht besaß ich ja: ich hatte Knickerbocker aus Wollstoff, weiße Kniestrümpfe, braune Halbschuhe, eine warme Jacke, eine Baskenmütze. Es war Oktober 1947.
Eines Morgens war ich weg, einfach weg – alle sind morgens aufgestanden, und ich war nicht mehr da. Einen Kumpanen hatte ich zur Seite, der mit mir die Flucht wagen wollte - dann wären wir schon zu zweit gewesen, das Ganze würde so etwas leichter sein. Ein paar Tage vor der Flucht wurde dieser Kamerad in eine Prügelei verwickelt und daraufhin umgehend ins Lager zurück geschickt. Er fiel also als Fluchtpartner aus, alle Vorbereitungen musste ich nun allein treffen - ich packte ein paar Kleidungsstücke und etwas Verpflegung in einen kleinen Lederkoffer. Mein Bettnachbar im Lager besaß einen Wecker, und ich bat ihn, mich kurz vor drei zu wecken. Mitten in der Nacht kam dieser Kamerad zu mir, wir tranken noch ein Glas Wein zusammen. Ein paar Sachen von den Amerikanern, den dicken Wintermantel zum Beispiel, schenkte ich ihm, so etwas konnte und wollte ich nicht mit mir rumschleppen. Ich würde ihn ja auch nicht mehr brauchen, einen Wintermantel hatte ich zuhause. In Zivilkleidung ging es dann morgens um drei Uhr, als es noch dunkel war, los. Und mein Soldbuch hatte ich immer dabei, als Ausweis sozusagen.
Meine erste Etappe: Vouron. Alice, zu der Zeit noch die Geliebte von meinem Kameraden Fritz (aber zu der Zeit noch nicht wusste, dass sie schwanger war von ihm) besorgte mir das notwendige Geld für die Bahnfahrt. Ich hatte noch etwas Nussöl und sonstige Lebensmittel; für diese Sachen hatte mir Alice zusätzlich Geld gegeben. Ich brach auf – zwei Stunden Fußmarsch in der Morgendämmerung lagen vor mir. Eine Fahrkarte wollte ich erst einmal nur bis Lyon, etwa hundert Kilometer entfernt, lösen, die ersten hundert Kilometer auf meinem Heimweg. Auf dem Bahnhof fasste mir eine große schwere Hand auf die Schulter und fragte mich, ob ich eine Fahrkarte hätte – hatte ich. Dann also erst einmal nach Lyon, das waren ja eben schon mal hundert Kilometer näher an der Grenze. Von Lyon aus wollte ich dann weiter, Richtung Dijon und Nancy nach Metz – das wären insgesamt fast 700 Kilometer. Ich löste also eine Fahrkarte bis Metz, hatte einen längeren Aufenthalt in Nancy, etwa drei bis vier Stunden. Und ich wusste, dass in den Bahnhöfen öfter mal Kontrolleure auf Streife gingen, also hielt ich mich sicherheitshalber im Freien auf, es folgte eine kurze Bahnreise.
In Metz stieg ich aus. Die nächste Etappe führte mich nach Boursonville in Lothringen. Im Zugabteil kam ich mit einem älteren Pfarrer ins Gespräch; er begann eine Unterhaltung mit mir, und ich stellte mich als polnischer Gastarbeiter vor. „Sie sprechen aber schon ganz gut französisch.“ „Na ja, mit den Jahren lernt man das“, war meine Antwort. Und: ich will da und da hin. Wegen dieser Unterhaltung verpasste ich die Station, an der ich eigentlich hätte aussteigen müssen, ich fuhr also eine Station zu weit. „Ach, das macht nichts. Mit dem nächsten Zug, in einer Stunde, können Sie wieder die eine Station zurück fahren, ohne extra eine neue Fahrkarte zu lösen“, tröstete mich ein Schaffner. Aber ich wollte ja gar nicht zurück, sondern weiter.
Ich ging zu Fuß, am Straßenrand entlang. In dem nächsten Dorf wollte ich fragen, wo ich mich befand – trotz Landkarte hatte ich nicht die geringste Ahnung, wo ich war. Eine Frau fing just zu der Zeit ihr Schwein auf der Straße ein, und ich sprach sie an. Wie denn das Dorf hier heiße; weil ich kein Schild sah, fragte ich, auf französisch natürlich. „Entschuldigen Sie, wir sprechen hier nur deutsch.“ Ich sagte nur, hoch erfreut, dass ich auch deutsch könne. Ob ich ein Gefangener sei, fragte sie mich, hier würden viele Gefangene herumlaufen, das wäre hier schließlich Grenzgebiet. Und dementsprechend wäre die Gegend wohl auch bewacht. Viele Gefangene würden jetzt schon versuchen, über die Grenze nach Deutschland zu kommen. „Ich würde Ihnen raten, erst einmal zu mir nach Hause zu kommen.“ Sie bot mir Kaffee und Kuchen - richtigen Blechkuchen, wie ich ihn von zuhause kannte - an. Ich wollte noch von meinen Vorräten essen, von dem Brot und den Nüssen, aber die sollte ich behalten, weil ich sie sicher später noch brauchen würde. Sie sagte noch: „Schade, dass mein Sohn nicht da ist.“ Dieser war, wie sie mir erzählte, als deutscher Soldat in russischer Gefangenenschaft geraten und als die deutschen Gefangenen von den Russen nach Hause geschickt wurden, hatte er sich unter die Gefangenen geschmuggelt, als Franzose, und ist dadurch früher, weil schneller, nach Hause gekommen. Der würde hier Schleichwege über die grüne Grenze kennen. Die Bäuerin erwartete noch Besuch und war deshalb etwas ungeduldig und auch etwas ängstlich. „Wenn Sie jetzt Besuch erwarten, werde ich einfach los gehen, ich komme allein schon klar.“ Es wurde langsam dunkel, im Wald wollte ich nicht herum irren, dort vermutete ich eher Streifen, also ging ich frohen Mutes auf einer Landstraße – und lief direkt einem Posten in die Arme. Weglaufen war nicht möglich, er hätte geschossen. Hätte ich mich in dem letzten Dorf versteckt und gewartet … hätte, aber ich dachte, dass ich das bisschen schon schaffen werde. Ich wurde von Kopf bis Fuß durchsucht – man entdeckte mein Soldbuch, und das war’s dann. Meine Flucht – oder vielmehr mein Fluchtversuch – war hiermit beendet. Wirklich weit bin ich nicht gekommen, aber ich hatte ein bisschen Freiheit geschnuppert – und wollte mehr davon. Der französische Offizier, der mich verhörte, sagte zu mir: „Sie sehen in dieser Kleidung aus wie ein Franzose, sei sprechen ganz gut französisch – Sie hätten bei Tage auf der Landstraße gehen sollen, wenn es nicht aufgefallen wäre, nicht nachts.“ So viele gut gemeinte Ratschläge, aber zu spät für mich, sie umzusetzen. Das alles hätte er mir vorher raten sollen, nach der Gefangennahme musste er mich den weiteren Verantwortlichen ausliefern. Und er wusste, was das für mich nun bedeuten würde, ich hatte es mir wohl selbst zuzuschreiben.
Man brachte mich fürs erste in eine Kaserne nach Metz, als Gefangener natürlich. Ich musste vier Wochen in den ‘Bau’, was härteste Einzelhaft bei Wasser und Brot bedeutete. Wenn ich doch nur mit einigen Kumpanen zusammen losgezogen wäre, wäre alles anders verlaufen, besser, weil sicherer, allein war es doch mehr als leichtsinnig. In Metz fing alles wieder von vorn an: mit Essenrationen, mit Hungern, mit dem Nie-richtig-satt-werden. Ja, der Hunger. Ich wünschte mir einmal wieder nichts mehr als mich richtig satt essen zu können, wieder einmal. Zurück im normalen Lagerleben, richtete ich mich wieder ein im Kriegsgefangenenalltag. Eines Tages bekam einer der Kameraden ein Päckchen von zu Hause, ein Stück Wurst war dabei. Nun lief im Lager eine Katze herum, die es sich vorgenommen hatte, die Wurst zu fressen, und sie fraß sie auch. Der Mann drehte ganz einfach durch, erschlug die Katze mit einer Müllschippe und schrie dabei wie ein Wahnsinniger: warte, jetzt fress’ ich dich! Eine tote Katze, was nun? Eine Katze ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Kaninchen, sagte ich und half ihm dabei, das tote Tier abzuziehen. Die Katze sah dann wirklich nur noch aus wie ein Kaninchen und schmeckte nach den Kochkünsten des Gefangenenkochs auch fast genau so.

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Auf einmal, für uns alle überraschend, hieß es, wir würden wieder verladen und kämen zum Arbeitskommando; ungefähr nach sieben Wochen Aufenthalt in Metz. Jeder dort bekam eine Tagesration Verpflegung ausgehändigt, wir waren aber insgesamt vier Tage unterwegs. Es ging von Metz nach Mont-de-Marsan, und zwar im geschlossenen Güterwaggon. Wir wurden ins Lager nach Sore abkommandiert – für ein Sägewerk; es war inzwischen November 1947. Hier in Sore hieß es für uns: zwölf Stunden arbeiten, für zwölf Stunden ins Lager zurück, einen Liter Wassersuppe als ‘Verpflegung’, die abends noch einmal verdünnt wurde, mit einem halben Liter Wasser zusätzlich, und dazu gab es für jeden ein Stück trockenes Brot. Was für eine Verpflegung für zwölf Stunden Arbeit, harte körperliche Arbeit! Und ich machte mir Vorwürfe: was hast du bloß gemacht! Beim Bauern täglich der gut und reichlich gedeckte Tisch vor dir und hier hatten wir wieder nur Kohldampf geschoben. Aber ich war wohl mit der Zeit übermütig geworden, ich wollte noch freier sein! Ich wollte nach Hause! Dabei wurde in der Zeit, in der ich beim Bauern war, unter uns Kriegsgefangenen bereits um Zivilarbeiter geworben. Ich hätte nur eine Unterschrift leisten müssen, hätte dann nach einem halben Jahr in Urlaub fahren können, hätte meinen Lohn bekommen, wäre sozialversichert gewesen. Ich hätte dann, im Urlaub, bloß bis Berlin fahren müssen, schon wäre ich fast zu Hause gewesen – es waren ja dann nur noch zirka einhundert Kilometer. Ich aber war zu stolz. Die Franzosen haben mich gefangen genommen, ich will auch als Gefangener entlassen werden, nicht beim Franzosen Dienste leisten! Außerdem war ich inzwischen einundzwanzig und auch etwas anspruchsvoller, selbstbewusster. Geworben wurde auch um Legionäre, aber da wäre ich wohl in Indochina gelandet. Und als Legionär hätten sie dich überall aufgespürt, an Flucht wäre dann überhaupt nicht zu denken gewesen. Aber an ein Leben voller Abenteuer und Gefahren, deren aber wohl zuviel für mich. Ich wollte zurück in mein Heimatdorf.

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Mein neuer Arbeitseinsatz war nun in Mont-de-Marsan – hier bekam ich abermals eine Nummer als deutscher Kriegsgefangener in Frankreich zugeteilt. Container mit Apfelsinen für die Bürger Frankreichs waren eingetroffen – die erste Arbeit, für die man uns einsetzen wollte, war das Ausladen dieser Container. Apfelsinen, so weit man sehen konnte. Große, saftige Apfelsinen aus Übersee. Bei uns zuhause waren nur die kleinen, sauren, die kubanischen Früchte zu bekommen, und auch dies nur zu Weihnachten. Die Franzosen sollten die großen und süßen bekommen. Man gestand uns pro Mann fünf Stück zu, die wir nach getaner Arbeit mitnehmen könnten. Dem einen oder anderen war dies zu wenig – er bediente sich großzügig darüber hinaus. Meine Skihose – eine Hose, bei der die Hosenbeine an den Knöcheln mit einer Schnur zusammen gebunden waren – erlaubte ebenso eine Schummelei, einige Früchte konnte ich auf diese Art an den Kontrollen vorbei rausschmuggeln. Ein Kamerad kam auf die Idee, Apfelsinen unter seinem weiten Regenmantel zu verstecken, und zwar auf dem Rücken. So, dachte er, würde es am wenigsten auffallen. Das Ganze ging gut, sogar bis zu den Kontrollen – bis einer der Wachmänner ihm zum Abschied auf die Schulter beziehungsweise auf den Rücken klopfte, und zwar ungefähr mit den Worten: „Du bist in Ordnung, tu es correct.“ - Hierbei nun flog die Schummele auf. Die Apfelsinenschmuggelaktion ließ sich beim besten Willen nicht mehr verbergen. Nun hatte er nicht einmal die fünf Stück, die ihm sonst zugestanden hätten.
Direkt von diesem Lager aus kamen wir in das Sägewerk von Sore; ein Sägewerk, das die Deutschen ursprünglich betrieben hatten. Nur die besten Bretter kamen nach Deutschland, während des Krieges selbstverständlich, nun aber hatten die Franzosen das Sagen. Mit zwei Lkw wurden die Baumstämme ins Sägewerk transportiert, gesteuert wurden sie von Gefangenen. Dann hieß es hier nach zirka vier Wochen: die alten Köche (Kategorie I) werden entlassen, folglich wurde für die Küche Nachschub gesucht. Es wurde Zeit, dass diese Köche abgelöst wurden. Sie hatten sich von den Franzosen, den Wachleuten, zu oft ins Handwerk pfuschen lassen. Sieben Monate lang täglich nur Erbsensuppe, das hieß: eigentlich war es irgendwann nur noch eine Wassersuppe mit ein paar Erbsen als Einlage, denn die wenigen Knochen, die anfangs zum Kochen in die Suppe kamen, gaben bald nichts mehr her, weil sie immer und immer wieder mit gekocht wurden. Die Kartoffeln wurden nicht gewürfelt, sondern gerieben, damit die Suppe etwas sämig war. Keiner hatte sich beschwert über diesen gräulich aussehenden Brei. Später haben wir die Kartoffeln für die Suppe gewürfelt, das war ein ganz anderes Essen, ansehnlicher, appetitlicher – auch wenn es nur Erbsensuppe war. Und das Essen wurde auch nicht mehr in einem riesigen Kessel, der mit der Zeit Grünspan angesetzt hatte, zubereitet; wir benutzten zwei fast neue große Aluminiumtöpfe. Wir waren irgendwann auch nicht mehr siebzig Mann, sondern nur noch vierzig; viele wurden entlassen. Wir, die jüngeren, hatten die Küche übernommen. Neue Köche wurden gewählt: einer ist wirklich als Koch und Konditor durchgegangen, denn er sagte, er sei Koch und Konditor – obwohl er eigentlich Maurer war. Dies erfuhr ich, als ich ihn, lange nach Kriegsende, in seinem Heimatort in Westfalen besuchte. Ich hatte nur Namen und Ort von ihm und machte mich auf die Suche. In der westfälischen Kleinstadt fragte ich nach ihm, und erwähnte noch, dass er Konditor sei. „Konditor haben wir hier keinen mit dem Namen, aber einen Maurer.“ Albert, so hieß er, wurde also unser erster Koch. Dann wurde der zweite Koch gesucht und ich hatte eine Stimme mehr als der, der sich mit mir zusammen ebenfalls um diese ‘Stelle’ beworben hatte. Ich gab mich als Metzger aus, dafür musste ich dann einen Maulesel schlachten. Und ich dachte: das musst du jetzt machen, sonst sieht es nicht gut aus für dich! Damit hatte ich natürlich gewartet, bis alle zur Arbeit ins Sägewerk gegangen waren. Der erste Koch, ich als zweiter und ein Sanitäter und Friseur als dritter Koch, mussten ran. Dann gab es Frikadellen und sogar Sauerbraten zauberten wir – was für eine Gaumenfreude. Frühstück gab’s keins, mittags gab es Fleisch und abends für jeden ein Stück Brot, zweihundert Gramm, das auch auch gleich gegessen wurde, denn wir wollten keine Vorräte mehr anlegen, die verderben konnten.
Ich entdeckte einen Jutesack mit Bohnen, mit getrockneten weißen Bohnen. Da haben doch die Köche immer etwas als Reserve aufgehoben, obwohl das Essen schon immer sehr knapp berechnet war. Der Gedanke war vielleicht, dass, wenn es einmal nichts gab, eben doch etwas da war – das war aber grundsätzlich falsch; was wir zugeteilt bekamen, wurde gegessen, und wenn es nichts zu essen geben würde, würden wir nicht arbeiten, so einfach war das. Auf diese Art und Weise hatten wir uns durchgesetzt. Wir fanden also die Bohnen, etwas alt waren sie, sehr trocken, auch waren schon Maden drin. Ich sagte, wir müssten die nur lange genug einweichen, vielleicht kämen die Maden dann an die Oberfläche geschwommen und wir müssten sie nur noch abschöpfen. Ich sagte, nachdem ich die Bohnen etwa vierundzwanzig Stunden eingeweicht hatte: „Wir werden jetzt Bohnensuppe kochen, und wenn es langsam dunkel wird, aber noch so hell isst, dass kein Licht gemacht werden muss, werden wir die Glocke läuten und eine Sonderration Essen ausgeben, für jeden einen halben Liter Bohnensuppe extra. Der alte Wilhelm, immer zum Scherzen aufgelegt, kam nach dem Essen zu mir und fragte, ob ich denn noch etwas von der Suppe hätte. „Ja, sicher.“ Als ich fragte, wie es ihm denn geschmeckt hätte, antwortete er mit: „Die hat prima geschmeckt, nur ein paar Mücken waren drin, das war aber nicht weiter schlimm.“
Es war inzwischen Ende 1947 und es gab für mich immer noch keine Aussicht auf Entlassung. Trotzdem hielt mich die Hoffnung bei Kräften und ließ mich die Tage überstehen.

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Nicht alle nahmen ihre Situation hin, wie sie war; drei Gefangene planten von diesem Lager aus ihre Flucht und führten sie auch aus. Die anderen waren eingeweiht, anders wäre es nicht durchführbar gewesen. Beim morgendlichen Durchzählen fehlten eben drei. Eine umfangreiche Suchaktion wurde gestartet, sogar Spürhunde wurden eingesetzt, mit Scheinwerfern suchte man die gesamte Gegend ab, man fand aber niemanden – und brach die Suche, letztendlich erfolglos, ab. Und warum wurde niemand gefunden? Weil die drei so schlau waren, die erste Aufregung abzuwarten: sie versteckten sich in einem Verschlag über der Küchendecke, hinter Holzdielen. Wir arbeiteten fortwährend in der Küche, während die drei sich die ganze Zeit in ihrem Versteck über uns aufhielten – was nur wir, die zwei Köche, wussten. Als niemand mehr nach ihnen suchte und sie sich sicher fühlten, nach zwei oder drei Tagen, als man aufgab, sie irgendwann doch noch zu finden, kamen sie aus ihrem Versteck heraus und setzten in aller Ruhe ihre Flucht fort, ohne auch nur von irgend jemandem aufgehalten zu werden. Es blieb nur noch, ihnen viel Glück zu wünschen, denn schließlich hatte ich selbst – der eine oder andere vielleicht auch – einen Fluchtversuch hinter mir. Aber warum sollte es bei den dreien nicht klappen? Und es klappte ja auch, doch irgendwann bekam einer von meinen Kameraden Post von ihnen – ein unangenehmer Zwischenfall ließ sie die Flucht notgedrungen beenden. Einer von ihnen brach sich eine Hand und wurde dadurch gezwungen, sich zu ergeben, die beiden anderen wollten ihn nicht allein lassen und – alle drei stellten sich den Franzosen. Das war das letzte Mal, dass wir von ihnen gehört hatten.
Bei einem weiteren Abenteuer, den Speiseplan zu erweitern, diente die Küche als Versteck: Honig, der von Kumpanen angeschafft wurde. Eine Handvoll Gefangene aus unserem Lager stiegen des Nachts über einen Zaun, ausgestattet mit einem Messer sowie einer Wolldecke – so wollten sie mehrere gut gefüllte Honigwaben an sich bringen. Honig, der angeblich in einem nahe gelegenen Waldstück nur darauf wartete, entwendet zu werden. Es gelang soweit, dass sie das Diebesgut bis in die Küche schaffen konnten und hier wurde der Honig von zahlreichen fleißigen Händen aus den Waben in verschiedenste Gefäße umgefüllt: Gläser und Dosen, eben alles, was sich fand. Wilhelm konnte es nicht lassen und füllte sich ein Glas mit Honig extra ab – und steckte es in seine Jackentasche; dort, glaubte er, würde es nicht entdeckt werden. Der Honigdiebstahl selbst aber wurde entdeckt, Wachleute (es waren Marokkaner) kamen in Begleitung der örtlichen Polizei und durchsuchten die Lagerräume, auch die Kleidung der Gefangenen. Die großen Mengen Honig konnten sie nicht finden – wir hatten damit einen Vorrat unter den Holzdielen des Küchenfußbodens angelegt, unauffindbar für sie. Die einzelne Dose in Wilhelms Jackentasche konnten sie ebenfalls nicht finden – ich hatte sie zuvor in Sicherheit gebracht und zu den großen Vorräten gelegt. In der nächsten Zeit verirrten sich ab und zu ein paar Bienen in unserer Küche, aber sie zogen wieder ab, ohne uns länger zu belästigen oder uns gar gefährlich zu werden. Und niemand kam auch nur im Entferntesten auf den Gedanken, diese Bienen würden zu ihrem Honig wollen. Es wuchs Gras über die Geschichte – niemand suchte danach noch nach den Honigdieben.

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In meiner Zeit als Koch lieferte ich bei einem Bauern aus der Ortschaft Essenreste ab und brachte dafür einiges zurück ins Lager, Gewürze zum Beispiel, auch ab und zu ein paar Flaschen Wein. Außerdem hatte ich noch Schuhe, stabile und gute ‘Ami-Schuhe’ draussen verkaufen können und hatte auf einmal richtig Geld. Und ich schwor mir, nie mehr im Leben zu arbeiten, ich wollte nur noch handeln, denn dabei konnte man Geld verdienen, ohne sich abzurackern. Ich sagte also zu einem Offizier, dass es um die Essenreste doch schade wäre, wenn man sie verderben ließe;ein Bauer hätte sich extra zwei Schweine gekauft, um diese dann mit unseren Essenresten zu füttern. Ich bin so jeden Tag mit zwei gut gefüllten Eimern aus dem Lager herausgegangen, an den Kontrollen vorbei, ohne verdächtig aufzufallen. Unter den Essenresten verbarg ich die Sachen, die ich außerhalb des Lagers verkaufen wollte. Wir hatten einen sehr geschickten Kumpanen unter uns, der aus alten Sägeblättern zum Beispiel Messer gezaubert hatte, auch Tortenheber und sonst was – alles Dinge, die nach dem Krieg knapp und deshalb begehrt waren –, und ich verkaufte seine Produkte für ihn ‘draussen’. Man hat immer und immer wieder etwas versucht, um nach und nach besser zu leben, um den Alltag immer etwas erträglicher zu machen. In der Freizeit wurden wir ebenfalls immer einfallsreicher – Not macht erfinderisch, man wollte sich beschäftigen und man wollte Abwechslung.
Dem Lagerkommandanten gegenüber wurde der Wunsch geäußert, Fußballmannschaften zu gründen. Wir stellten in unserem Gefangenenlager eine Mannschaft zusammen, Lager aus der Nachbarschaft ebenfalls – wir organisierten auch, in unserer Freizeit, Fußballturniere – wobei Lager gegen Lager antrat, diese Mannschaften bestanden also nur aus deutschen Kriegsgefangenen. Gespielt wurde mit einem schweren Ball aus Leder, der schon eine Ewigkeit in Gebrauch war, aber irgendwann den Dienst verweigerte. Ich erinnere mich an eine Geschichte während eines dieser Spiele: wir spielten, bis aus dem Ball die Luft raus war – dann legte der Torwart den Ball vorsichtig in eine Ecke des Tornetzes; der Schiedsrichter gab dies als ‘Tor’. Das Geschrei war riesengroß, aber eine Schiedsrichterentscheidung war nun mal getroffen und war unumstößlich. Gelegentlich gab es nur noch ein Kopfschütteln – wie kann man einen Ball nur ins Tor legen und wie kann man für so etwas ‘Tor’ geben.

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Heiligabend 1947, zweieinhalb Jahre nach meiner Gefangennahme durch die Amerikaner. Von einem Offizier erfuhren wir, dass in der katholischen Kirche im Ort um Mitternacht eine Messe gehalten wurde, was für die, die sie besuchen wollten, etwa fünf Kilometer Fußmarsch durch die kalte Nacht bedeutete. Aber für uns bedeutete dieses ‘raus aus dem Lager’ erneut eine willkommene Abwechslung, auch wenn es noch so weit und noch so anstrengend war. In der Kirche hatte ein Mädchenchor gesungen, so etwas Schönes hatte keiner von uns je zuvor gehört. „Noël, Noël“, sangen sie. Nun so lange weg von zu Hause, und dann der erste Heiligabend in einer Kirche nach langer Zeit. Es war wunder, wunderschön. Ich dachte an die vielen Weihnachtsfeste im Dorf bei uns zuhause, der Gottesdienst in der kleinen evangelischen Dorfkirche und die –nicht gerade üppig gedeckten – Gabentische. Und ich dachte auch: ob ich Weihnachten noch einmal im Kreise meiner Lieben erleben werde? Ob die Gefangenschaft je enden wird, ob ich je nach Hause kommen würde? Zuerst jedenfalls musste ich noch eine Weile in Sore bleiben, notgedrungen. Das Fußballspielen gehörte hier jedenfalls zum Alltag, es gab immer eine Gelegenheit zum Spiel gegen eine andere Gefangenenmannschaft. Bei einem mehr als heftiger Zusammenstoß mit einem Kameraden während eines lebhaften Spiels verletzte ich mich dermaßen, dass ich einige Wochen im Lazarett zubringen musste. Und ich durfte mich auch schonen. Ich durfte mich ausruhen. Und bald, nachdem ich vollkommen genesen war, erhielt ich hier meine Entlassungspapiere. Jetzt hielt mich hier eigentlich nichts mehr fest – jetzt wollte ich endlich nach Hause.

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Es war Ende Juli 1948, als ich von diesem Lazarett aus – nach jetzt drei Jahren Gefangenschaft - weiter ins Quarantänelager nach Seltershof bei Jüterbog (südwestlich von Berlin, welches nach dem Krieg bekanntlich in der sowjetisch besetzten Zone lag) verschickt wurde. Hier ging es im Vergleich zu unseren Erfahrungen in den Gefangenenlagern fast zivil zu. Nur das Essen war hier in diesem Lager – unter russischer Verwaltung – wieder mehr als karg und dürftig. Und ganz nebenbei unternahmen die Russen den Versuch, uns umzuerziehen, uns den Kommunismus sowjetischer Prägung näher zu bringen und uns damit auf ein Leben nach diesem Lager vorzubereiten. Was bei mir erfolglos verlief – als sie drohten, mit der endgültigen Kollektivierung der Landwirtschaft in der damaligen DDR Ernst zu machen, flüchtete ich mit meiner jungen Familie über Berlin-Tempelhof in den Westen, und zwar zwei Wochen vor dem Bau der Mauer in Berlin. Was mich aber zu dieser Zeit interessierte, war ein Telefon.
Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte, aber ich schaffte es, zu Hause anzurufen. Das einzige Telefon in meinem Heimatdorf gab es auf der Poststation, meine jüngere Schwester Marianne kam ans Telefon – wäre meine Mutter statt dessen geholt worden, ich glaube, ich hätte kein Gespräch führen können. Sie hätte sicher ununterbrochen geweint – meine Familie hatte ja ewig nichts von mir gehört. Während diese Telefongespräches ließen sich die allergrößten Alltagsprobleme besprechen, nämlich dass wir Hunger hatten und dass wir gern Brot und ein Glas Leberwurst hätten - wenn es weiter nichts wäre, dass ließe sich doch machen. Meine Schwester benachrichtige die Familie meines Kameraden Fritz, den ich erst in diesem Lager kennen lernte, im Nachbardorf. Und deren Schwester Anna so wie auch die Verlobte eines anderen Kameraden aus dem Dorf kamen mit Fahrrädern, mit Körben beladen, die gut gefüllt waren mit den gewünschten Sachen. Wir bekamen also reichlich frisch gebackenes Roggenbrot und Wurst, dazu noch Flaschen mit Malzkaffee, und wir konnten uns satt essen und uns dabei noch über die Heimat austauschen; das Neueste erfuhren wir jetzt von denen, die uns das Essen brachten: meine Schwester Marianne und die Schwester meines Kameraden Fritz, Anna. Unsere Hausmannskost, wie hatte ich sie vermisst. Anna war eine hübsche junge Frau, in die ich mich auf den ersten Blick verliebte. Dieses Lager war nicht mehr ganz so streng bewacht wie ein Gefangenenlager der Amerikaner oder ein Lager bei den Franzosen; wir waren jetzt so gut wie entlassen, waren wieder zurück im zivilen Leben.
Im August 1948 konnte ich endgültig nach Hause zurück kehren. Ich wurde mit bunten Papiergirlanden über unserem Hoftor empfangen. Und ich freute mich darauf, Anna wieder zusehen. Das war nicht schwierig, denn sie wohnte ja im Nachbardorf und den Kontakt zu meinem Kameraden Fritz hielt ich aufrecht, wir besuchten einander, und ich hatte immer wieder Gelegenheit, seine Schwester zu treffen. Aus den gelegentlichen Besuchen wurden regelmäßige Verabredungen und daraus regelmäßige Besuche bei ihrer Familie. Der Wald, der zwischen unseren beiden Heimatdörfer lag, war der kürzeste Weg zueinander – mit dem Fahrrad eine Kleinigkeit, man war lange Wege gewohnt, auch wenn man nicht motorisiert war. Wir verlebten die nächsten Monate, indem wir am Wochenende zum Tanzen gingen – so zeigten wir uns auch in der Öffentlichkeit zusammen. Wir hatten auch keinen Grund, unsere Liebe füreinander geheim zu halten – ich hatte die Frau fürs Leben gefunden. Vielleicht wären wir uns, wäre nicht dieses Lager bei Jüterbog gewesen, nie begegnet, auch wenn unsere Dörfer sehr klein waren und auch nicht sehr weit voneinander entfernt waren – immerhin fast sieben Kilometer, was für eine Entfernung, waren wir doch zuvor tausend Kilometer von einander getrennt.
Ich wurde mit bunten Papiergirlanden über unserem Hoftor empfangen - ich war wieder zuhause.

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Eine gewisse Mitverantwortung trug ich als Deutscher, aber ich weiß nicht, ob ich – würde ich diese Zeit noch einmal erleben müssen – etwas anderes getan hätte - eine Uniform anzuziehen und eine Waffe in die Hand zu nehmen – eine Waffe, die einem ja eher in die Hand gedrückt wurde als dass man nach ihr verlangt hätte.
Ich überlebte diese Zeit. Und ich lebte mein Leben, eigentlich, wie es für mich vorgesehen war, indem ich den Hof von meinem Vater überschrieben bekam und verantwortlich war. Einige Modernisierungen waren angesagt, ein Trecker wurde angeschafft, aber im Großen und Ganzen änderte sich am Tagesablauf nicht viel, die Arbeit bestimmte das Leben.
Anna und ich heirateten 1951 und lebten auf dem Hof meiner Eltern, der mir 1959 von meinem Vater überschrieben wurde, bis zu unserer gemeinsamen Flucht in den Westen, Anfang August 1961. Wir waren bis zu ihrem Tod 1990 zusammen.
Bei aller Härte, die ich aushalten musste, hatte ich auch viel Menschlichkeit erfahren, erinnere ich mich auch heute noch gern an die Zeit im Nachbarland – und die Besuche in Frankreich, mit meiner Frau zusammen, erhielten die Freundschaft zwischen uns.
Christian lebte zu der Zeit mit seiner Familie noch immer in La Rochelle, wohin seine Mutter mit ihm, als er zwei Jahre alt war, gezogen war. Ende der 80er Jahren hatte ich ihn zuletzt besucht – er weinte, als ich ihm sagte, dass ich seine Mutter kannte; er war ja erst fünfzehn, als die starb. Auf dem Dachboden entdeckte Alices Tochter – Christian war zu der Zeit fast zwanzig – zufällig ein Foto von Fritz, auf der Rückseite stand nur der Name, Fritz M. Sie zeigte ihrem Bruder das Bild. „Das hier ist dein Vater.“ „Das kann nicht mein Vater sein, meine Mutter sagte mir immer, dass mein Vater tot sei.“ Sie erzählte ihm, dass in Vourey immer wieder ein deutscher Kriegsgefangener zu ihrer Mutter kam, auch über Nacht blieb – und dass die Ähnlichkeit doch groß wäre. Christian fuhr zur Deutschen Botschaft nach Paris und ließ nach seinem Vater in Deutschland suchen. Nach zwei Jahren wurde man fündig und man teilte ihm das Ergebnis mit – ein Staatsbediensteter kam mit der Nachricht persönlich zu ihm. „Du musst zu mir kommen, ich bin über Nacht Vater und auch gleich Großvater geworden.“ Das waren Fritzens Worte am Telefon, als er mich, nachdem er die Neuigkeit erfahren hatte, anrief. Für Christian waren Sohn und Tochter aus seiner Ehe in Deutschland, obwohl Halbbruder und Halbschwester, Bruder und Schwester. Man hatte regen Kontakt, wie innerhalb einer Familie, die immer schon zusammen war. Als Christians Frau ein Baby bekam, fuhr die Ehefrau von Fritz nach La Rochelle, um ihnen während dieser Zeit im Haushalt zu helfen. Und die gegenseitigen Besuche wurden fortgesetzt. „Das hier ist meine Familie, meine Eltern und meine Geschwister“, sagte Christian über die Familie seines Vaters. Zu seiner Familie in Vourey hatte er keinen Kontakt mehr, sie hatten ihn nicht akzeptieren wollen, auch später nicht, als er selbst Vater wurde.
Michel, der damals, als ich ihn in Frankreich kennen gelernt hatte, gerade mal dreizehn war, besuchte ich zusammen mit meiner Frau in Baden-Baden, Anfang der achtziger Jahre. Er war damals Offizier in der französischen Zone, wozu Baden-Baden ja gehörte. Wir klingelten an seiner Haustür – die Adresse hatte ich von seiner Mutter erfahren. Seine Frau öffnete uns und wusste natürlich nicht, wer wir sind. Ich zeigte ihr das Foto, auf dem ich und ihr Mann Michel mit der Ziehharmonika abgebildet sind. Da lief sie, vollkommen aufgeregt, ins Haus und kam genauso aufgeregt mit dem gleichen Bild zurück.
Pierre erinnerte sich, als ich ihn besuchte, genau daran, dass ich zum Spazieren gehen gern die schwarze Panzeruniform angezogen hatte: schwarze Hose, Fliegerstiefel, kurze Jacke, darunter einen Pullover. Das war damals, wie er noch wusste, meine ‘Ausgehuniform’, und selbst damit hätte ich, wie er mir später sagte, noch wie einer von ihnen ausgesehen. Wie ein Franzose unter Franzosen.

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Heidrun Schuppan

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